Predigt über Philipper 3,12-14
Oberkirchenrat i.R. Gotthart Preiser
Gottesdienst für 156 jugendliche Radfahrer und Gemeinde anlässlich der achttägigen Deutschland-Sternfahrt
Nicht schlapp machen!
Liebe junge Radler, liebe Mitchristen, liebe Gemeinde,
bei mir ist es schon etliche Jahrzehnte her, dass ich nach dem Abitur mit meinem Bruder auf dem Fahrrad von hier in zweieinhalb Tagen an den Schliersee und in zwei weiteren an den Bodensee geradelt bin, Tagespensum bis 130 Kilometer. Unvergessen die Nacht von Oberammergau, wo wir heimlich in eine Feldscheune geklettert waren und das frische Heu uns so betäubt hat, dass wir den ganzen Tag wie benommen waren. Fahrradwege oder so raffinierte Gangschaltungen gab es nicht, und mein Sattel würde heute sicher in die Liste der amtlich anerkannten Folterwerkzeuge aufgenommen. Inzwischen wisst ihr es alle, dass die Waden nicht nur bei Michael Ballack ein Problem sind, sondern bei jedem Radfahrer.
Eines jedenfalls weiß ich auch nach langer Zeit noch genau: Wenn wir nicht ein festes Ziel gehabt hätten: „da müssen wir heute hin,“ hätten wir unterwegs an den langen Steigungen immer wieder schlapp gemacht.
Und das ist wohl ein gültiges Lebensprinzip: Du musst ein klares Ziel haben und darfst nicht schlapp machen.
Es gibt soviel Angefangenes, erst große Lust und dann hat man schlapp gemacht und abgebrochen. Die vielen angefangenen Klavier- und Geigen- und Posaunenstunden. Man könnte einen ganzen Musikladen mit den herumliegenden nicht benutzten Instrumenten aufmachen. Am Anfang die Begeisterung und irgendwann dann die Lust vorbei. Und die vielen angefangenen heißen Liebesbeziehungen und abgebrochenen Ehen. Es ist so leicht zu singen: „ein Stern, der deinen Namen trägt“, aber die Liebe durchzuhalten, ist viel schwerer.
Aber wenn unser Leben gelingen soll, dann müssen wir das Durchhalten trainieren, nicht nur auf der Radltour. Da gilt immer wieder, was Xavier Naidoo singt: „Dieser Weg wird kein leichter sein. Er ist steinig und schwer. Nicht mit vielem wirst du einig sein. Doch dieses Leben bietet so viel mehr.“ Ja, es bietet so viel mehr, wenn man durchhält.
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So hat auch der Apostel Paulus gedacht. Wir hören, was er in einem Brief an die Christen in Philippi schreibt:
„Eins ist mir klar, dass ich noch lange nicht am Ziel bin. Aber ich setze alles daran, dass Ziel zu erreichen. Wie gesagt, ich habe den Siegespreis noch nicht in der Hand. Aber eins kann ich sagen: Ich vergesse alles, was hinter mir liegt und schaue nur noch auf das Ziel vor mir. Mit aller Kraft eile ich darauf zu, um den Siegespreis zu gewinnen, das Leben in Gottes Herrlichkeit.“ (Phil. 3, 12, 13)
Man darf sein Leben nicht einfach so ablaufen lassen mit verschränkten Armen oder Händen in den Hosentaschen. Mal schauen, was kommt. Wir haben ja in Bayern so einen schönen Spruch: „Da machen wir erst mal gar nichts, und dann schauen wir einmal, und dann werden wir schon sehen.“ Das geht nicht immer gut, da kann es auch passieren, dass allerhand Unangenehmes schneller kommt, als man möchte. Das Leben läuft ja meist ziemlich konsequent ab.
Wenn einer nicht rechtzeitig aufsteht, verpasst er den Anschluss.
wenn der Autofahrer zuviel Alkohol trinkt, knallt er an den Baum,
Wenn einer zuviel isst und sich zu wenig bewegt, wird er übergewichtig,
Wenn einer geistige Nahrung aus den Parolen der Rechtsradikalen bezieht,
wird er eines Tages eine völlig verquere Lebenseinstellung haben.
