Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über "Jesu, geh voran" (EG 391)

Pfarrer Joachim Grössing

20.05.2002 in Mörbisch am See (Österreich)

Liebe Gemeinde,

liebe Eltern, Paten, Angehörige, Freundinnen und Freunde der Konfirmanden!
Liebe Teresa, lieber Michael, liebe Sabine, lieber Nicolas, liebe Karina, lieber Roman, liebe Christina, lieber Lukas, liebe Julia, liebe Elisabeth, lieber Martin, liebe Sylvia, lieber Bernd, liebe Daniela, lieber Michael!

Auf der Lebensbahn. Ihr seid unterwegs auf ihr. Jede und jeder von euch auf seiner eigenen Lebensbahn.
Manche Strecken der Lebensbahn seid ihr schon gemeinsam
gegangen, in der Schule, vielleicht beim Sport, vielleicht bei abendlichen und nächtlichen Ausflügen durchs Dorf, oder beim Konfirmandenunterricht.
Und ich glaube, ihr seid gut unterwegs.
Ihr wart eine offene, interessierte Konfirmandengruppe. Jede und jeder von euch ist eine Persönlichkeit, einzigartig und unverwechselbar, und es war schön für mich, euch zumindest ein bisschen kennen zu lernen. Es war auch schön, dass wir viel gelacht haben.
Irgendwann auf eurer Lebensbahn, in der Volksschule wahrscheinlich, habt ihr dieses Lied kennen- und auch auswendig gelernt, das wir eben gesungen haben:
Jesu, geh voran.
Und ihr habt es euch als Lied für diesen Gottesdienst gewünscht. Ein Lied, das - ich hab nachgerechnet - 281 Jahre alt ist.
Jesu, geh voran.
Schon in den ersten drei Worten ein Wunsch, der Wunsch, dass einer vorangeht, vorangeht auf der Lebensbahn.

So ist das mit unserem Bedürfnis nach Vorbildern:
Wir brauchen sie, weil wir von ihren Lebenserfahrungen profitieren, weil wir aus ihren Erfahrungen, den guten und den schlimmen, lernen können. Wir brauchen sie, weil sie uns einen Weg zeigen. Weil die Bahn, die sie durchs Leben gezogen haben, weil ihr Lebensweg und ihre Lebensart uns begeistert und uns Mut macht, unseren eigenen Weg zu gehen.
Jesus ist uns vorangegangen auf dem Weg durchs Leben. Er hat Menschen gesehen, sie wahrgenommen, so, wie sie sind. Er hat sie angesprochen, wie den Matthäus, der ein unbeliebter, ja verhasster Zöllner war, und sie in die Nachfolge gerufen. Er hat sie mitgenommen auf seinen Weg. Viele hat er glücklich gemacht: durch seine Zuwendung, dadurch, dass er sie in Schutz genommen hat, wenn sie Außenseiter waren. Dadurch, dass er Kranke geheilt hat und Toten das Leben wiedergab. Dadurch, dass er Menschen zur Umkehr gerufen hat, ihnen Möglichkeiten gezeigt hat, ihr Leben zu ändern. Dadurch, dass er von Gott erzählt hat, wie von einem guten Vater.
Jesus hat Gott den Menschen nahe gebracht.
Er hat Möglichkeiten gezeigt, wie wir sinnvoll leben können, indem wir die Würde achten, die jeder Mensch von Gott bekommen hat.
Er hat unsere Schuld auf sich genommen und am Kreuz durch seinen Tod alles beseitigt, was zwischen uns und Gott steht.
In seiner Auferstehung hat er uns gezeigt, dass Gott stärker ist als der Tod.
Diesen Jesus besingt das Lied. An ihn richtet es seine Bitten.
Und aus jeder Strophe möchte ich euch eine Bitte mitgeben am heutigen Tag:

Aus der ersten Strophe:
Führ uns an der Hand.
Eine eigenartige Bitte. Ihr seid ja gerade in einer Phase eures Lebens, in der ihr losgelassen werden wollt. Menschen, die euch begleitet haben, sollen und müssen euch mehr und mehr eure eigenen Wege gehen lassen. Und das ist gut so. Schließlich sollt ihr erwachsen werden und müsst eure eigenen Erfahrungen machen.
Trotzdem wünsche ich euch, dass ihr euch gehalten fühlt.
Gott hat euch in der Taufe bei der Hand genommen. Ihr seid seine Kinder und bleibt es auch als Jugendliche und Erwachsene.
Ich wünsche euch, dass ihr die Hand, die er in Jesus aus-gestreckt hat, seinen Schutz und seine Zuwendung spürt in eurem Leben.
Mit Jesus könnt ihr Hand in Hand gehen, ohne, dass es peinlich ist. Er führt euch nicht am Gängelband.
Er führt euch in die Freiheit der Nachfolge. "Folge mir!". So hat er Matthäus angesprochen. Und der steht auf und folgt ihm. Freiwillig. Jesus hilft euch, euren Weg durchs Leben zu finden.

