Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,14

Pfarrerin Siegrid Geiger (ev.)

24.12.2015 Jesus-Christus-Kirche in Esch

Christvesper

Liebe Schwestern und Brüder,

als ich begann, schon einmal vorsichtig über diese Predigt nachzudenken, war es Ende November.

Deutschland war erschüttert von den Anschlägen in Paris, und man spürte die Angst, dass so etwas auch bei uns passieren könnte.

Was jetzt schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist, beherrschte die Medien tage-, wochenlang, noch dazu verquickt mit militärischen Entscheidun-gen und der Debatte über die Flüchtlinge in unserem Land.

Da fragt man sich schon, wie es dieses Jahr Weihnachten werden soll. Wie man dieses Fest feiern kann, auf solchem Hintergrund. Und wie man eine „runde“ Weihnachtspredigt schreiben kann, in solcher Unruhe und Verwirrung.

Rückzug in die Idylle? Mitspielen beim Aufrichten einer Fassade, die dann nach den Feiertagen doch schnell wieder bröckelt?  

 

Es hilft nichts, am Ende muss man etwas sagen am Heiligen Abend. Wie, das muss sich dann finden.

So fing ich an, ein Predigt-Tagebuch zu schreiben, genau so bruchstückhaft und scheinbar ohne roten Faden wie unsere Zeit zu sein scheint…

Und dieses Tagebuch möchte ich Ihnen heute zu lesen bzw. zu hören geben.

Gott selbst muss daraus eine Weihnachtspredigt machen.

Denn wenn es einen roten Faden gibt, dann gibt es den nur durch Gottes Geist. Durch Seine Weisheit. Nicht durch unsere.

 

 

Also, der erste Eintrag:

Montag, 30. November.

Der erste Advent ist vorbei. Der Countdown läuft, könnte man sagen.

Ich schaue mir den Predigttext für Heilig Abend an, Johannes 1,14:

 

Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns,

und wir sahen seine Herrlichkeit.

Eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,

voller Gnade und Wahrheit.

 

Nur ein Vers, aber der reicht auch schon.

Sprachlich stark und ziemlich geheimnisvoll.

 

Wie soll ein Wort Fleisch werden? Wie kann ein Wort wohnen?

Was ist ein eingeborener Sohn und – wenn da von Jesus die Rede ist, wie sah man ihm die Herrlichkeit an?

War es nicht gerade das Problem, dass er aussah wie ein einfacher Mensch und man es ihm eben nicht ansah, dass er Gottes Sohn war?  

 

Eigentlich ist der Vers zu schön, um ihn so aufzudröseln.

Nimmt man ihm damit nicht seine Kraft?

Muss man ihn nicht einfach so stehen lassen?

 

Na, zumindest werde ich erklären müssen, warum Johannes vom Wort spricht, als wäre es lebendig, aktiv.

Das Wort wurde Fleisch.       

Johannes fängt sein Evangelium ja schon so an: Im Anfang war das Wort.

 

Als würde er genauso beginnen wie auf der ersten Seite der Bibel in der Schöpfungsgeschichte: Und Gott sprach – es werde Licht!

Gott spricht, und es geschieht. Genau so eine Schöpfung soll es bei Jesus sein.

Eine Schöpfung aus dem Nichts.

Gott spricht – und ein Mensch wird geboren.

 

Fleisch ist das Wort für den Menschen, griechisch: sarx.

Aber vor allem für den Menschen in seiner Hinfälligkeit und Vergänglichkeit. Alles Fleisch ist wie Gras, sagt Jesaja. Es verdorrt, es verwelkt, es verweht.

Also ist da von Anfang an ein Ton drin, der die Leidensgeschichte schon vorwegnimmt.

Jesus, ein jüdischer Mensch, am Ende hingerichtet, gekreuzigt, gestorben, begraben.

Und das in der Weihnachtspredigt? O je, hoffentlich beschwert sich keiner, dass ihm das die Stimmung verdirbt am Heiligen Abend!

 

Freitag, 4.12.

Ich lese schon beim Frühstück in der Zeitung eine Meldung, die leider nur zu bezeichnend ist. Eine große Schokoladenfirma wird per Facebook mit Boykott-Ankündigungen konfrontiert. Ich kaufe keine Produkte Ihrer Firma mehr!, schreiben einige empörte Nutzer. „Ein muslimischer Kalender ist die Verdrängung unserer Weihnachtstradition!“

Was war geschehen? Die Firma verkaufte einen Adventskalender 1001 Weihnachtstraum mit einem schönen Dekor mit orientalischen Kuppeln, Kamelen und Sterndeutergestalten.

Zum Glück blieb die Firma cool und postete zurück:  „Die Verpackung stellt die damaligen Lebensumstände dar. Dazu gehört auch Architektur und Kultur, wie sie in der orientalischen Welt zu Christi Geburt gewesen sein könnte. Im übrigen wird dieser Kalender schon seit über 10 Jahren genau so verkauft.“

 

 

Nur ein kleines Beispiel ist das für einen Kulturkampf, der ausgerufen wird, weil man eigentlich gar nicht mehr weiß, woher die eigene Tradition kommt.

