Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 2,21 ff

Dr. Ferdinand Schlingensiepen (ev.)

10.03.2017 Angermund

Liebe Gemeinde,

es gibt eine Vielzahl von Worten, mit denen ein Satz anfangen kann; aber das Wort denn gehört nicht dazu, weil diesem Wort notwendig eine Aussage vorausgehen muss. Denn dazu seid ihr berufen ... Wozu denn? Das zu sagen, haben sich die Theologinnen und Theologen, die die alten Episteln für die einzelnen Sonntage des Kirchenjahres ausgewählt haben, in diesem Fall nicht getraut; und ich kann das verstehen; denn was da steht, könnte die einen Gottesdienstbesucher so sehr schockieren, dass sie einfach abschalten würden. Andere könnte es in ein so tiefes Nachdenken stürzen, dass sie dem Prediger nicht mehr zuhören würden; und beides wollten das Auswahlgremium wohl unbedingt verhindern.

Weil aber jedes denn also auch dieses nach einer vorangegangenen Aussage ruft, und weil diese Aussage uns sehr viel über die Zeit erzählen kann, in der Petrus seinen Brief geschrie-ben hat, will ich sie Ihnen vorlesen. Ihr Sklaven, heißt es da, ordnet euch in aller Furcht euren Herren unter, nicht nur den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. Denn das ist Gnade, wenn jemand vor Gott um des Gewissens willen das Übel erträgt und leidet das Unrecht. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr um schlechter Taten willen geschlagen werdet und es geduldig ertragt? Aber wenn ihr um guter Taten willen leidet und ertragt es, das ist Gnade. Und dann folgt die Begründung: Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.

Ich kenne Menschen – und  es sind gar nicht so wenige – die sagen, hier hätten wir einen der entscheidenden Geburtsfehler der christlichen Kirche vor uns: „Sklavenmoral“ hat Friedrich Nietzsche das genannt. Petrus und Paulus hätten zum Kampf gegen die Versklavung von Menschen aufrufen müssen, statt – wie Petrus es hier tut – dazu aufzurufen, dass man das, was in der Welt nicht nur ungerecht, sondern empörend ist, willig ertragen soll. Dabei übersehen die empörten Kritiker, dass noch 1861 in den USA ein blutiger Krieg ausgebrochen ist, als mehrere Staaten aus der Vereinigung austraten, weil mit Abraham Lincoln ein Gegner der Sklaverei zum Präsidenten gewählt worden war. Bis heute ist es noch nicht gelungen, die Sklaverei überall in der Welt zu beseitigen. Als Paulus und Petrus an die kleinen christlichen Gemeinden schrieben, hätte man sie und ihre Anhänger kurzerhand ausgerottet, wenn sie die Abschaffung der Sklaverei öffentlich gefordert hätten; denn das gesamte Wirtschaftsleben basierte auf der Sklaverei; und wer so etwas verändern will, muss entweder wie Präsident Lincoln einen blutigen Krieg führen oder er muss es mit seinen Anhängern machen wie die kleinen Gemeinden des Urchristentums, die den scheinbar allmächtigen Staat nach und nach unterwandert haben. Und das kann man nur, indem man viele Menschen bekehrt und damit für eine völlig neue Einstellung gewinnt.

Zu Paulus ist einmal ein Sklave gekommen und hat ihm gleich gute Dienste geleistet; aber er war einem Herrn entlaufen, der durch Paulus zum Christentum bekehrt worden war. Paulus hat den Sklaven zurückgeschickt, aber er hat an dessen Besitzer einen Brief geschrieben, er solle seinen Sklaven liebevoll wieder aufnehmen und ihn behandeln wie einen leiblichen Bruder. Der Bruder eines freien Menschen ist ebenfalls ein freier Mensch Was heißt das anderes, als dass Paulus die Sklaverei innerhalb einer christlich gewordenen Welt nicht länger geduldet hätte. An Philemon konnte er das schreiben; öffentlich fordern durfte er das noch nicht. Als die christliche Kirche zur Staatsreligion geworden war, hätte sie dafür sorgen sollen sollen, dass die Mahnung des Philemonbriefes Gesetzeskraft bekäme; aber das hat sie unterlassen.

