Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Martin Luthers Auslegung des Magnificat

Pfarrerin Kerstin Stille (ev.), Schulpfarrerin

31.05.2017 St Ursula; Bielefeld

Die Predigt wurde am 31.05.2017 in der St Ursula Kirche der Ursulinen in Bielefeld im Rahmen einer ökumenischen Marienvesper anlässlich des Refomormationsjubiläums 2017 gehalten. Sie bezieht sich auf Martin Luthers Auslegung des Magnificat von 1521. Passagen, die als Lesung während des Gottesdienstes vorgetragen wurden, finden Sie in der Anlage „Lesungstexte zur  Marienvesper“ abgedruckt. Der Gottesdienst folgte im Ablauf im Wesentlichen dem Aufbau der Marienvesper im Gotteslob (GL), Nr. 647-650, den wir ökumenisch überarbeitet und angeglichen haben.

 

Ökumenische Marienvesper

Der Mai ist der Monat, in der in der katholischen Kirche der Maria, der Mutter Jesu, besonders gedacht wird. Ihnen, liebe katholische Schwestern und Brüder, ist diese Tradition zutiefst vertraut. Wir Protestanten haben in der Regel nicht diesen Bezug zu ihr, teils aus Unwissenheit, teils aus falsch verstandenem protestantischem Bewusstsein; weil man uns einst eingeimpft hatte, Maria zu würdigen sei Marienverehrung und diese sei strikt abzulehnen. Deshalb wissen noch heute viele evangelische Christen gar nicht, dass eine der bedeutensten Schriften Luthers Maria galt.

 

Nun feiern hier und heute katholische und evangelische Christen gemeinsam eine Marienvesper zur Magnifacatauslegung von Martin Luther: Das ist ein kleines ökumenisches Bekenntnis dazu, dass wir in unserer jeweiligen Tradition an den EINEN Gott glauben. Und für uns, die wir diese Marienvesper gemeinsam vorbereitet haben, ist es ein bewegender, freudiger Augenblick, dass uns dies möglich geworden ist. Wenn das 500jährige Reformationsjubiläum 2017 dazu beigetragen wird, dass wir unsere alten Vorurteile jeweils kritisch unter die Lupe nehmen und sowohl Katholiken als auch Protestanten in ihrer eigen geprägten Frömmigkeit auf einander zugehen und von einander lernen und miteinander beten, dann hat sich dieses Festjahr am Ende gelohnt.

 

In den 500 Jahren ist  – Gott sei es gedankt – nach und nach so wieder manche Brücke über den Graben, der sich zwischen unseren Konfessionen einst auftat, gebaut worden. Zugeschüttet ist dieser Graben noch nicht. Aber das muss er vielleicht auch gar nicht. Wie Menschen verschieden sind, so sind auch Konfessionen verschieden. Frömmigkeit hat theologisch wie kulturell und regional ganz unterschiedliche Ausprägungen. Was uns aber ewig eint, ist der eine Gott. Darauf kommt es an und dass man sich mit Respekt und Interesse begegnet.

 

Martin Luther hat seit seiner frühen Kindheit Maria verehrt. Er hat Maria als Person nie kritisiert, im Gegenteil. Seine Auslegung des Lobgesangs der Maria im Lukasevangelium, hat er 1520/21 geschrieben. Es war eine Zeit, in der es für ihn drunter und drüber ging. Der Papst hatte ihm kurz zuvor mit dem Kirchenbann gedroht, der Reichstag zu Worms fiel mitten in die Abfassungszeit. Vollendet hat er die Schrift erst auf der Wartburg.

 

Was ist das, was der Katholik Martin Luther 1521 an diesem Hymnus hervorhebt? Was gibt Maria mit ihrem Lobgesang uns mit?

 

Luther wird nicht müde zu betonen, dass Maria diesen Lobgesang anstimmt, weil sie erlebt hat, wie Gott an ihr handelt. Der Engel war zu ihr gekommen und hatte gesagt, „Sei gegrüßet, du Begnadete. Der Herr ist mit dir.“ Und dann offenbart ihr den Engel, dass Gott sie zur Mutter Jesu, des Heilands, erwählt hat. Aufgrund dieser persönlichen, unmittelbaren Erfahrung stimmt sie ein unvergessliches Gotteslob an. Sie singt. Luther sagt, dass sie es nicht tut, weil sie meint, sie sei durch diese Erwählung und Begegnung besonders klug oder bedeutet geworden. So mögen eitle Menschen denken: „Nun bin ich wer!“ So empfindet Maria nicht. Überwältigt von der Gotteserfahrung geht es ihr gerade nicht um sich selber, sondern allein um Gott. Sie sagt nicht: „Ich erhebe Gott“, sondern „meine Seele erhebt Gott, den Herrn“. „Es ist, als wolle sie ausdrücken: „Es schweben mein Leben und alle meine Sinne in Gottesliebe, Gotteslob und solcher Freude, dass ich meiner selbst nicht mächtig, eher zum Lob Gottes emporgehoben werde, als dass ich mich selbst erhöhe.“ (Magnificat S.18) Immer wieder stellt Luther diesen zentralen Gedanken in den Mittelpunkt.

