Predigt über Jesaja 9,1-6
Dr. Jörg Möllmann
Christmette
Liebe Heiligabend-Gemeinde.
Mit ihrem Schicksal hadern sie, die Menschen in Dunkelland,
leiden an den Verhältnissen, an den Zuständen im Staat. Enttäuschung prägt ihre Gesichter, zerbrochen ist all ihr Lebensmut. Träume, kühne wie bescheidene, sind zerstoben;
getrogen hat die Hoffnung auf Glück und Wohlergehen. Und getrogene Hoffnung gebiert Hass, und Hass gebiert Gewalt, und Gewalt gebiert Gegengewalt. Sie erwarten nichts, die Menschen in Dunkelland, nicht einmal von der Zukunft. Abhanden gekommen ist ihnen alle Hoffnung
Da spricht einer ein Wort, ein Wort in die Finsternis, ein Wort gegen alles Dunkle, ein Gegenwort, ein Wort der Zuversicht, der Hoffnung.
Hören wir dieses Wort, ein Wort des Propheten Jesaja, wie es uns im Alten Testament überliefert ist.
1. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im Lande der Finsternis, leuchtet ein Licht hell auf.
2. Lauten Jubel weckst du und schenkst große Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist beim Teilen der Beute.
3. Denn wie am Tage des Sieges über Midian hast du zerbrochen des Volkes drückendes Joch,
das Zugholz auf seiner Schulter und den Stock seines Antreibers.
4. Denn jeder Soldatenstiefel, mit Gedröhn einherstampfend, jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt, ein Raub der Flammen.
5. Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Man nennt ihn Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
6. Groß wird seine Herrschaft sein und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, da er es festigt und stützt durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Das wird vollbringen der Eifer des Herrn Zebaoth.
So lautet Jesajas Wort an Israel, das leidet unter fremder, assyrischer Macht, geknechtet ist,
unterjocht, sich getreten fühlt von Soldatenstiefeln, dessen Blut klebt an fremden Soldatenmänteln; ein Volk, das im Finstern wandelt.
Nordvietnam, Land der Unterdrückung, Land der Finsternis.
Sudan, Land des Völkermords, Land der Schatten.
Irak, Land des Terrors, Land der Todesschatten.
Dunkelländer ohne Zahl auf dieser Erde.
Auch bei uns: Hoyerswerda, Halberstadt – Menschenverachtung,
die wir überwunden glaubten;
Berlin, Bremen, Duisburg –
Vernachlässigung, Misshandlung von Kindern,
unvorstellbar, erschütternd.
Dunkelland.
Land der Finsternis, Land der Gottesferne.
In das Dunkel ein Licht. Plötzlich, gleißend. Hell leuchtet es auf - ein zweiter Schöpfungsmorgen.
Ein Licht scheint auf, Gott ist gekommen. Ein Licht leuchtet über Bethlehem.
Gott ist gekommen. Nicht göttergleich, brausend vom Olymp.
Menschengleich, fast noch weniger.
Gott, der Mensch,
Jesus, das Kind.
Mit ihm kehrt die Hoffnung zurück, die verlorene, zurück in diese Welt.
Und sofort, damals, das Gedröhn der Stiefel, römischer Soldatenstiefel, besudelte Mäntel,
römische Soldatenmäntel, geschleift durch das Blut tausender unschuldiger Kinder.
Doch Jesus lebt, die Hoffnung überlebt.
Bald darauf wieder: das Gedröhn der Stiefel, Soldatenstiefel, besudelte Mäntel, Soldatenmäntel, bespritzt mit Blut, Blut von dem Mann am Kreuz, Jesu Blut,
Gottes eigenem Blut,
Doch drei Tage später:
Jesus lebt, die Hoffnung überlebt.
Und immer aufs neue, dröhnende Stiefel, blutbeschmierte Mäntel.
Aber dennoch: die Hoffnung lebt.
Gestern.
Und heute.
Auf ewig hat sie überlebt, die Hoffnung,
und wird weiter leben,
auch morgen und übermorgen.
Das ist die Frohe Botschaft,
seit Jahrhunderten hindurch weiter gegeben von Christen zu Christen,
aller Welt bekannt gemacht.
Sie hat, die Hoffnung, einen Namen –
Jesus Christus.
Ein Name, dennoch mehr, schier unerschöpflich:
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater und Ewig-Mutter,
Friede-Fürst.
In einem Namen zusammen - Jesus Christus.
Sie ist, die Hoffnung, sichtbar geworden.
Sie ist nicht länger Verheißung,
sie ist in die Welt gekommen.
Und darum: Nicht der verheißene Messias ist unsere Hoffnung.
