Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ich bleib dann mal da - Von der heilsamen Kraft des Wartens

Georg Magirius (ev.)

18.12.2009 in Frankfurt – Citykirche St. Katharinen an der Hauptwache

Advent 2009

Hier die Predigt hören

 

Kein PR-Stratege hätte es besser hinbekommen können: Die alten Lieder und Worte des Advents wirken wie ein Kommentar zum aktuellen Lebensgefühl. Nur bestätigt der Advent nicht den heutigen Trend, sondern stellt ihn auf den Kopf. Erzählt wird nämlich vom Warten, gegenwärtig jedoch regiert das Motto: Brich auf und ziehe los! Wer Erneuerung sucht, ist fast immer auf dem Sprung, geht auf Reisen und erkundet ferne Länder. Wer keine lahmen Beine hat, ist auch religiös betrachtet auf einem guten Weg. Gibt es eigentlich Menschen, die noch nicht gepilgert sind? So viele sind dann mal kurz oder auch länger weg. Denn es wartet ein Ziel – und sei es nur das, ständig unterwegs zu sein. Der Mensch ist Marathonläufer, Gipfelerklimmer, Triathlet, Extremwanderer oder Bahncard-100-Besitzer. Denn es treibt die Hoffnung an: Wenn ich aufbreche, kommt auch mein Inneres in Bewegung. Auf dem Weg ändere ich mich und werde ein neuer Mensch.
Ganz anders, geheimnisvoll und faszinierend fremd klingt, wovon im Advent gesungen wird. Auch da ist von einem großen Aufbruch die Rede, eine fantastische Bewegung beginnt – nur gehe ich nicht weg, sondern jemand anderes ist unterwegs: Ein König macht sich auf die Reise, der Frieden bringt. Nach Jerusalem will dieser Retter, heißt es in alten Verheißungen, zur Hauptstadt der Juden, nach Zion, dieser oftmals zerstörten und geplünderten Stadt. Der Prophet Jesaja ruft:

„Bereitet dem Herrn einen Weg,
macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott.
Alle Täler sollen erhöht werden,
und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
und was uneben, soll gerade werden. “


Im Advent kann das Pilgern also Pause machen. Nicht ich muss ständig in Bewegung sein, sondern die Herrlichkeit Gottes befindet sich auf Reisen. Ich aber warte, dass die Herrlichkeit ihr Ziel erreicht. Was aber ist das Ziel? Das Ziel bin ich, denn Gott will ja nicht nur nach Jerusalem. Diese Stadt kann zum Symbol für jeden werden, der auf Heilung hofft. Jetzt gilt nicht: Ich bin dann mal weg. Sondern: Ich bleibe da und warte.

Im Advent halte ich die Hand flach über meine Augen und schaue wie ein Indianer in die Ferne. Ich werde zum Aus-dem-Fenster-Gucker, koste jeden Aussichtspunkt aus, um zu prüfen, ob sich am Horizont schon etwas bewegt. Ich bin darin geübt, weil mein Großvater mir als Kind ein Fernglas schenkte. Schaute ich bei Hitze hindurch, wurde mir leicht schummrig. Ich konnte nur wenig erkennen, sah eher neblige Träume. Ich bewegte mich dann nicht, sondern nur den Finger an einem Rädchen, um die in der Ferne liegenden Träume scharf vor Augen zu bekommen.
So ist das im Advent: Gefragt sind stilles Stehen und Ausschauhalten. Wie unspektakulär! Und doch: In der Menge der beschwingten oder hektischen Passanten ähnelt das Bleiben einer Provokation. Es ist inspiriert von dem Mut, sich endlich mal am rechten Fleck zu fühlen. Bestimmt gehen ja auch deshalb so viele unruhig fort und los, weil sie denken: Woanders ist es immer schöner.
Ganz anders im Advent! Ich muss dem Friedefürsten nicht entgegengehen, sonst wäre er ja nicht mehr der Kommende. Ich bleibe – und bin davon befreit, irgendwo anders gut ankommen zu müssen. Selbst in den virtuellen Beziehungsnetzen lautet das Gebot: Pilgere auf Menschen zu, klicke sie an, sammle ihre Profile und reihe sie in deine Gefolgschaft ein. Menschen mit 500 Gefolgsleuten sind fast schon selbstverständlich. Ich aber übe mich in der Tugend des Advents: Ich will am liebsten aufgefunden werden. Da mögen Gesellschaftsanalytiker noch so sehr warnen: Der Zögerer und Zauderer wird untergehen! Wer sich nicht heute noch bei Facebook registriert, wird schon bald gesichts- und arbeitslos. Und ich? Ich muss nicht der Schnellste sein, sondern warte. Das erlaubt mir der Advent. Dazu pflege ich uralte Techniken der Kommunikation, die geheimnisvoller sind als jedes Twittern: Ich bete, singe, hoffe, träume – die kommende Herrlichkeit herbei. Ich flüstere und summe, bestimmt nicht immer stimmig, dafür aber ehrlich. Ich rufe in den Himmel hinein: Komm!  

