Predigt über Josua 5,13-15
Diakon Matthias Kerschbaum
Das Schwert
„Aah, Aah“, Simon erwacht aus seinem unruhigen Schlaf. Bei jeder Drehung spürt er noch die Schmerzen zwischen seinen Beinen. Es ist gerade mal eine Woche her als sich alle jungen Männer und männlichen Jungendliche versammeln sollten um das Alte abzulegen. Sie sollten alle äußerlich rein sein. Ihr Chef sagte: „Wir schneiden das Alte ab und zeigen damit, dass wir ganz mit Gott verbunden sind. Wir zeigen, dass Gott selber einen Bund mit uns hat. Wir bekennen damit, dass wir bereit sind für das Neue Land.“ Gerne wollte sich Simon dieser Zeremonie stellen. Gerne wollte er so einen Vertrag mit Gott schließen. Doch als er dann an der Reihe war, er seinen Unterleib entblößte und das Messer vor seinen Augen sah, wurde ihm doch mulmig. Jetzt noch kriecht ihm die Gänsehaut über den Rücken, wenn er daran denkt. Ja Simon erlebte, dass Gott ihnen geholfen hatte. Simon weiß auch, dass Gott ihnen immer helfen wird. Aber jetzt wo er so daliegt fragt er sich doch, warum diese schmerzhafte Beschneidung am Berg der Vorhäute so unbedingt notwendig war. Zum Glück schnipp schnapp gelang die Aktion ruck zuck. Ja klar, ihr Chef hatte den Auftrag von Gott erhalten. Und der Chef Josua hat schon oft erzählt wie ihm Gott geholfen hat. „Ist ja klar“, meinten die Älteren, deswegen heißt Josua übersetzt auch „Gott hilft“. Simon setzt sich im Bett auf. Aber jetzt, wo die Feuersäule und das tägliche Manna weggefallen sind, hilft uns da Gott tatsächlich noch? Natürlich war er dabei als das Volk den Jordan durchquerte. Er hat Gottes Nähe erlebt. Trotzdem legt Simon die Hände übereinander und betet. „Herr, Gott, ich will dir vertrauen. Aber wie soll es jetzt weitergehen. Ich bin so unsicher. Hilf mir.“
Die Zelthaut am Eingang wird aufgeschlagen.
Mutter Ruth ruft: „Simon, steh doch endlich auf und hol Wasser“. „Ja, ja, ich komme ja schon“, antwortet Simon. Immer noch ist er müde vom gestrigen Fest. Alle hatten sich versammelt und gefeiert. Irgendwie ist er selbst noch ganz verwirrt. Ein Highlight jagt das Nächste. Die Durchquerung des Jordans an der Bundeslade vorbei, die Beschneidung, der plötzliche Wegfall der Feuersäule und des Mannas und nun noch das große Erinnerungsfest des Auszugs aus Ägypten. Als er so Gedankenversunken zum Wasser geht, schlägt plötzlich eine Hand auf seine Schulter. Simon zuckt zusammen. Sein Freund Eliab steht hinter ihm und grinst ihn bis über beide Ohren an. „Na, alles klar in der Hose?“ „Geht so“, meint Simon und lässt sich von der guten Laune Eliabs anstecken. „Mensch, zum Glück haben wir einen so guten Leiter wie Josua, mit ihm verzichten wir doch locker auf das Manna und die Feuersäule.“ „Sag mal Eliab, spinnst du: Na klar ist Josua ein genialer Leiter, aber das Manna machte dich und mich satt und durch die Feuersäule wussten wir genau, wohin wir gehen sollten.
