Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Heiligabend

Vikar Karsten Wolkenhauer (ev.)

24.12.2016 St. Marien zu Stralsund

Regiehinweis:  Ich predige von der Kanzel, hoch oben. Elise, 11 Jahre alt, sitzt in der Bankreihe unter der Kanzel, mit Handmikro.

 

Liebe Gemeinde,

 

(Stimme von Elise:) ES BEGAB SICH ABER ZU DER ZEIT

 

Was so anfängt, das wird gern weiter erzählt, immer wieder.
Wird weiter erzählt, immer weiter.
Von Generation zu Generation.

Und die es hören werden wieder Kinder.
Wie damals, als sie zum ersten Mal hörten,

wie Maria Besuch vom Engel bekommt

und das Jesuskind gebären wird.

Und der Josef sich lange am Kopf kratzt und im Bart,
was das jetzt wohl alles soll.


Und dann der Kaiser Augustus und die Volkszählung,
und alle müssen reisen,

und volle Straßen und Stau und alles auf den Beinen
und nirgendwo Platz und alles ist voll.
Es begab sich aber zu der Zeit,
Erwachsene werden Kinder

und Kinder werden ganz ruhig
und alle lassen sich erzählen
von dem Wunder, das zu Weihnachten geschieht.

 

DENN SIE HATTEN SONST KEINEN RAUM IN DER HERBERGE

 

Da trägt Maria das Kostbarste in sich,
was das Universum zu bieten hat,
und bekommt ihr Kind im Stall,
in Heu und Stroh, im warmen Mist.

Nirgendwo ein Zimmer frei.
Die beiden klopfen an alle Türen.
Immer das Gleiche: Haut ab, das Boot ist voll.
Es bräuchte eine Quote, das muss man regeln,
höhere Zäune, die Grenzen zu,
was wollen die alle hier, bleibt doch wo ihr herkommt,
kein Platz mehr hier,
für alle wird es nicht reichen.


Und die Wirte und die Hotelbesitzer
und die mit den großen Wohnungen,
in denen sie viel zu viel Platz haben,
denen steht der Schreck im Gesicht:
Diese Leute, die bedrohen mich,
ich kann kein Zimmer abgeben,
wo sollen denn alle meine Sachen hin,
und ich brauch´ nun mal viel Platz
und ich hab ja auch dafür gearbeitet,
und die sollen es jetzt umsonst kriegen, einfach so?

 

Und dann: geht die eine Tür auf,
hat einer Mitleid,
und da ist Hoffnung
auf dem vom Wehenschmerz verzerrten Gesicht.
Ein warmes Plätzchen, nur nicht mehr fliehen müssen und hetzen und suchen, sondern sein dürfen.
Gott schickt uns,

wir haben nichts, bitte teilt mit uns.
Also gut, um Gottes willen, ein Stall, eine Futterkrippe.

 

UND DER ENGEL DES HERRN TRAT ZU DEN HIRTEN

 

Der Engel zu den Hirten?
War bestimmt vorher beim Kaiser gewesen
Auf ein Tässchen Tee, nein danke, keine Milch

und nur einen kleinen Keks, am besten mit Schokolade,
ich muss dann rasch weiter.


Aber wohin denn, was kann wichtiger und angemessener sein als ein König oder Kaiser?

Ein Engel, bei den Hirten, um Himmels willen,
dieser Gestank, keine Dusche seit Jahren, uralte Kleider an,

und bestimmt alle eine Fahne.
Und wie die aussehen,
einmal rasieren und neuen Sachen und etwas Deo vielleicht.

Und dann ist er da, der Engel,
mitten drin, und nichts ist mehr wie es war,
sondern alles ist ganz klar,
keine Fragen bleiben da offen, keine.
Da kann sich keiner mehr verstecken,
denn sie sind gemeint, und das wissen sie,
keine Ausflüchte, nur sie,
nur du da unten und du, und ich.
Fürchtet euch nicht -
wenn das so einfach wäre.

 

UND DIE HIRTEN FÜRCHTETEN SICH SEHR

 

O ja, die Hirten, die haben Angst,

denen steht der Schreck im Gesicht, und wie.

