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Kurt Marti, Schweizer Pfarrer und Dichter, im Alter von 96 Jahren verstorben

14.02.2017

Am 11.02.2017 ist Kurt Marti, Schweizer Pfarrer und Dichter, im Alter von 96 Jahren verstorben.

Für sein Lebenswerk wurde Kurt Marti 2005 mit dem Ökumenischen Predigtpreis Bonn geehrt.

Um ihn zu würdigen, veröffentlichen wir im Folgenden den Text der Abschiedsvorlesung, die der derzeitige Jury-Vorsitzende, Prof. Schmidt-Rost, im vergangenen Sommer gehalten hat und die mit einer Hommage an Kurt Marti beginnt. Der Text ist gegenüber der Druckfassung, die inzwischen in der Zeitschrift Pastoraltheologie erschienen ist, geringfügig verändert.

 

Reinhard Schmidt-Rost

Evangelische Kasual-Pastoral [1]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, meine Damen und Herren,

Ich beginne nach der kunstvoll gereimten Einführung unseres Dekans, Prof. Rüterswörden, mit einem Gedicht von Kurt Marti, das so spitz wie bitter ist.

 

Trau“liturgie" [2]

Die Glocken dröhnen ihren vollsten Ton,
und Photographen stehen knipsend krumm.
Es braust der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn.
Ein Pfarrer kommt. Mit ihm das Christentum.

Im Dome knien die Damen schulternackt,
noch im Gebet kokett und photogen.
Indes, die Herren, konjunkturbefrackt,
diskret nach ihren Armbanduhren sehn.

Sanft wie im Kino surrt die Liturgie,
zum Fest von Kapital und Eleganz.
Nur einer flüstert leise: Blasphemie!
Der Herr. Allein. Ihn überhört man ganz.

(Kurt Marti, Trau“liturgie“)

Mit dieser süffisanten Satire geißelte der Berner Pfarrer und Poet Kurt Marti die christliche Kasualpraxis der späten 1950er Jahre; der Schüler von Karl Barth und Eduard Thurneysen stellte sich wie die Religiösen Sozialisten 50 Jahre zuvor den volkskirchlich-liberalen Individualisierungstendenzen entgegen.

Für seine zweifellos wortgewaltigen Sprachschöpfungen erhielt er übrigens 2005 den Bonner Ökumenischen Predigtpreis für sein Lebenswerk.

Ich nehme Martis Satire zum Ausgangspunkt meiner lectio ultima, in der ich Ihnen unter dem Titel „Evangelische Kasualpastoral“ einige Gedanken über Verachtung und Anerkennung und über Chancen und Grenzen christlicher Kasualpraxis im Wandel der Zeiten vortrage. Und dies auf dem Erfahrungshintergrund von neun Jahren Gemeindedienst als Pfarrer in der Württembergischen Diaspora, auf dem Land, nicht weit von Rottenburg, und in der Großstadt Stuttgart, und nach24 Jahren Praxis als Universitätsprediger in Kiel und Bonn mit einer reichhaltigen Kasualpraxis neben und als Teil der wissenschaftlichen Arbeit in zwei besonders eindrucksvollen Universitätskirchen, in Kiel und in der Bonner Schloßkirche.

Bevor ich einige historische Schlaglichter auf die Sachlage werfe, kurz zwei Begriffsbestimmungen:

Die Kasualien – von lat. Casus, der Fall – gelten heute als Feste, die an wichtigen Stationen des Lebens gefeiert werden. Die klassische kirchliche Trias: Taufe, Trauung, Beerdigung, wurde in Theorie und Praxis seit dem 18.Jh. durch die Konfirmation, das Schwellenritual der Pubertät, ergänzt. Die sozialwissenschaftliche Deutung dieser vier Kasualien als Passage-Riten[3] brachte seit den 1990er Jahren eine Fülle weiterer Passage-Riten hervor. Davon gleich mehr.

Zum Begriff Pastoral noch dies: Pastoral ist in der katholischen Praktischen Theologie auch heute noch der klassische Begriff für Seelsorge. Insofern ist diese Begriffswahl heute ein ökumenischer Gruß an die katholischen Kollegen, mit denen ich sehr intensiv zusammenarbeite, gerade auch im Blick auf die Kasualien, die beide Konfessionen im Deutschsprachigen Raum vor nahezu die gleichen Fragen stellen. Ich denke z.B. an eine ökumenische Tagung „Trauerrede in postmoderner Trauerkultur“[4], die Johann Pock hier in Bonn ausgerichtet hat.

