Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Samuel 13,1–20

Pastorin Elke Hoffmann (ev.)

22.03.2016 Marienkirche in Bad Segeberg

Predigt Teil I: Tamar spricht

Tamars Gedanken und Gefühle und der fachliche Blick (drei Sprecherinnen)

Tamar:

Nichts ist mehr, wie es früher war. Ich fühle mich fremd in meinem Körper, fremd in meiner Familie, fremd in meinem Leben. Alles, was vorher nah und vertraut war, fühlt sich jetzt ganz fremd und weit weg an. Ich gucke darauf wie auf einen Film, der sich neben mir abspielt. Ich bin nicht normal.

Die Beraterin:

Das, was Du fühlst, ist normal. Das, was Du erlebt hast, ist nicht normal. Was Du erlebt hast, war so schlimm, dass Du davon abrücken musst. Damit Du weiterleben kannst, trennst Du die Gefühle von Dir ab.

Der fachliche Blick:

Sexuelle Gewalt ist eine massive Grenzverletzung. Um die damit einhergehenden Schmerzen und Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Ekel aushalten zu können, findet eine Notfallreaktion statt: Das Gehirn spaltet Erleben und Gefühle ab – dissoziiert, sodass die Situation überlebt werden kann. Das Sich- Fremd- oder Sich- Fern- Fühlen ist also eine normale Reaktion auf etwas, was nicht normal ist.

 

Tamar:

Ich finde keine Ruhe mehr und schrecke nachts aus dem Schlaf hoch. Ich sehe auch am Tag immer wieder Bildfetzen von der Krankenkammer, die mich wie aus dem Nichts überfallen. Es gibt kein Entkommen. Ich kann die Gewürze der Krankenspeise, die ich für Amnon gemacht habe, nicht mehr riechen. Mir wird so übel von dem Geruch.

Die Beraterin:

Die Situation, die Du erlebt hast, war eine absolute Überforderung und leider passiert es immer wieder, dass Du durch Gerüche und Geräusche aufgeschreckt wirst. Es braucht Zeit, bis Du Dich innerlich wieder sicher fühlst.

Der fachliche Blick:

Die Verarbeitung einer massiven sexuellen Grenzüberschreitung wie einer Vergewaltigung braucht Zeit und gelingt nur unter bestimmten Bedingungen. Das Erlebnis wird in emotional hoch aufgeladenen Bruchstücken abgespeichert, die in Ruhephasen und ausgelöst durch Außenreize auch später immer wieder auftauchen können. Insbesondere Gerüche, aber auch Geräusche und Bilder lösen intensive Gefühle aus. Die Frau erlebt dadurch die Vergewaltigungssituation immer wieder so, als würde sie im Hier und Jetzt stattfinden.

 

Tamar:

Amnon ist doch mein Bruder – wieso hat er das getan? Ich dachte, er hat mich lieb. Vielleicht hätte ich nicht zu ihm in die Kammer gehen sollen? Habe ich beim Essen zubereiten irgendetwas falsch gemacht- ihn irgendwie ermutigt? Vielleicht hätte ich etwas anders machen oder etwas anderes sagen sollen?

Die Beraterin:

Nein, Du bist zu ihm gegangen, weil Du dachtest, er braucht Deine Hilfe.

Der fachliche Blick:

Auch bei den Schuldgefühlen handelt es sich um einen Schutzmechanismus. Das Empfinden von Schuld schützt vor noch schlimmeren Gefühlen: den unaushaltbaren Gefühlen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Solange eine Frau sich schuldig fühlt, hat sie noch die Illusion, sie hätte etwas anders machen und Einfluss nehmen können. Schuld ist dann leichter zu ertragen als das Gefühl totaler Hilflosigkeit.

Hartnäckige gesellschaftliche Klischees tragen immer noch dazu bei, Schuldgefühle zu verstärken. Immer noch wird Frauen unterstellt, Täter ermutigt, sich nicht genug gewehrt oder durch Verhalten oder Kleidung provoziert zu haben.

