Foto von aufgeschlagenen Büchern

Abiturpredigt “Mit leichtem Gepäck”

Pfarrer Dirk Alpermann (ev.)

31.03.2017 Evangelische Kirche Eich

Anmerkung: Unmittelbar vor der Predigt wurde der Titel „Mit leichtem Gepäck“ (Silbermond) von einer Schülerband gespielt

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde,

liebes Kollegium!

Als Kinder haben wir „Kofferpacken“ gespielt. Man sitzt im Kreis und der erste nennt einen Gegenstand, der in den Koffer gepackt wird: „Ich packe meinen Koffer und nehme  eine Hose mit.“ Der nächste fährt fort: „Ich packe meinen Koffer und nehme eine Hose und ein Hemd mit“. Der dritte nimmt Hose, Hemd und Strümpfe mit. Der vierte packt neben Hose, Hemd und Strümpfen eine Jacke ein. So geht das immer weiter. Jeder muss sich die Anzahl und Reihenfolge der Gegenstände seiner Vorgänger merken und etwas Neues hinzufügen. Irgendwann verliert der erste den Überblick, verheddert sich beim Aufzählen und scheidet aus.

Was nehmt ihr mit, wenn ihr jetzt auf die Reise geht? Was braucht ihr unbedingt, was lasst ihr zurück? Der Platz ist begrenzt, und es reist sich besser mit leichtem Gepäck. Wer aufbricht, sollte nur die wichtigen Dinge mitnehmen. Man kommt schneller vom Fleck, ist flexibler, mobiler, spontaner.

Den Koffer vollstopfen ist kein Problem. Schwieriger ist die Beschränkung auf das Wesentliche. Dazu muss man sich entscheiden. Und vorausschauen. Was brauche ich für die Zukunft, was nehme ich mit? Was ist Vergangenheit, was lasse ich zurück?  Vieles ist am Ende tatsächlich nur Ballast.

Wegwerfen befreit. Das bestätigt der Blick auf unsere Speicher, in unsere Keller, in Schränke, Schubladen und Kisten. Alte Möbel aus Familienbesitz, die irgendwann mal vielleicht die Enkel benutzen sollten,  jede Menge Krimskrams, dessen Anschaffung einmal viel Geld gekostet hatte, Stapel von Kleidung, die niemandem mehr passt oder einfach aus der Mode gekommen ist.  Ganze Kubikmeter  von Besitz,  den wir aus reiner Nostalgie aufheben. Bis uns die Platznot zum Handeln zwingt. Spätestens dann muss das Zeug auf den Müll.

Das hat sich kontinuierlich gesteigert. Im Jahr 1900 besitzt jeder Haushalt im Schnitt 400 Gegenstände. Heute sind es  10.000. Jeder einzelne davon will hergestellt, gekauft, genutzt und entsorgt werden. Was für ein Riesenaufwand an Material, Geld und Zeit! Eine ganze Volkswirtschaft  lebt davon, dass die Nutzungsdauer neuer Produkte immer kürzer wird. Die Folgen sind gigantische Müllberge und überquellende Dachböden.

Heute sind wir Weltmeister im Anhäufen, Aufheben, Sammeln, Verstauen, Archivieren. Von Zeit zu Zeit kommt ein Befreiungsschlag, dann wird aussortiert, ausgemistet, weggeworfen und Platz geschaffen. Sonst wächst uns das Zeug über den Kopf.

Müll kann man so entsorgen.

Schwieriger ist die Trennung von anderem Ballast.

Schwierig ist das Loslassen von Gewohnheiten und Bequemlichkeiten.

Schwierig ist der Abschied von Illusionen und falschen Gewissheiten.

Schwierig ist, Orte und Menschen hinter sich zu lassen.

Das kostet Überwindung und tut manchmal auch weh. Es kann aber notwendig und befreiend sein wie das Aufräumen von Speichern und Schränken.

Das gilt auch für das Aufräumen am Ende der Schulzeit.

Was bleibt übrig von 9 Jahren Gymnasium? Was nehmt ihr mit?

Die Bilanz scheint ernüchternd: Bis zu 95% des schulischen Wissens werden vergessen. Ihr kennt das: Man lernt und lernt und lernt – und kann sich zwei Tage später an nichts erinnern. Die Schulzeit ist ein täglicher Kampf gegen das Vergessen. Lineare Funktionen, der Unterschied zwischen Romanik und Gotik, Kants Kategorischer Imperativ:  hat man alles irgendwann mal gelernt, abgerufen – und wieder vergessen.  Abitur heißt nicht unbedingt, dass man am Ende der Schulzeit noch den Dreisatz beherrscht.