Wie geht es jetzt weiter?“ „Mach dir doch nicht ins Hemd“, meint Eliab. „Wir haben doch jetzt genug zu Essen und wir sind doch angekommen. Jetzt schmeißen wir hier noch alle raus, die unser Land bewohnen und Gott wird uns dabei helfen.“ Vor seinem geistigen Auge sieht sich Eliab mit einem in der Sonne blinkendem Schwert. Simon kratzt sich am Kopf, das tut er immer, wenn er nervös ist. „Eliab, du regst mich auf. Denk doch mal nach, wir kommen hier gerade an und du willst schon wieder weiter und irgendwelche Leute rausschmeißen. Und vor allem was ist mit den Leuten, die hier wohnen?“ Eliabs gute Laune schwenkt um, aufgeregt streicht er sich über die Nasenspitze. „Simon, wo ist dein Mut und dein Vertrauen auf unseren Gott? Unser Gott duldet es nicht, wenn Menschen andere Götter anbeten, Menschenopfer bringen und nur für sich selber leben. Ich freu mich, dass wir endlich ein Land zum Leben geschenkt bekommen. Gott will uns ein neues Land schenken. In diesem Land soll kein Platz mehr für Alles sein, was uns von ihm trennen könnte. Simon, hör mir zu und verdreh nicht die Augen. Ich freu mich, dass wir zu Gottes Volk gehören. Ja, ich bin sogar stolz darauf. Denk an deine Beschneidung. Dann fällt dir auch ein: Gott hilft seinem Volk.“ Simon runzelt die Stirn und zuckt mit den Schultern. Natürlich freut er sich auch über das Land. Aber, dass sie das Land erobern müssen macht ihn fertig. Offen würde er das nie zugeben, aber selbst mit dem Schwert zu kämpfen macht ihm Angst. Wie sollen sie es schaffen gegen die Völker mit den fremden Göttern zu bestehen? Simon weiß: Auf ihrer Wanderung durch die Wüste hat das Volk Israel nicht immer nach den Geboten seines Gottes gelebt. Oft hat das Volk sowie er selbst gelebt ohne nach Gott zu fragen. Simon atmet tief durch: Wird Gott mir beistehen? Hält Gott seine Versprechen?
Er nimmt sich vor, Josua, den Chef bei nächster Gelegenheit darauf anzusprechen.
Simon hat Eliab, der immer noch neben ihm steht, total vergessen. Schweigend gehen sie auseinander.
Zurück im Zelt erwartet Ruth ihren Sohn. Sie reibt genervt ihre Hände. „Wo bleibst du denn solange?“ Die Worte rauschen an Simon vorbei. Abwesend und mit glasigen Augen kämpft Simon mit seinen Gedanken. Was wird die Zukunft bringen, fragt er sich. Wie geht es weiter? Bisher lief alles so gewohnt ab. Keine großen Überraschungen. Und jetzt soll ein neues Leben beginnen. Natürlich freut er sich darauf. Aber wie wird das sein? Sein Entschluss steht. Josua, der sich mit Gott und seiner Hilfe auskennt, muss Rede und Antwort stehen. „Simon, Simon ... du bist ja total neben der Spur. Rede gefälligst mal mit mir.“ „Ah, Mutter“, Simon hat sie total vergessen. „Ja, Mutter, was ist denn schon wieder.“ Mutter Ruth, packt ihn am Ärmel: „Du hast heute noch einige Aufgaben, mein Freund“.
Der Tag verläuft wie gewohnt mit Ziegen melken, Zelteingang putzen und der Suche nach Honig. Endlich geschafft. Nix wie raus. Ohne jeden Gruß verlässt Simon das Zelt. Er will zu Josua . Kurz vor dem Nachbarzelt bleibt er stehen. Hoffentlich läuft ihm die hübsche Miriam aus dem Nachbarzelt nicht über den Weg. Grad nach der Beschneidungsaktion ist es ihm etwas peinlich den gleichaltrigen Mädchen zu begegnen. Erstaunlicherweise machen sich diese bisher gar nicht lustig. Irgendwie scheinen diese sogar stolz zu sein auf den Mut der jungen Männer. Etwas selbstbewusster läuft Simon weiter. Auf zu Josua.
Als er an Eliabs Zelt vorbeikommt, sieht er diesen vor dem Zelt seiner Familie Feuer machen. Noch bevor er grüßen kann, springt dieser auf und ruft: „Simon, Simon komm mal rüber ich muss dir was zeigen.“ Etwas ärgerlich über diese Störung geht Simon zu Eliab. In Gedanken nimmt er sich jedoch vor nur ganz kurz mit Eliab zu plaudern. Schon ist Eliab im Zelt verschwunden. Kurz darauf taucht er wieder auf. In den Händen hält er einen länglichen Gegenstand, der mit Stoff umhüllt ist. „Was hast du da?“, fragt Simon. Triumphierend wickelt Eliab das Stoffbündel auf. Simon erkennt sofort ein älteres Schwert. Schon hat Eliab das Schwert in der Hand und hebt es begeistert in die Luft. „Jetzt kann ich kämpfen! Ich habe ein Schwert!“, ruft er und tanzt um den Feuerplatz. Bei Simon tauchen direkt die Bilder seiner Beschneidung auf. Vor seinem inneren Auge sieht er das Messer Josuas, das aussah wie ein kleines Schwert. Kurz schmerzt es wieder mehr. Angewidert und irritiert dreht Simon ab und besinnt sich auf sein eigentliches Ziel: Josua.
