Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über 1. Moses 4,1-16

Pfarrer Dr. Stephan Hagenow

20.05.2004 in Selzach (CH)

“Gewalt”

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Die Bibel ist ein lebensnahes Buch. Sie gaukelt keine heile Welt vor und redet nicht nur von einem honigsüssen Gott, der alle lieb hat. Liebe funktioniert nicht ohne Gerechtigkeit. Deshalb wird offen über Todfeindschaft und Gewalt berichtet. Und das nicht nur am Rande. Gleich nach der Geschichte vom wunderbaren Anfang, als Gott die Welt erschuf, folgt schonungslos die Erzählung vom Anfang aller Gewalt. Ein Streit zwischen Brüdern, der tödlich endet. „Siehe, es war sehr gut“, heisst es am Schluss der Schöpfungsgeschichte über die Welt und die Menschen. Darauf folgt gleich der Absturz mit dem „Sieh, wie kann nur so etwas unter Menschengeschwistern geschehen?“ Kain erschlägt auf brutalste Weise mit einem Stein seinen eigenen Bruder. Was Menschen einander antun können, übersteigt jede Vorstellungskraft.

„Ich habe doch nur den Befehlen gehorcht.“, sagte vor einigen Tagen Lynndie England, die 21 jährige Frau in ihrem ersten öffentlichen Interview. Seit Tagen geht dieses Foto um die Welt, wieder und wieder wird gezeigt, wie die amerikanische Soldatin einen nackten, wehrlosen Mann an einer Hundeleine spazieren führt mitten im Foltergefängnis. Eine unscheinbare Frau aus einer ländlichen Region Amerikas, die dazu noch werdendes Leben in sich trägt. Die Eltern und Nachbarn sind entsetzt, können nicht glauben, dass es wirklich die gleiche Lynndie England sein soll, die sie alle kennen. Der Absturz in die Unmenschlichkeit ist umso grösser, weil die amerikanische Supermacht ja hochmoralisch im Namen der Menschenrechte und der Freiheit in ein fremdes Land einmarschiert ist, um einen anderen Gewalttäter abzusetzen.

Wie können Menschen wie Du und ich ihre Menschlichkeit so schnell verlieren, all die Werte verdrängen, mit denen wir aufgewachsen sind: Toleranz, Nächstenliebe, Menschenwürde? Wie kann eine junge Frau zur Foltergehilfin werden? Sind es nur die äusseren Umstände? Oder ist es in jedem von uns angelegt, dass aus gesunder Aggression und Energie auch Gewalt werden kann?

Wir brauchen aber gar nicht bis in den Irak gehen. Ihr habt ja das Thema Gewalt nicht zufällig ausgewählt: Wie kommen nach aussen unscheinbare Schüler plötzlich dazu, andere zu erpressen und zu quälen?

Die Geschichte von Kain und Abel gibt ihre eigene Antwort auf das, was Menschen ausmacht: Alle Menschen sind Brüder, Geschwister. Und: Sie können ihren Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, nur im Wege der Arbeitsteilung erfüllen. "Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann." Ackerbau und Viehzucht sind die beiden für die bäuerliche Welt grundlegenden Erwerbszweige.
Die Menschen sind Geschwister: nicht nur im familiären Sinne. Geschwister können der grosse Rückhalt, das verlässliche Gegenüber sein.
Nur vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen ist es verständlich, dass die frz. Revolution sich die Ideale nicht nur von Freiheit und Gleichheit, sondern eben auch von Brüderlichkeit auf die Fahnen schreiben konnte. Geschwister können aber auch wie Katz und Maus sein, bitterböse Rivalen, ja sogar ein Leben lang miteinander verfeindet. Geschwister können beides sein, Freund und Feind. Geschwister wird man nie los. Lebenspartner und Freunde kann man sich aussuchen, von ihnen kann man sich im schlimmsten Falle auch wieder trennen. Auch von Geschwistern kann man sich lossagen, aber sie bleiben Geschwister. So gibt es unter den Menschen eine letzte, durch nichts aufzuhebende Zusammengehörigkeit. Und das macht es so besonders tragisch, wenn wir einander Gewalt antun, sei es mit Händen oder mit Worten. Die schlimmsten Gewalttaten finden statistisch gesehen fast immer im nächsten Beziehungsfeld des Opfers statt, der Mord des eifersüchtigen Ehemannes, der Missbrauch der Tochter durch den eigenen Vater, der berühmte Chlapf der Mutter, der angeblich noch keinem Kind geschadet hat.
Wie schnell kann aus Nähe Missbrauch werden, wie schnell aus blindem Vertrauen oder Kadavergehorsam Gewalt entstehen.