Es traf sich eigenartig, dass als ich die Predigt vorbereitete, im Spiegel ein Artikel über moderne Sklaverei innerhalb der Europäischen Union erschien. Westliche Firmen, darunter auch deutsche, heuern für ihre Lastwagen, die innerhalb von Westeuropa Waren ausliefern, Fahrer aus östlichen Ländern – wie Bulgarien und Rumänien – an und entlohnen sie so niedrig, dass sie wochenlang in den Fahrerkabinen wohnen müssen und trotzdem kaum Geld nachhause schicken können. Die ertragen das, weil sie sonst gar keine Arbeit hätten und weil sie keine Menschen haben, die für ihr Recht auf die Barrikaden gehen. Die Firmen, die sie einstellen, erzählen den Behörden, von denen sie befragt werden, kurzerhand Lügen-geschichten. Und große deutsche Firmen wie BMW lassen von diesen Firmen ihre Autos ausliefern, interessieren sich aber nicht dafür, warum der Transport so viel billiger ist, als er bei Transportfirmen mit deutschen Fahrern sein könnte. Wenn es um Gewinnmaximierung geht, gelten auch Menschenrechte plötzlich nicht mehr.

Petrus hat die christlichen Sklaven ermahnt, auch „wunderlichen Herren“ – wie Luther es so schön ironisch übersetzt hat – treu und ohne Murren zu dienen; und er rät uns allen, wenn uns Unrecht geschieht, es willig zu erdulden; denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nach-folgen seinen Fußstapfen. Ich denke Petrus und Paulus würden das heute von den Kraftfah-rern aus Rumänien und Bulgarien gar nicht verlangen, sondern die Europäische Union dazu auffordern, ihre Gesetze so zu fassen, dass ein menschenverachtendes Verhalten nicht mehr möglich wäre, sondern aufgedeckt und bestraft werden könnte.

Aber damit wäre nur ein schweres Unrecht unmöglich gemacht. Leiden in vielfachen Formen würde es auch weiterhin geben; und da ist das Wort von dem Vorbild, das Christus uns hinterlassen hat und von seinen Fußstapfen, in die wir treten sollen, ein sprechendes Bild.

Bei einer schwierigen Bergwanderung über rutschiges Gelände oder verschneite Hänge braucht man einen Führer, der den Weg bahnen kann, weil er ihn kennt. Er kennt die Gefahren, die rechts und links drohen. Wer in seine Fußstapfen tritt, kommt sicher ans Ziel. Petrus ruft die Gemeinden, an die er schreibt, auf einen schwierigen Weg, weil es ein Leidensweg ist, und wer leidet schon gern? Damals wie heute hat sich gewiss niemand danach gedrängt. Wir sollen das Leiden auch nicht etwa mutwillig auf uns ziehen; aber vermeiden können werden wir es so wenig wie die Sklaven, die wunderliche Herren hatten. Das griechische Wort, das Luther mit  „wunderlich“ übersetzt hat, das griechische skolios, heißt eigentlich „krumm“, und – wenn es im übertragenen Sinne gebraucht wird –  „ungerecht“. Petrus weiß: In der Welt ist vieles krumm, es gibt keine Garantie für Gerechtigkeit, schon gar nicht, wenn man anders denkt und anders handelt als die große Menge. Aber es gibt einen, der uns den Weg durch die krumme Welt gebahnt hat: den gekreuzigten und von Gott auferweckten Herrn Jesus  Christus. Er geht mit uns und hält seine Hand über uns.

Petrus beschreibt die Fußstapfen Jesu. Er hat keine Sünde getan und in seinem Mund fand sich nie ein Betrug. Er hat Gottes Gebote gehalten und niemanden getäuscht. Seine Gegner konnten ihn schmähen und verleumden. Man hat ihn bedroht. Er hat das alles still erduldet. Es ist nie so gewesen, dass er das alles einfach an sich hätte ablaufen lassen. Aber er wusste: Ich diene meinem himmlischen Vater, und er wird die richten, die Unrecht tun.  Er stellte es dem anheim, der gerecht richtet.