Kaum ist Simon ein paar Schritte gegangen, rempelt ihn Eliab schon wieder von der Seite an.
„Was ist den los, Simon? Gefällt dir das Erbstück meines Vaters nicht? Bald wirst du auch ein Schwert tragen müssen.“ „Erst will ich mal mit Josua sprechen“, antwortet Simon und geht weiter. Eliab lässt sich aber nicht abschütteln und als wollte er Simon ärgern, schwingt er sein Schwert und kündigt an: „Da geh ich mit und zeig Josua schon mal mein Schwert. Ich zeig ihm, dass ich bereit bin.“ Simon kocht. Eliab, den Schwertschwinger, wollte er nun wirklich bei diesem ernstem Gespräch nicht dabei haben.
Ohne jedes weitere Wort gehen sie weiter. Simon fühlt sich unwohl. Er ist mit sich selbst unzufrieden. Auf der einen Seite weiß er, dass er zu Gottes Volk gehört und auf der anderen Seite hat er trotzdem Angst vor der Zukunft. Das passt für ihn nicht zusammen. Dafür schämt er sich.
Von weitem sehen sie Josuas Zelt. Sie sehen gerade noch wie er selbst sein Zelt verlässt. Schnurstracks und mit großen Schritten wendet er sich in Richtung Jericho. Eliab läuft schneller und überholt Simon. Dabei nuschelt er: „Wo will der denn so schnell hin?“
„Mach mal halblang Eliab, wir wollen Josua doch nicht überfallen. Wir gehen ihm einfach hinterher.“ Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Der Schweiß läuft bei Eliab und Simon gleichermaßen. „Vielleicht sucht er sich einen ruhigen Platz zum beten? Mutter Ruth hat gemeint, dass Josua sich öfter mal so ein ruhiges Plätzchen zum Beten sucht“, keucht Simon angestrengt. Trotz großer Schritte, bleibt die Distanz zwischen ihnen und Josua konstant.
Nach zwei Stunden Wanderung durch Hügel und kleine Wege haben Simon und Eliab Josua aus dem Blickfeld verloren. Etwas mutlos und unsicher lassen nun beide die Schultern hängen. „Sollen wir uns wirklich so aufdrängen“, flüstert der mittlerweile ermattete Eliab dem Simon zu.
Gerade als Simon antworten will, sehen beide zwei große Schatten, die hinter einem Hügel auftauchen. Beide bleiben wie angewurzelt stehen. Eliab fängt an zu zittern. Simon ist in die Hocke gegangen und verharrt wie versteinert. Den einen Schatten können sie als Josua erkennen. Das wäre ja ganz normal. Der zweite Schatten jedoch ist etwas größer und in seiner Hand sehen sie ein großes Schwert. Eliab lässt sein Schwert fallen. Sein Schwert wirkt im Vergleicht zum Schwert des Schattens wir ein lächerliches Spielzeug. Eliab schaut wie gebannt auf die Szenerie, unfähig zu jeder Bewegung. Alles schreit in ihm nach Weglaufen, Heimrennen und Verstecken. Simon selbst löst sich auf seiner Starre und greift abwesend nach dem Schwert. Gleichzeitig packt er Eliab am Arm, kann sich aber zu nichts weiter entschließen. Beide fühlen sich zurückversetzt in die Geschichten ihrer Kindheit von Engeln und Kämpfen in der Unsichtbaren Welt. Das muss ein Engel sein. Wie oft haben alle beide schon in ihrer Kindheit beides gebetet, einmal: „Bitte, bitte ich will mal einen Engel sehen!“ Und genauso oft: „Bitte, bitte, ich will nie einen Engel sehen.“ Wie gelähmt hören sie Josua laut und fest sprechen: „Gehörst du zu unseren Freunden oder zu unseren Feinden?