Gedenkfeier der 5. Inf. u. Jägerdivision
Pfarrer i.R. Helmut Majer
Wenn es um das Schicksal von Menschen geht, wenn es um Tod und Leben geht, dann kommt die Frage nach Gott ins Spiel. Man kann ihr nicht ausweichen. Und sie ist oft quälend. Wo bist du, Gott? Bist du da oben im Himmel, weit über den Wolken? Bist du auch bei meinem Mann, bei meinem Jungen, am Lowat, am Illmensee, an der Redja? Oder sind sie allein? Und du bist weit fort, oben im Himmel.
Wer von uns kennt nicht diese Fragen?! Und die Sorge, die Angst, sie könnten verlassen sein, von Gott und der Welt verlassen. Nicht nur damals, auch jetzt, wenn wir an diesen und jenen Menschen denken, der uns am Herzen liegt, den wir lieben. Wo bist du, Gott?
Es ist lange her, vor fast 3000 Jahren. Wir sagen, die Menschen damals hätten recht primitive Vorstellungen von der Welt gehabt. Auch von Gott, so denken wir, hätten sie recht primitive Vorstellungen gehabt. Nun hat damals ein Mann etwas aufgeschrieben, eine Meditation, ein Gebet. Ich lese ein paar Sätze:
Herr, du erforschest mich und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
Du verstehest meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehest alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, Herr, nicht alles wissest.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Wo soll ich hingehen vor deinem Geist,
und wo soll ich hingehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da.
Bettete ich mir tief unter dem Erdboden,
siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken!
so muß die Nacht auch Licht um mich sein.
Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir.
Meine Lieben, können wir heute, wir Menschen mit unserem modernen Weltbild, können wir es heute besser sagen? Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Dieser Mann vor 3000 Jahren sagt dann: Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. Ja, auch wir können es nicht begreifen. Aber wir können damit leben - und sterben.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Wir dürfen gewiß sein,sie ruhen in Gott, unsere Kameraden im Sumpfwald-Friedhof in Bol-Gorby und in den Vogesen und in Polen und an allen Orten im weiten Osten. Es stand auf dem Grabkreuz meiner Großmutter: Hier ruht in Gott .. Das Kreuz ist nicht mehr da, und das Grab ist eingeebnet, wie die Gräber unserer Kameraden eingeebnet sind. Aber ist es nicht ein Trost, zu wissen, dass sie zu keiner Zeit, auch nicht im Augenblick ihres Todes, aus der Hand Gottes herausgefallen sind? Und ist es nicht ein Trost und eine Kraft, zu wissen, dass auch wir, hier und heute, mit all unseren Problemen und Nöten und Ängsten, nie aus der Hand Gottes herausfallen? Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Und nun ist etwas geschehen, das ebenso unbegreiflich groß ist wie das, wovon der 139. Psalm spricht: Der ewige Gott hat sich in unsere Menschenzeit und in unsere Menschenwelt hineingegeben. In wenigen Wochen werden wir wieder Weihnachten feiern. Haben wir noch ein Gespür dafür, dass die kleinen Patschhändchen des Kindes in der Krippe die durchbohrten Hände des Erlösers am Kreuz sind? Diese Hände, die wir so sinnfällig über uns ausgebreitet sehen, wenn wir in der Kirche sind, sie sind die Hand Gottes über uns, das Signum, das Zeichen der Erlösung und Versöhnung. In diesem Zeichen, meine Lieben steht die Hoffnung für die Welt, die Hoffnung auch für unser eigenes Leben.
In einer Stunde wie dieser empfinden wir ja doch nicht nur den Schmerz des Vermissens. Wir wissen auch um unser enges Verwobensein in Schicksal und Schuld, nicht nur in der Geschichte unseres Volkes, sondern gerade auch in Schicksal und Schuld unseres eigenen, persönlichen Lebens. Ist es nicht so: immer, wenn ein Mensch seine Augen zumacht, bleibt ein Rest? Eine Tür ist zugeschlagen. Man kann nicht mehr mit ihm reden. Man kann nichts mehr nachholen, was man versäumt hat. Man kann nichts mehr in Ordnung bringen. Es bleibt ein Rest. Und diesen Rest können wir nicht bewältigen, wie wir auch die vielen anderen Reste unseres Lebens nicht bewältigen können.
Gott allein kann es. Er kann lösen, er kann erlösen. Er hat das Zeichen der Erlösung, das Zeichen des Friedens gesetzt. Er hält seine gnädige Hand über uns, über der Welt. Nicht nur in den Kirchen wird uns das sinnfällig deutlich, wenn wir die Hände des Erlösers über uns ausgebreitet sehen. Auch an manchen Wegekreuzen, wo diese Hände über unseren Fluren ausgebreitet sind oder auf den hohen Bergen mit ihren Kreuzen auf dem Gipfel.
Wo ist Gott? Gott ist da! Ja, es gibt Augenblicke, wo er uns spürbar nahe ist. So sehr hat er sich hineingegeben in unsere Welt. Und das ist nun eine Sache, von der man nur mit innerem Erschauern reden kann. Meine Lieben, wir dürfen dieses Zeichen der Erlösung, dieses Zeichen des Friedens Gottes einem anderen Menschen ganz persönlich geben, ein Mensch einem Menschen, im Namen Gottes.
Es war auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung während des Krieges. Eines Tages kommt ein jüdischer Mitbürger zum Pfarrer. Sie kennen sich, sind befreundet. Sie haben ein langes, ernstes Gespräch. Dann sagt der Jude zum Pfarrer: Gehe bitte mit mir in deine Kirche und gib mir zum Abschied den Segen Aarons. Sie gehen miteinander hinüber in die Kirche. Der Pfarrer zieht seinen Talar an. Der Jude kniet nieder am Altar. Der Pfarrer legt ihm die Hände auf und spricht über ihm den Segen Aarons: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir, und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. - Noch ein langer, fester Händedruck und ein letzter Blick. Und ohne ein weiteres Wort geht der Jude hinaus. Wenige Tage später wird er abgeholt.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
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