Foto von aufgeschlagenen Büchern

Warum dankbar sein?

Pfarrer Gregor Heidbrink (ev.-luth.)

04.10.2009 in der Dreifaltigkeitskirche in Finsterbergen und in der Immanuelkirche in Altenbergen

Erntedank 2009

„Nix gesagt ist genug gelobt“ mault der Schwabe und stochert in seinem Essen. Dass da jemand stundenlang in der Küche gestanden hat, dass da eingekauft und über dem Rezept gebrütet wurde – das ist ja wohl das mindeste, für eine hart arbeitende Persönlichkeit wie mich, der ich mich herablasse, mich mit ihnen an einen Tisch zu setzen. So könnte man diesen Satz verstehen: „Nix gesagt ist genug gelobt“. Habe ich denn keinen Rechtsanspruch mehr auf ein anständiges Essen?

Auch Kinder scheinen manchmal zu meinen, sie hätten einen Rechtsanspruch auf bestimmte Dinge... Geradezu klassisch ist die Szene an der Wursttheke: Nachdem die Mutter die Bestellung aufgegeben hat, reicht die Fleischerin dem kleinen Sohnemann noch eine Scheibe Fleischwurst. Das Kind beginnt glücklich, sich die Wurst in den Mund zu stopfen – aber die Mutter ruft: „Moment mal. Was sagt man? Was muss man sagen?“. Vor lauter Glück über die Wurst hört das Kind der Mutter erst gar nicht zu, und ringt sich dann ein leises: „Danke“ ab; oder die korrekte Antwort auf die Frage: „Danke, sagt man.“

Ich fürchte, wenn man will, dass die Kinder dankbar werden, kommt man nicht drum herum, selbst eine Haltung der Dankbarkeit vorleben, sonst wird es nichts...

Aber wie finden wir zu einer Haltung der Dankbarkeit? Und wofür überhaupt brauchen wir sie? Diesem Gedanken möchte ich einmal nachgehen.

Liebe Gemeinde, Ihnen wird auch schon die Fernsehserie „Die Simpsons“ begegnet sein, eine Zeichentrickserie. Obwohl die Serie nicht von Christen produziert wird, geht die Familie Simpson doch regelmäßig in die Kirche. Ich kenne keine andere Comicfigur, die überhaupt in die Kirche geht. Und die Simpsons kennen auch noch das Tischgebet, zumindest wenn es dramaturgisch wichtig ist. Eines Tages spricht Bart Simpson, der freche Junge, folgendes Gebet: „Lieber Gott, warum sollen wir dir danken? Wir haben alles selbst bezahlt!“ Hier ist es zugespitzt in einem Cartoon. Aber auf ähnliche Art und Weise denkt doch eine oder andere in diesen Tagen:

Der Bauer arbeitet – das ganze Jahr. Hat er nun nicht einen gewissen Anspruch darauf, dass er auch eine Ernte einfahren kann? Nix gesagt ist genug gelobt. Er hat schließlich selbst seinen Teil dazu beigetragen. Ein kecker Christ könnte dem Bauer erwidern: „Aber hör mal, wachsen lassen hast du es nicht. Wachsen lassen kannst du es nicht.“ Aber selbst das muss den Bauer nicht überzeugen. „Ja, wer hat es denn wachsen lassen?! Etwa dein Gott? Ob eine Pflanze wächst oder nicht, liegt doch in der Natur. Und ich bin der Experte für die Natur. Ich kenne das Klima, ich weiß, wie viel Wasser und Dünger ich bei welcher Temperatur auf das Feld aufbringen muss. Ich kann schon im April sagen, in welcher Augustwoche ich meine Erbsen vom Feld holen werde. Es ist ein natürlicher Vorgang, und ich bin niemandem zu Dank verpflichtet!“

Auch der Arzt arbeitet.

Aber machst du die Menschen wirklich gesund? Ist es nicht vielfach ein Rätsel, wieso die Medizin bei dem einen wirkt und bei dem anderen nicht, wieso die Wunde bei dem einen verheilt und sich beim nächsten entzündet?

Nein, der Arzt könnte auch sagen: „Ich bin Naturwissenschaftler. Der Fortschritt der Wissenschaft wird diese Fragen früher oder später lösen. Es ist alles ein natürlicher Prozess“.

Liebe Gemeinde,

Die Grundsatzfrage dahinter ist die: Wollen Sie ihr ganzes Leben nur als einen natürlichen Prozess betrachten – oder wollen Sie auch eine tiefere Dimension?

Es gibt mittlerweile sogar Wissenschaftler, die sagen Ihnen: „Auch das menschliche Bewusstsein ist nur ein chemischer Vorgang. Wenn im Gehirn bestimmte Areale aktiv sind, wenn bestimmte Hormone wirken, dann ist eben der eine verliebt und der andere hasst, der eine ist böse und der andere opfert sich auf...“

Wollen Sie sich selbst nur als einen natürlichen Vorgang begreifen? Dann bräuchten Sie sich tatsächlich bei niemandem bedanken. Wenn auch unser Bewusstsein nur ein naturwissenschaftlicher Vorgang ist, dann leben wir ja noch nicht mal selbst, dann lebt es; nicht ich als Person lebe, das Gehirn in meinem Kopf lebt, und meine Persönlichkeit ist lediglich eine Vorspiegelung dieses Gehirns.