Nun aber der Blick in die Geschichte:

Im 19. Jh., also in einer Zeit, da man die Kasualien noch Amtshandlungen nannte, genau 1835, schreibt der Kieler Propst Klaus Harms  in seiner Pastoraltheologie über die Amtshandlungen: „Was die priesterlichen Handlungen betrifft, meist erfordern die nur, dass man sich in eine priesterliche Stimmung setze, wozu das Gebet immer die besten Dienste thut.“[5]
An eine besondere Gestaltung der “priesterlichen Handlungen“ sollte man, so Harms, keinen Gedanken verschwenden, er empfahl den Vollzug der Handlung nach der Agende, ohne besondere dem Einzelfall zugewandte pastorale Produktivität.

Das war, wenn man kurz noch weiter zurückblickt, früher durchaus anders: Im 17. Jh. genoss z.B. die Leichenpredigt in lutherischen Kirchen in Deutschland hohes Ansehen. Sie sollte drei Stunden dauern, fiel sie wesentlich kürzer aus, galt der Pfarrer als faul. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass solche langen Leichenreden nur für angesehene Bürger gehalten wurden, so war die Predigt im 17. und frühen 18. Jh. zweifellos eine Form öffentlicher Unterhaltung.

Dass die Voraussetzungen für die Kasualien heute ganz andere sind, versteht sich von selbst. Zwei Entwicklungen aber müssen aus den vielen Veränderungen der Lebensverhältnisse ausdrücklich erwähnt werden:

Zunächst (1.) die Ablösung der Pfarrer als Standesbeamte durch die Einführung der Zivilehe 1874 und den Erlass des Reichsgesetzes über die Beurkundung des Personenstands und die Eheschließung vom 6. Februar 1875.                               In diesem Erlass wurde ab dem 1. Januar 1876 das bisherige kirchliche Monopol der Führung von Tauf-, Trau- und Totenbüchern aufgehoben und die staatliche Beurkundung von Geburt, Heirat und Tod verpflichtend. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es der Staat den Geistlichen beider Konfessionen überlassen, die Regelung und Dokumentation des Personenstandes der Bevölkerung durch die Führung der Kirchenbücher zu erledigen; als Folge des Kulturkampfes im Deutschen Reich übernahm der Staat dieses Monopol. Die Amtshandlungen wurden zu Kasualien und damit zu selbständigen, kirchlichen Feiern, unabhängig von staatlichen Gesetzen. Sie verloren ihre Bedeutung als bindend vorgeschriebene Rechtsakte, sie wurden zu Segenshandlungen umgedeutet, jedenfalls in der evangelischen Kirche, nach kanonischem Recht ist die kirchliche Trauung weiterhin ein Rechtsakt, also unter Zeugen zu vollziehen, und die Ehe ein Sakrament. In der evangelischen Kirche war die Ehe niemals ein Sakrament. 

Die Einführung der Zivilehe führte unvermeidlich zu der Frage, ob sich ein Ehepaar überhaupt noch kirchlich trauen lassen müsse und damit stand auch für die anderen beiden Amtshandlungen, Taufe und Bestattung die Frage im Raum, ob man sie wählen sollte – oder auch: sich überhaupt leisten könnte. Die kirchlichen Feiern wurden zum ersten Mal in der modernen Gesellschaft zu einem Gegenstand der Wahl, nicht mehr ausschließlich durch den Brauch geregelt.

(2.) Die zweite Entwicklung, die für die Einschätzung der heutigen Situation von Bedeutung ist, begann in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren, eine Hoch-Zeit der Familiengründung. Ulrike Wagner-Rau stellt in ihrer Kieler Habil-Schrift „Segensraum“ fest: „Die späten 50er und frühen 60er Jahre waren in der Bundesrepublik Deutschland die Hochzeit der traditionellen Elternfamilie. Über 90% der Frauen und Männer heirateten wenigstens einmal, und entsprechend lebten weit über 90% der Kinder unter sechs Jahren mit beiden Eltern zusammen in sogenannten vollständigen Familien. Derart hohe Zahlen waren in der Geschichte zuvor nie erreicht worden …“ [6] – und man kann ergänzen: Und wurden auch niemals wieder erreicht.

