Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Micha 5,1-4

Pfarrer Jochen Lenz (ev.)

25.12.2016 ev. Pfarrbereich Großwechsungen

Weihnachten

Kleine Weihnachten

Wo willst du hin?

Seine Frau steht im Flur; sie hält eine Kaffeekanne in der Hand. 

Er zieht am  Reißverschluss seiner Jacke: Nur eine kleine Runde mit dem Hund.

Er spürt ihren Blick, hört ihre Frage: Jetzt?

Aus dem Wohnzimmer dringen Kinderlachen, Gesprächsfetzen von Erwachsenen.

Du hast wieder den Familienrappel, stimmts? Du musst mal raus, ich seh es dir doch an.

Sie kennt ihn gut.  Er sagt: Ich habe die anderen gefragt. Es will keiner mit.

Da bist du doch froh, lacht seine Frau. Ohne seine Antwort abzuwarten, verschwindet sie mit der Kaffeekanne in der Küche. Aber komm nicht so spät zurück, hört er noch, dann fällt die Tür hinter ihm ins Schloss.

 

Wo wollt ihr hin?

König Herodes blickt die drei fremden Gestalten an. Offensichtlich Reisende aus fernen Ländern. Einer von ihnen sagt: Wir suchen den neuen König der Juden. Wir haben seinen Stern weit weg von hier gesehen und sind gekommen, ihn als König anzuerkennen und zu verehren.

Nach einer Bedenkzeit schickt Herodes sie weiter nach Bethlehem. Dort, so sagen die alten Schriften, könne eine solche Geburt geschehen sein. Aber bleibt nicht zu lange weg, ruft er ihnen hinterher. Gebt mir Bescheid, damit auch ich hingehen und diesem König die Ehre geben kann. Dann stehen die drei Fremden wieder draußen vor dem Königspalast in Jerusalem und wenden sich Richtung Bethlehem.

 

Zweitausend Jahre später steht unser Mann im Garten vor seinem Haus. Einmal tief durchatmen. Schon geht es besser. Der Hund freut sich, stellt keine Fragen. Die beiden treten hinaus in den frühen Abend eines ruhigen Weihnachtsfeiertages, bald wandern sie im vertrauten Tempo durch die stillen Straßen ihres Dorfes.

Der Mann zieht tief die frische Luft in sich hinein;  und die angenehme Stille, die ihn hier draußen umgibt, begrüßt er wie einen alten Freund.  Sein Hund gibt den Weg vor, der Mann lässt sich bereitwillig mitnehmen: Vorbei an weihnachtlich geschmückten Gärten und Häusern, entlang breiter Straßen, durch kleine Gassen. Hinter dem Fenster einer beleuchteten Stube sieht er Köpfe um einen Tisch versammelt. Hände gestikulieren, eine Flasche kreist, irgendjemand öffnet den Mund wie zum Singen. Schon ist er vorbei.

Er denkt an seine Familie zuhause. Die Kinder sind da, seine Enkel auch. Sie sitzen im Wohnzimmer, die Kleinen spielen mit ihren Weihnachtsgeschenken. Viel zu viele Geschenke, denkt er. Die Geschenke für die Kleinsten erscheinen ihm wie immer viel zu groß. Wo sollen die denn noch hingestellt werden in den voll gestopften Kinderzimmern? Und wie soll sich ein Kind inmitten so vieler Spielsachen noch zurecht finden und beim Auspacken überhaupt noch eine Ahnung von besonderer Freude und die Kostbarkeit des Augenblicks empfinden können? - Jetzt werde ich wohl wirklich alt, denkt sich der Mann. Und fasst sich an den wachsenden Bauch. Nicht nur der Kaufrausch für die Kleinen, auch das viele Essen zu diesen Weihnachtsfeiertagen liegt ihm schwer im Magen, scheint ihm wie immer viel zu groß und zu üppig. Ich esse, weil es da steht, aber nicht, weil ich hungrig bin. Und ich esse viel zu viel.

