Foto von aufgeschlagenen Büchern

Die Predigt über Johannes 4,46–54

Christof Voigt (ev.-luth.), ang. Prädikant

22.01.2017 Johannesstift Meißen

Liebe Schwestern und Brüder,

Johannes erzählt uns heute eine eindrucksvolle Wundergeschichte. Er erzählt sie den Christen seiner Gemeinde „damit sie glauben“, das hat er selbst so begründet. Er erzählt sie deshalb anders als im Evangelium vom Hauptmann von Kafarnaum bei Matthäus. Johannes sieht alle Ereignisse im Leben von Jesus aus der Perspektive des größten Wunders, der Auferstehung, bei ihm spricht und handelt Jesus als der Auferstandene. Man merkt beim Lesen, wie dem Johannes das Herz glüht von dieser Erfahrung, dass Gott Jesus aus dem Tod errettet hat, dass Jesus der Herr aller Herren ist, die einzige Macht die zählt.

Doch können wir das heute noch nachvollziehen, können wir genauso glauben? Hören wir einmal auf vier Personen unserer Zeit, was diese uns zu sagen haben. Ich habe diese Personen selbst kennen gelernt, aus E-Mails, aus einem beeindruckenden Buch oder persönlich. Einmal berichte ich auch von mir selbst.

Lektor Frau Brück: Ich bin Sylvana. Noch vor vier Jahren war ich fröhlich. Ich war eine erfolgreiche Staatsanwältin, glücklich verheiratet. Ich habe zwei gesunde Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, jetzt 10 und 12 Jahre alt. Wir verdienten gut und konnten unser Leben genießen. Ich und mein Mann gehörten zu einer lebendigen Kirchgemeinde mit vielen junge Familien. Doch dann überfielen mich dunkle Wahnvorstellungen, die ganze Welt um mich her erscheint mir bedrohlich, wie ein tiefer bodenloser Abgrund. Ich fühle mich verfolgt, höre überall Stimmen. Ich kann nicht mehr arbeiten, weder im Beruf noch im Haushalt. Ich bin für meine Familie nicht mehr zu ertragen. Ich war zwei Jahre in einer geschlossenen Klinik, mein Mann hat sich von mir scheiden lassen, meine Kinder leben bei ihm. Dann schien die Therapie anzuschlagen, ich konnte meinen Alltag wieder bewältigen, bekam einen Wiedereingliederungsplan, habe wöchentlich wieder einige Stunden gearbeitet. Ich wollte gewisser und fester im Glauben werden, wollte genauer herausfinden, wie Glauben und Jesus durch Not und Dunkelheit hindurch hilft. Ich habe deshalb angefangen, Theologie für das Ehrenamt zu studieren. Vielleicht kann ich meiner Gemeinde damit dann dienen. Doch ein Rückfall hat mich wieder aus der Bahn geworfen, alles ist nur noch schwarz und dunkel. Ich schreibe meinen Mitstudenten Briefe, schreie um Hilfe. Doch niemand kann mir helfen, alle sind nur betroffen und verlegen, ich bin zu einer großen Last für meine Mitmenschen geworden.

Wenn ich so eine Heilungsgeschichte aus der Bibel höre, dann ist das für mich völlig unwirklich, es geht an mir vorbei, die Geschichte betrifft mich nicht. Müsste Gott mir nicht helfen, wenn es ihn gibt? Doch beten hilft nichts. Ich möchte nur noch sterben. Falls ich danach doch Gott begegnen sollte, dann müsste der mir erst mal erklären, warum er mich so leiden lässt.

Ich lese selbst vor: Ich bin Christof, glücklich verheiratet, habe vier gesunde Kinder und bald sechs gesunde Enkel (hoffentlich), ich gehe gern auf Arbeit und habe ein überdurchschnittliches Einkommen. Ich will euch erzählen, was meine Sicht auf diese Heilungsgeschichte prägt. 1986 wurde meine Frau schwanger und der Arzt sagte ihr, dass dieses Kinder sehr schwer körperlich und geistig behindert sein wird. Dabei wollten wir gern viele gesunde Kinder haben. Da wir an Gott und seine Macht glauben, begannen wir intensiv zu beten. „Gott wenn es dein Wille ist, verschone uns doch, schenke uns ein gesundes Kind. Deine Macht reicht dazu allemal aus.“ Viele christliche Freunde haben uns darin bestärkt und versichert, dass sie mit uns beten. Doch das Kind kam schwer behindert zur Welt. Das hat mich schon mitgenommen. Ich habe viele Jahre höchstens im Gottesdienst mitgebetet, in einem persönlichen Gebet zu Gott sah ich keinen Sinn. Ich habe zwar weiter geglaubt, dass es Gott gibt, es gibt genug Gründe dafür. Da muss man nur mal die Schönheit der Erde auf sich wirken lassen. Aber er war mir persönlich doch sehr fern geworden.

