Predigt über Lukas 24,13ff.
Karin Kammann
Ostermontag
Ermutigung für Hasenfüsse
oder: wie Jesus geht und dennoch bleibt
Lukas 24,13 ff (Die Emmaus Jünger)
Liebe Gemeinde,
Heute feiern wir Ostern. Das ist das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Das ist der Feiertag, ohne den unser Glaube sinnlos, unsere Hoffnung nichtig und unser Lieben dem Tod preisgegeben wäre.
Ostern wollen wir feiern und können es doch nicht so recht. Zu große Vokabeln stellen sich uns in den Weg. "Auferstehung von den Toten" - was mag das sein? Was ist das anderes für uns als der große, schwere Stein vor dem Grab, den niemand von uns - selbst die Theologen nicht - wegrollen kann.
Ostern ist ein versperrtes und unanschauliches Fest geworden. Ein Fest, an dem wir nicht vorbeikommen und doch am liebsten Reißaus nehmen. Da nehmen wir Zuflucht zu unseren Hasenfüßen, werden reisewütig und kommen allenfalls im Verstehen noch an bei Meister Lampe. Da färben wir Eier schön von außen und können doch das Gelbe nicht mehr finden.
Ostern - ein Fest der Schönfärberei? Fast könnte man es meinen. Der Hase samt Füßen als neues Bild, das ein altes ablöst und beerbt. Denn schon immer tat man sich schwer mit Ostern. Brachte wenig in Erfahrung und auf den Nenner.
Und wo das geschah damals, schreckt es heute ab. Jesus, der Sieger, der große Triumphator, ein unwiderstehlicher Held. Wie hieß es noch in dem Lied, was wir vorhin gesungen haben? "...nun triumphieret Gottes Sohn, der aus dem Tod erstanden schon." Geheime Machtphantasien schleichen sich da ein, färben Jesus schön nach unseren Wünschen. Unser heutiger Predigttext ist da anders beschaffen. Nimmt uns Hasenfüße in den Blick. Unser Text ist ehrlicher und näher an der Wirklichkeit, weil er schon mit uns auf dem Weg ist, lange bevor wir Reißaus nehmen können.
Die Emmausjünger
Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.
Liebe Gemeinde -
Die Emmaus Geschichte handelt zwischen den Zeiten. Sie ist daher eine bewegliche und uns bewegende Geschichte. Eine Auferstehungserzählung, die nichts unversucht lässt, uns Reisewütigen nahe zu kommen.
Eine eigenartige Atmosphäre kennzeichnet sie: Zwei Menschen gehen nach Jesu Kreuzigung enttäuscht nach Hause zurück. Dieser Weg ist beschwerlich und nicht so einfach hinter sich zu bringen. Denn wie soll man nach hinten bringen, was man für die Zukunft erhofft hatte? Schritt für Schritt beschwerliche Arbeit.
Jesus ist nicht mehr da. Nun muss man Abschied nehmen von der Hoffnung. Den Weg zurück wählen. Und da "erzählten sie von all den Geschichten auf dem Wege".
So gehen beide und bleiben im Gespräch, halten noch einmal fest und zusammen, was für sie Hoffnung war. Ein Rück-Weg ist es und ein Trauerspiel dazu. Denn nun ermangeln sie Jesu Nähe, werden Mangelbehaftet. Vertreten sich die Beine und ihre Trauer gleich mit dazu.
Und Jesus
- naht sich ihnen.
Unerkannt und ohne großes Wiedersehen schenkt er neue Gegenwart, gerade da, wo der Abschied und die Trauer groß wird. Misst die Länge ihrer Schritte als Maß der Trauer - geht mit und spürt mit, begleitet lange bevor er erkannt werden kann.
Das ist das Schöne und Schönmachende an dieser Geschichte: Dass Jesus nicht plötzlich da ist und verschwindet, sondern Zeit hat, Zeit hat mitzugehen, Zeit hat menschlich zu sein unter Menschen. Wirklich da zu sein und anzukommen.
Die Trauer der beiden bleibt dabei echt und ungerührt. Darf sein in Jesu Nähe. Ja vielmehr, sie wird berührt und damit erst richtig offenbar. Offenbare Trauer ist selber ein Weg. Jesus fragt sie daher und unterbricht damit ihren Weg. "Da bleiben beide traurig stehen." Stehen bleiben auf dem Trauerweg - das ist nicht so einfach, wie es klingen mag. Denn da kommt wirklich heraus, was heraus kommen muss. Was die beiden hinter sich bringen wollen, wird auf einmal nach vorne gekehrt. Was vergehen und vergangen sein soll, wird wieder lebendig.
Berührt von Jesu Nähe, ändert sich die Atmosphäre.
Lebendigkeit greift Raum inmitten der Trauer. Und der eine, Kleopas mit Namen, kann nicht aufhören zu reden - überschlägt sich mit Worten in seiner Hoffnung. Da findet er das Verlorene wieder und Sprache und Leidenschaft dazu.