Und während seine Frau mit großer Liebe all die verschiedenen Mahlzeiten vorbereitet, sitzen seine Söhne und ihre Partnerinnen am Wohnzimmertisch, leeren seinen Weinvorrat, unterhalten sich stundenlang über Berufliches und über die letzten und nächsten Urlaube. Und wenn dann auch die letzten Katastrophen und Beziehungsgeschichten aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis ausgetauscht sind, wenn die Fußballtabelle erörtert ist und der Wein längst die Zungen gelöst hat, dann wird wie immer die politische Großwetterlage diskutiert. Die zunehmende Radikalität im Denken seiner Söhne beunruhigt ihn. Grenzen zu, das war das letzte, was er zu hören bekam, bevor er aufstand, um draußen etwas Luft zu schnappen. Wenn sie zu allen Zeiten die Grenzen dicht gemacht hätten, würden wir heute kein Weihnachten feiern, hätte er gerne gesagt. Aber er schwieg. Wie immer. 

Der Mann schüttelt den Kopf: Viel zu groß, diese Themen für ein paar Stunden gemeinsames Weihnachten. Zu groß die Geschenke, zu groß das Essen, zu groß die Gespräche.

 

Zweitausend Jahre früher sind die drei Fremden mittlerweile auf dem Weg nach Bethlehem. Warum finden wir den neuen König nicht im großen, prächtigen Jerusalem, warum müssen wir nach Bethlehem, in so eine kleine Stadt?

Die drei waren natürlich zuerst dort, wo sie einen großen König vermuteten: Im großen Jerusalem, im großen Königspalast. Sie suchten das Große im Großen. Nun werden sie ins kleine Bethlehem geschickt. Noch ein Stück Weg. Das Umdenken vom Großen zum Kleinen braucht Zeit. 

 

Zweitausend Jahre später denkt unser Mann auch nach über das Große. Die Menschen suchen immer noch das Große im Großen, in großen Autos, in großen Häusern, in großen Berufen, auf großen Festen und großen Reisen. Der Mann ahnt, dass diese Suche nie zum Ziel führen wird;  dass dieser ständige Aufbruch ins nächst Größere viel zu viele leere Räume in der Seele hinterlässt.  

Er wird abgelenkt.  Leise Orgelklänge dringen durch die dicken Wände der kleinen Dorfkirche, an der sein Hund ihn gerade vorbei führt.  Vorsichtig öffnet der Mann die schwere Holztür. Der Kirchenraum ist dunkel, nur ein, zwei Kerzen erleuchten die kleine Holzkrippe vorne im Altarraum. Niemand sitzt in den Bänken. Niemand feiert Gottesdienst. Und wer immer da oben die Orgel spielt, lässt sich in seinem ruhigen Spiel nicht stören, sucht wohl wie er selbst die Ruhe, das Durchatmen an diesem Weihnachtstag.

Der Mann bleibt wegen des Hundes am Eingang stehen, aber sein Blick versinkt mit der Musik in den Kerzen und in der kleinen Holzkrippe. Wie sehr ich doch das Einfache, das Schlichte und Kleine liebe! Der Gedanke nistet sich in ihm ein: Kleine Kerzen, diese kleine Krippe, dieses kleine Konzert, dieses kleine Dorf - sie sind wie für diesen kleinen Augenblick und für mich und dieses Weihnachtsfest gemacht.  Dieser kleine Moment steckt so voller Leben und ist darum so wunderbar groß. Ich werde ihn festhalten. 

 

Zweitausend Jahre früher kommen die drei Fremden endlich nach Bethlehem. Sie erreichen die Scheune, sie öffnen das Tor, sie blicken in diese kleine Bleibe, auf eine kleine Familie, auf ein kleines Kind in einer Krippe. Und sie ahnen:  Dieser kleine Moment steckt so voller Leben und ist darum so wunderbar groß. Wir werden ihn festhalten.

Und sie geben ihre großen Geschenke in dieses Kleine hinein: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Das sind prächtige Königsgaben. In großen Palästen werden sie freundlich entgegengenommen und als kleine, ehrende Geschenke zur Seite gelegt, zu all den anderen Gaben. Doch in einem kleinen Stall beginnen sie auf einzigartige Weise zu wirken, entfalten sie eine ungeahnte Größe: Der Weihrauch vertreibt die Mücken um die Krippe und spendet einen angenehmen Duft; die Myrrhe ist eben nicht nur Räucherharz und Balsam für Könige, sie hilft auch als Arznei ganz praktisch und reizlindernd gegen Kinderkrankheiten wie Bronchitis und Darmerkrankungen.  Und das Gold sichert der kleinen Familie ihr Überleben auf der späteren Flucht nach Ägypten. Wir können die tiefe Freude von Maria und Josef über diese Gaben nur erahnen. 