 

Liebe Brüder und Schwestern, Luthers Auslegung hat mich an dieser Stelle nachdenklich gemacht. Wo greift das Lob Gottes in unseren Gottesdiensten – evangelisch wie katholisch – denn Raum? Ich will nicht behaupten, dass es das nicht gäbe. Aber es kommt doch oft eher aus der Ratio, der Vernunft, dem Verstand, dem Ritus, der Tradition und hat leider viel zu selten etwas von der jugendlichen Leichtigkeit und Spontaneität der Maria.

 

Wir befinden uns hier in einer Schule, mit vielen jungen Menschen, die ungefähr das Alter haben, das Maria seinerzeit hatte als sie diesen Lobgesang anstimmte. Uns begegnet hier jeden Tag eine Impulsivität und Unfertigkeit, die uns Erwachsene Tag für Tag herausfordert. Ich weiß, wovon ich rede. Aber können wir nicht gerade von diesen jungen Menschen lernen! Hatte Jesus nicht selbst Jahre später gesagt: „Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder...“! Wir Erwachsenen machen uns oft selber etwas vor, indem wir so vieles daran setzten und danach streben eines Tages einmal „fertig“, d. h. erfolgreich, wissend und „oben angekommen“ zu sein. Und ist es nicht ein tückischer Trugschluss zu meinen, wir seien nun „fertig“; weil wir ausgestattet sind mit Beruf, Bankkonto und Lebenserfahrung?

 

Unsere Zeit ist gottesfern und stressig, weil sich ganz vieles darum dreht, aus uns selber was zu machen. Die neue Gefahr der Rechtfertigung aus Werken jenseits aller Konfessionen heißt 2017: Leistungstreben ohne Gottesbezug; Erfolgsdruck, Reichtum, Anbetung Statussymbole. Wir fühlen uns tagaus tagein ein dazu genötigt, aus uns selber etwas zu machen, so dass Gott in uns nicht mehr so richtig zu Worte kommen kann. Zu anstrengend ist der Kampf darum, sich selber einen Namen zu machen. Und wir spüren; wir selber leiden darunter, aber können es nicht so recht benennen, es bleibt konfus. Und was unsere Jugend von heute betrifft, so macht es mich traurig, wenn ich den Eindruck gewinne, dass auch sie immer früher so werden wie die Erwachsenen.

 

Doch um Glück erlebt man auch anderes: Ja, es ist anstrengend, wenn ein Sechstklässer auf die Idee kommt, anstatt – wie von mir aufgetragen – zu einem Bibeltext eine Geschichte zu schreiben, spontan einen Rapp dazu verfasst und dann auch noch meint, den gleich im Unterricht lauthals herausposaunen zu müssen, während die anderen noch versuchen, sich auf ihre Geschichte konzentrieren.

 

Aber hat dieser Junge nicht im Grund Recht? Es kam eben über ihn. Er rappte – und sein Text pries Gott. Er lobte Gott, wenn auch in einer etwas unkonventionellen Art und Weise. „Aus dem Munde der Kinder und Unmündigen hast du dir ein Lob bereitet“ heißt es in Mt. 21,16 in Anlehnung an Psalm 8,3. Wir müssen behutsam mit den jungen Menschen umgehen, damit ihre Seelen nicht verstummen.

 

Aber darf man das so zusammenbringen? Kann man denn ernsthaft einen nicht sonderlich religiös erfahren elfjährigen Bielefelder Jungen neben Maria, der Mutter Jesu, stellen? Doch, man kann! Fragen wir uns mal: Wer war denn diese Maria? Hatte sie etwas Besonderes an sich, so dass gerade ihr diese Berufung, die Mutter Jesu zu werden, zuteil wurde? Luther wird in seiner Auslegung des Magnificats nicht müde immer wieder darauf hinzuweisen, dass an Maria nichts Besonderes gewesen sei, was Gott dazu bewogen habe, ausgerechnet sie zu erwählen.

 

Und das ist es auch, was Maria selber von sich sagt und weiß und warum sie singen und Gott loben kann. „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, darum werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“ Unter „Niedrigkeit“ verstand Maria nach Luthers Auslegung „eine verachtete, unansehnliche niedrige Lebensweise oder ein solcher Stand, in dem die armen, kranken, hungrigen, durstigen, gefangenen, leidenden und sterbenden Menschen sind“ (S. 37). Wohl nur Gottes Augen allein sehen in solche menschliche Tiefe. „Menschenaugen (dagegen schauen) nur in die Höhe.“ (S. 38). Was wäre diese Welt, was wären wir, wenn Gott uns nicht erinnerte, dass er die Niedrigen sieht, erhebt, erwählt und ehrt. Wir Menschen, die wir uns so leicht verführen lassen, eifrig nach oben zu streben, übersehen das Niedrige allzu gern.