Aus jener Zeit stammt Kurt Martis satirisches Gedicht.  Die hohe Zahl kirchlicher Trauungen und der – zumal in Bern – damals beträchtliche Pfarrermangel –  ließ den kritischen Pfarrer und Dichter im Geist seines Lehrers Karl Barth nach dem christlichen Ernst dieser Festveranstaltungen fragen und über eine Entleerung der christlichen Botschaft bei Kasualien klagen.

Vermutlich sekundierte er mit diesem Gedicht seinem Kollegen und Eid-/Zeitgenossen, dem ein Jahr älteren Rudolf Bohren, wie Marti Schüler Karl Barths, der in seiner Schrift „Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit?“[7] vehement die Praxis, aber auch die Theorie der Amtshandlungen in deutschen evangelischen Kirchen als Götzendienst, als Baalisierung des Christentums kritisierte. Der Pfarrer, so Bohren, lasse sich zum Zeremonienmeister machen, zum Dienstleister der modernen Individuen … das Evangelium und mit ihm der reformatorische Gedanke des Priestertums aller Glaubenden gingen dabei zu Grunde, denn der amtshandelnde Pfarrer trete wie ein Priester vor die versammelte Gemeinde und rede ihr, wenn er überhaupt etwas eigenes sage und nicht nur den Ritus vollziehe, nach dem Munde. Sein Vorschlag: Die Kasualien sollten als schlichte Riten von Gemeindegliedern durchgeführt werden, Standesbeamten vergleichbar; man müsse sie für diese Aufgabe ausbilden, aber Theologen sollte man von diesen Diensten entlasten, damit sie sich der Verkündigung des Wortes Gottes widmen könnten und ihre Zeit nicht mit Banalitäten vergeudeten. Damit unterstellte Bohren, dass von christlicher Verkündigung bei Kasualien keine Rede sein könne.

Im Rheinischen Kindertaufstreit Ende der 1960er Jahre, der sich an die Auseinandersetzung über die Kindertaufe zwischen Karl Barth und Joachim Jeremias anschloss, breitete sich die Skepsis gegen die Kasualien zunächst weiter aus und erreichte einen dramatisch inszenierten Höhepunkt 1974 in dem Film „7 Tage“ von Rainer Erler. Dieser Film begleitet einen gestressten Pfarrer durch eine Arbeitswoche, einen Pfarrer, der meint, es allen Recht machen zu müssen, und sich als Opfer der Ansprüche seiner Gemeinde und der Gesellschaft insgesamt sieht.

Eine abschreckende Wirkung hatte dieser Film allerdings nicht, denn just im Herbst 1974 setzte der Zustrom von Theologiestudenten und nun auch -studentinnen an den deutschen Universitäten ein, der zunächst amtlich begrüßt, zum Alptraum von Kirchenleitungen wurde, inzwischen aber ist der Strom nur noch ein Rinnsal. 

Die Abneigung gegen die Kasualien schwächte sich in den 1970er Jahren schnell ab, zum einen durch den rasanten Rückgang der Zahl von Geburten und Eheschließungen in Deutschland, und erst recht durch den Absturz der Anzahl von Taufen und Trauungen, der Rückgang der Bestattungszahlen setzte erst später ein. (Geburten: 1,04 Mill. – 1965, 600000 – 1978, Taufen: von 700000 auf 470000, kirchliche Trauungen: ev. 210 000 – 1965 / unter 90000 – 1978), aber auch durch den allmählichen Anstieg der Anzahl von Pfarrerinnen und Pfarrern. Zum anderen durch eine zunehmende Distanzierung der Kirchenmitglieder von der Institution Kirche, zu der sich Kontakte praktisch nur noch über die Kasualien und den Weihnachtsgottesdiensten[8] ergaben.

Zum Dritten aber – und diese Entwicklung ist hier weiter zu beachten – traten sozialwissenschaftliche Deutungen der Kasualien in den Vordergrund, die die massive Verurteilung dieser Feiern als Götzendienst ablösten.