Wahrhaft Großes kommt im Kleinen zur Entfaltung. Die drei Fremden lernen das Umdenken vom Großen zum Kleinen und die Entdeckung wahrer, erfüllender Größe. Sie erkennen und erleben die wahrhaftige Größe in der Begegnung mit dem Kleinen - in ihrer Seele.

Das kleine Jesuskind wird später nicht müde, den Menschen seiner Zeit immer wieder von all dem Kleinen am Straßenrand zu erzählen, in dem das Geheimnis wahrer, beseelter Größe schlummert und nur darauf wartet, entdeckt und geweckt zu werden, um sich zu entfalten.

Im kleinsten Senfkorn steckt das Reich Gottes; in einem kleinen Kind in der Krippe verbirgt sich der Gott aller Welt,  im kleinsten Glauben der Jünger verbirgt sich die Kraft zu größter Veränderung; kleine, einfachste Alltagsbilder und Begegnungen am Straßenrand warten darauf, entdeckt und geweckt zu werden, um sich zu ungeahnter Größe zu entfalten, um die leeren Seelenräume mit Freude zu füllen.

 

Nach ihrer Entdeckung machen die drei Fremden lieber einen Bogen um das große Jerusalem, um den großen Königspalast und die großen Herren. Das Große vor Augen hält nicht, was es verspricht, hinterlässt viel zu viele leere Räume in der Seele.  Die drei vertrauen nun dem kleinen Bild, das sich ihnen offenbart hat im kleinen Bethlehem und ahnen die Größe, die in ihm steckt.

 

Zweitausend Jahre später geht der Mann mit seinem Hund durch die Gassen des Dorfes zurück zum Weihnachtsfest in seinem Haus. Auf diesem Weg zurück fallen Bilder in die Stille des frühen Weihnachtsabends, und Erinnerungen: Von einer Wanderung in Rumänien, als ein Kirchenküster ihn und seine Frau nicht nur durch eine kleine Kirchenburg führte, sondern die beiden danach auch noch zum Abendessen einlud: Es gab nicht mehr als frischen Wein und frisch gebackenes Brot. Und doch war es das schönste Essen seines Lebens. Auch das Bild einer jungen Frau fällt ihm ein, die neulich im Stadt-Café an den Tisch einer anderen Frau trat und sie weinend um Entschuldigung bat, wofür auch immer.  Er saß am Nebentisch. Die kleine feste Umarmung der beiden rührt ihn heute noch zu Tränen.

Und es ist das kleine Bild eines Weihnachtsfestes aus seiner Kindheit, das ihn schließlich nach Hause begleitet.  Damals hatte er unter einem Berg  gestrickter Strümpfe und in Geschenkpapier geschlagener Unterwäsche  plötzlich seine erste Gitarre entdeckt; er war fassungslos vor Freude. Noch heute hält er sie in Ehren, noch heute trägt er das große Glück jenes fernen, kleinen Moments in sich. Es sind die die kleinen Momente, die so voller Leben sind und unser Leben reich machen, die sich in der Seele zu erfüllender Größe entfalten.

 

Der Mann bringt den Hund zurück in den Garten, öffnet leise die Tür zum Haus. Aus dem Wohnzimmer dringen Kinderlachen und Gesprächsfetzen von Erwachsenen. Es wird immer noch weinselig über die Krisen in der Welt diskutiert.

Er entzündet eine kleine Kerze, schleicht damit zum Wohnzimmer, löscht das große Deckenlicht. Überraschte Rufe, ein Lachen, dann wird es still im Raum.  Der Mann erzählt die Weihnachtsgeschichte. Und dann spricht er ein Segensgebet,  auf dass Frieden werde möge.

Als er das große Licht wieder anschaltet, bleibt es ganz still im Raum.  Ein paar kostbare, kleine Momente lang. (Lesung: Micha 5,1-4a).

 

Gebet zum Eingang:

 

Wenn es um uns hell wird, Gott,

und wir die Kerzen an unseren Bäumen entzünden,

schenke doch einen Funken Licht auch unserer Seele.

Öffne der Freude Tür und Tor,

stilles Weihnachtsglück lass neben uns Platz nehmen.

in windschiefen Ställen, auf verlassenen Fluren,

über Kinderkrippen und Krankenbetten.

Jetzt, an diesem Tag, wenn du uns besuchen kommst

und es wieder hell wird.