 

Nun ist es aber auch nicht so, dass Maria mit ihrer Niedrigkeit kokettiert. Luther sagt: „Sie rühmt sich weder ihrer Würdigkeit noch ihrer Unwürdigkeit, sondern allein des Ansehens Gottes, das so über alle Maßen gütig und gnädig ist…“ (S. 39) „Wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn.“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief (1. Kor. 1,31).

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie versuchen, diesen Satz nicht in erster Linie mit dem Verstand, sondern vor allem mit dem Herzen zu erfassen! Man kann ihn lange betend meditieren. Er erscheint mir wie der Blick durch ein winziges Loch auf ein großes, herrliches Ganzes. Wir sehen hier und jetzt nur einen Ausschnitt; wir ahnen: Am Ende, das Ziel, auf das alles hinausläuft,  wird allein Gott sein und wir werden alle in ihm sein: Lob Gottes, allein Freude in Gott. „Gott wird sein alles und in allem!“ (1. Kor 15,28)

 

Das Magnificat ist ein Mutmachlied, ein Text der Befreiung und der Hoffnung. Es kann unsere Blickrichtung verändern und weist auf ein Ziel. Ich konnte hier nur ein paar Gedanken aus Luthers 120seitiger Schrift aufnehmen und anreißen. Es genügt für heute, es hier bei einem bescheidenen Auszug zu belassen.

 

Schließen möchte ich mit Luthers Worten, die ziemlich am Schluss seiner Auslegung des Magnifikat stehen: „Damit lassen’s wir bewenden und bitten Gott um ein rechtes Verständnis dieses Magnifikats, dass es nicht allein leuchte und rede, sondern brenne und lebe in Leib und Seele. Das verleihe uns Christus durch die Fürbitte und den Willen seiner lieben Mutter Maria. Amen.“ (S.113)

 

 

Anlage:

Lesungstexte zur Marienvesper 31.05.2017

Entnommen aus:
Magnificat und Luther, Martin Luther, Das Magnificat, Verdeutscht und ausgelegt:1521, Eine Einführung von Horst Gorski, hg. von der Arbeitsstelle Reformationsjubiläum 2017 der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Kiel 2016, ISBN 987-3-87503-118-1.

Meine Seele erhebt Gott, den Herr.

Und mein Geist freut sich an Gott, meinem Heiland.

Denn er hat mich, seine geringe Magd, angesehen. Deswegen werden mich Kinder und Kindeskinder in Ewigkeit selig preisen.

Denn er, der alle Dinge tut, hat große Dinge an mir getan, und sein Name ist heilig.

Und seine Barmherzigkeit währt von einer Generation zur anderen für alle, die ihn fürchten.

Er handelt mächtig mit seinem Arm und zerstört alle, die im Innersten ihres Herzens hochmütig sind.

Er setzt die großen Herren von ihrer Herrschaft ab und erhöht die, die niedrig und gering sind.

Die Hungrigen sättigt er mit Gütern aller Art, die Reichen aber lässt er leer ausgehen.

Er nimmt sein Volk Israel auf, das ihm dient, an das er in seiner Barmherzigkeit denkt.

So hat er es ja unseren Vätern versprochen, Abraham und seinen Kindern, in alle Ewigkeit.

 (Seite 11)

Daraus können wir lernen, was die rechte Ehre ist, mit der man Maria ehren und ihr dienen soll. Wie soll man sie anreden? Sieh die Worte an, dann lehren sie dich so zu sprechen: O du selige Jungfrau und Mutter Gottes, wie bist du doch so gar nichts, gering und verachtet gewesen, und doch hat dich Gott so überaus gnädig und wirksam angesehen und große Dinge an dir getan. Du bist keines der Dinge würdig gewesen, und weit und hoch geht die reiche, überschwängliche Gnade Gottes an dir über alle deine Verdienste hinaus. O, wohl dir! Selig bist du von damals bis in Ewigkeit, die du einen solchen Gott gefunden hast usw. Du brauchst nicht zu denken, sie höre es ungern, dass man sie solcher Gnade unwürdig nennt. Denn sie hat ohne Zweifel nicht gelogen, als sie selbst ihre Unwürdigkeit und Nichtigkeit bekannte, die Gott ganz und gar nicht wegen ihrer Verdienste, sondern aus lauter Gnade angesehen hat.

(Seite 52-53)