Nun, die Naturwissenschaftler haben nicht unrecht, wenn sie hinter jeder unserer Wahrnehmungen auch einen Vorgang im Gehirn entdecken.

Aber entscheidend ist doch: Die naturwissenschaftliche Dimension reicht nicht aus, um den Reichtum unseres Lebens zu beschreiben! Was der Naturwissenschaftler sagt, beschreibt nur einen Teil der Wirklichkeit. Der Naturwissenschaftler sagt z.B.: Da brennt ein Feuer, weil Sauerstoff und Kohlenstoff miteinander reagieren. Das ist seine Ebene und vollkommen richtig beschrieben. Die tiefere Wahrheit liegt aber auf einer anderen Ebene: da brennt ein Feuer, weil wir uns daran wärmen wollen, weil wir ein Fest haben und feiern möchten. Darum haben wir es angezündet.

Wir können zu einer Frau sagen: dein Anblick löst chemische Reaktionen in meinem Gehirn aus – oder wir können sagen: ich bin verliebt in dich. Ich vermute, Ihnen gefällt es auch besser zu sagen: Liebe ist Liebe und keine chemischer Vorgang, Gemeinschaft ist Gemeinschaft, Treue ist Treue und Ehrlichkeit, Ehrlichkeit, Charakter, Charakter – aber wenn wir so sprechen, dann sagen wir eines immer mit: Es gibt noch andere Ebenen als bloß den natürlichen Vorgang. Die Naturwissenschaft macht andere Ebenen nicht überflüssig!

Liebe Gemeinde,

wenn es noch andere Dimensionen geben soll, als das, was Naturwissenschaftler uns erläutern, dann brauchen wir auch noch einen anderen Grund dafür als der Naturwissenschaftler geben kann. Wenn es noch andere Ebenen geben soll, dann brauchen diese Ebenen auch eine andere Erklärung. Jedenfalls keine naturwissenschaftliche.

Liebe Schwestern und Brüder,

das Erntedankfest gibt Euch den Schlüssel in die Hand für eine tiefere Ebene. Der Dank schließt dir eine Ebene auf, die tiefer ist als die Ebenen, auf denen man den Alltag regelt.

Jeder Mensch der Danke sagt, sagt damit eines mit: Ich hatte keinen Rechtsanspruch darauf: „Danke, dass Sie mir Gesundheit gewünscht haben – das hätten Sie nicht tun müssen...“ „Danke, dass Sie mich so freundlich bedient haben – sie hätten auch missmutig dasitzen können, wie die Kassiererin im Kondi“ Es gibt keinen Rechtsanspruch auf freundliche Bedienung. Danke, dass Sie mir mit dem Gepäck geholfen haben; danke für den Regenschirm; danke für den Kaffee; danke fürs Zuhören... Wenn wir Danke sagen, lag da kein Anspruch zugrunde. Oder wer hat schon mal einen Brief an seine Krankenkasse geschrieben und sich bedankt, dass die Arztrechnung bezahlt wurde?

Liebe Gemeinde, ich denke, es gibt einen tieferen Grund unseres Leben. Meine Erklärung ist, dass da Gott ist, der hinter allem steht, was wir auf dieser Erde erleben und von ihr erhalten. Vielleicht spielt der sich nicht so oft in den Vordergrund oder taucht selten auf den Ebenen des Alltags auf. Aber erst von ihm her bekommt alles seinen Sinn. Dass da Bewusstsein ist, und Treue und Hoffnung und Liebe. Natürlich, wir leben, weil wir funktionierende Körper haben. Aber noch viel mehr leben wir, weil Gott sich nach unserer Gesellschaft sehnt. Denn Dich und mich hat er geformt als seine Kinder.

Und: wir haben keinen Rechtsanspruch auf ihn. Er ist schließlich Gott und kann tun und lassen, was er will. Er versorgt uns gerne und ist für uns da, weil er uns liebt. Aber wir haben allen Grund zu danken, denn was wir von ihm bekommen, ist alles sein Geschenk. Wir haben allen Grund uns bewusst zu machen, dass wir aus seiner Zuwendung und Liebe leben. Und das macht der Dank. Wir leben nur in einem kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit, wenn wir uns der göttlichen Dimension berauben, die alles umfasst. Und wenn wir zu Essen haben, oder Gesund werden, wenn wir Arbeit finden – dann reicht es nicht aus zu sagen: der Naturwissenschaftler, der Soziologe, der Ökonome oder sonst ein Experte kann das auch erklären. Nix gesagt ist genug gelobt.

Ich befürchte, wenn wir vergessen dankbar zu sein, dann vergessen wir, die Tiefendimension, die unser Leben hat. Lassen Sie uns uns nicht in den flachen Gefilden augenscheinlicher Probleme und Erklärungen verlieren. Lassen Sie uns lieber nach der Wirklichkeit fragen, die wir nicht sehen können, die aber der Grund ist Hoffnung zu haben und froh zu leben. Dass wir geborgen und gehalten sind, dass wir gelassen leben und sogar sterben können – das ist ein Schatz, der sich uns erschließt, wenn wir lernen, Danke zu sagen.

…und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.


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