Im Konflager habe ich mit euch ein Experiment gemacht, das ich am eigenen Leib als Konfirmand erlebt und gespielt habe. Ich habe vier kräftigen Jungs die Augen verbunden und ihnen ein grosses Handtuch mit einem Knoten am Ende in die Hand gedrückt. Und ich habe euch befohlen, aufeinander einzuschlagen, wer am meisten Treffer erzielt, der hat gewonnen. Ihr habt mir vertraut oder soll ich sagen gehorcht, ihr habt ohne nach dem Warum zu Fragen blind aufeinander eingeschlagen, buchstäblich bis einer Nasenbluten hatte. Und den Mädchen habe ich heimlich gesagt, sie sollen die Schwächeren anstacheln und die Starken loben. Das Experiment hat wunderbar funktioniert, innerhalb von 10 Minuten haben 18 Menschen sich gegenseitig Gewalt angetan. Es gab nur ein, zwei Stimmen, die ganz zaghaften Widerspruch wagten. Mit meiner Macht als Leiter habe ich sie schnell verstummen lassen.
Hinterher hatten wir eine sehr intensive Diskussion und euer berechtigter Hauptkritikpunkt war, dass ihr mir vertraut habt und nie so etwas von mir als Pfarrer erwartet hättet.
„Ich habe doch nur meinen Offizieren gehorcht, hat die amerikanische Soldatin gesagt.“ „Wir haben doch nur gemacht, was der Pfarrer von uns verlangt hat.“ Ich bin sehr dankbar für euer Vertrauen und ich will es auch nie wieder aufs Spiel setzen. Aber es darf eben kein blindes Vertrauen geben. Fast noch schlimmer als die Gewalttäter sind die Zuschauerinnen und Zuschauer der Gewalt, die tatenlos wegsehen und nicht genügend Zivilcourage haben, um einzugreifen. Brutale Gewalt entspringt nicht von einer Sekunde auf die andere, sie hat immer eine lange Vorgeschichte. Bei Kain und Abel wird aus Eifersucht Neid, aus Neid wird Hass, aus Hass wird Mord.
Wir haben es im Lager gemerkt, jeder Täter ist auch immer ein Opfer. Das entschuldigt die Taten nicht, aber verhindert, dass die Mörder zu Monstern gestempelt werden. Sie bleiben Menschenkinder, Geschwister.
Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.
Die Reaktion Kains hat eine seelische und eine körperliche Seite: Er brennt vor Zorn. Er senkt seinen Blick. Er will seinen Bruder nicht mehr ansehen, das Vermeiden des Blickkontakts ist sichtbarer Ausdruck der abgebrochenen Beziehung. Indem ich den Blickkontakt vermeide, bin ich allein mit meinem Zorn und lasse mich in meinen finsteren Gedanken nicht stören.
Und dann bei der nächstbesten Gelegenheit erschlägt Kain seinen Bruder auf dem Feld.

