Predigt über 5. Mose 32,11
Pastor Achim Kunze
Bei einer ökumenischen Agapefeier auf dem 97. Dt. Katholikentag - Fronleichnam
Der mich trug auf Adlers Flügeln
– der mich hat geworfen in die Weite. (Huub Oosterhuis)
Der mich trug auf Adlers Flügeln – der mich hat geworfen in die Weite. (Huub Oosterhuis)
Welch ein Bild - voll Kraft - voll Vertrauen - voll Zukunft.
Und als ich kreischend fiel – mich aufgefangen mit den Schwingen. (Huub Oosterhuis)
Nicht ohne Angst mein Weg - nicht ohne tiefen Fall - nicht ohne Tränen und Geschrei und dennoch: Aufgefangen.
Wie im Netz unter dem Trapez. Wie im Luftkissen bei einem riskanten Stunt. Wie im Arm der Mutter beim ersten Besteigen des Klettergerüstes.
Aufgefangen mit den Schwingen.
Mitten im Fallen - Zuversicht: Es wird gut ausgehen. - Mitten im Sturz - Gewissheit: das ist nicht das Ende. - Mitten im Schlamassel – mitten im Unglück - das Wissen: Du bist bei mir.
Und wieder hoch mich warf – bis dass ich fliegen konnte aus eigner Kraft. (Huub Oosterhuis)
Wieder und wieder, üben, bis es klappt. - Wieder und wieder das Spiel mit den Kindern: Engelein flieg, bis sie selber laufen wollen. - Wieder und wieder auf zwei Beine gesetzt unsere Kinder – wie habe ich meine Frau bewundert mit ihrer Geduld wieder und wieder unseren Kindern das Laufen, das Sprechen, das eigene Denken zu lehren. Wieder und wieder bis sie es selber konnten.
Wieder und wieder hoch mich warf – bis dass ich fliegen konnte aus eigener Kraft
Welch ein Bild – von Gott. Welch eine Erfahrung mit Gott. Welch ein Vertrauen, dass ER mich trägt – wo ER mich doch zum Fallen brachte – mich hinausgeworfen in die Weite.
Der mich trug auf Adlers Flügeln.
Welch ein Bild – wie ein Siegel – wie ein Prägestempel. Auf unseren Münzen ist er zu sehen – der Adler. Umrahmt von den 12 Sternen der Europaflagge. Ob die Väter und Mütter unseres Landes bei der Auswahl dieses Wappentieres nur auf Tradition setzten, die aus der Zeit Karl des Großen stammt und im Mittelalter zum Symbol der Einheit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation wurde und so auch hier in St. Marien über dem Abendmahlstisch seinen Platz als Schlussstein bekam.
Nun wie gefragt - ob sie wohl nur das machtvolle Symbol im Auge hatten? Bestimmt auch diesen Bibelvers: Der mich trug auf Adlers Flügeln – als sie unser Land aus Ruinen auferstehen ließen. Jedenfalls ein machvolles, prägendes Bild. Zuerst auf der DM und der Flagge, heute noch auf den Münzen, die in unserem Land geprägt werden. (2 €-Münze in der Hand halten und zeigen)
Jedenfalls gab es die Hoffnung, dass dies Bild vom Adler trägt, wieder uns nach oben steigen lässt, uns fliegen lässt über die Trümmer der Geschichte hinweg zu dem „Land der Verheißung“(Zenetti), in dem Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, in dem die Parlamentarier unter dem Angesicht des Adlers für sozialen Frieden und Menschenrechte votieren. Ein Bild, das uns heraushebt nach dem Absturz in der Geschichte.
Aber trägt das Bild allein? Der Glaube an seine Macht - an seinen Stolz - an seine Majestät – an seine (die eigene) wirtschaftliche Macht … (Münze fallen lassen – warten bis das Klirren verklungen)
Es trägt nicht! Jedenfalls nicht den Glauben an das Geld - an die Macht - an die Nation …
Die Erbauer dieser Kirche kannten das Bild vom Adler auch, damals schon das Symbol der Einheit des Reiches, schwarz auf goldenen Grund. So fand der Adler Eingang in diese Kirche in einem Schlussstein direkt über unserem Abendmahlstisch. Dem Stein, der den Himmel über uns zusammenhält. Ich gehe davon aus, dass die Erbauer dieser Kirche ihre Bibel kannten und so die Insignien der Macht mit einem Bild für Gott und seiner Fürsorge klugerweise zusammen sahen, denn, wer gab wohl das Geld, bzw. gab die Erlaubnis für den Bau Geld zu nehmen/zu erheben.