Das Verlorene kehrt zurück, der Glanz in die Augen. So als wäre es ein Moment im Märchen, wo die Zeit stehen bleiben mag. Für den einen Moment ist alles vergessen und alles wieder da. Der tot Geglaubte wieder mitten unter uns - ein erster Schritt von Auferstehung. Eine wieder belebte Hoffnung - was soll das nützen auf dem Trauerweg? Ich denke, es ist hier wichtig zu spüren, dass diese Hoffnung nicht eine beliebige ist. Sie wird von Jesu Gegenwart gehalten, aufgefangen und verstärkt. Nur in seiner verhüllten Gegenwart ist möglich, was sonst sinnlos erscheint. Nur hier kann das Verlorene geglückt wieder gefunden werden und wir Menschen gleich mit dazu. Eine geglückte Wiederholung nach vorne ist das, statt die traurig neurotische, die traurig ihre eigene Traurigkeit wiederholt.
Unzweifelhaft haben sich unsere beiden verändert? Da sind den Hasenfüßen die Trauerklöße im Hals verschwunden und wir sehen auf einmal wirklich Hoffende - inmitten des traurigen Verlustes.
Sie die weggehen wollten, bekommen alles zurück. Evangelische Hoffnung, Hoffnung die aus dem Evangelium wächst, will ja Grund und Boden finden, soll sie nicht traurig bleiben. Will eingepflanzt werden in Erfahrung, dass sie wachsen kann.
Und so muss Jesus die beiden hart angehen, reißt aus und pflanzt neu indem er sagt: "Ihr Toren, musste nicht Christus dies leiden?" Und nun wiederholt er sich selber, fängt an zu reden, von Mose und den Propheten, gibt den traurig Hoffenden den Boden, den sie brauchen. Pflanzt sie ein in Gottes Garten.
Gleich doppelt werden sie da wieder gefunden, finden sie doch ihre Hoffnung bestätigt in der Schrift und sich selber gleich mit dazu. Denn in der Schrift lesen heißt im Griechischen: "anagignosko". Zu deutsch: Sich-Wiedererkennen.
So wird die Heilige Schrift zu Gottes weit aufgeschlagenen Wiedersehensbuch, in welche wir alles Verlorene hinein tun können. Denn es ist ein Buch, das Gott und Mensch zusammenhält. Das menschliche Trauer mit der göttlichen Hoffnung verspricht. Das ist ja das unendlich Schöne an dieser Geschichte; dass der Auferstandene nicht wirklich weg ist und fremd wird, sondern neue Nähe gibt, menschlich bleibt und Zeit und Töne hat.
So und nicht anders muss er bleiben und festgehalten werden unter uns Menschen. So und nicht anders macht er sich lieb als der Auferstandene, pflanzt neue Hoffnung und neues Leben inmitten von Trauer und Tod.
Da hält Jesus zusammen, was uns immer auseinander fallen will: Gott dort und der Mensch hier, Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits, Leben und Tod. Da sollen dann Trauerwege unendlich lang werden, und wollen und wollen kein Ende finden.
Denn als die beiden ihr Dorf erreichen, ihr eigentliches Ziel, nötigen sie Jesus zu bleiben: "Bleibe bei uns Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt."
Bleiben soll der Fremde, der da mit ihnen geht. Bleiben soll der Auferstandene bei uns Menschen und nicht fortgehen. Bleiben soll der unbekannte Begleiter, damit die beiden auch wirklich bei sich bleiben können und nicht zurück fallen in Dunkel und Tod.
Und Jesus -
bleibt.
Hat auch hier mehr Zeit als genug und muss nicht voreilig Abschied nehmen. Dieser Trauerweg ist echt und eben kein Intermezzo, nur als Demonstration geeignet.
Und nun - nun wird Jesu Nähe ganz handgreiflich erfahrbar. Beim Essen, am gemeinsamen Tisch. "Es geschah, da er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen." Der Gast wird nun zum angenehmen Hausherrn und macht klar, was geschah und geschehe ist auf dem Wege.
Macht es klar, indem er gibt und austeilt. So handgreiflich sich selber gibt, wie er zuvor auch gegeben hat: den Trauernden Hoffnung, den Resignierenden Lebendigkeit und die geöffnete Schrift als Boden allen geglückten Lebens dazu.
Nun gibt er unzweifelhaft sich selber. Er gibt sich selber - zu erkennen. "Da wurden ihnen die Augen geöffnet und sie erkannten ihn." Und erst jetzt kann der, der sich selber gibt und gegeben hat, der sich selber so liebt macht in den Herzen der Menschen ---- der kann nun jetzt gehen.
Erst jetzt ist das möglich. Und Jesu Verschwinden hinterlässt keine neue Trauer, ist doch nun sein Weggang auch sein Bleiben. Niemand fällt da zurück in Dunkelheit und Tod. Niemand
Amen.
Zurück zur Übersicht | Zum Seitenanfang