Letztlich interessiert die Herkunft Jesu gar nicht wirklich.

„Christlich“ ist hier nur ein anderes Wort für dagegen – gegen die anderen, gegen die Fremden, gegen eine Gefahr, die wahlweise in der Geschichte mal rot, mal gelb und jetzt eben muslimisch genannt wird.

Und dann werden bei den Pegida-Demonstrationen auch noch christliche Lieder gesungen und Kreuze mitgetragen in schwarz-rot-gold!

Da öffnet es einem noch einmal die Augen, zu hören:

Das Wort wurde Fleisch.

Und das geschah nicht in Deutschland, sondern in Palästina.

Ein großer Theologe (Karl Barth) hat es noch klarer übersetzt: „Das Wort wurde Fleisch – nicht in irgendeiner Allgemeinheit, sondern jüdisches Fleisch“.

Ganz konkret an diesem Ort zu dieser Zeit: in Bethlehem, der Stadt Davids, zur Zeit, als Quirinius Statthalter in Syrien war.

Bevor wir Jesus für uns hier und heute in Anspruch nehmen, müssen wir das erst einmal verstehen und akzeptieren. 

 

Sonntag, 6.12. , 2. Advent

Ich werde vor dem Gottesdienst angesprochen: Es gehen Gerüchte um in Esch, wir hätten die Kirche der Stadt als Flüchtlingsunterkunft angeboten. Diese Kirche, in der wir hier sitzen. Und jetzt hat man Sorge in der Nachbarschaft, dass dadurch das schöne, ruhige Umfeld gestört wird. Es reicht doch schließlich, wenn die Leute in die Turnhalle kommen oder auf den Acker draußen, am Ende des Ortes, da müssen diese Evangelischen doch nicht noch vorpreschen und ihre Kirche anbieten!

Leider, muss ich zugeben, stimmt das Gerücht nicht. Wir brauchen die Kirche ja ab Sommer für 2 Bezirke, und die sanitären Anlagen geben auch wirklich nicht viel her. Aber wäre es nicht ein wunderbares Signal gewesen? Menschen hier in Gottes Haus ein Dach über dem Kopf zu geben?

 

 

Stattdessen geben wir uns damit zufrieden, dass seit Monaten Menschen in Chorweiler im Zelt leben. Wo doch große Gebäude reichlich leer stehen. Kasernen zum Beispiel.

Im Zelt – hätte sich jemand vor einem halben Jahr vorstellen können, dass es in Deutschland eine solche Unterbringung ernsthaft geben könnte – außer in Ferienlagern? Auch, wenn in Chorweiler alles gut läuft - dank der Johanniter und zahlreicher Ehrenamtlicher – das ist schon ein Ausnahmezustand.

Ich denke wieder an den Johannestext. Das Wort wohnte unter uns.

Wörtlich steht da: es zeltete unter uns. Es war mit uns unterwegs - wie Gott damals in der Wüste im Zelt der Begegnung bei seinem Volk war. Das Zelt zog mit und wurde immer wieder abgebaut und aufgebaut, und an jedem Ort, an jeder Station war Gott da und ging den Weg mit. Er ließ sich befragen und erleben, und wenn Mose im Zelt der Begegnung gewesen war, trug er den Glanz Gottes mit hinaus zu den anderen. 

Niemand hat Gott je gesehen, heißt es in Johannes vier Verse später, aber der eine Sohn, der aus Gott ist und bei Gott, der hat ihn uns gezeigt.  

Das Wort zeltete unter uns. Das heißt aber auch: dieses Hiersein blieb provisorisch. Nur für eine begrenzte Zeit war Jesus unter uns. Dann wurde das Zelt gewaltsam abgebrochen.

Von Anfang an war es kein festes Haus. Die Geburt in der Futterkrippe. Das Leben als Prediger auf Wanderschaft von Ort zu Ort. Angewiesen auf Gast-freundschaft und Annahme. Und am Ende steht das Kreuz. Und doch hat dieses kurze Leben diese Welt bewegt und verändert.

Das Wort zeltete unter uns.

Das ist die Herrlichkeit dieses Wortes.

Und seine Gnade und Wahrheit. 

In unserer Mitte zeigt es uns Gott - wie er wirklich ist.

Müssten wir dann nicht heute eher im Zeltdorf in Chorweiler nach Gott suchen - und nicht hier in der Kirche?

 

 

 

Freitag, 11.12.

Die Meldung des Tages: Baby auf dem Standstreifen der A 57 geboren – Blitzgeburt im morgendlichen Stauwahnsinn bei Krefeld

Der kleine Leon wollte dann doch schon eher das Licht der Welt erblicken. Und als seine Eltern noch eiligst auf dem Weg nach Köln waren, gebar ihn seine Mutter, ehe Feuerwehr und Krankenwagen das Auto erreichen konnten.  Nur die Nabelschnur musste noch durchtrennt werden.