Als erste ist eine tiefenpsychologische Deutung zu nennen, die die Kasualien als Gelegenheit zu quasi-psychotherapeutischer Seelsorge auffasste:

Hans-Joachim Thilo, ein Theologe mit tiefenpsychologischer Ausbildung nach C. G. Jung, stellte in seinem Buch Beratende Seelsorge 1971[9] eine Interpretation der Kasualhandlungen vor, die die Vorbereitungsgespräche für Taufe, Trauung oder Bestattung auf die in ihnen sich manifestierenden psychodynamischen Prozesse hin analysierte. Diese Betrachtungsweise empfahl er den Pfarrer für das Seelsorgegespräch vor allem zu ihrer Selbstaufklärung, weniger zur therapeutischen Einwirkung auf die Gesprächspartner. Die Auswahl seiner Beispiele und deren Analyse sind allerdings so sehr von seinem Interesse an der psychischen Gesprächsdynamik und psychologischen Gesprächsmethodik bestimmt, dass die Frage nach der theologischen Deutung der Kasualien völlig in den Hintergrund trat – und so etwas wie ein Sog zur Therapie aufkam.

Der Anfang eines Traugesprächs mag dieses quasitherapeutische Verständnis der Kasualien illustrieren.  Ich habe drei studentische Mitarbeiter gebeten, Ihnen den Anfang eines Traugesprächs, das Thilo protokolliert, vorzuspielen:

„Herr X: Entschuldigen Sie bitte, Herr Pastor, dass meine Mutter angerufen hat. Wir hatten das gar nicht verabredet, aber es ist schon richtig, denn ich bin in der letzten Zeit nicht viel zu Haus gewesen, und so war es mir ganz lieb, daß meine Mutter den Termin mit Ihnen verabredet hat.

Frl.Y: Davon weiß ich ja gar nichts. Ich dachte, das hättest du verabredet. Aber das hättest du mir ja auch sagen können. Wir hätten dann gemeinsam einen Termin verabredet. Ich hätte das schon ganz ordentlich erledigt (Die letzten Worte nicht ohne Ironie).

Pastor: Ich freue mich, dass wir nun miteinander reden können.

Bräutigam (leicht verlegen lächelnd): Da haben Sie schon etwas von unseren Problemen mitbekommen, Herr Pastor. Aber das wird sich ja alles geben, wenn wir erst verheiratet sind. Mir ist fest zugesichert worden, daß ich dann nicht mehr so viel im Außendienst zu tun haben werde, kann häufiger zu Hause sein, und wir haben dann sicherlich mehr Zeit, miteinander alles zu besprechen, was so der Tag bringt.

Frl. Y: Du, darauf freue ich mich heute schon, aber ich werde dich auch beim Wort nehmen. (Sie strahlt ihn an.)

Pastor: Das bedeutet also, es wird sich bei Beginn Ihrer Ehe nicht nur die Tatsache ergeben, daß Sie nun immer beieinander sind, sondern auch Ihre berufliche und wohl auch Ihre persönliche Situation wird anders werden.

Herr X: Das hoffe ich sehr. Wissen Sie, einmal hat man es ja satt, dauernd draußen herumzureisen und für andere die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Schließlich wird man ja auch nicht jünger. Meine Frau muß zwar leider noch ein wenig berufstätig bleiben, aber ich hoffe, daß sie ihren Beruf auch bald aufgeben kann. Wir haben zwar einiges gespart, aber man braucht doch mehr, als man so denkt.

Frl. Y: Ich bin gar nicht so scharf darauf, meinen Beruf jetzt schon aufzugeben. Schließlich hat man ja eine Reihe von Jahren studiert, und mir macht die Arbeit eigentlich viel Freude. Bloß, immer möchte ich sie auch nicht tun. Wenn mal Kinder da sind, dann ist es ganz selbstverständlich, daß ich aufhöre. Aber vorläufig werde ich schon noch ein bißchen weitermachen. Und da hast du doch wohl auch nichts dagegen?

Herr X: Wir haben das ja schon häufig mieinander besproche, und du weißt, daß ich nun nichts mehr dagegen habe. Ich kann dich ja auch ganz gut verstehen. …

Bloß meine Mutter, die mag das gar nicht. Sie hat so Angst, daß sich dann niemand mehr so recht um mich sorgt und ich meine Ordnung nicht habe. Da kann man reden, was man will, aber sie kann sich eben in unsere Verhältnisse recht schlecht hineindenken.