Aus der zweiten Strophe:
Solls uns hart ergehn,lass uns feste stehn.
Solls uns hart ergehn........ - wir wollen nicht gleich von den schwierigen, harten Zeiten im Leben reden. Es gibt so viel schönes, und, was wir euch zu allererst wünschen ist, dass ihr glückliche und frohe Menschen bleibt, euer Leben lang. Dass ihr immer wieder spürt, dass es eine Freude und Lust ist, auf der Welt zu sein, zu leben.
Trotzdem: Stellt euch vor, eine Konfirmandengruppe besichtig auf einer Fahrt ein wunderschönes Schloss. Alle sind glücklich, beeindruckt von der Pracht der Räume, von der Architektur. Und dann will man sich noch den Park anschauen. Er soll fast noch schöner sein als das Schloss. Und mitten im Park schlägt das Aprilwetter zu, in Form eines sehr ergiebigen Platzregens. Es bleibt nur die Flucht unter einen großen Baum, und, weil der Regen nicht aufhört, der Weg nach Hause.
Solls uns hart ergehn, lass uns feste stehn.
Das Leben, jedes Leben besteht nicht nur aus Schönwetterperioden. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Platzregen, Schwierigkeiten, Traurigkeit, Verluste gehören zum Leben dazu, das wisst ihr.
Wenn es euch hart ergeht im Leben, wünsche ich euch, dass ihr Kraft habt, den Schwierigkeiten, Problemen Widerstand zu leisten. Dass ihr fest bleibt und euch nicht wegspülen lasst.
Dass ihr Krisen überstehen und an ihnen wachsen könnt.
Ich wünsche euch, dass Gott euch dann zur Seite steht und euch Helfer schickt. Manchmal reicht schon ein Baum, um sich unterzustellen, oder ein netter Mensch, der einen unter seinen Regenschirm lässt.

Aus der dritten Strophe:
Gib Geduld.
Die Strophe handelt von den Dingen, die uns berühren und bekümmern: der eigene Schmerz, Leiden von anderen Menschen.
Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz,
kümmert uns ein fremdes Leiden,
o, so gib Geduld zu beiden.

Geduld und Ausdauer braucht man, um Probleme bewältigen zu können: Oft lassen wir die Dinge gar nicht erst an uns heran: den eigenen Schmerz nicht und nicht die Leiden der anderen. Und so stumpfen wir innerlich ab. Wir verlieren uns selbst und unsere Mitmenschen aus den Augen und merken es meistens gar nicht. Und wen der eigene Schmerz nicht mehr rührt, den rührt bald gar nichts mehr und der rührt sich auch bald nicht mehr.
Und wen fremde Leiden nicht mehr kümmern, der kümmert sich um niemanden mehr und verkümmert. Zumindest innerlich.
Es geht nicht alles ganz schnell im Leben. Die wichtigen Dinge brauchen Zeit. Hört nicht auf, nach euch selbst und euren Mitmenschen zu suchen, auch, wenn das ein langer und mühsamer Weg ist.
Geduld und Ausdauer wünsche ich euch. Für euch selbst und für eure Mitmenschen. Dass ihr nicht abstumpft, dass ihr euch berühren lasst und euch kümmert, um euch selbst und um andere. Dass die Liebe, die ihr in euch habt, nicht kalt wird.

Aus der vierten Strophe:
Gib uns auch die nötge Pflege.
Gepflegt werden, heißt, dass jemand da ist, der mir gut tut, der mir Gutes tut. Der mir hilft, mich positiv zu entwickeln, zu wachsen, innerlich und äußerlich, oder, gesund zu werden, wenn ich krank bin.
Gib uns auch die nötge Pflege heißt also: Gib, dass jemand für uns da ist, Gott, und sei du für uns da.
Und das wünsche ich euch, nicht nur für die rauen Wege, sondern auch für die schönen eures Lebens. Für euren Lebensweg, eure Lebensbahn:
Dass ihr Menschen habt, die mit euch gehen, die euch gut tun, zu euch stehen. Und dass ihr spürt, dass Gott in Jesus Christus mit euch unterwegs ist. Dass ihr spürt, dass er bei euch ist mit seinem Schutz und seinem Segen, euer Leben lang und darüber hinaus.

Amen.