Unsere Hoffnung ist der gekommene Christus.
Neues hat begonnen, umwälzend Neues.
Eine neue Form der Herrschaft ist aufgerichtet unter den Menschen.
Liebe herrscht.
Beendet ist die Fremdherrschaft.
Freiheit wird aus Knechtschaft,
Recht aus Unrecht, Freude aus Trauer.
"Gott hat sein Zelt aufgeschlagen unter den Menschen.
Und er wird mit ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein,
und Gott selbst ist bei ihnen und wird abtrocknen die Tränen in ihren Augen,
und Tod wird nicht mehr sein und auch kein Weinen, keine Trauer, keine Mühsal mehr:
denn die alte Zeit ist vergangen."
Vision der Offenbarung.
Vision seit fast 2000 Jahren.
Und die Realität?
Immer noch Dunkelland,
Dunkelländer ohne Zahl, weit über den Erdball verstreut.
Warum?
Weil Gott es so will?
Gewiss nicht.
Wir wollen nicht.
Wir wollen nicht umdenken.
Wir wollen nicht mitdenken.
Wir wollen nicht mithelfen.
Gott ist Mensch geworden, lebt im Menschen,
in uns.
Nicht göttergleich ist er geblieben, steuert nicht allmächtig,
einem Weltenlenker ähnlich, die irdischen Geschicke.
In den Schwachen ist Gott mächtig, in den Menschen. Mit und in uns Menschen, so handelt Gott.
Die Kraft unseres Gottes und der Einsatz von uns Menschen,
verzahnt miteinander,
daraus erwächst die neue Erde.
Aus Knechtschaft wird Freiheit - wenn wir dafür eintreten,
die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu beenden.
Aus Unrecht wird Recht - wenn wir dafür eintreten, dass im Leben der Menschen das Sein eindeutig Vorrang hat vor dem Haben.
Aus Trauer wird Freude - wenn wir dafür eintreten, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz, wo und wie wir nur können, konkret zu vermindern.
Gott mit uns - aber nicht, wie einst, auf dem Koppelschloss von Soldaten.
Gott mit uns - erst recht nicht, noch perfider, für Führer und Vaterland. Nein!
Gott mit uns - im Einsatz für Frieden, Recht und Gerechtigkeit.
Schreiten wir ein, wenn Ausländer angepöbelt, gar tätlich angegriffen werden. Schützen wir unsere Lieben nicht nur, auch den Nächsten, den Fremden.
Schauen wir nicht weg,
verschließen wir nicht unsere Ohren,
zucken wir nicht bloß mit den Schultern,
wenn Kinder in unserer Umgebung gefährdet scheinen,
wenn ältere Mitbürger plötzlich nicht mehr anzutreffen sind.
Sagen wir 'Nein' zu einer Politik, in der Eigennutz vor Gemeinwohl zu gehen scheint.
Rufen wir 'Halt", wenn Politiker,
wenn Manager sich bereichern, schamlos,
und eine Politik dulden,
unter der vollbeschäftigte Arbeitnehmer
und Arbeitnehmerinnen
nur mit staatlicher Unterstützung
genügend Geld zum Leben haben.
Überlegen wir, ob das die Zukunft sein kann,
wenn immer mehr Menschen
zwischen zwei oder drei Arbeitsstellen
hin und her hetzen müssen,
um leben zu können.
Überlegen wir,
ob das die Zukunft sein kann,
wenn Jugendlichen nach der Schule
Arbeitslosigkeit als Lebensperspektive
aufscheint.
Suchen wir bessere Lösungen, statt dass wir Deutsche, manch wirtschaftlichen Problemen zum Trotz im Wohlstand lebend,
denen die Tür zuschlagen, die täglich
ums nackte Überleben kämpfen.
Stehen wir auf, wenn gesucht werden Kämpfer Gottes auf Erden für Frieden, Recht und Gerechtigkeit.
Gott mit uns, Gott in uns. Gottes Kraft und unser Einsatz - so, nur so, entsteht die neue Erde.
Beweis, wo der Beweis bleibt? -
Wo ist der Gegenbeweis? -
Wo und wann haben denn, ohne Gott, Menschen die oft ersehnte, viel versprochene schöne neue Welt zustande gebracht?
Versuchen wir es! Mit Gott. Beweis oder nicht Beweis - wir können hoffen.
Die Hoffnung hat überlebt. Aber nicht fürs Jenseits, für hier und heute.
Wir können helfen, dass auch andere sie als tröstende Hoffnung erfahren.
Dank des Kindes, das heute Geburtstag hat, dank Jesus Christus.
Amen.
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