Diesen harten Gesellen, die jede Nacht

die Herde beschützen vor dem, was Angst macht,

die haben nun selbst Schiss:

 

Nicht vor den wilden Tieren, die immer mal eines reißen,

nicht vor den Schafen, die sich abends nur mal kurz

eine Runde die Beine vertreten wollen

und dann nicht wieder nach Hause finden,

Nicht vor Lippengrind und Listerose,

vor Blauzungenkrankheit und Schafrotz.

Nicht mal vor den herablassenden Blicken der besseren Gesellschaft,

der Gebildeten und Besitzenden. Das alles kennen Sie.

 

Nein, Angst macht ihnen das, was sie nicht kennen.

Dieses ganz Andere, das sie jetzt hier auf dem Feld vor Bethlehem erleben.

Das nicht in ihre Welt passt.

Bislang war ihr Leben anstrengend,

aber ihre Welt, die war klar.

 

Ja ja, Gott, der interessiert sich nicht für mich.
Der hat ja keine Ahnung, Hartz IV und Weihnachten,
wie soll denn das gehen.

Der hat ja keine Ahnung, das Fremde nimmt überhand,
wir wollen unter uns bleiben, da wissen wir, wie das geht,
das Fremde macht Angst,
die Welt ist so kompliziert geworden,
ich versteh das alles nicht mehr.


Aber wenn dann einer sagt: Leute,

ist doch alles ganz einfach, die oder Ihr.
Für alle reicht es nicht, am Ende seid ihr die Gekniffenen,
dann denke ich, es ist doch alles ganz einfach vielleicht, oder?
Lass uns besser in Ruhe, Gott.
Es geht besser ohne dich und deine Klarheit.
Herrlich, diese Ruhe meiner kleinen Welt, kann alles so bleiben,
das kenne ich und da muss ich mich nicht fürchten.

 

UND DER ENGEL SPRACH: FÜRCHTET EUCH NICHT

 

Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst!

Denn Angst ist für Hirten dein ganz schlechter Ratgeber!

Ängstliche Hirten, die werden selber wie Schafe

und blöken rum und stolpern durcheinander

und keiner weiß mehr, wo es lang geht.

Und keiner fühlt sich verantwortlich

und vertreibt die Zähnefletscher

und Schafpelzwölfe,

und kein Schaf lässt sein Leben für die anderen Schafe.

 

So was macht die Angst
mit Schafen und Menschen,
das geht ganz schnell.
Und Gott weiß das.

 

FÜRCHTET EUCH NICHT. EUCH IST HEUTE DER HEILAND GEBOREN!

 

Vom Himmel die Stimme Gottes,

und die ängstlichen Herzen spüren

das Licht, das dem Volk vorangeht in der Nacht,

die Gewissheit, das dass Gott ein Gott ist, der mitgeht,

die Liebe, die immer wieder neu anfängt,

in Angst und Schuld.

 

Vom Himmel die Stimme Gottes,

die ruft: Geht durch das Meer der Angst,

ich bringe euch trockenen Fußes herüber,

vertraut mir, gebt mir eure Angst.

Ich nehme euer ängstliches Herz in die Hände

und gebe es euch zurück, gefüllt

mit Vertrauen und

mit Sehnsucht nach Begegnung

und mit fröhlichem Gesang.

 

Ich gebe euch ein neues Herz,

denn Neues muss werden,

das Alte vergehen,

nur so wird Zukunft.

Ein neues Herz für euch

und neue Zukunft

und ein neues Leben

Von dem, der sich euch heute schenkt.

Denn heute, heute dreht sich der Himmel um euch.

 

UND ALS DIE ENGEL VON IHNEN GEN HIMMEL FUHREN, SPRACHEN DIE HIRTEN UNTEREINANDER: LASSET UNS GEHEN GEN BETHLEHEM UND DIE GESCHICHTE SEHEN, DIE DA GESCHEHEN IST

 

Und die, deren Aufgabe das Bleiben war,

die gehen nun hinaus.

Hinaus aus ihrer Welt und hinein in das Fremde.

Der Angst entgegen und dem Unbekannten.


Und der Andere und die Andere,
denen hat man gesagt, Tod den Ungläubigen,
die haben Angst vor dem Leben,
nur im Himmel ist es schön, im Namen der Gewalt, schon als Kind.
Und das Herz ist längst zu Stein geworden
Und verhindert das Gehen, so schwer wiegt es.