Frl. Y: Du wirst schon nicht verhungern. Da kann deine Mutter ganz beruhigt sein. (Zum Pastor gewendet): Bisher habe ich neben meinem Beruf noch meine vier jüngeren Geschwister ganz gut versorgt, denn meine beiden Eltern sind nicht recht gesund.

Pastor: Das sind ja doch eine Reihe Fragen, die Sie im Augenblick bewegen und die Sie nicht nur miteinander, sondern wohl auch mit Ihren jeweiligen Eltern klären müssen. Es ist ja heute nicht ganz selten, daß junge Menschen eine andere Vorstellung von der Ehe haben als die älteren. Das verlangt manchmal viel Geduld von beiden Seiten.  …“

Aus der Analyse dieses Gesprächs zitiere ich die einleitenden Bemerkungen:

„Aufschlußreich ist schon, daß der Pastor hinter die Tatsache hört, dass das Gespräch von der Mutter des Bräutigams arrangiert wird. Wie stark beklemmend diese psychische Situation auf den Bräutigam wirkt, ist daran zu erkennen, daß er ohne jede Rückfrage damit in das Gespräch einsteigt. Im weiteren Verlauf des Gespräches wird die Ambivalenz dieser Haltung aber sichtbar. So sehr Herr X. von dieser umarmenden Bindung freikommen möchte, so sehr ist er zu gleicher Zeit in ihr verhaftet.

Die Situation von Frl. Y. ist die einer Flucht aus einer sie überfordernden Situation. Zugleich ist sie aber dabei, die ihr im Familienkreis zudiktierte matriarchalische Rolle in ihre zukünftige Ehe hineinzunehmen. Beide aber betrachten ihre Ehe als ein Allheilmittel für die bestehenden Schwierigkeiten und geben sich verschiedenen Erwartungsschemata hin, die prognostisch die Ehe in keinem günstigen Lichte erscheinen lassen.“ [10]

M.E. lässt dieser Kommentar die Seelsorgelehre des Psychotherapeuten-Pfarrers in keinem guten Licht erscheinen, denn er mutet den Pfarrerinnen und Pfarrern, die seiner Lehre folgen, zu, sich als Mini-Psychotherapeuten zu verstehen, obwohl sie dazu nicht ausgebildet sind.

An diesem Punkt lässt sich ein erstes Prinzip meiner Auffassung von Evangelischer Kasual-Pastoral leicht demonstrieren: Ich vertrete den Standpunkt, dass Kasual-Seelsorge, wenn sie im Geist des Evangeliums geschieht, keine Urteile über die Probleme der beteiligten Personen zu fällen  hat, sondern wenn möglich das Vertrauen der anvertrauten Menschen untereinander im Geist der Güte Gottes stärken soll, ich nenne das „erwartungsvolle Seelsorge“, eine Seelsorge, die von den beteiligten Personen mehr erwartet, als man nach ihrer psychischen Verfassung vermuten muss.

Im Gefolge der psychologischen Orientierung der pastoralen Gesprächsmethodik zogen weitere sozialwissenschaftliche Deutungen in die Theorie der Kasualien ein, bestimmten deren gesellschaftliche Bedeutung und gestalteten die Praxis weiter aus. Ich zitiere noch einmal U. Wagner-Rau: „Die wiedererwachte Aufmerksamkeit für die Vermittlungsaufgabe von Theologie und für die psychischen und sozialen Bedingungen dieser Aufgabe wirkte sich für die Kasualpraxis produktiv aus. Es gab ein neues Interesse an den Kasualien, eine Bereitschaft, sich in die diffusen Bedürfnislagen hineinzubegeben, die Ausdruck der lebendigen und mehrdeutigen Wirklichkeit realer Lebensgeschichten sind, und es gab ein Werben dafür, sich den seelsorgerlichen, liturgischen und homiletischen Aufgaben verstärkt zuzuwenden, die mit der Kasualpraxis verbunden sind.“[11]  

Grundlage dieser wachsenden Anerkennung der Kasualien als pastorale Gelegenheiten war ihre religionswissenschaftliche Deutung als Schwellenrituale. Die Publikation, auf die sich die Kasualtheoretiker am Ende des 20. Jahrhunderts vor allem bezogen, wurde bezeichnenderweise 1986 erstmals ins Deutsche übersetzt, das Original publizierte Arnold van Gennep bereits 1909: Les rites de passage.  

