Foto von aufgeschlagenen Büchern

Karfreitagspredigt "Sieben Worte am Kreuz"

Superintendent Dr. Johannes Krug (ev.)

14.04.2017 Pauluskirche Berlin-Zehlendorf

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott, unserem Vater. Dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Bei uns Menschen ist das oft so: Der erste Eindruck entscheidet – und die letzten Worte bleiben. Wer einen guten Eindruck machen möchte, hat ungefähr 6 Sekunden Zeit, bis das erste Urteil steht. Und was man sagt, zum letzten Abschied, bleibt haften für lange Zeit. Sieben Jesus-Worte zählt man in der Tradition, verteilt auf die vier Evangelien. Sieben Abschiedsworte am Kreuz. Gesprochen im Angesicht des Todes, wenn für Plauderei und Geschwätz kein Platz mehr ist. Diese Worte sind da zuhause, wo es gilt. Deshalb sind sie haften geblieben. Es sind sieben Worte, die bleiben.

Man sagt, Menschen sterben wie sie gelebt haben. Normalerweise. Wenn das stimmt, sind diese sieben Abschieds-Worte für uns, die wir uns heute am Karfreitag in Jesu Namen versammeln, ein Gruß: So sollt ihr leben. Also dann:

 

Das erste: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Jesus, so sprichst du über die, die dich kreuzigen und dann das Los werfen über deine Kleidung. Du hättest auch fluchen, klagen, anklagen können. Stattdessen „Vater, vergib ihnen…“. Du hast deinen Frieden gefunden.

Ich könnte sie aufzählen, die Menschen, die mir das Leben schwermachen. Die mich hier mal geärgert, da mal ungerecht behandelt haben, die mich dort mal missverstanden und weh getan haben. Ich weiß, man kann sich rauf und runterregen an tatsächlichem oder vermeintlichem Unrecht, das wir erfahren mussten. Ja, man kann auch baden in den offenen Rechnungen. Sie wenigstens teilweise begleichen zu können, schafft Genugtuung für den Moment, schon richtig. Aber Frieden finden wir nur, wo wir bereit sind, ehrlich und auf Augenhöhe zu vergeben.

Du widerstehst der Pose, dich am Ende zum Friedensheld zu machen. Du hättest ja auch „ICH vergebe Euch…“ rufen können. Hast Du aber nicht. Stattdessen ehrlich und auf Augenhöhe: „VATER, vergib…“. Das ist Vergebung. So wird Frieden. Um uns. Und in uns.   

 

Das zweite Wort: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)

Du hast nicht aufgehört, etwas zu erwarten. Das ist dein Testament gegen alles Aufgeben, Aufstecken und Abwinken bei uns. Ja, es stimmt, wer etwas erwartet, lebt mit der Möglichkeit, dass es anders kommt als erhofft. Aber wer die Hoffnung aufgibt, hat sich selbst aufgegeben. Der Tod hat eine kleine Schwester, und die heißt Resignation. Ich fürchte, dass wir viel zu oft nach ihrer Pfeife tanzen.

Du hast die Hoffnung nicht aufgegeben. Das gibst du uns zum Abschied mit auf den Weg: dass wir etwas erwarten über den Tod hinaus.  

 

Das dritte: „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26-27)

Die Lücke, von der du wusstest: sie wird groß sein, wolltest du so klein wie möglich machen. So groß war deine Liebe. Die Schriftstellerin Amy Rosenthal – ob sie bei ihrem Sterben an dich gedacht hat? Anfang März veröffentlichte sie kurz vor ihrem Tod in der „New York Times“ eine Liebeserklärung an ihren Mann, die zugleich eine Art Kontaktanzeige war. Wie muss sie ihn geliebt haben, dass sie ein neues Glück für ihren Mann suchte. Aus Liebe gibt sie ihn frei, so wie du deine Mutter und deinen Lieblingsjünger frei gegeben hast für ein neues Kapitel in ihrem Leben. Und das nehme ich mit aus deinem Abschied: Wenn ich mich verabschiede aus einer Aufgabe, dann mögen die, die nach mir kommen, frei sein, es anders, hoffentlich besser zu machen. Wenn wir unsere Kinder verabschieden ins eigene Leben, dann mögen sie frei sein, ihr eigenes Glück zu suchen und es auch woanders finden dürfen, als wir unseres gefunden haben. Und auch das Eheversprechen gilt nur „bis der Tod uns scheidet“. Dann, so ist das Eheversprechen gedacht, soll Freiheit sein für ein neues Kapitel. So verstehe ich dein Abschiedswort: Die kleinen und die großen Abschiede fordern etwas von uns, das so schwer ist, dass wir es nur aus großer Liebe hinkriegen: Freiheit zu geben.   