Im Advent laufe ich nicht weg und los, sondern bleibe da. Zu warten bedeutet aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Es gilt Barrieren abzubauen, die oft unmerklich um mich herum entstanden sind. Im Lauf des Lebens zerren eben Kräfte an einem, die niederdrücken können. Manchmal treten sie einem auch gewaltsam gegenüber. Was dann? Die einen fliehen – am besten bis ans Ende der Welt. Andere verziehen sich nach innen und errichten Mauern und Barrikaden, um sich zu schützen. So bewegen sie sich in einem Reich aus sanften Farben und Erinnerungen, im inneren Exil. Auch die Kostbarkeit, von der der Advent erzählt, stammt aus alter Zeit, ist aber noch viel mehr! Denn der Advent glänzt mit dem Versprechen einer Zukunft, die direkt vor meiner Tür beginnt: Es kann noch etwas kommen, jemand wird zu mir gelangen – ein großer Held in Herrlichkeit, der trösten wird.
Also will ich nicht fliehen, sondern erkennbar sein. Wenn ich mich verschlossen halte, findet niemand in mein Herz hinein. Erkennbar, ganz Erwartung sein, sich zeigen – das freilich scheint gar nicht so einfach zu sein. Nicht wenige tragen sich aus dem Telefonbuch aus und hoffen so, einen Schutzwall um sich zu bauen. Wenn man einstige Mitschüler für ein Klassentreffen sucht, kann man die Erfahrung machen: Einige haben offenbar gewissenhaft jede Spur getilgt, die zu ihnen führen könnte. Selbst in ihren Häusern wollen viele Menschen inkognito bleiben. Wer Briefe austrägt, weiß, wie viele Adressen und Namen man vergeblich sucht. Hausnummern fehlen, Klingelschilder sind verwittert oder leer. Wohnt da überhaupt noch jemand?
Ich selbst hatte nach einem Neueinzug auf das Klingelschild meinen Namen deutlich gesetzt. Im Lauf der Jahre aber verblasste auch mein Namenszug, ich erneuerte die Schrift nicht mehr. So war die Erwartung müde geworden, ich fragte mich: Ob die Zukunft wirklich Wunderbares bringt – hineingeschneit durch meine Wohnungstür? Viele sind nicht nur müde, sondern haben sogar Angst vor der Welt da draußen. Sie halten sich zur Abwehr einen Hund: „Hier wache ich!“, warnt das grell-gelbe Schild. Wer jetzt noch über die Schwelle tritt, muss mit Hundezähnen rechnen.
Die Worte im Advent sind Mutgesänge, die sagen: Warte, hoffe und bereite dich doch vor! Da ist jemand unterwegs, der dich nicht kränken oder gar zerstören wird, sondern Frieden bringt. Wenn der Helfer naht, lass den Hund nicht los. Und dein Name im Telefonbuch wird dir keinen Schaden bringen. Eines Tages wird er klingeln, der dein Herz nicht plündert, sondern heilt. Verschwinde nicht, zeige dich. Mache dich bereit und räume auf, schmücke die Umgebung  – und am besten auch dich selbst. Du darfst dich so sehr um dich kümmern, bis du es kaum noch erwarten kannst – das Rendezvous mit einer Zukunft, die dir gnädig ist.