Das neue Interesse an den Kasualien schüttelte über Rudolf Bohrens Kritik nur noch müde den Kopf, die Kasualien wurden zur ersten und hervorragenden Kontaktmöglichkeit der Pfarrer zu ihren Gemeinden, vor allem zu den Gemeindegliedern außerhalb des Gemeindekerns.

Die Produktivität des neuen Interesses an den Kasualien ging aber bald weit hinaus über die  fantasievolle Gestaltung der drei oder vier klassischen Kasualien.

Es wurden Kasualien für alle Lebenslagen designet, für silberne, goldene und diamantene Hochzeiten, Berufsjubiläen, selbst für Scheidungen, zur Genesung Dankgottesdienste, Feiern zum Wegzug aus einer Stadt, zum Berufswechsel, von Schulanfangs-, Abiturs- und akademischen Absolventengottesdiensten gar nicht zu reden.[12])

Inzwischen hat sich der Markt auch auf dem Feld der Kasualien längst von den Kirchen emanzipiert.  Zu jedem lebenswichtigen oder für lebenswichtig erklärten Ereignis können Sie einen Eventmanager buchen, der Ihnen eine eindrucksvolle Feier gestaltet; zudem gibt es auf Hochzeitsmessen vielerlei Anregungen zur Festgestaltung und die Zunft der Bestatter ist mit der Gestaltung freier, nicht kirchlich gebundener Beerdigungen längst gut im Geschäft.

Mit der Wandlung der Kasualie zum Event gewann die Frage nach dem christlichen Profil kirchlich verantworteter Kasualien neues Gewicht. Meine Erfahrungen aus den letzten Jahren sind zwiespältig: Ich könnte mich bei meinen Erlebnissen durchaus gelegentlich im Sinn von Kurt Marti und gerne auch in seinem drastischen Stil äußern:

 

Marti-alisches

Die Kirche ist von Kopf bis Fuß geschmückt,
die Lilien überduften den Altar,
das Kreuz verdeckt, das frische Hochzeitspaar
ist in die eigne Zauber-Welt entrückt,
die Braut im schickem outfit, sie entzückt!

Sie ist an diesem Tag allein der Star!
der flotte Bräutigam? Keine Gefahr!
So manchen Oldie macht sie schier verrückt

mit ihres jungen Leibes schlanker Fülle -
in eleganter, cremigweißer Hülle,

beeindruckt auch die weiblichen Verwandten,
bewundert selbst von Schwestern, Basen, Tanten,

vom Sinn (?) der Handlung ist nicht viel geblieben –
der Pfarrer hat die Worte aufgeschrieben.

 

Aber man kann als Gestalter von Kasualien gerade in neuerer Zeit auch wieder Anderes erleben: Großes Interesse am Sinn des Geschehens, Lebensklugheit, Konzentration, Sammlung, sachliche Mitgestaltung.

 

Parkplatzprobleme für Kinderwagen

Zehn Kinderwagen parken eng gedrängt,
im Hintergrund des hellen Raumes,
die Taufgesellschaft füllt die ersten Reihen,
man hört erstaunlich wenig Kinderschreien;
von seinen Eltern freundlich abgelenkt,
so mancher Knirps der Feier Achtung schenkt,
als folgte er den Bildern eines Traumes
Die Orgel singt wie Flöten und Schalmeien,
dass Alt und Jung am Wohlklang sich erfreuen,

Und wer sich in den Taufspruch still versenkt,

der einem jungen Leben erste Weisung gibt,
der spürt der Eltern und der Paten Willen

zu zeigen, dass dies kleine Kind geliebt,
dass sie an ihm die Aufgabe erfüllen,

den Geist der Liebe und Besonnenheit (2. Tim. 1,7)
zu gründen tief, - für Freude und für Leid. 

 

Der Konkurrenzdruck des Kasualien-Marktes ist bei der Taufe noch am geringsten, aber auch bei einer Taufe sind die Erwartungen der Tauffamilie an eine individuelle Gestaltung der Feier längst spürbar.

