Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 10,34,35,42-48

Gemeindereferentin Gabriele Hänitz (kath.)

05.06.2017 ev. Radelandkirche, Berlin

Okumenischer Pfingstmontagsgottesdienst

Vers 45 lautet:Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.

Liebe Gemeinde, dieser Satz hat mich sofort gefesselt als ich ihn gehört habe.
Ich habe mich gefragt wenn kann man heute an die Stelle von Juden und Heiden einsetzen?

Eigentlich doch keinen! Solche Gegensätze kennen wir doch gar nicht mehr. Oder?
Dabei geht es mir gar nicht um die Juden. Sondern um die Gegensätzlichkeiten.
Nach einer Weile Nachdenken kam mir eine Szene in Erinnerung: Ich war sicher schon ein Jahr in einer Gemeinde in Lichterfelde Richtung Dahlem eingesetzt. Und eigentlich kam ich ganz gut zurecht. Ich habe da noch in Neukölln gewohnt, mitten im Kiez. Über das Quariersmanagement war ich gut mit den örtlichen Akteuren vernetzt. Man sprach darüber was man so am Wochenende unternehmen könnte und ich in meiner Begeisterung „Gehen Sie zu 48 Stunden Neukölln“ und erkläre das das ein Kunstevent der ganz besonderen Art ist und was man alles sehn und tun kann. Da begreift einer der Gesprächspartner: „die kommt aus Neukölln“ und macht innerlich einen Schritt zurück „Wie Sie kommen aus Neukölln?“ fragt er. „Da kann nichts Gutes herkommen!“ Ich hörte förmlich das „Igiiitt, igiiiitt!“

Und dann noch eine andere Szene: Ich stehe auf dem S-Bahnhof Neukölln und es ergießt sich von der Rolltreppe eine große Menge Menschen die eindeutig an der Kleidung, der Sprache für mich als rumänische Roma zu erkennen waren. Ich habe sofort Habacht-Stellung bezogen und meine Tasche fester an mich gezogen.

Vers 45 könnte also auch lauten:

Die gläubig gewordenen Deutschen, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Roma die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.

Vor nicht allzu langer Zeit lautete der Satz vielleicht auch:

Die gläubigen Katholiken, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Evangelischen die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.

 

Aber zunächst mal zum Rahmen des Predigttextes:

Die Apostelgeschichte berichtet von einer Vision des Petrus: Er sieht viele Tiere vom Himmel kommen und wird aufgefordert zu schlachten und zu essen. Als er sich weigert etwas unreines zu essen antwortet ihm eine Stimme das er nicht für unrein erklären kann was Gott für rein erklärt hat.

Schon vorher war dem gottesfürchtigen, römischen Hauptmann Kornelius in einer Vision geboten worden nach Petrus zu schicken. Petrus geht mit Begleitern nach Cäsarea und er betritt das Haus des Heiden. Dieser bittet ihn alles zu sagen was ihm vom Herrn aufgetragen wurde.

Petrus hält hier seine erste Predigt vor Nicht-Juden. Sie sind bereit für das zu verkündende Wort. Sie empfangen den Heiligen Geist und Petrus tauft. Da er auch bleibt wird er sie weiter unterwiesen haben.

Für sein Vorgehen muss Petrus sich später in Jerusalem bei seinen Apostelkollegen ausführlich rechtfertigen.

Der Evangelist Lukas komponiert sein Evangelium und dann die Apostelgeschichte in wachsenden Kreisen. Den Heiligen Geist empfangen zunächst die Apostel, dann die Urgemeinde, dann Samarien, dann Paulus und dann die Heiden, also alle Welt. Betont wird dadurch immer wieder: niemand kann die Rettung durch den Glauben, ausgedrückt im Zeichen der Taufe, verweigert werden. Auch nicht wenn nicht alle zum Glauben Gekommenen in der gleichen Geschichte (zum Beispiel in den Propheten) verwurzelt sind. Das Jetzt und die Zukunft sind entscheidend.

Bei den Befreiungstheologen habe ich das so gelesen: „Gott kommt vor dem Missionar.“ Der Besatzer und Hauptmann Kornelius war gottesfürchtig bevor Petrus zu ihm kam. Auch wenn ihm das niemals ein Jude/Petrus vorher zugetraut hätte. Petrus hat das lernen müssen. Und seine Begleiter auch.