Ob die alten biblischen Propheten gar nicht so exzentrisch, wild, verwegen waren, wie man denkt? Weshalb sonst hätte ein Adventsprophet wie Jesaja der Stadt Jerusalem sonst zugerufen: Glätte die Wege und mache alles Krumme gerade? Womöglich würde Jesaja heutzutage Kooperationsverträge mit Baumärkten schließen. Die Geräte aus der Gartenabteilung jedenfalls sind hilfreich, um den Weg für die verheißene Herrlichkeit zu ebnen: Rechen, Besen, Schaufeln, Scheren: Im Namen des biblischen Propheten reche ich Blätter zusammen, rupfe Unkraut aus, stutze Büsche und kehre die Straße, um sie gangbar zu machen. Der Advent: Eine Zeit für Spießer, Baumarktjünger und Sauberkeitsfanatiker? Tatsächlich laden die Tage vor Weihnachten ein, noch einmal richtig aufzuräumen. Die Wege müssen dabei nicht zwanghaft sauber gehalten werden, auch soll nicht etwa alles Lebendige unter Asphalt begraben werden. Der Aufruf aufzuräumen ist eher ein Versprechen, dass das Leben einfach werden kann. Das gilt auch für einen selbst: Inmitten der Berg- und Tallandschaft der Emotionen bricht sich die Hoffnung Bahn, dass Neues kommt. Beim Saubermachen merkt man ganz konkret, wie sich Chaotisch-Krummes in eine neue Ordnung fügt. Und wer jetzt noch mal die Wohnung putzt, reinigt immer auch sein Selbst.
Der Advent lockt mit dem Recht, die Wege frei zu machen, die direkt vor der Tür verlaufen: Glatt, eben und zugänglich soll meine Umgebung werden – was jedoch auch rätseln lässt. Schließlich müsste die kommende Herrlichkeit Gottes doch Hindernisse locker überwinden können? Der Retter aber benötigt auf dem Weg zu mir anscheinend Barrierefreiheit. Ist Gott zuweilen etwas schüchtern – und ich soll ihm sogar helfen? Der Friedefürst scheint keine Kämpfernatur zu sein, die Widerstände und Barrieren einfach so durchbricht. Mein Herz, das Gott empfangen darf, muss also nicht gepanzert sein, im Gegenteil: Den Dünnhäutigen erreicht die Kraft Gottes vielleicht sogar zuerst. Diese Hoffnung lässt mich zur Ruhe kommen, und ich tauche ein in eine Atmosphäre, die mich an Samstage aus alten Zeiten erinnert. Als alle Geschäfte mittags schlossen, der Tag mit einem Mal sein Tempo drosselte, und man sich bereitete – für die Ankunft eines feierlichen Tages. Braucht Gott Ruhe, kommt er verletzlich, muss ich Gott helfen, ist er gebrechlich? Der Friedefürst ist kein Rambo-Typ, er sitzt nicht im Geländewagen. Eher kommt er zu Fuß. Vor diesem Verkehrsteilnehmer muss ich mich nicht erschrecken. Gott ist Pilger – auf dem Weg zu mir. Was soll nun aus mir werden? Ich will zum Herbergsvater werden, um den Reisenden bei mir aufzunehmen.

Noch wenige Tage bis Weihnachten. Zeit für den entscheidenden Schritt in der adventlichen Kunst des Wartens, es geht darum, Tür und Tor zu öffnen. Die Polizei ist hierbei kein Freund und Helfer, weil sie zu Sicherheitsschlössern rät. Hilfreicher kann eher schon jene betagte, in Amerika lebende Wissenschaftlerin sein, von der ich kürzlich las. „Ich schließe die Haustür niemals ab“, sagte die allein Lebende. Im Fall eines Sturzes oder einer Krankheit stehe die Tür dann nämlich offen, der Weg sei frei für Nachbarn oder Sanitäter. Da nehme sie die Gefahr von Einbrechern gern in Kauf.
Der Advent ermuntert dazu, die Tür nicht abzuschließen. Noch mehr: Man soll sie sogar ganz weit öffnen! So setzt die Erwartungsfreude Signale. Es geschieht oft, wenn ein besonderer Gast eintrifft oder jemand aus dem Krankenhaus wiederkommt. Dann schmückt man die Tür mit Luftballons. Ich erinnere mich an ein altes Foto, das solch eine geschmückte Tür zeigt. Obwohl schwarz-weiß, sehe ich in der Erinnerung die Luftballons in Farbe, sie scheinen sacht zu baumeln. Dazu ein Plakat in großen Lettern: WILLKOMMEN!  Im Türrahmen stehe ich – zwischen den aus weiter Ferne angereisten Großeltern, denen ich noch nicht mal an die Hüften reiche. Ein Bild dafür, dass der Advent mehr als ein Versprechen ist: Jeden Augenblick kann das Leben eintreffen. Das Foto ist Erinnerung, zugleich immerwährende Erwartung, dass bald wieder jemand kommt – und es wird noch schöner, größer und fantastischer sein.
Die Tür steht weit offen – kann sich die adventliche Erwartung jetzt überhaupt noch steigern? Vielleicht indem man nicht nur eine, sondern alle Türen öffnet. Das habe ich tatsächlich erlebt als Kind. Ich war inzwischen schon etwas größer als auf dem Foto mit Tür und Luftballons. Wir waren umgezogen und lebten in zwei Wohnungen, die dank eines Wanddurchbruchs verbunden waren. Beide Wohnungstüren aber blieben intakt, sie lagen im Treppenhaus einander gegenüber. Wenn jemand klingelte, konnte es passieren, dass sich die Tür in seinem Rücken öffnete: „Hallo!“  Der Gast drehte sich um – und genau in diesem Augenblick ging die Tür auf, an der der Besucher zuerst geläutet hatte: „Hallo!“ Der Eingetretene war hin- und hergerissen, drehte seinen Kopf und seinen Körper – was waren das für Tänze im Treppenhaus! Oft geschah es aus Zufall, aber natürlich hatten meine Brüder und ich auch unseren Spaß an dieser Treppenhaus-Verwirrung. Wir rannten um die Wette: Wer kommt zuerst an eine der Türen? Dann wieder agierten wir so gewieft, dass wir die Wohnungstüren mit voller Absicht knapp nacheinander öffneten. Wir wollten den Kommenden aber nicht nur ärgern, uns trieb schlicht die Neugier an: So öffneten wir uns der Welt, die zu uns in die Wohnung kam. Wir waren sicher: Wer da klingelt, kommt im Guten. Er war willkommen – also schlossen wir uns nicht ab, sondern sperrten die Tür weit auf, nicht nur eine, sondern am liebsten immer beide.