Und wenn einer immer Streit sucht, wird er am Schluss ganz einsam sein.
Leben geht meist ziemlich konsequent auf dem Weg weiter, den es eingeschlagen hat. Zuletzt kommt jeder Mensch am Ende des Weges an, den er Schritt für Schritt gegangen ist. Die einzelnen großen oder kleinen Entscheidungen bestimmen die Richtung, in die der Weg führt.
Auch wir kommen mit unserem Leben dort an, wohin wir unterwegs sind.
Wissen wir schon, wohin das ist?
Der Schauspieler Heinz Schenk hat im Fernsehen erzählt, wie es ihm einmal auf der Bühne ergangen ist. Als der Vorhang aufging, ist bei ihm der Vorhang gefallen und er wusste gar nichts mehr. Völliges black out. Da ging er vor zum Souffleurkasten und die Souffleuse gab ihm das Stichwort. Aber es nützte nichts. Er kapierte nichts. Da wiederholte die Dame im Kasten etwas lauter den ersten Satz. Doch völlig verzweifelt raunte ihr der Schauspieler zu: „Keine Details, Gnädigste. Das Stück! Das Stück!“ - Da schaut man alt aus, wenn man auf der Bühne steht, aber gar nicht weiß, welches Stück man spielen soll.
Wie heißt eigentlich das Stück, das wir spielen? Welches ist der entscheidende Inhalt unseres Lebens, wenn man es auf den Punkt bringen möchte?
Manche, die heute schon älter sind, würden manches ganz gern noch einmal anders machen, als es in ihrem Leben gelaufen ist. Einer hat gesagt: Es ist schon seltsam, in der ersten Hälfte des Lebens ruinieren viele ihre Gesundheit, um zu Geld zu kommen, und in der zweiten Hälfte des Lebens geben sie dann dieses Geld aus, um die ruinierte Gesundheit zurück zu bekommen.
Man muss schon genau hinschauen, was das Leben einem bietet und was es taugt. Es gibt so viele scheinbar verlockende Angebote: Jetzt kaufen, nächstes Jahr bezahlen. Trinken soviel du willst, Telefonieren soviel du willst. „Komm, probier einmal: eine Tablette und Du entschwebst ins Wunderland des Glücks.“ „Sie haben gewonnen,“ sagt die freundliche Frau am Telefon. „Drücken Sie die Eins!“. Aber wenn man sie drückt, hat man nicht gewonnen, sondern verloren. Da muss man aufpassen, dass man nicht den Dummen macht.
Es ist schon schlimm, wieviele Jugendliche in die Schuldenfalle getappt sind, weil sie nicht bedacht haben, dass Klingeltöne Geld kosten. Dem Handy sieht man nicht an, dass es ein so großes Maul hat, mit dem es einen fressen will wie der Wolf Rotkäppchens Großmutter.
Nun gibt es in Deutschland ja imponierend viel das Streben, ein Ziel zu erreichen. Es werden ja immerzu die Siegertypen gesucht. Deutschland sucht den Superstar und „the next Topmodel“ und Musical-Stars und Popstars und Pokalsieger und Europameister und was noch alles kommt. Und da wollen hunderttausende das Ziel erreichen, strahlender Sieger oder Siegerin aus 300 000 sein. Ein Traum! Das Dumme ist eigentlich nur, dass dabei nur eines wirklich sicher ist, nämlich dass immerzu welche rausfliegen. Auch die ganz Guten sind am Schluss fast alle Pechvögel und in Tränen aufgelöst. Muss das eigentlich im ganzen Leben so sein, dass es einen raushaut?
Der eine hat jahrelang gebüffelt und dann schafft er das Abitur oder das Klassenziel nicht und ist draußen. Ein Vater hält nach vielen Jahren treuer Betriebszugehörigkeit die Kündigung in der Hand, weil der Betrieb Insolvenz anmelden musste. Eine Schülerin liest entgeistert die SMS: Ihr Freund will nichts mehr von ihr wissen. Und wenn man in der Fußballmannschaft noch so sehr trainiert hat, kann man trotzdem ganz schnell schon in der Vorrunde draußen sein. Ein Leben lang besteht die Gefahr, dass es einen aus der Kurve haut. Da wird aus dem fröhlichen Kinderspiel bitterer Ernst: Mene, mene muh – und raus bist du. Ziel verpasst.