Als Prinzipien für eine Evangelische Kasual-Pastoral haben sich mir im Laufe der Jahre die Folgenden ergeben:

Als Erstes nannte ich schon: Erwartungsvolle Seelsorge – alle Beteiligten auf ihre Gaben und Möglichkeiten hin ansehen, nicht als Problemfälle.  „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt. 7,1)

Als Zweites: Einfühlsame Seelsorge: Die Durchführung jeder Kasualhandlung ist ein Prozess psychologisch sensibler, aber nicht therapeutischer pastoraler Begleitung  mit einer Vorbereitungsphase, der Durchführung der gottesdienstlichen Handlung und einer Nachsorge je nach Bedarf.  Die Hirtenaufgabe der Pastorin, des Pastors.

Und als Drittes: Entgegenkommende Seelsorge.                                                  Für die beteiligten Personen ist selbstverständlich der Ablauf der Handlung das Wichtigste, soweit ihre Aktivität in einer für sie ungewohnten Handlung verlangt ist. Als Pfarrer aber erwarte ich von mir eine stimmige Deutung des Geschehens in einer so ausdrucksvollen wie empathischen Ansprache. Und da ich damit rechne, dass die beteiligten Personen, Tauffamilie, Brautpaar und Angehörige oder trauernde Hinterbliebene meine Worte kaum behalten können, aber gerne noch einmal nachvollziehen möchten, wenn alles vorüber ist, gebe ich sie immer schriftlich mit.

Eine stimmige Deutung hat für mich immer im Sachzusammenhang des Evangeliums zu stehen, d.h. sie eröffnet Lebensperspektiven, stärkt und tröstet, ist realistisch, glaubwürdig, „säuselt nicht“, sondern weist auf die Risiken gemeinsamen Lebens hin, stellt aber gewiss keine Prognosen, sondern zeigt  Möglichkeiten auf, die sich aus der Interpretation eines Bibelwortes im Zusammenhang einer Biographie ergeben.

Als Grundsatz gilt für mich hier und insgesamt:  1. Joh.4,16: Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Die Gestaltung der Feier sei im Übrigen auch im Blick auf die Kräfte der Beteiligten barmherzig, frage immer, ob Kinder dabei sind und wie alt sie sind, um ihre Ausdauer nicht zu überschätzen.

Nach den genannten Prinzipien habe ich am vergangenen Sonnabend als meine letzte Kasualie im Hauptamt eine „Traufe“ in der Schloßkirche gehalten, ein Paar getraut, die Tochter getauft, - und da nach zehn Minuten Traupredigt die Geduld eines Kleinkindes nicht weiter belastet werden sollte, habe ich die Taufpredigt in vierzehn Zeilen gereimt und gebe wie der Familie so auch Ihnen diese Predigt zum Nachlesen und Nachdenken mit als eine Gestalt dessen, was ich für den heutigen Anlass Evangelische Kasual-Pastoral genannt habe.

 

Zum Taufspruch: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Markus 9,23

Der Glaube ist im Leben jene Kraft,
die wichtiger als Energie und Wissen,
weil kleine Kinder einfach glauben müssen,
dass Elternliebe ihnen Leben schafft,

sie würden sonst ganz früh dahingerafft,
wenn Mütter nicht mit Streicheln und mit Küssen,
sie ihre Nähe tief empfinden ließen,
die in den Kleinen das Vertrauen schafft,

das sie voll Zuversicht ins Leben trägt,
die Seele stärkt, den Geist ganz frei entfaltet,

an guten wie an bösen Tagen pflegt.
Wer weiß denn, wie die Zukunft sich gestaltet? 

So hoffen wir für dieses Kind auf Glauben,
den lebenslang ihm niemand je kann rauben. Amen.

 

Einen Nachsatz möchte ich noch anfügen: Ich habe für den Anlass meines Abschieds aus dem akademischen Lehramt ein kleines Heft mit eigenen Texten zusammengestellt mit dem Titel „Exzellentes Erbe. Sprachspuren des Evangeliums“; unter diesen Texten sind zwei längere Szenen, die ich auf Anregung von Kanzler Reinhard Lutz für den Kasus seiner Betriebs-Weihnachtsfeier für die Mitarbeiter in der Zentrale der Universität gereimt habe, Tatort Tannenbaum – ein ungeschriebener Weihnachtskrimi – und Die Bonner Stadtmusikanten – frei nach dem Märchen der Brüdern Grimm.

Ich habe mich also nicht nur bei kirchlichen Handlungen, sondern auch bei anderen Lebensgestaltungsaufgaben von Fall zu Fall bewegt und an der Gestaltung von Kasualien auch außerhalb der Schloßkirche beteiligt, aber stets am  Grundsinn des Evangeliums orientiert, das den Menschen Gottes entgegenkommende Liebe als die Grundkraft allen Lebens vorstellt und zuspricht.  –

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit heute und für manchen Zuspruch, der mir von Ihnen in 17 Dienstjahren widerfahren ist, auch eine, Ihre Art Kasual-Pastoral an mir – wie es sich ergab, eben von Fall zu Fall.

 

Lit.

Albrecht, Christian, Kasualtheorie, Tübingen 2006

Blanke, Eberhard, Kasualien. Offene Fragen zu den kirchlichen Fällen, DPfBl 105/2005, S.295ff.

Enzner-Probst, Brigitte, Rituelle Seelsorge, in: Pastoraltheologie 98,4,2009,187-209

Fechtner, Kristian, Kirche von Fall zu Fall. Kasualien wahrnehmen und gestatten. 2. Aufl. 2011 (2003).

Prößdorf, Detlev, Die gottesdienstliche Trauansprache: Inhalte und Entwicklung in Theorie und Praxis, 1999.

Schmidt-Rost, Reinhard, Evangelische Einmischung – Erwartungsvolle Seelsorge. Pastoraltheologische Informationen Bd.32 (2012), S.69-80.

Wagner-Rau, Ulrike, Segensraum. Kasualpraxis in der modernen Gesellschaft, 2.Aufl. 2008, 2000.

Winkler, Eberhard, Tore zum Leben: Taufe - Konfirmation - Trauung – Beerdigung, 1995. Der Text „Exzellentes Erbe. Sprachspuren des Evangeliums“ kann unter r.schmidt-rost@uni-bonn.de unentgeltlich angefordert werden.


[1] Ein Gedenken an die Opfer des Mordanschlags in Nizza am Vorabend (14.7.2016), das am Anfang einer Seelsorge-Vorlesung hätte stehen müssen, wurde von Dekan Prof. Rüterswörden bereits in seinen einführenden Worten vorgebracht.

[2] K. Marti, Kirchenbote des reformierten Volkes des Aargau“ (1959) Nr. 4,27; auch abgedruckt bei Bohren (1968, 3.Aufl.), 20f.

[3] Van Gennep, Arnold, Rites de passage, 1909 (dt. 1986)

[4] Johann Pock, Ulrich Feeser-Lichterfeld (Hg.) Trauerrede in postmoderner Trauerkultur, 2011 .

[5] Claus Harms, Pastoraltheologie, 1835, Bd. 3, 20f.

[6] U.Wagner-Rau, Segensraum, Stuttgart 2000, 41f.

[7] R.Bohren, „Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit?“ – München 1960,

Bohrens 40 Seiten starke Kampfschrift erschien in 1. Auflage 1960,  in 3. Aufl.  1967/68, und 1979 letztmalig in 5.Aufl, erst dann hatte sich dieser kritische Impuls fürs erste erschöpft.

[8] Jahreshauptversammlung nenne ich die Weihnachtsgottesdienste, aber nicht ironisch, sondern um den Wert dieser Großveranstaltungen für das Leben der Kirche zu würdigen.

[9] H.J.Thilo, Beratende Seelsorge, Göttingen 1971

[10] Thilo, 170.

[11] Wagner-Rau, aaO, 26f.

[12] Ich hatte 2002 und 2007 die Ehre, am Beethoven-Gymnasium bzw. am Amos-Comenius-Gymnasium für zwei meiner Kinder die Predigt im Abiturgottesdienst zu halten und jeweils mit den Abiturienten den Gottesdienst zu entwerfen Die Elternrede beim Abitur unseres ältesten Sohnes in Kiel 1999, die meine Frau hielt und wir Eltern zusammen formuliert haben, war funktional gleichfalls eine Kasualrede.

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