Die Schuld für sexuelle Übergriffe liegt allein beim Täter. Er muss diese Schuld anerkennen, Verantwortung übernehmen und für Wiedergutmachung sorgen.

 

Tamar:

Ich ekele mich vor mir und fühle mich schmutzig. Ich hasse meinen Körper und schäme mich. Vielleicht bin ich schlecht und habe nichts anderes verdient.

Die Beraterin:

Du hast keinen Grund, Dich zu schämen. Der Dir das angetan hat, muss sich schämen.

Der fachliche Blick:

Nach sexualisierter Gewalt treten immer auch Schamgefühle auf, weil ein besonders intimer Körperbereich betroffen ist. Den Ekel empfinden Frauen oftmals als Makel, der ihrem Körper und ihrer Person anhaftet. Das absolute Fehlen von Wertschätzung, was mit einem sexualisierten Übergriff einhergeht, beeinflusst oftmals das Selbstbild der Frau: Ihr Selbstwertgefühl leidet, sie empfindet Ekel sich selbst gegenüber und schämt sich.

 

Tamar:

Ich weiß sowieso nicht mehr, wem ich noch trauen kann, ich habe irgendwie meine Fähigkeit verloren, Menschen einzuschätzen. Jeder Blick macht mich misstrauisch, und ich fühle mich so einsam. Niemals kann ich jemandem erzählen, was passiert ist.

Wo soll ich hin und was kann ich tun?

Die Beraterin:

Du bist schon den ersten Schritt gegangen und sprichst mit mir. Ich habe Zeit für Dich, stehe an Deiner Seite und helfe Dir, Boden unter den Füßen zu bekommen, damit Du die nächsten Schritte sicherer machen kannst.

 

Der fachliche Blick:

Über das Erlebte zu reden bedeutet nicht, alles im Detail schildern zu müssen, sondern ein Gegenüber zu haben, das bei der Einordnung von Symptomen hilft und dabei unterstützt, wieder das Gefühl von Kontrolle über das Leben zu bekommen. Wir als Mitarbeiterinnen einer Fachberatungsstelle sind dieses Gegenüber und begleiten Betroffene von sexualisierter Gewalt auf ihrem mühsamen Weg. Wir können das, was sie erlebt haben, aushalten, begleiten sie und geben Anregungen und Hilfestellung, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

•  Musik (Orgel): Marcel Dupre „Jésus console les filles d'Israel qui le suivent“

•  Evangelium Lukas 13, 10 – 13

•  Glaubensbekenntnis: Vera-Sabine Winkler „Glaubensbekenntnis in schweren Zeiten“

•  Lied: Meine Not und Schmerzen (Carola Moosbach) Mel. EG 97

•  Predigt Teil 2:

Das Schweigen brechen. Unser Thema in diesem Gottesdienst.
Das Schweigen brechen. Das will auch Tamar. Sie geht zu Absalom, ihrem Bruder. Doch der sagt zu ihr: Schweig still. Nimm dir die Sache nicht so zu Herzen. Er ist dein Bruder.

So wird zu ihr gesagt. So wurde zu vielen gesagt, die erlebt und erlitten haben, was Tamar erlebt und erlitten hat.
Und so sagt man noch heute.

Das Schlimmste war, dass ich nicht darüber reden konnte, erzählen viele Betroffene.
Wir haben eben gehört, wie hilfreich es sein kann, zu reden.

Tamar wird diese Möglichkeit genommen.

Sie wird zum Schweigen verurteilt. Ihre Verletzung, ihre Traurigkeit, ihre Scham, ihr Zorn, das Unrecht, das er ihr angetan hat: alles ihre Sache. Sie soll es für sich behalten. In sich einschließen.

Manchmal kann das helfen zu über-leben.
Doch: Oft löst es neue Leiden aus. Der Körper streikt. Die Seele verkrümmt.