 

Das vierte ist das schwerste: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34, Mt 27,46)

… denn es ist kein Wort, sondern ein furchtbarer Schrei. Du, der du sonst immer so glaubensstark, fest und gottestreu warst, so radikal unserem Gott vertraut hast, schreist in der Todesstunde deine Gottverlassenheit heraus. Abmildern und Schönreden gilt nicht, auf Golgatha ist kein Platz für Watte. Also versuche ich, das Unerhörte zu verstehen und ahne die tiefe Wahrheit darin: Gott kann weit weg sein, unerträglich weit entfernt. Gott redet nicht nur, Gott kann auch schweigen. Unsere Bibel, sie erzählt nicht nur davon, was Gott gesagt, getan und wer weiß was wunderbar gewirkt hat. Sie erzählt auch von Gottesferne, von seinem Schweigen und seiner Unergründlichkeit. Gottesnähe, das ist ein punktuelles Glück, doch wer glaubt, Gott vertraut, führt über weite Strecken des Lebens eine Fernbeziehung. Das können wir beklagen, wir können uns darüber den Kopf zerbrechen, das kann uns zum Zweifeln und manchmal zur Verzweiflung bringen – doch du, Jesus, machst uns noch in deiner Verzweiflung etwas Entscheidendes vor: Dein Schrei bleibt ein Gebet. Du hältst in der Gottesferne an Gott fest: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und ich beginne zu verstehen: Glauben, hoffen, leben wird, wer Gottes Unergründlichkeit aushält.     

 

Das fünfte: „Mich dürstet.“ (Joh 19,28)

Leben bis zuletzt. Trinken, Essen und weit mehr als das. Ja doch, du hättest auf Golgatha deinen letzten kleinen Durst ignorieren, ihn unterdrücken können. Du hättest dir sagen können, dass sich das Trinken jetzt doch nicht mehr lohnt. Hast du aber nicht, stattdessen: „Mich dürstet“. Denn Leben, das willst du uns wohl sagen, lohnt sich bis zum letzten Atemzug. Trinken, Essen und weit mehr als das.

Ganz in unserer Nähe, im Diakoniehospiz Wannsee, haben sich das die beruflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden auf die Fahne geschrieben: dass sich Leben lohnt, wertvoll ist bis zuletzt. Sie sind den Menschen auf ihren letzten Wegen nahe, lesen ihnen vor, hören zu, fragen nach ihrer Lieblingsmusik oder kochen noch einmal das Essen, das sie so gerne gegessen haben, nehmen ihre Hand, sind da und lassen den Sterbenden auch die Freiheit zu gehen. So machen sie das Wort eines Sterbenden zu einem Wort des Lebens. „Mich dürstet.“

Das sechste: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Das möchte ich auch einmal so sagen können, wenn der Tag gekommen ist, an dem es Zeit ist zu gehen. An diesem Tag soll alles Bilanz-Ziehen und Rechenschaft-Abgeben-, überhaupt alles Berechnen und Sorgen ganz dem Vertrauen Platz machen, das sagt: „Bis jetzt war ich an der Reihe, oft genug mit Deiner Hilfe. Jetzt übernimm‘ Du mein Leben mit allem Glanz und allen Schrammen.“

Das Leben, das Gott uns geschenkt hat, liegt zu einem großen Teil schon in unserer Hand. (gerade weil Gott uns öfter als uns lieb ist, auf eigenen Füßen stehen lässt). Aber den Tod sollen wir nicht selbst in die Hand nehmen, den sollten wir Gott überlassen. Denn wenn wir unsere Augen schließen, wird Gott da sein. Das hast du uns in deiner Stunde mitgegeben für unsere Stunde: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

 

Und schließlich: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30)

Es ist zum Ziel gekommen, dein Leben. Und das sagt du, der stirbt um die 30? Was sage ich „stirbt“ – der abrupt aus dem Leben gerissen wurde? Du, dessen Mission doch gerade erst Fahrt aufnahm. Dein Leben: am Ziel? Ja doch, am Ziel. Genauso hast du es gemeint. So verabschiedest du dich von uns, die wir so oft hadern damit, so unvollkommen zu sein, so viel von dem, was wir wollten, nicht zu Ende gebracht zu haben. Die wir so oft stecken bleiben in Anfängen und uns verheddern in den losen Fäden unseres Lebens. „Es ist vollbracht“ – rufst du uns zu. Und gibst uns mit auf den Weg: Macht Frieden damit, dass euer Leben hier unvollkommen und manchmal seltsam verknotet bleibt. In diesem Leben sind Lebensfragmente unser Ziel. Gott wird mit ihnen was anzufangen wissen. ER wird die Muster aufnehmen, die uns gelungen sind. Verbinden, was wir nicht mehr zusammenbekommen haben. Wo unser Faden gerissen ist, wird er weiterknüpfen und heilen, was uns schiefgegangen ist. Gott wird aus den Anfängen ein Bild weben, nachdem wir im Leben so oft gesucht-, das wir manchmal geahnt haben, aber solange wir leben, hier nicht vollenden können. Hier, in diesem Leben, laufen wir unvollendet ein ins Ziel. Überlassen wir Gott die Vollendung. Damit, Jesus, verabschiedest du dich von uns.

Sieben Worte am Kreuz. Es sind Abschiedsgrüße, und doch voller Zukunft. In deinem Mund, Jesus, werden noch die Worte der Todesstunde Worte des Lebens.

Danke!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all‘ unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen