Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 3,21–28

Dr. Christian Wetz (ev.)

30.10.2016 Ev.-Luth. St.-Lamberti-Kirche Oldenburg

Vorausgriff auf den Reformationstag

Liebe Gemeinde,

 

Paulus schreibt hier große Worte: Gesetz – Gerechtigkeit – Glaube – Sünde – Sünder – Blut – Sühne – Erlösung. Sie schwirren, dem Römerbrief entstiegen, uns um die Ohren und im Kopf herum. Sie bleiben, wie vieles bei Paulus, rätselhaft. Die schwirrenden, irrenden, verwirrenden Wörter sind uns dem Klang nach wohlvertraut, wir unterstellen ihnen größte theologische Bedeutungsschwere, doch: Was bedeuten sie?

 

„Du, Mama, was trägt der Mann für einen komischen Hut?“ Der kleine Saulus hatte allmählich keine Lust mehr. Den ganzen Tag schon waren sie auf den Beinen und drängten sich durch die Menschenmassen Jerusalems. Vor drei Wochen waren sie in Tarsus aufgebrochen, um dem großen Fest beizuwohnen. „Der Hut ist das Kennzeichen des Hohepriesters. Er ist unser höchster Priester“, erklärte Saulusʼ Mutter. „Und jetzt pass gut auf, was passiert. Komm, ich nehme dich auf die Schultern, dann kannst du mehr sehen.“ Saulus sah, wie mehrere Männer einen Ziegenbock zum Hohepriester führten. Der Hohepriester legte dem Ziegenbock seine Hände auf den Kopf. „Warum macht der das, Mama?“ fragte Saulus. Seiner Mutter gefiel die Neugierde ihres Sohnes. Sie sagte: „Dadurch, dass der Hohepriester dem Ziegenbock die Hände auf den Kopf legt, werden wir, das Volk, mit dem Ziegenbock identifiziert, das heißt wir und der Ziegenbock sind jetzt gleich, identisch. Wir alle haben im vergangenen Jahr einiges falsch gemacht. Wir haben Schuld auf uns geladen, indem wir uns so verhalten haben, dass es unserer Gemeinschaft schadet. Wenn der Hohepriester dem Ziegenbock die Hände auf die Schultern gelegt hätte, dann hätte er ihm unsere Schuld aufgeladen. Weil er ihm aber die Hände auf den Kopf legt, sind der Ziegenbock und wir, das schuldig gewordene Volk, identisch. Und jetzt pass auf, was noch geschieht.“

 

Saulus schaute wieder nach vorne. Inzwischen lag das Tier tot zu Füßen des Hohepriesters, der von dem Blut des Bockes etwas in einem Bottich auffing. Der Hohepriester tauchte seine Finger in das Blut und verschwand im Tempel. „Wo geht er jetzt hin, Mama?“ „Er geht jetzt in das Allerheiligste. Das ist der innerste Raum des Tempels, der nur einmal im Jahr, nämlich heute, von einem einzigen Menschen betreten werden darf – dem Hohepriester. Im Allerheiligsten steht die Bundeslade, und auf dem Deckel der Bundeslade, dort, so glauben wir Juden, dort ist Gott selbst gegenwärtig. Deswegen darf auch kein Mensch dort hineingehen, nur der Hohepriester einmal im Jahr.“

 

Saulusʼ Gedanken drehten sich noch immer um den Ziegenbock. „Aber Mama, warum musste denn der Ziegenbock sterben? Ich dachte, der Ziegenbock und wir, wir sind gleich. Ist er denn jetzt an unserer Stelle gestorben? Das wäre doch ungerecht! Der arme Ziegenbock!“ Die Mutter erklärte ihm: „Siehst du, das wird von ganz vielen Menschen falsch verstanden. Der Ziegenbock, das ist nicht ein Opfer, mit dem der Zorn unseres Gottes gestillt werden soll. Unser Gott ist nicht so. Der Bock musste sterben, weil der Hohepriester an sein Blut kommen musste.“ Jetzt verstand Saulus gar nichts mehr. „Unser Gott will kein Blutopfer, aber unser Hohepriester?!?“ „Weißt du, mein Sohn“, sprach seine Mutter, „für uns Juden ist das Blut eines Lebewesens der Sitz des Lebens. Dadurch, dass der Bock und das Volk identisch geworden sind, ist das Blut des Bockes der Sitz des Lebens des Volkes geworden. Unser Leben ist jetzt in seinem Blut.“ „Aber warum lassen wir es dann nicht im Bock drin, das Blut und das Leben meine ich?“ „Weil das Blut des Bockes das schuldig gewordene Leben, das verwirkte Leben des Volkes trägt. Du hast doch eben gesehen, dass der Hohepriester seine Finger in das Blut getaucht hat und dann in das Allerheiligste gegangen ist. Jetzt gleich sprenkelt er dort ein paar Tropfen des Blutes an den Deckel der Bundeslade, wo, wie wir glauben, Gott selbst sitzt. Dadurch kommt das verwirkte Leben des Volkes in direkten Kontakt mit unserem Gott. Und dadurch werden wir von aller Schuld befreit und dürfen von neuem leben. Wir sind wieder versöhnt mit Gott. Deswegen heißt der Festtag ja auch Jom Kippur – Versöhnungstag. Diesen Vorgang – Befreiung von Schuld durch den direkt Kontakt mit Gott – den nennen wir Juden ‚Sühne‘; und der Deckel der Bundeslade wird von uns ‚Kapporät‘ – ‚Sühnort‘ – genannt.“

 

Die Menschen hatten inzwischen angefangen zu jubeln. Sie wussten, dass sie jetzt wieder frei waren von Schuld, dass sie versöhnt waren mit Gott. Saulus und seine Mutter gingen langsam zurück zu ihrem Quartier. Er war den ganzen Abend sehr schweigsam, weil er viel zum Nachdenken bekommen hatte.

 

Fünfzig Jahre später. Aus dem kleinen Saulus war inzwischen ein erwachsener, fast schon alter Mann geworden. Seit gut zwanzig Jahren nannte er sich Paulus. Er, der fromme Jude, war damals einer neuen Sekte innerhalb des Judentums beigetreten, die sich auf die Lehren eines gewissen Jesus von Nazareth berief. Paulus, der Jesus nie persönlich getroffen hatte, fühlte sich seit seinem Beitritt berufen, die Lehren Jesu und vor allem die Lehren über Jesus so zu durchdenken und zu beschreiben, dass andere sie verstanden. Jesus war mit dreißig Jahren von den Römern am Kreuz hingerichtet worden, und jedem war klar, dass dieser grausame Tod im besten Fall ein Justizirrtum, im schlimmsten Fall ein Mord gewesen war. Jesus hatte verkündet, dass das Reich Gottes bereits hier und jetzt, mitten im Leben, beginnt. Er hatte die Sündenvergebung verkündigt. Dann aber wurde er, der Mann des Lebens, umgebracht – er, von dem alle sagten, er sei der Christus, er sei der seit Äonen verheißene Messias, der die Welt erlösen sollte. Paulus machte das große Schwierigkeiten. Wenn das Leben dieses Mannes so bedeutungsvoll gewesen war, wie konnte dann sein Tod so sinnlos sein? Das konnte, das durfte nicht sein. Paulus suchte lange und verzweifelt nach einer Möglichkeit, in Jesu Tod einen Sinn, eine Bedeutung, zu sehen. Er hatte auch schon daran gedacht, zu sagen, dass der Zorn Gottes auf die Menschen so groß gewesen wäre, dass nur das blutige Opfer eines Unschuldigen diesen Zorn hätte stillen können. Paulus hatte diese Deutung aber schnell wieder verworfen, und ihn schauderte noch heute bei dem Gedanken, dass er so einen Unfug hatte zu Papier bringen wollen.

 

Warum musste Jesus, der Christus, sterben? Ein Mord, ein Justizirrtum – das konnte, das wollte Paulus nicht so stehen lassen. Es musste einen großen Sinn geben hinter dem Ganzen, einen Sinn, den Gott selbst gesetzt hatte. Er dachte an seinen ersten Besuch beim großen Fest am Jom Kippur, damals mit seiner Mutter, als er noch Saulus hieß. Mit den Bildern von damals, die ihm jetzt wieder durch den Kopf schossen, könnte man Jesu Tod neu beleuchten und deuten. Und wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Rom einzelne Wörter aus dem großen Jom-Kippur-Ritual aufschreiben würde, dann würden seine Leser Jesu Tod automatisch als Sühnegeschehen verstehen. Bei dem Stichwort „Sühne“ oder „Sühnort“ würde jeder Leser sofort wissen, dass es vor allem um Identifikation geht. „Jesus, der Christus“, so dachte Paulus, „ist am Kreuz gestorben, weil er und ich identisch sind. Mein altes Leben, mein Leben in schuldhafter Verstrickung, mein Leben in Traurigkeit, in Freudlosigkeit, mein Leben, das längst den Geschmack des Todes an sich trägt, kurz: mein Leben unter der Macht der Sünde, dieses Leben ist übergegangen auf den am Kreuz hängenden Christus. Ich bin mit ihm gestorben. Und indem Christi Blut vergossen wird, kommt mein verwirktes Leben im Blut Christi am Sühnort des Kreuzes in direkten Kontakt mit Gott. Und damit ist Neuanfang möglich. Mein Leben wird neu, und ich kann als vor Gott gerechtfertigter Mensch von neuem beginnen.“

 

„Heureka! Ich hab’s!“, rief der Apostel an seinem Schreibtisch aus.

 

Und also schrieb Paulus:

[Nochmals verlesen mit Zusätzen und Variation: Röm 3,25–28] „Den (nämlich Christus) hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühnort in seinem Blut zum Erweis seiner (nämlich Gottes) Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er (Gott) selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

 

Liebe Gemeinde, diese beiden kurzen Episoden aus dem Leben des Paulus führen uns in das Zentrum evangelischen Glaubens. Der Tod Jesu, so hat Paulus ihn gedeutet, macht mich gerecht vor Gott. Nicht in der Weise, dass Christus an meiner Stelle gestorben wäre, sondern dadurch, dass er und ich identisch geworden sind am Kreuz, dass ich mit ihm gekreuzigt worden bin, dass gemäß dieser Vorstellung sein Blut mein Leben trägt und, indem es vergossen wird, mein schuldhaftes, verwirktes Leben mit dem heiligen Gott in direkten Kontakt kommt, dass also Sühne geschieht. Dadurch wird meine alte Existenz, die von Schuld geprägt war, von Traurigkeit, von innerer Zerrissenheit, von Unfreiheit, vom Geschmack des Todes, die unter der Macht der Sünde steht, diese alte Existenz wird abgestreift, und mir wird die Chance auf einen Neuanfang gegeben.

 

Martin Luther, dessen wir in diesen Tagen eingedenk sind, war viele Jahre von der Frage umgetrieben, wie er gerecht werden könne vor Gott, das heißt was er tun müsse, um nicht bestraft zu werden von Gott, vielmehr von ihm angenommen zu werden. Die Antwort fand Martin Luther schließlich, und das machte ihn sehr froh, auch in unserem heutigen Predigttext. Ich bin bereits gerechtfertigt vor Gott, weil mein Leben neu geworden ist durch das Kreuzesgeschehen, weil mein Verhältnis zu Gott ein anderes geworden ist. Dazu, dass ich gerecht werde vor Gott, kann ich nichts beitragen, auch wenn ich noch so viele gute Taten vollbringe. Martin Luther bezieht sich auf unsere Paulusstelle, wenn er sagt, dass es darum geht, mein Gerechtfertigtsein sola fide – allein im Glauben – anzunehmen. Hierbei kann ich, der Mensch, nur passiv sein. Ich kann es nur an mir geschehen lassen. Aktiv ist Gott – so wie im Jom-Kippur-Ritual und im Geschehen am Kreuz.

 

Und warum geschieht diese Rechtfertigung überhaupt an mir? Warum geschieht sie nicht einfach nicht an mir? Die Antwort Martin Luthers: sola gratia – das verdanken wir allein der Gnade Gottes. Dass mir die Rechtfertigung gewährt wird, dazu kann ich nichts beitragen. Sie wird mir von Gott geschenkt.

 

Und wie erfahren wir von der Ermöglichung neuen Lebens, von der Rechtfertigung? Die Antwort Martin Luthers: sola scriptura – wir erfahren es allein aus der Schrift, der Bibel. Und dort lesen wir, der einzige Weg zur Ermöglichung neuen Lebens geschieht solus Christus – allein über Christus.

 

Diese vier prägnanten Formeln sind das, was „typisch evangelisch“ ist. Wenn Sie einmal gefragt werden: „Was heißt das eigentlich – evangelisch sein?“, dann gibt es viele Dinge, die man aufzählen kann, und es ist alles nicht falsch – kein Papst, keine Heiligen, keine steile Hierarchie, keine bunten Gewänder, anderes Abendmahlsverständnis. Mit diesen vier Elementen aber liegen Sie immer richtig, weil sie die Grundfesten unseres wohlgeprüften evangelischen Glaubens sind: allein der Glaube, allein aus Gnade, allein die Schrift, allein Christus. Und diese vier Elemente, die stehen alle – explizit oder implizit – in unserer Stelle aus dem Römerbrief, der in der Tat einer der zentralen biblischen Texte – vielleicht der Text – des Protestantismus ist.

 

Paulus hat den Kreuzestod Jesu ganz und gar als Jude gedeutet, ganz und gar von seiner Heiligen Schrift, vom Alten Testament, her. Wir würden die Schriften des Paulus und die Evangelien und auch die anderen Briefe kaum verstehen, hätten wir nicht die Heilige Schrift Alten Testaments, die auch die Heilige Schrift des Judentums war und ist.

 

Die Verwobenheit unseres Glaubens mit dem Judentum können wir Christen dabei gar nicht hoch genug veranschlagen. Jesus von Nazareth war Jude, Paulus war Jude, und die Briefe des Apostels atmen alle die Luft des antiken Judentums. Das müssen wir evangelische Christen uns immer wieder vor Augen führen – gerade angesichts Martin Luthers, der in seinen späten Jahren in einer durch nichts zu rechtfertigenden Weise gegen Juden geiferte und hetzte. Ohne unsere Schwester- oder besser Mutterreligion, das Judentum, gäbe es kein Christentum, und wenn doch, dann sähe es sehr anders aus. Es gehört zu unserer evangelischen Tradition, dass wir unseren Glauben allein aus der Schrift bestimmen lassen. Diese Schrift aber ist ganz von ihrem ersten Teil, dem Alten Testament, und vom Judentum geprägt. Und so werden wir darauf verwiesen, dass wir, gerade wir gerechtfertigten Evangelischen, noch ganz starke Verbindungen haben zu unseren Wurzeln, dem Judentum.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.