Heute weiß ich, dass Gott uns in unserem Leben geführt hat. Der Glaube unserer Gemeinde hat uns getragen. Die Kinder – auch gerade die behinderten -  haben unsere Ehe gestärkt und bereichert. Gott hatte da eine Aufgabe für uns, diesem Kind – das nicht lange gelebt hat – gute Eltern zu sein.

Beim Lesen dieser Geschichte bewundere ich den Glauben des Beamten und die Kraft Jesu. Dieser einfache Mensch aus einer unbedeutenden Provinz wurde als Verbrecher hingerichtet und war damit gescheitert. Und doch hat er bis heute so unglaublich viele Menschen bewegt und begeistert, mehr als alle anderen Religionsgründer zusammen. Man merkt es den Berichten der Evangelien noch heute an, was für eine Ausstrahlung und Kraft Jesus gehabt haben muss. Die Menschen waren schließlich nicht leichtgläubiger als wir. Das wird schon so ähnlich passiert sein damals. Jesus beeindruckt mich aufgrund seiner Worte und seiner Wirkung. Diese wäre ohne das Wunder seiner Auferstehung niemals so gewaltig gewesen. Ich glaube dem Zeugnis der ersten Christen.

Heilung kann zumindest in Europa heute jeder meist beim Arzt finden. Gott sei Dank! Und alle Menschen, die Jesus geheilt hat, sind dann doch gestorben. Gott hat die Menschen nun mal nicht unsterblich erschaffen, steht zumindest so nicht in der Bibel. Auf ihn verlasse ich mich im Leben und im Sterben, er ist viel größer als unsere Welt aus Raum und Zeit. Ich brauche für meinen Glauben keine Wunder.

Lektor Michael Mauersberger: Ich bin Tomáš, früher ein heimlicher Untergrundpriester der tschechischen katholischen Kirche, heute Soziologieprofessor und Studentenpfarrer an der Prager Universität. In meiner Studentengemeinde werden jeden Monat viele junge Menschen getauft. Das ist meine größte Freude. Papst Johannes Paul II hat mich in die vatikanische Kommission für den Dialog mit den Atheisten berufen. Ich bin in Tschechien als Fernsehpfarrer bekannt wie ein bunter Hund.

Im Jahr 2000 durfte ich an einer tschechischen Expedition in die Antarktis teilnehmen. Ein ungeheurer Sturm hatte unseren Katamaran mit allen Lebensmitteln, Funkgerät und aller Ausrüstung der antarktischen Station losgerissen und peitschte das Boot hinaus aufs Meer. Jaroslav und mir blieb zum Überleben nur übrig, uns mit einem kleinen Paddelboot hinaus zu wagen, um den Katamaran zurückzuholen. Da habe ich die Hölle erlebt. Doch ich erlebte auch, dass die Kraft durchzuhalten und weiter zu paddeln, aus einer Quelle sehr tief in mir kam. Ich habe mich völlig aufgegeben und mich dieser Kraft überlassen. Dadurch wuchsen mir riesige Kräfte zu, die lähmende Angst war weg. Nach zwei Stunden Paddeln erreichten wir mit letzter Kraft den Katamaran und holten ihn zurück.

Ich weiß, dass ich dieses Erlebnis auch wissenschaftlich beschreiben kann. Da wäre dann die Rede von Endorphinen und Neurotransmittern, jeder Arzt weiß, dass der menschliche Organismus in Todesgefahr ungeheure Kräfte mobilisiert. Doch ist es dasselbe Erlebnis, wenn ich es einmal in der Sprache der Religion und einmal in der Sprache der Wissenschaft beschreibe? Was geht verloren, wenn nur noch die Wissenschaft gilt? Warum betet jeder Mensch in Todesgefahr unwillkürlich zu Gott?

Seit meinem Erlebnis in der Antarktis lese ich die Heilungsgeschichte des Johannes mit neuen Augen 1. Der Vater war so verzweifelt, dass er sich trotz seiner hohen Stellung nur noch auf Jesus verließ, mit aller Kraft. Und die Kraft Gottes hat ihn getragen und sein Kind geheilt. Wenn diese Heilung heute geschehen wäre, hätte der Hausarzt der Familie wahrscheinlich Antibiotika verschrieben und würde die Geschichte völlig anders erzählen.