Und dann kommt der Satz, der Jesus weit über uns hinaus hebt: Er hat unsere Sünde selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Er hat uns, die wir es mit seinen Fußstapfen gar nicht immer so genau nehmen, unsere Sünden abgenommen. Seien wir ehrlich: Wer von uns lässt sich schmähen oder bedrohen, ohne dagegen zu halten? Wer von uns hat nicht schon gelogen? Können wir überhaupt in die Fußstapfen Jesu treten?

Als Jugendliche haben wir Alten uns über den Spruch der Soldaten gefreut : „Man darf alles, man darf sich nur nicht erwischen lassen.“ Als Erwachsene haben wir das nicht mehr gesagt, es war für uns keine Devise mehr, aber trotzdem hat Jesus Christus, der uns den Weg gebahnt hat und immer noch bahnt, Mühe mit uns. Ich frage noch einmal: Können wir das überhaupt: in die Fußstapfen Jesu treten? In die Wiege gelegt ist uns das ganz sicher nicht. Schon im Alten Testament steht: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Petrus hat das gewusst, und jeder von uns, der sich ehrlich prüft, weiß es auch.

Aber Petrus beschreibt, wodurch unsere Lage verändert worden ist. Er blickt auf den Weg Jesu und sagt: Durch seine Wunden seid ihr heil geworden! Er zitiert damit den Propheten Jesaja: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen, wir aber hielten ihn für den, der von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Sünden willen geschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Jesus Christus hat unsere Sünde selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.

Es ist etwas geschehen, das unser Leben grundlegend verändert hat. Es ist etwas geschehen, durch das der Weg in den Fußstapfen Jesu überhaupt erst möglich geworden ist.

Wenn wir ihm vertrauen, dann geht er unseren Weg mit uns, dann macht er unsere Sache zu seiner Sache.

Wichtig ist hier das Wort „Gerechtigkeit“. Da steht nicht einer mit einem Messgerät und prüft, ob das, was wir getan haben, verzeihlich oder unverzeihlich ist und der uns für das, was uns gelingt, lobt und für das, was uns misslungen ist, tadelt, sondern Gerechtigkeit beschreibt hier die Beziehung, die wir zu ihm haben. Die ist richtig, wenn wir auf ihn und seine Leben schaffende Kraft vertrauen.

Es ist etwas geschehen, das uns verwandelt hat, sagt Petrus und das ist so, als ginge über diesem Predigttext plötzlich die Sonne auf und ließe alles in einem fröhlichen Licht erstrahlen: DENN IHR WART WIE DIE IRRENDEN SCHAFE; ABER IHR SEID NUN BEKEHRT ZU DEM HIRTEN UND BISCHOF EURER SEELEN.

Wir haben vorhin den 23. Psalm gebetet: Der Herr ist mein Hirte. Für viele Menschen war und ist es der schönste aller Psalmen. Gutes und Barmherzigkeit werden uns folgen unser Leben lang, weil wir diesen Hirten haben. Das gilt den Juden, die Gott als sein Volk auser-wählt hat; und es gilt allen, die Jesus zu seinen Jüngern gemacht hat und die seinen Fußstap-fen folgen.

Ich habe, ehe ich konfirmiert wurde. meinen Vater gefragt, welchen Konfirmationsspruch er mir denn geben würde. Er sagte: „Du bekommst den schönsten, den es gibt.“ Als ich dann vor 73 Jahren am Altar kniete, gab er mir den Spruch: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Ich weiß noch, dass ich gezuckt habe: Das soll der schönste Spruch sein? Ich bin doch kein Schaf. Aber das dauerte nur so lange, bis ich über den Spruch nachdachte. Bei dieser Zusage kommt es auf den Hirten an, den wir alle brauchen, und auf die Gemeinschaft, in der wir unseren Weg gehen. In einer Schafherde sehen zwar alle Tiere gleich aus; aber untereinander sind sie verschieden, und darum kennt der Hirte jedes einzelne Tier genau. Alle müssen sie gehütet werden, weil sie sich sonst verlaufen würden. Jesus ist der Hirte, der uns zusammen-hält und der Bischof, der über unsere Seelen wacht. Er kennt jede einzelne genau, jede einzelne Seele ist ihm wichtig. Das erkennen und daran festhalten, heißt glauben. Von daher scheint ein helles Licht auf unseren Weg, auch gerade dann, wenn die Fußstapfen Jesu uns über ein schwieriges Gelände führen.

Amen.