Einmal feierten wir in unserer Doppelwohnung ein großes Fest. Es war noch schöner als Weihnachten, weil es einmalig war. Der runde Geburtstag meines Vaters, durchflochten von Musik, die nicht von der Schallplatte kam. Meine Brüder und ich durften aufbleiben ohne jede Grenze, es war der Abend der Unendlichkeit. Den Tag über schon fieberten wir dem Ereignis entgegen. Gläser standen aufgereiht, Servietten waren gefaltet, das Rumoren in der Küche war wie das Stimmen der Instrumente im Orchester. Ein Teil des Wohnzimmers war zur Bühne geworden – davor Stuhlreihen. Ich wohnte in einem Zimmertheater – doch noch waren die Stühle unbesetzt. Wir warteten, wussten nicht genau, was kommen würde, kannten viele der angekündigten Gäste nicht oder nur flüchtig. Wir spielten Karten, immer wieder betrachtete ich die in Reihe stehenden Gläser, die darauf warteten gefüllt zu werden und ins freie Spiel zu kommen. Und dann!
Es klingelte, zum ersten Mal – und bald immer wieder. Verwandte kamen, Freunde, Unbekannte. Wir rannten, rissen beide Wohnungstüren auf. „Herein!“ Die Besucher waren kaum verwirrt, sondern lachten über dieses Spiel, manche wollten gar erst durch die eine Tür und dann noch einmal durch die andere treten. Im Zimmertheater saß ich mit meinen Brüdern in der ersten Reihe … An sehr viel mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, mir scheint jedoch, nicht einer dachte daran aufzubrechen, keiner sagte: „Ich bin dann mal weg!“ Es war stattdessen so: Alle wollten für immer bleiben.
Das kann der Advent bescheren: Man will nun nicht mehr weg, sondern ist jetzt darauf vorbereitet, dass das Leben sich erfüllen kann – schon bald, am besten sofort, in diesem Augenblick. Das Ziel ist nicht irgendwo, sondern in der Nähe: Ich selbst bin es – Gottes gute Adresse. Das Herz mag verwundet sein, lahm, verhärtet, eingemauert, alt und klein geworden, kalt womöglich, es pocht schwach oder auch zu heftig – egal! Es ist die Hauptstadt Jerusalem, die sich Jahr für Jahr von neuem schmückt, schöner wird und sich wartend immer weiter öffnet. Bald wird der König Wohnung nehmen, genannt auch Jesus, der Friedefürst. Es ist ein Kind, das aufgebrochen ist, um zu trösten. Ich halte die Arme nicht am Körper, sondern strecke sie weit aus. Ich spüre, wie frei und weit es in mir wird, wenn ich die Arme in ganzer Länge von mir strecke. Der Himmel kommt mir entgegen. Ich will ihn empfangen, so stehe ich ungeschützt und unbesiegbar offen. Gott gehört nicht zur der Gattung der Verfolger, er folgt einfach nur dem Weg ins Herz hinein, damit der Friede Wohnung nehmen kann. Der Weg – er ist gefegt. Gott wird nicht stolpern. Seine Kraft ist klein und zart. Ich warte. Die Kraft ist groß, das Herz beginnt zu jubeln. Und alle Vergeblichkeit hat abgedankt.

Ende