Foto von aufgeschlagenen Büchern

Jahresschlusspredigt über das Gleichnis mit den Talenten (Mt 25,14-29)

Diakon Willi Holzhammer (kath.)

31.12.2016 Pfarre Rum St. Georg, Tirol

Heute gibt es schwere Kost zum Jahresende. Der Ausschnitt aus den Gerichtsreden Jesu steht am Ende des Matthäusevangeliums. Unmittelbar nachher die Rede vom Weltgericht. Da erzählt Jesu seinen Freunden dieses Gleichnis von den Talenten. Da stellt sich die Frage, was Jesus uns damit sagen will. Kaum ein anderes Gleichnis Jesu ist in so vielen unterschiedlichen Weisen interpretiert worden. Da geht es einmal um Geld, vielmehr um riesige Vermögen: von 5 Talenten hätte eine sechsköpfige Familie ca. sieben Jahre ernährt werden können. Und auf den ersten Blick geht es um Renditen, sprich Gewinn. Und  damit verbunden ist das Thema Leistung und Erfolg, denn wer Gewinn macht, wird am Ende belohnt. Es scheint durchaus so – und in kapitalistischer Denkweise hat man auch schon oft versucht, dieses Gleichnis als Rechtfertigung für eben jenes System von Wirtschaft zu verwenden, dessen bisweilen katastrophal ungerechte  Auswirkungen wir tagtäglich in den Nachrichten präsentiert bekommen.

Das kann Jesus nicht gemeint haben, wenn er auch andernorts davon spricht, dass auch mit dem ungerechten Mammon Gutes getan werden kann. Jedes leistungsorientierte Herangehen an diesen Text kann uns nur in die Irre führen. Nicht die Ergebnisse dieser Treuhänderschaft erscheinen mir wesentlich als vielmehr der Einsatz der Verwalter dafür. Die anvertrauten Talente einzusetzen ist der damit verbundene Auftrag, nicht sie zurückzuhalten, brach liegen zu lassen oder zu verstecken. So steht also vielmehr die Haltung der Diener im Mittelpunkt als ihr Erfolg, wenn dieser auch in  Zählbarem ausgedrückt wird, sicher auch ein Grund zu manchem Missverständnis. Wenn wir unsere Betrachtung auf den Einsatzwillen der drei Treuhänder konzentrieren, sehen wir zwei mutige und einen ängstlichen. Es ist schade, dass die Übersetzungen das altgriechische Wort für "zögernd, träge, bedenklich, ängstlich" wohl auch unter dem Einfluss der westlichen, leistungsbeeinflussten Denkweise zu „faul“ umgedeutet haben. Seine Ängstlichkeit veranlasst den dritten Diener, das Geld lieber zu verstecken. Aus Angst verweigert er den Einsatz seines Talentes für seinen Herrn. Angst wovor? Etwas zu verlieren, zu versagen, den Erwartungen des Herrn nicht zu entsprechen? Oder gar den eigenen Ansprüchen an Perfektion und Ansehen?

Seien wir ehrlich: Können wir das nicht nachfühlen? Kennen wir nicht auch diese Ängste? Unser Engagement für die Sache Jesu, sei es in der Pfarrgemeinde, in der Kollegenschaft, in der Politik, der Schule oder am Arbeitsplatz könnte uns eine abschätzige, ja mitleidige Meinung von Mitmenschen eintragen. Wir müssten aus manchem Kreislauf der Ungerechtigkeit aussteigen und so gegen den Strom des Zeitgeistes schwimmen. Kann es nicht sein, dass wir aus dem Grund, uns nicht zu sehr von unserer Umgebung zu unterscheiden, unsere Talente auch oft lieber für uns behalten, sie verstecken?

An dieser Stelle ist ein Auftauchen aus unseren Betrachtungen im Heute, an diesem Sylvesterabend angebracht. Dieser letzte Tag im Jahr ist der Zeitpunkt für Rückschau, Standortbestimmung und Besinnung. Dabei  dürfen wir uns natürlich anrechnen, was gelungen ist, wo Wachstum geschehen ist, in uns und durch uns – Wachstum im Sinne des Reiches Gottes, sodass Leben ermöglicht und gefördert wurde. Heute sind wir eher bereit, uns selber einzugestehen, was wir versäumt haben, wo wir aus vorhin genannten Gründen den leichteren Weg der Anpassung gegangen sind. Diese Chancen für das Leben zu versäumen, das ist Vergraben unserer Talente. Wenn wir uns das eingestehen, können wir auch den dritten Diener besser verstehen. Denn, ehrlich gesagt, fühle ich mich ihm nicht selten ähnlicher als den beiden anderen. Darin liegt wohl auch der Grund, warum er mich an diesem Gleichnis immer schon viel mehr beschäftigt hat.

„Wer nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“(Mt 25, 29b). Dieses harte Urteil über den dritten Diener irritiert. Ich möchte es so verstehen: Wer Angst hat, dessen Leben engt sich ein. Angst nimmt Leben, verdunkelt den Blick auf die Welt, schürt Misstrauen, führt in die Depression. Somit hindert uns Angst am Einsatz für das Leben. Daher wird Jesus nicht müde, uns immer wieder zu sagen: Fürchtet euch nicht!  Der Apostel Paulus schreibt and die Römer: „Wer an Jesus Christus glaubt, wird nicht zugrunde gehen!“ (Röm 10,11) Lassen wir diese Worte auf uns wirken, um immer mehr den Weg des Lebens zu gehen!

In diesen Tagen des Bilanzierens ist es wohl angebracht, sich über diese Fragen Gedanken zu machen: Was ist der Leitfaden meines Lebens? Wie gehe ich mit meinen Talenten um? Dienen sie dem Leben? Dem bewussten Leben im Hier und Jetzt?

Ich denke, diese Fragen lassen durchaus den einen oder anderen Vorsatz aufkeimen, den wir wohlwollend in das Neue Jahr mitnehmen dürfen.

Und dass es ein gutes werden möge, das wünsche ich uns allen!