Predigt über Römer 5,1-2.5-8 und Lukas 19,1-10
Pastoralreferentin Gabriele Goy (kath.)
Predigteihe zu Paulus (Rechtfertigung)
Liebe Schwestern und Brüder,
im Augenblick macht der Fall der jungen Iranerin Ameneh Bahrami Schlagzeilen. Ein Mitstudent hatte ihr 2004 Säure ins Gesicht geschüttet, weil sie ihn nicht heiraten wollte. Der Anschlag nahm ihr das Augenlicht und entstellte sie. Nach dem 1300 Jahre alten Gesetz der Scharia – zu deutsch „Weg“ - , das seit 1982 im Iran wieder gilt, gibt es das sogenannte Qisas-Recht, das Vergeltungsprinzip. Danach darf dem Täter als Strafe dasselbe angetan werden wie dem Opfer. Das gilt aber nur für den Fall, dass das Opfer nicht das Blutgeld akzeptieren will, eine Art finanziellen Schadensersatz. Das iranische Gericht hat nun angeordnet, dass Amenehs Mutter dem Täter fünf Tropfen Säure in jedes Auge träufeln darf. Danach wird auch er blind sein.
Sicher geht es Ihnen wie mir. Mich befällt das nackte Grauen, wenn ich diese Geschichte höre. Ein archaisches Gesetz mitten im 21. Jahrhundert. Gerechtigkeit und Rechtfertigung – Begriffe, die sehr stark vom Wertesystem abhängen, in dem sie stehen.
Im Alten Testament galt das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, doch es ist ein weitverbreitetes Missverständnis zu glauben, bis zu Jesu Zeiten hätte die Vergeltung in der jüdischen Rechtsprechung einen festen Platz gehabt. Vielmehr forderte das sogenannte „Talionsgesetz“ mit dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, dass dem Geschädigten für sein verletztes oder zerstörtes Auge eine gleichwertige Wiedergutmachung geleistet werden muss.
Zum Glück leben wir in einer Demokratie, die eine faire Rechtsprechung ermöglicht. Die Menschenwürde und das Grundgesetz, in dem sie festgeschrieben ist, verbieten Formen der Justiz, wie sie in der Scharia möglich sind. Und doch: Sehen wir in die USA hinüber, wird schnell deutlich, dass in manchen Staaten auch ein christliches Wertesystem nicht davor schützt, die Todesstrafe in bestimmten Fällen für ein gerechtes Urteil zu halten.
Was sagt der Römerbrief zum Thema der Rechtfertigung und Gerechtigkeit?
Stellen wir seine Aussagen der menschlichen Rechtsprechung gegenüber, so ergibt sich folgendes:
Die Rechtsprechung der Menschen stellt fest, was war, urteilt und verurteilt. Das Machtwort der Justiz entscheidet über Strafe oder Freispruch, Freiheit oder Gefangenschaft. Es ist ein Machtwort, dem sorgfältige Abwägung und ein fairer Blick auf die Sachlage vorausgehen muss. Das Urteil, das schließlich ergeht, folgt dem Tun des Menschen, das vorausgeht.
Mit der Rechtsprechung Gottes sieht es anders aus. „Gerecht gemacht aus Glauben haben wir Frieden mit Gott“ schreibt Paulus. Gott stellt keinen gegebenen Tatbestand fest, sondern er stellt etwas her, das noch gar nie da war. Gottes Machtwort bewirkt alles neu: Wenn Gott spricht, dass Licht werde, dann wird Licht. Wenn Christus spricht „Sei rein!“, dann wird der Angesprochene rein. Wenn er zu einem Toten sagt „Steh auf!“, dann steht er auf. Genauso ist es auch mit Gottes Justiz. Gott spricht: Du bist gerecht. Also sind wir gerecht und gerechtfertigt. Nicht, weil er so viel Gerechtigkeit bei uns findet, sondern weil er sie hergestellt hat mit dem Machtwort seiner Liebe. Seine Gerechtigkeit ist personifiziert in Jesus Christus und der Liebe, mit der er auf die Menschen zugeht. Und es ist umgekehrt wie in der staatlichen Rechtsprechung: Gottes Rechtsprechung folgt nicht dem Tun das Menschen, sondern das Tun des Menschen folgt der Rechtfertigung durch Gott. Jesus geht zum Beispiel erst auf den Zöllner Zachäus zu, damit dieser die Gerechtigkeit Gottes erkennen kann und sich dann selber in diese Gerechtigkeit hineinstellt. Er macht wieder gut, was er vorher an anderen falsch gemacht hat (Lk 19, 1-10).
Durch Jesus, so schreibt Paulus, „haben wir Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.“ (V2) Diese Hoffnung, das macht Paulus deutlich, kommt aus der Liebe, die das Gesetz eben weit übersteigt: „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (V5) „Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“(V8)
Nur wer diese Liebe, die menschliche und die göttliche, die in Jesus Christus eine ist, an Leib und Leben spürt, der kann die Gerechtigkeit Gottes ergreifen und sich selber in sie hineinstellen. Mit allem, was er selber ist, was er denkt und was er tut. Dann kann ein neues Miteinander möglich werden. Dann könnte Versöhnung die Vergeltung in archaischen Rechtssystemen ablösen. Auch Ameneh Bahrami hat eingeräumt, dass sie den Weg der Versöhnung gehen könnte, wenn der Täter sein Unrecht einsehen würde und das zum Ausdruck bringen könnte. Auch die sachliche Fairness unserer demokratischen Rechtsprechung könnte dann manche immer noch himmelschreiende Ungerechtigkeit, z.B. im Bereich des Asylrechts, überwinden. Denn jedem von uns, ob Jurist oder nur mit Alltagssituationen beschäftigt, ginge es wie Martin Luther, der das Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit durch Gnade am eigenen Leib spüren durfte: „Mir fiel es wie Schuppen von den Augen und ich merkte, dass ich Gottes Gerechtigkeit ganz verkehrt aufgefasst habe. Gott übt nicht Gerechtigkeit, denn dann hätten wir nichts zu lachen, sondern er schenkt Gerechtigkeit, er überträgt seine Gerechtigkeit auf uns ... Da fühlte ich mich dann wie neu geboren, und es war mir, als hätte sich die Tür zum Paradies geöffnet.“
Die geöffnete Tür zum Paradies – das wünsche ich Ihnen allen und mir selber auch im Ergreifen der Liebe, die Gott uns schenkt.
Amen.
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