Man muss aufpassen, dass das Leben wirklich gelingt.
Und da sagt nun Paulus: ich will, dass mein Leben gelingt und dabei habe ich noch ein ganz anderes Lebensziel. Eins, wo der Weg nicht vorher abbricht. Ich will mit Gott leben und auf ihn zugehen. Bei ihm fliege ich nicht raus. Und das macht mich glücklich.
Wir sollen ja glücklich sein. Deshalb gönnt uns Gott so viel Schönes und Gutes. Und nicht erst, wenn man alt ist. Wo dann die Oma schon glücklich ist, wenn sie ihre Brille so bald findet, dass sie noch weiß, warum sie sie aufsetzen wollte. Gott gönnt uns Glück, aber es muss ein echtes Glück sein.
Ich war einmal in St. Petersburg, dieser faszinierenden Stadt mit prächtigen Palästen und Kirchen. Überall wunderschöner Marmor und glänzendes Gold. Sehr vieles davon erbaut auf Anweisung von Katharina der Großen, dieser mächtigen Zarin, die sich alles leisten konnte, was sie wollte. Am Schluss ihres Lebens schrieb sie einen Brief: "Ich bin jetzt mit meinem ganzen Gold und meinen Katzen allein." Da war dann doch etwas schief gelaufen. Da hatte sie anscheinend etwas Entscheidendes übersehen, etwas Wichtiges vergessen, beim Glück etwas verwechselt. So soll unser Leben einmal nicht zu Ende gehen.
Gott gönnt uns viel Gutes und wahrscheinlich viel mehr als wir uns selber. Er will unser ewiges Glück bei ihm. Und das Glück, das er uns schenken will, ist nicht nur etwas im himmlischen Jenseits, sondern soll mitten im Leben geschehen, mitten im Lachen und Weinen, Lieben und Leiden. Das Glück im Wissen, ich bin in guter Hand.
Aber auch im Wissen, mir ist viel anvertraut. Es gibt soviel Gutes auf dieser Erde zu tun.
Man kann doch etwas tun, dass Kinder nicht hungern müssen, und dass Großeltern nicht denken müssen, sie seien nur noch im Wege und sollten am besten entsorgt werden. Man kann selber etwas tun, dass man miteinander ehrlich umgeht und nicht hinterrücks. Und dass man rücksichtsvoll umgeht mit anderen Menschen, die nicht so mithalten können. Und dass man sorgfältig umgeht mit dem, was Gott uns in der Schöpfung anvertraut hat, damit die nach uns auch noch etwas haben.
Aber da braucht es die Zielstrebigkeit auf ein gutes Lebensziel zu. Gott will mehr für uns, als wir selber schaffen können. Er will vollenden, was er einmal bei uns angefangen hat. Unser Leben soll nicht ein Fragment bleiben, irgendwann abgebrochen viel zu jung auf der Autobahn oder in hohem Alter mit Demenz-Umnachtung in einem Pflegeheim. Aber selbst wenn es so kommt, soll unser Leben trotzdem ein gelungenes Ganzes sein. Und das heißt konkret: Wir sollen einmal in der Gegenwart Gottes ankommen.
Das wär doch was, wenn wir einmal am Ende unseres Lebens vor unserem Schöpfer erscheinen würden und er würde dann zu uns sagen: „Na, da bist du ja. War doch ganz gut dein Leben, oder nicht? Hast ja doch noch die Kurve gekriegt.“ Und dann würden uns aber auch all unsere Fehler einfallen. Und Gott würde sagen: „Komm, vergiss es. Das hat Jesus schon für dich erledigt.“ Und dann würden wir beide lachen.
Das heutige Ziel habt ihr geschafft, Eltern und Erwachsene sind stolz auf euch. Jetzt bitten wir Gott um seine Gnade, dass er euch auch unbeschädigt nach Hause und dann ohne große Pannen durch eure Lebensjahre bis ans ewige Ziel geleitet. Amen.
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