Dieses wohl wissend, sahen sie mehr. Wir hier sehen mehr als nur das Zeichen der Macht.
Steht der Adler doch für Gott selbst, der seine Jungen aus dem Nest schupst, damit sie fliegen lernen. „Eine atemberaubende Geschichte. Der junge Adler kann nur fliegen lernen, wenn er aus dem Nest der Geborgenheit heraus muss und sich fallen lässt, sich los-lässt.“ (nach Pfarrer K. Breuning +, Kleine Kirche) Der mich trug auf Adlers Flügeln – welch ein Bild.
Das Abenteuer des Fliegens – es gilt genauso für den ersten „Alleingang“ des Kleinkindes, für das Lieben, für das Sterben. Das alles kann ich nur lernen, wenn ich die Sicherheit und Geborgenheit des Nestes hinter mir lasse– und gleichzeitig dieses Bild in mir trage. Ein ebenso schmerzlicher Prozess wie bei den jungen Adlern, und auch, wenn ich – wie sie – dazu allein gar nicht in der Lage.
Das Leben selbst zwingt mich in vergleichbare Situationen, die mich herausreißen aus der Geborgenheit des Nestes. Wie viele von uns werden herausgerissen aus ihrem gewohnten Bahnen – aus vertrauten Bindungen – und müssen für bestimmte Zeit – oder immer - lernen, ihre eigenen Flügel zu gebrauchen. Lasse ich mich darauf ein, oder kralle ich mich fest an dem, was ich kenne. Bloß keine Veränderung! Oder ich denke daran, wie mir geliebte Menschen entrissen werden. Und jedes Mal wird mir ein Stück Heimat und ein Stück Geborgenheit genommen. Auch wenn ich ihre Prägungen in mir trage – muss ich lernen ohne sie/ihn zu leben. Mein Leben neu anzunehmen.
Aber woher weiß ich denn, dass da einer ist, der mich trägt? Der seine Flügel gerade für mich ausbreitet? Mich auffängt, wenn ich falle?
Ich verlasse mich auf die Geschichten unserer Bibel. Sie erzählen immer wieder von diesem Gott, der seine Flügel ausspannt und uns hindurch trägt. Angefangen von Noah - dort ist es das Bild des Schiffes. Über Mose – „der aus dem Wasser gezogene“ - und wie Er mit ihm sein Volk durch die Wüste hindurch immer wieder losließ, damit es endlich selber fliege und wie er sie auf Adlers Flügeln getragen hat (EX 19,4). Sogar über die Wellen von Verfolgung und Vertreibung und Vernichtung und Tod hinweg.
Ich denke an die Menschen, die sich auf Jesus einlassen, trotz ihres Versagens. Gerade in ihrem Fallen erfahren sie, dass sie nicht an einem Felsen zerschellen, sondern aufgefangen und getragen sind.
Und wenn ich meine eigene Lebensgeschichte betrachte, dann kommt mir ähnliches in den Sinn. Wenn ich bereit bin mich loszulassen, nur dann kann ich erfahren, dass es einen gibt, der mich hält, der mich auffängt, wenn ich falle. Der mich trägt, wie der Adler unser Gewölbe stützt und hält und trägt. Ein wahrhaft tragendes Symbol. Gerade hier über unserem Abendmahlstisch, der heute die Elemente Brot und Wein trägt für ein gemeinsames Mahl .
Und wenn wir nicht beide loslassen das Nest unserer Feiern - werden wir nie gemeinsam fliegen. Bleiben flatternd – werden stürzen - müssen uns immer wieder auffangen lassen und werden immer wieder in die Weite geworfen. Welche Freiheit wird uns erwarten, wenn wir uns auf die Botschaft dieses Bildes verlassen.
Der mich trug auf Adlers Flügeln, der mich hat geworfen in die Weite und als ich kreischend fiel, mich aufgefangen mit den Schwingen und wieder hoch mich warf, bis dass ich fliegen konnte aus eigner Kraft. (Huub Oosterhuis)
Amen.
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