Nun kann man mit den tollsten Konzepten gegensteuern um zu verhindern, dass Wissen frühzeitig in der Versenkung verschwindet. Man kann Inhalte und Methoden ändern.  Man kann auf das Ausland verweisen, wo die Schüler angeblich so viel besser sind. Man kann den Unterricht komplett digitalisieren. Und wird doch nichts daran ändern: Das meiste vergessen wir wieder. Nicht weil wir dumm wären oder faul. Unser Gehirn ist so beschaffen.

Das klingt paradox. Das Gehirn soll speichern und bewahren.  Das kann es und das macht es auch immerzu. Aber es muss die abertausenden von täglichen Erfahrungen und Eindrücken auch filtern und sortieren, damit wir den Überblick behalten. Das ist lebenswichtig. Nur so können wir uns überhaupt auf den Punkt konzentrieren, zuhören, offensein für Neues und im Hier und Jetzt leben. Das Vergessen ist eine wichtige Funktion des Gehirns, so wichtig wie das Behalten.

Wenn das so ist, warum investieren wir dann Jahre in dem Erwerb von Wissen mit überwiegend kurzer Haltbarkeit?  Was uns zur  Frage nach der Legitimation schulischer Bildung führt. Welchen Sinn hat es, so lange in die Schule zu gehen, wenn von all dem Wissen nur ein Bruchteil überlebt?

Die Antwort: Es geht um mehr als um Effizienz. Bildung in dieser Fülle und Vielfalt ist ein Privileg. So viel Zeit zum Lernen ist ein Geschenk. Andere haben diese Möglichkeit nicht. Ihr habt Eltern, die euch begleitet haben, ihr hattet Lehrerinnen und Lehrer, die sich um euch bemüht haben. Ihr lebt in einem Land, wo das Grundrecht auf Bildung in der Verfassung steht.

Was ihr am Ende davon mitnehmt, mag unter dem Aspekt von Aufwand und Ergebnis wenig erscheinen. Vieles verschwindet tatsächlich in der Versenkung, vieles auf Nimmerwiedersehen, anderes wird euch später im Leben als déjà vu begegnen.

Aber das macht den Wert von Schule nicht aus, jedenfalls nicht ausschließlich.

Ihr seid 2008 als Kinder gekommen. Ihr hattet Spaß am Ausmalen, und wenn ein Lehrer zu spät kam, seid ihr nach fünf Minuten zum Lehrerzimmer gelaufen, um ihn zu holen.

Heute verlasst ihr diesen Ort als junge Erwachsene mit Lizenz zum Studieren. In dieser Zeit ist viel mit euch passiert. Ihr seid groß geworden, gereift und habt die Kindheit abgelegt. In der Unterstufe wart ihr klein und putzig, die Mittelstufe ist pubertätsbedingt ein Schwarzes Loch, in der Oberstufe seid ihr dann vielfach noch mal durchgestartet. Einen großen Teil eurer Lebenszeit habt ihr in der Schule verbracht. Das prägt. Theologisch gesprochen: „In, mit und unter“ den Härten des schulischen Lebens habt ihr auch zu euch selbst gefunden.

Schule ist als Bildungsstätte zugleich ein sozialer Ort. Hier kann man sich treiben lassen, Leute treffen und jede Menge Spaß haben. Schule ist mehr als der Transfer von Wissen in eine Richtung. Gerade das macht ja ihren Reiz aus. Und ihren Erinnerungswert, ganz egal, wieviel Theorie am Ende übrig bleibt.

Wer auf Reisen geht, sollte nur das Nötigste mitnehmen. Eure Reise führt euch weg von hier und sie führt euch weg voneinander. Die Lebensreise geht weiter und eigentlich geht sie jetzt erst los. Die Schule war eine Etappe, eine wichtige zwar, aber nur eine von vielen.

Das erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Abitur. Es kommt vom lateinischen Verb abire und bedeutet weggehen, davongehen. Als Abiturienten seid ihr also Weggehende, Davongehende.

Zum Aufbruch gehört der Segen. Davon erzählt die Bibel. Der Segen gehört in jedes Gepäck. Der Segen gehört über jeden Abschied. Ohne Segen sollte sich niemand auf den Weg machen. Ohne Segen solltet ihr nicht auseinander gehen.

„Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein“, verspricht Gott dem Abraham. Fünfmal insgesamt wird der Segenswunsch bekräftigt, das verleiht ihm Gewicht und Kraft. Dort, wo Abraham ankommt, soll sein Leben sich steigern, an Fülle gewinnen und andere darin einschließen.

Dieser Segen soll auch über eurem Abschied stehen. Der Zuspruch, dass eure Lebensreise gesund und glücklich verläuft. Beharrlichkeit für die Suche nach dem richtigen Weg. Dankbarkeit für alles Gelungene. Muße für alles Schöne und Angenehme. Zuversicht bei Rückschlägen und Zweifeln.

All das steckt im Zuspruch des Segens. Das ist Gottes Gegenwart im Handgepäck. Ihr könnt es brauchen, wenn ihr jetzt auf Reisen geht.

Amen.