“ Weiter unfähig zu jeder Handlung sind Eliab und Simon überrascht über den Mut des Josua. Simon schnauft: „Der spricht einfach frei und offen aus, was ihn bewegt“. Simon nimmt sich in Gedanken vor in Zukunft seine in Unsicherheiten öfter in Worte zu fassen, damit selbst aktiv zu sein und die Gespräche mit seiner Mutter oder mit Älteren zu lenken. Plötzlich erinnern sie sich beide an den Auftrag Gottes an Josua, dass dieser mutig sein solle. „Das ist wahrer Mut“, flüstert Eliab, der langsam wieder zu sich findet. Simon nimmt das nur am Rande war und wartet konzentriert auf die Antwort. Kurz vor seinem nächsten Augenblinzeln ergreift der zweite Schatten zum ersten Mal das Wort. „Nein, weder noch. Ich gehöre Niemanden. Ich bin jetzt hier. Josua, zu wem gehörst du? Ich bin der Fürst über das Heer des Herrn und bin jetzt gekommen.“ Simon und Eliab legen sich ganz automatisch auf den Boden. Erst als der Staub in ihre Nase kriecht, blicken sie sich verdattert in die Augen. Als sie auf die Schatten sehen, merken sie, wie auch Josua im Staub liegt. Jetzt steht nur noch der zweite Schatten. Neben ihnen raschelt es im Gebüsch. Ein Vogel fliegt über sie hinweg. Simon und Eliab sehen sich erschrocken an. Eliab räuspert sich und krächzt: „Josua betet einen Schatten an“. „Quatsch“, entfährt es Simon viel zu laut und leiser fährt er fort: „Josua würde nur Gott selbst anbeten. Das muss Gott sein, so wie er Mose mal im Dornbusch ersch....“ Eliab rammt Simon in die Seite und deutet auf die Schatten. Josua hatte den Kopf wieder erhoben und sprach schon weiter. Einiges hatten sie verpasst, aber sie bekamen sofort mit, dass es um den bevorstehenden Kampf um das versprochene Land ging. Eliab vom Gespräch über den Kampf fasziniert, erinnert sich an sein Schwert, löst es hektisch aus der Hand Simons und umschließt es fest mit seiner eigenen Hand. Simon bekommt dabei das Gefühl, dass Eliab nur noch auf den persönlichen Auftrag Gottes wartet, allein mit seinem Schwert Jericho zu erobern. Sicherheitshalber umgreift er die Schwerthand Eliabs, der das vor lauter Konzentration überhaupt nicht mitbekommt. Eliab wünscht sich, dass der zweite Schatten nun endlich das Schwert feierlich in die Hände Josuas gibt. In diesen Gedanken hinein tönt schneidend die Stimme des zweiten Schattens: „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Platz auf dem du stehst ist heilig.“ Simon löst erschrocken die eigene Hand von der Schwerthand Eliabs. „Das ist alles? Gott gibt das Schwert nicht aus der Hand?“, möchte Simon fragen. Schon sind seine Hände an seinen Schuhen. Plötzlich wird im klar, dass er sich mutig ganz in die Hände Gottes geben soll. Gott hat das Heft in der Hand. Gott hat das Leben in der Hand. Simons Augen glühen: „Ich kann mein Leben mutig in die Hände Gottes geben und er wird mir helfen. Ja, er hilft. Gott ist für mich. Gott hält mein Leben in der Hand. Gott hält seine Versprechen, trotz meiner Zweifel“. Gott will, dass sein Volk annimmt, was er ihnen geben will. Jetzt kann Simon auch mit dem Schwert umgehen. Gott hat das Schwert in der Hand. Gott hilft seinem Volk. Gott selber führt den Kampf gegen alles Böse. Gott siegt gegen alles, was uns den Raum zum Leben nehmen will. Dafür trägt Simon das Zeichen der Beschneidung, die Josua mit einem kleinen Schwert im Auftrag Gottes ausgeführt hatte. Damit war klar, warum die hübsche Miriam nebenan sich niemals lustig über seine Beschneidung gemacht hatte. Auch für Eliab hat Gott das Heft in der Hand.
Mittlerweile, die Nase fest in den Staub gedrückt, ist von Eliab heute keine Antwort mehr zu erwarten.
Amen.
Zurück zur Übersicht | Zum Seitenanfang