Die Hirten gehen los, einfach los,
keine Ahnung vom Weg und wie das gehen soll,
und keiner war jemals im Leben weiter rumgekommen als bis zum Waldrand
am Ende der eigenen Vorstellungswelt.
Hirten wie wir.

 

UND ALS SIE ES GESEHEN HATTEN, BREITETEN SIE DAS WORT AUS

 

Das ging sehr zu Herzen,
die junge Familie, mitten im Mist, alles roch nach Tier,
Zum Glück wars einigermaßen warm.

Und Marias strahlt über beide Backen
und Josefs Augen leuchten
und das Kind schlummert.
Und die Tiere sind einfach da und wärmen
Und der Ochse gehört dazu und wird nicht weg geschickt weil hier grad was ganz schönes und Heiliges passiert.

Sondern sie gehören alle zusammen.


Die zauseligen ungewaschenen Hirten,
weder im Kindergarten gewesen noch zweite Fremdsprache gelernt
noch jemals ein Buch gelesen, und keiner redet gern mit denen.
Keiner, bis auf die heiligen Engel. Und den heiligen Gott.
Genau die Hirten sind seine ersten Ansprechpartner.
Denn sie sehen mit dem Herzen.
Und ihre Herzen sehen gestochen scharf und auf weite Entfernung,
und was sie sehen, davon wird bis heute erzählt:
Gott sieht uns!
Gott sieht dich!
Gott spricht mit dir!
Gott interessiert sich für uns, und für dich, und für Sie.


Da gehen die harten Herzen auf,
und die Angst um die Zukunft,
und die Angst vor dem Fremden
löst sich auf im „Fürchtet dich nicht – Weihnachten meint dich, ja dich!“  

 

Und sie breiteten das Wort aus, und gingen und sprachen so:
„An jenem Montagabend, in Berlin, auf dem Weihnachtsmarkt,
da haben sich nach statistischen Schätzungen allein in der Stadt
64.300 Menschen geküßt,
322.500 Menschen ihre Kinder gestreichelt und ihnen vorgelesen,
65.700 Menschen Pakete für Liebste und Ferne gepackt,
18.100 mit einem Flüchtigen zusammen Anträge ausgefüllt,
17.700 haben bedacht wie sie den Schreiern friedlich gegenübertreten können,
41.100 haben getanzt, weil sie das Leben lieben.“

Das aber hat niemand gemeldet,
aber so ist es auch gewesen.


Wir müssen das zu Weihnachten weitersagen,
denn wer soll es sonst tun,
Fürchtet euch nicht!

 

Ja die Hirten, die heulten Rotz und Wasser

und die Schafe schnieften sich
als sie das erzählten, zurück auf dem Feld.

Jetzt kann kommen was will,
Angst hat hier keiner mehr.
Hirten ohne Furcht in einer Welt voll Angst

– ein Weihnachtswunder.

 

DENN ALLES WAR SO, WIE ES DER ENGEL ES IHNEN GESAGT HATTE

 

Ja genau so wars gewesen,
wie gut dass sie dem Engel geglaubt hatten,
das ging ja weit über ihren Verstand,

und so ganz verstanden hatten sie es immer noch nicht.
Also, nicht dass man das erklären könnte,
und dann genau gewusst hätte, was da los war.

Aber sie erzählten die Geschichte immer und immer wieder,
und die die anderen Hirten konnten gar nicht genug davon kriegen
und die Viehbesitzer schüttelten jedes Mal wieder den Kopf,

die ollen Kamellen wieder,

alles Quatsch, Engel und Hirten, ja sicher.

Da oben ist nichts, und hier untern ist die Steuerliste des Kaisers.


Aber die Schafe,

die wollten jeden Abend wieder die gleiche Geschichte hören,

und die Kinder kamen extra raus auf die Weide,
und sie erzählten es ihren Freunden,
ihr glaubt gar nicht, was wir gerade gehört haben,
und einer erzählt es dem anderen,
ob er dabei war oder nicht,
ob er das glaubt oder nicht,

Es begab sich aber zu der Zeit.


Und so ist es bis heute, liebe Gemeinde,
Gott wird Mensch, für dich und für mich und für uns,
kommt aus dem Himmel mitten in dein Leben,
egal wie weit weg von Gott du bist oder wie nah dran an ihm.
Gott schenkt sich uns zu Weihnachten.
Fürchtet euch nicht!

 

Amen.