Und sieh doch:
Da war eine Frau.
Seit achtzehn Jahren wurde sie von einem Geist geplagt,
der sie krank machte.
Sie war verkrümmt
und konnte sich nicht mehr gerade aufrichten.

Wir wissen nicht, was sie krank macht, diese Frau.
Ein Geist, der sie plagt, heißt es.
Ist es der Geist der Erinnerung? An den Schmerz, den Ekel, die Erniedrigung, die Angst? Ist es der Geist des Schweigens, des Ver-Schweigens. Das Unaussprechliche nicht aussprechen zu können oder zu dürfen. Die Worte, die in der Kehle, in der Seele, stecken bleiben.
18 Jahre lang.
18 Jahre lang krank, vielleicht isoliert, möglicherweise einsam.
Vielleicht scheint nach außen hin alles normal.
Familie, Kinder, Beruf.
Und doch: Da ist diese Erinnerung, die ich beiseite schieben will und manchmal, oft, nicht kann.
Die Vergangenheit reicht in die Gegenwart.
Hat sich in Körper und Seele eingeschrieben.
Nicht immer ist nach außen hin sichtbar, was uns krank macht. Die Last, die uns niederdrückt. Krümmt.
Doch es könnte helfen, wenn sie gesehen würde, diese alte, offene Wunde, jener Schmerz, der mich innerlich-äußerlich gekrümmt sein lässt.

Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich.

Wenn ich diese Worte lese oder höre, entsteht vor meinem inneren Auge das Bild einer überfüllten Synagoge. Die Menschen drängen sich, wollen Jesus hören. Die gekrümmte Frau steht am Rand. Versucht nicht aufzufallen.

Will möglichst unsichtbar sein.
Aber: Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich.
Unruhe entsteht. Gemurmel. Was will er denn?
Wen meint er?
Vielleicht ein Erschrecken bei der gekrümmten Frau, die spürt: Ich bin gemeint. Erstaunen.
Ein Gang, der sich in der Menschenmenge öffnet.
Unsicherheit beim ersten Schritt, dem zweiten.
Die verstohlenen Blicke der Menschen auf dem gekrümmten Rücken.
Doch der Blick Jesu, den sie vielleicht nicht sehen, aber spüren kann, lässt die Menschen und alle Unsicherheit verschwinden.
Ein Raum entsteht im Raum.
Ein Raum, in dem ich mich das erste Mal seit langem sicher fühle.

Ich werde gesehen, so wie ich bin. Mit meiner gekrümmten Seele. Mit dem Un-aus-sprechlichen, das mir in der Kehle, in der Seele, steckt. Mit meiner Scham, meiner Wut. Mit meinen Tränen.

Jesus sagte zu ihr:
"Frau, du bist von deiner Krankheit befreit!"
Und er legte ihr die Hände auf.

Und sie richtete sich auf und lobte Gott.

In dieser Jesus-Geschichte geht das schnell.
Manchmal ist das so.
Oft ist es anders. Es dauert lange, bis das Vertrauen ins Leben wieder wächst. Das Vertrauen mich selbst,
Doch:
Jesus legt mir die Hände auf. Heilsam. Meine Seele wird angerührt.
Und leise und behutsam beginne ich, mich aufzurichten.

„Weil du mich niemals aufgibst, Gott, kann auch ich wieder aufstehen.
Weil du dich niemals taub stellst, Gott, kann auch ich alles sagen.
Noch das Schwerste nimmst du auf und redest es nicht schön und zauberst es nicht klein.
Das wäre mir manchmal lieber.
Die Sorgen schickst du zu mir zurück. Aber jetzt haben sie Flügel und bewegen sich leichter.
Die Scham hat in dir einen Namen gefunden. Jetzt kann ich sie aussprechen.
Neue Kräfte schickst du in meine Müdigkeit, Gott, und die Dunkelheiten werden begehbar in deinem Licht.
So vieles traust du mir zu und richtest mich auf, immer wieder.
Aus deiner Fülle schöpfe ich Leben und singe das Lied deiner Ehre.“ (Carola Moosbach)

Amen.