Und wenn mir meine atheistischen Freunde sagen, dass sie nur an das glauben, was man sehen kann und dass mit dem Tod alles aus ist, dann sage ich ihnen, „dass jenes NICHTS, dem wir im Tode entgegen gehen, nur ein weitere sonderbarer Name Gottes ist.“2

Lektor Gerhard Pietschmann: Ich bin Lukas aus Danzig in Polen. Ich bin Facharbeiter in einer größeren Fabrik, nähere Einzelheiten sind nicht wichtig. Ich bin verheiratet, wir haben erwachsene Kinder. 1998 erkrankte meine liebe Frau Elena an Krebs. Sie durchlitt mehrere Operationen und Chemotherapie. Doch es wurde nicht besser, die Ärzte hielten die nächste Operation für erforderlich. Wir waren verzweifelt. Unser Pfarrer schlug vor, eine Wallfahrt nach Lourdes zu unternehmen. Mit wenig Gepäck machte ich mich zusammen mit unserem Sohn auf den Weg. Meine Frau war viel zu krank um uns zu begleiten.

Lourdes liegt in Frankreich, ganz oben in den Pyrenäen an der spanischen Grenze. Wir gingen die mehr als 2300 km nur zu Fuß. Unterwegs haben wir viel gebetet, wir waren richtige Pilger. Weil wir weder deutsch noch französisch sprechen, hatten wir Zettel mit, auf denen unsere Bitte um eine Übernachtung und das Anliegen unserer Wallfahrt aufgeschrieben waren. Auf dem Pfarrhof in Meißen-Cölln wurden wir freundlich aufgenommen. Das war nicht überall so. Wir sind nach 30 Tagen ziemlich erschöpft angekommen und haben an der Messfeier teilgenommen. Wir haben Wasser aus der Heilquelle gekauft und sind erwartungsvoll nach Hause gefahren. Und meine Frau wurde gesund, voll und ganz und ohne weitere Operation!

Das was der Johannes von dem Beamten uns Jesus berichtet, habe ich selbst erlebt. Gott heilt auch heute noch auf wunderbare Weise. Mir wurde von Gott ein Wunder seiner Liebe geschenkt. Das macht mich stark und lässt meinen Glauben leuchten bis an mein Ende. Das lasse ich mir auch nicht von neunmalklugen Professoren ausreden.

Schluss des Predigers: Diesen vier Geschichten und Sichtweisen auf unsere Geschichte will ich nicht mehr viel hinzufügen. Was haben Sie erlebt? Wie ist ihre Sicht auf das Wunder unserer Erzählung? Keine der vorgestellten vier Blicke auf den Text ist von vorn herein „richtig“ oder „falsch“. Der Glauben der anderen kann auch unseren eigenen Glauben stärken. Wir sollten uns mehr darüber austauschen.

Vielleicht verstehen wir jetzt auch, dass Jesus selbst hier kritisch sagt: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht!“ Wunder gehören zu unserem Leben, sie helfen glauben, sie schenken Hoffnung. Aber wir können sie nicht erzwingen oder „erglauben“. Unser Leben ist mit der Sprache der Wissenschaft nicht erschöpfend zu beschreiben. Vertrauen, Zuversicht, Dankbarkeit, Liebe, Gott würden uns dann fehlen. Doch wir leben davon, dass diese nicht nur aus ein paar Gehirnströmen bestehen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Zeichen und Wunder entdecken, die Gott an ihnen tut. Ich wünsche Ihnen, dass Sie viele großartige Gründe zum Glauben finden, dass Sie den Mut finden wie Tomas sich in Gefahr ganz Gott zu überlassen, dass Sie wie Lukas einfach glaubend losgehen, wenn Schweres Sie trifft. Ich wünsche Ihnen dass Sie im Rückblick Gottes Spuren in ihrem Leben erkennen. Und falls sie schlimme, größte Not treffen sollte, dass Sie an Gott dranbleiben, ihn anklagen wie Sylvana oder wie Hiob. Möge ihr Glaube, ihr Vertrauen in Gott gestärkt werden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ („Amen“).

 

(Quellenangabe: 1 nach: Tomáš Halik, All meine Wege sind dir vertraut, S. 394 – 408, 2 a.a.O. S. 423, Verlag Herder GmbH Freiburg 2014)