Liebe Jugendliche, liebe Eltern und Erwachsene. Was können wir tun, damit aus Aggression nicht Gewalt wird? Damit wir uns nicht den Unmut oder den Hass hineinfressen, der dann irgendwo ausbricht.
Im Lager haben wir uns mit unbearbeitetem Speckstein befasst – ihr habt regelrechte Kunstwerke daraus gemacht und ich sehe noch die Bilder vor mir, wie ihr an der Maggia sitzt und intensiv die Steine bearbeitet, damit sie glatt und gefällig werden. Ich denke darum geht es genau: Die rohen Steine der Gewalt anfassen, in die Hand nehmen und dann bearbeiten, ja sich selber daran abarbeiten. Es ist einfacher, schnell in der Wut einen Stein zu werfen als ihn zu bearbeiten. Wer einen Stein wirft, tut dies auch aus der Angst heraus selbst verletzt zu werden. So rufen wir aus lauter Angst nach mehr Strenge, anstatt die eigenen Ängste zuzulassen. Wir rufen nach schärferen Gesetzen und hartem Durchgreifen von Polizei und Justiz. Wir rufen nach Gutachten, mit denen wir Menschen für den Rest ihres Lebens wegsperren können, ohne dass sich noch einmal jemand mit ihnen befassen muss.
Auch Jesus hat in seiner Bergpredigt mit seiner Botschaft von der Feindesliebe und dem „Selig sind die Sanftmütigen“ nicht gemeint, alle sollten sich wie die Opferlämmer hinschlachten lassen. Nein, es geht darum, ein gewaltfreies Leben vorzuleben und damit die Gewaltspiralen zu durchbrechen.
An der Geschichte von Kain und Abel ist mir eines besonders wichtig: Kain muss mit seiner Schuld leben. Gott rächt nicht einfach Leben gegen Leben, sondern schützt ihn sogar. Es heisst:
"Darauf machte der Herr Kain ein Zeichen, damit keiner ihn erschlage, der ihn finde." (4, 15 b)
Das heisst für mich: Rache ist kein Weg. Nicht die Antwort mit neuer Gewalt führt zu einem Neuanfang, sondern ein Bekennen der eigenen Ängste und vielleicht sogar der eigenen Schuld. Kain musste weiterleben und sich mit seiner Schuld auseinandersetzen. Er musste den Stein, der er geworfen hat, wieder aufnehmen und weiterbearbeiten.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, ihr bekommt heute auch so eine Art Schutzzeichen auf die Stirn, nämlich den Segen Gottes. Ich habe mich bemüht, in den letzten 9 Monaten mit euch eine kleine Gegenwelt zu leben. Ich stand vor euch mit nichts als Vertrauen. Keine Noten, keine Strafarbeiten, keine Anrufe bei den Eltern, höchstens die sehr eindringliche Bitte mal ab und zu sonntags vor 12.00 Uhr aufzustehen. Wir haben die Themen gemeinsam ausgesucht und erarbeitet. Und diese Konfirmation heute spiegelt dieses Vertrauen wider. Ihr habt selbst die Verantwortung übernommen und gespürt, dass soviel Freiheit auch nicht unbedingt einfacher ist. Die Kirche, die sich auf den Jesus der Bergpredigt beruft, sollte ein Raum sein, wo Menschen einander vertrauen, zu ihren Ängsten stehen und sie dann gemeinsam überwinden. Ich wollte euch zum Fragen ermuntern und euch nicht fertige mundgerechte Antworten servieren, die muss jede und jeder für sich selbst finden und zwar ein Leben lang. Ihr habt es treffend in eurem Bericht zur Sprache gebracht. Es war zuweilen wirklich nicht sehr leicht, euch zum Sprechen zu bringen. In den letzten Monaten habt ihr dann nach und nach eure Zuschauerrolle aufgegeben und euch aktiv beteiligt. Manchmal musste ich auch als Sparringspartner herhalten, euren Zorn spüren über alle Versäumnisse der Kirche und alle in ihrem Namen verübten Schandtaten, von denen es in der Tat zu viele gibt. Aber ich will euch ausdrücklich Danke sagen für die kritischen und engagierten Töne und für euer Vertrauen.

Jesus hat in seiner Bergpredigt gesagt: Selig sind die Friedenstifter und die Sanftmütigen. Wenn ihr heute das Schutzzeichen, den Segen, bekommt,
dann werdet ihr genau zu solchen Botschaftern der Gewaltlosigkeit,
zu Menschen, die daran glauben, dass es eine bessere Antwort auf Gewalt gibt als die Rache und Vergeltung,
zu Menschen, die nicht in ihrer Zuschauerrolle bleiben, sondern sich zusammen mit den Opfern mutig der Gewalt und ihren Tätern entgegenstellen.

Es ist kein leichter Weg, aber der einzig richtige auf dem Weg in eine Welt, wo alle Menschen wirklich wie Geschwister miteinander leben.

Amen.