Aus diesem Gedanken folgt keine Zwangsevangelisierung! Kornelius und Petrus wurden durch ihre tiefe Versenkung in Gott befähigt Mauern/Gräben gesellschaftlicher Konventionen zu überspringen. Sie wussten sich getragen von Gott und konnten sich so sicher sein das Richtige zu tun.

Auf diesem Hintergrund möchte ich noch einmal Vers 45 betrachten:

Die gläubigen Evangelischen, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Katholiken die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.

Es ist ja keineswegs so, dass es keine Probleme in der Ökumene gibt. Manchmal kommen die von „Oben“: so z.B. die neue Bibelübersetzung oder das Amtsverständnis und daraus folgend das Eucharistieverständnis. Aber nicht selten kommen die Mauer oder Gräben auch von „Unten“: Mir fallen da eine ganze Reihe ein: Was habt ihr denn für Traditionen? Was soll das mit Maria und Fronleichnam beisielsweite? Wenig Verständnis oder Unkenntnis der Organisationsstrukturen der jeweils anderen Kirche oder Gemeinschaft. Oder die Frage Wie politisch oder ebend auch nicht seid ihr den?

 

Der Gegensatz lautet also   Wir, die Tollen, die Guten  und    die Anderen, die Fremden.

Und dann die totale Überraschung: Die sind wie wir! Dort landet der Heilige Geist! Er fällt in der Hälfte der Übersetzungen sogar herab. Das heißt doch: die Fremden bekommen den Hl. Geist ob sie wollen oder nicht, weil sie so sind wie sie sind. Nämlich wie wir: gottesfürchtig und fromm! Mit Vers 34 und 35 aus dem Beginn der Rede des Petrus: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“

Der Kornelius und die übrigen Bekehrten in Cäsarea werden dann nicht weiter erwähnt. Wohl weil sie für den Siegeszug des Evangeliums nicht weiter wichtig sind. Aber wir hier heute sind für einander wichtig. Wir sind in den Familien, Arbeitsstätten, in bezirklichen Gremien, in Vereinen und wo auch immer mit einander verwoben. Es gibt dort keine strickte Trennung von evangelisch und katholisch. Daher ist es unsere gemeinsame Mission „dem Volk zu verkündigen“ wie weiter heißt „ und zu bezeugen: Das ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten. Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.“

Das bedeutet doch wohl, dass wir nur gemeinsam den Glauben zu verkünden haben. Das trifft erst mal jeden einzelnen von uns an seinem Ort, an seinem Platz. Das bedeutet zugleich dass wir das gemeinsam tun sollten, weil auch die jeweils anderen Christen den Heiligen Geist empfangen haben. In Berlin sind wir zusammen noch 30%. Zusammen wird man uns eher wahrnehmen als getrennt. Und der Aufgaben sind doch so viele: da berufen sich Menschen auf das jüdisch-christliche Abendland. Und dann erzählt mir eine Frau sie versucht auf Twitter immer wieder gegen die Hassbotschaften zu schreiben und wird dann als „Christin“ beschimpft.

Wie schwer ist es auch angesichts des sich ereignenden Leides in den helfenden Berufen zum liebenden Gott zu stehen und den eigenen Glauben als tragend wahrzunehmen. Und ihn dann auch noch so weiter zu erzählen.

Petrus und seine Begleiter haben erkannt das der Heilige Geist auf Kornelius und sein Haus herabgefallen ist, weil sie sie „In Zungen reden und Gott preisen“ hörten. Petrus konnte damit umgehen. Viele unserer Nachbarn würden wir überfordern, wenn sie uns nur in Zungen reden hören würden. Manchen kommt es heute eh schon so vor. Heute müssen wir Wert darauf legen, dass immer ein Übersetzender dabei ist. Und da ist es Not-wendend wenn wir Christen zusammenstehen. Dies hat nichts mit einer Wagenburg-Mentalität zu tun. Denn es geht darum einander zu stärken und zu stützen, damit wir das für wichtig und richtig erkannte in die richtige Form, in die richtige Rede bringen.

Ich finde diesen Vers 45 in diesem ökumenischen Gottesdienst betrachtet sollte uns stärken und ermutigen für das ganze Jahr: ja auch die Anderen, WIR haben den Heiligen Geist empfangen und WIR bezeugen ihn gemeinsam.