Solch eine Nachricht ist natürlich etwas für die Vorweihnachtszeit und rührt die Herzen. Zu Recht: eine Geburt zur Unzeit, aber glückliche Eltern und ein Kind, das das ganze Leben noch vor sich hat. Das ist ja auch etwas Besonderes.

Und schön ist auch das Ende der Meldung: Mitte der 90er Jahre ist die kurdische Familie aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Inzwischen sind sie überzeugte Kölner. Die Kinder fühlen sich wohl in der Domstadt. Nur ein Geschwisterchen ist nun etwas anders, ein Kölner mit Migrationshintergrund. Geburtsort: Krefeld. Zumindest aber ist Leon auf der richtigen Rheinseite geboren worden.

 

Dienstag, 15.12.

Im Unterricht der 3. Klasse schauen wir uns eine Landkarte von Israel an.

Die Kinder finden nach einigem Suchen die Orte Nazareth und Bethlehem

und finden heraus: 145 km liegen dazwischen.

Ich freue mich, wie empathisch sie sind. Das war ein weiter Weg für Maria und Josef, und das noch dazu in der Schwangerschaft!

145 km ohne Bahn, ohne Auto. Höchstens mit einem Esel für das Gepäck.

Ein weiter Weg, damit Jesus in Bethlehem geboren werden kann und die Stadt Davids seine Heimatstadt wird.

Plötzlich sagt Hadi, unser muslimischer Schüler: „Da ist mein Land!“

Und er zeigt auf den Schriftzug Libanon, ganz oben auf der Karte.

Wann mag seine Familie hierher gekommen sein?

Wie nah das alles beieinander liegt. Auf der Landkarte und im richtigen Leben.

 

Und wie gut, dass Hadi inzwischen hier zu Hause ist und in seiner Klasse Freunde hat, die mit ihm durch dick und dünn gehen.

 

Freitag, 18.12.

Probe für das Krippenspiel. Das Stück heißt: Zeit für Weihnachten, und es handelt von Familien, die nach und nach entdecken, dass man sich für Weihnachten tatsächlich Zeit nehmen muss, wenn man seinen Sinn verstehen will.

Stattdessen beherrscht ja bei so vielen eine unglaubliche Hektik die Tage der Vorbereitung, und mit hängender Zunge kommt man am Heilig Abend an und fragt sich: Wozu eigentlich das Ganze?

Kann es das sein?

Die Jugendlichen spielen die genervten Eltern täuschend echt.

Kein Wunder, das Drehbuch hat wohl die Realität gut erfasst.   

 

Dienstag, 22.12.

Generalprobe für das Krippenspiel. Ob wir das richtige Thema gefunden haben?

Die Zeitung gibt heute Tipps für die Vermeidung und Bewältigung von Weihnachtsstress, Weihnachtsstreit, Weihnachtskrisen.

Das ist doch wirklich absurd, was aus diesem Fest geworden ist.

Wir Menschen scheinen das Feiern verlernt zu haben.

Ursprünglich sollte es doch einmal eine Unterbrechung der Arbeit sein – eine Zeit zur Freude – ein Ruhepunkt zum Kraft schöpfen!

Das kann es doch wirklich nicht sein, dass wir uns hinterher erholen müssen von Weihnachten!!! Oder lieber gleich in die Karibik fliegen...

Wie schaffen wir es, das ganze Drumherum mal herunter zu schalten?

Nicht im banalen Sinne: mach mal langsam…

Sondern so, dass wie wirklich in einen inneren Frieden hinein kommen?  

 

Und in eine Haltung der Anbetung:  Mystik – Meditation – wie geht das heute?  

Ich steh an deiner Krippen hier - aus dieser Quelle können wir schöpfen für alles, was auf uns zukommt… das wäre die Weihnachtsentdeckung 2015.

 

Donnerstag, 24.12.

Ich schaue in meinen Adventskalender, um mir für den Tag – für diesen Tag, auf dem so viele Erwartungen liegen - noch einen Impuls geben zu lassen.

Nicht zufällig steht da heute ein Text von Karl Rahner. Also zum Schluss noch eine gute Portion Ökumene:

Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt.

Ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann,

weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott selbst in der Welt ist.

Und dieses Wort heißt:

Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.

Ich bin da. Ich bin bei dir.  

Ich bin deine Zeit. Ich weine deine Tränen. Ich bin deine Freude.

Ich bin in deiner Angst, denn ich habe sie mitgelitten. Ich bin in deiner Not.

Ich bin in deinem Tod, denn heute begann ich mit dir zu sterben,

da ich geboren wurde.

Und ich habe mir von diesem Tod wahrhaftig nichts schenken lassen.

Ich bin da.

Ich gehe nicht mehr von dieser Welt weg, wenn ihr mich jetzt auch nicht seht.

Und meine Liebe ist seitdem unbesieglich.

Ich bin da. Es ist Weihnachten.

Zündet die Kerzen an. Sie haben mehr Recht als alle Finsternis.

Es ist Christnacht, und die bleibt in Ewigkeit. Amen.