Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über Psalm 27,1

Pfarrer Berthold Haerter

in der Reformierten Kirchgemeinde Stammheim, Schweiz

Der Zettel - eine narrative Konfirmationspredigt

Vorbemerkung:
Die Reformierte Kirchengemeinde besteht aus vier Dörfern, in einer Senke im Zürcher Weinland gelegen. Die Gemeinde ist einerseits sehr traditionell, denn fast jedes Kind lässt sich noch konfirmieren. Andererseits ist die Kerngemeinde sehr offen und aktiv.
Die Konfirmation besteht aus drei Teilen. Den ersten Teil zum selbst gewählten Thema gestalteten die KonfirmandInnen mit Ihren Ideen, Texte, Anspielen etc. selbst. Der zweite Teil ist die Predigt. Der dritte die Konfirmation.
Ist Gott überhaupt noch nötig? Wenn ja, welche Bedeutung hat er überhaupt noch für uns KonfirmandInnen? Dies beschäftigte uns im Konfirmandenjahr 2001/02. So entstand auch das Thema der Konfirmation: Jugend ohne Gott !?

Liebe Konfirmandinnen
Liebe Konfirmanden
Liebe Gemeinde

Vor wenigen Wochen bekam ich einen Zettel. Jemand hatte ihn oben im Wald gefunden. Auf diesem Zettel steht ungefähr folgendes:

"Was soll das alles noch?
Wozu noch leben?
Hat das Leben noch einen Sinn?"

Durch diesen Zettel ist meine Geschichte entstanden, die so hätte stattfinden können.

Michaela ist im 1. Lehrjahr. Ihr Sek.- Abschluss war gut, und sie begann eine KV-Lehre begonnen. Sie hatte eine interessante Lehrstelle gefunden, denn der Lehrbetrieb hat viele Auslandskontakte, und so kann sie ihre Lieblingsfächer, die Sprachen, üben. Schon jetzt, nach knapp einem Lehrjahr, durfte sie manchmal bei mehrsprachigen Besprechungen dabei sein.

Eigentlich könnte sie zufrieden und glücklich sein, wenn nicht ... . Das fing alles vor 6 Wochen an. Vor 6 Wochen hatte sie ihr Freund, mit dem sie seit der Schulzeit zusammen war, verlassen. ‚Er habe jemand anderes kennengelernt', erklärte er. Logisch, dass sie die grosse Prüfung wenige Tage danach total verhauen hat. Aber nicht nur das. Sie schlief seit dem schlecht. Sie war müde und aggressiv in der Schule und bei der Arbeit, einfach lustlos. Wenn Freunde mit ihr abmachen wollten, dann sagte sie immer: ‚Sie hätte schon etwas vor.' Aber in Wirklichkeit hing sie zu Hause rum, denn sie hatte Angst, die anderen könnten ihr Fragen stellen, was denn mit ihr los sei oder so ...

Nun war es Frühling und trotz des schönsten Wetters fühlte sie sich elend. Michaela hatte sich vom Doktor krank schreiben lassen, hatte auch Medikamente zum Schlafen bekommen. Logisch, dass sie diese nicht nahm. Zu Hause war es langweilig. Beide Eltern arbeiteten. Die Mutter hatte Michaela zur Bedingung gemacht, wenn sie schon zu Hause bliebe, müsse sie wenigstens jeden Tag einen Spaziergang machen.

Nachdem sie heute lange im Bett gelegen hatte, raffte sie sich gegen Mittag auf, um loszugehen. Die Sonne schien. Michaela wollte in die Reben oberhalb des Dorfes gehen. Als sie oben war, sah sie sofort, das alle beim Reben schneiden waren, so dass sie weiter Richtung Wald und Vorder Hütten hinauf stieg. Es war warm und angenehm zu laufen. Sie merkte gar nicht, wie schnell sie oben war. Die Luft war klar. So stieg sie auf den Aussichtsturm und setze sich dort oben auf die Bank. Sie verfiel ins Grübeln und wurde noch trauriger. Da sie immer Papier und Stift bei sich hatte, schrieb sie diesen Zettel, den später jemand fand, und lies ihn vom Turm über die Brüstung fliegen.

Lange schaute Michaela ins Tal. Ihr Blick fiel auch auf die Dorfkirche mit dem grossen Turm, die unten am Berg steht.
‚Vor einem Jahr wurden wir da konfirmiert', dachte sie. ‚Seit dem war ich nicht mehr da drin. Ausser, vor 4 Wochen, als meine Urgrossmutter hochbetagt starb. Komisch war,' erinnerte sich Michaela, ,das die Urgrossmutter den gleichen Konfspruch hatte, wie ich. Seit dem hatte sie ihn sich gemerkt:
Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?' Ps. 27, 1

Deshalb hatte Michaela auch bei der Abschiedspredigt damals zugehört. An einiges erinnerte sie sich noch. ‚Der Spruch sei aus einem Psalm, indem ein Mensch in grosser Not war. Er fühlte sich total allein gelassen, selbst von seinen Verwandten. Trotz allem vertraute dieser Mensch aber Gott. Er vertraute, dass Gott ihn in seiner Not nicht allein lassen werde. Gott sei Licht und Heil, also Heilung.
So meint der Mensch in diesem Psalm, müsste er eigentlich auch keine Angst haben, vor dem, was auf ihn zukommt.'

Auch fiel Michaela da oben auf dem Turm einiges von ihren Konfirmationspfarrerin ein. Hatte diese nicht Gott immer mit einer Krücke verglichen? ‚Deshalb würde sie Konfunterricht machen, hatte sie gesagt, damit wir etwas über diese Krücke "Gott" wüssten. Vielleicht stände sie lange ungebraucht irgendwo in einer Ecke rum. Aber sie ist da, das sollte jeder wissen. Wenn man sie dann braucht und das spüre man, dann würden wir diese "Krücke" auch suchen. Und Gott wird sich finden lassen.'

‚Sollte Gott ihr hier in ihrer blöden Situation helfen können?' überlegte Michaela nun.
‚Könnte Gott ihr ihre Lustlosigkeit nehmen und die Angst, nun, wieder anzupacken und das Leben wieder mit Sinn zu füllen? Könnte Gott Aufgaben für sie parat haben, den Sinn ihres Lebens kennen und neue Wege für sie öffnen?' Michaela bemerkte selbst, dass sie die "Krücke" Gott auf einmal aus einer Ecke ihres Lebens geholt hatte:
Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Ps. 27, 1

Bestimmt müsse sie sich nicht vor dem Leben fürchten - das wurde Michaelas grosse Erkenntnis oben auf dem Aussichtsturm, als ihr Blick ins Tal schweifte. Sie fasste ein Fünkchen Mut. ‚Ich glaube, ich gehe jetzt hinunter und mache die Aufgaben für die Berufsschule', dachte sie.

Liebe Konfirmandinnen
Liebe Konfirmanden
Liebe Gemeinde

"Jugend ohne Gott" mit Ausrufezeichen und Fragezeichen versehen, ist das Konfirmationsthema. Ist die Jugend wirklich ohne Gott oder bedarf es Erkenntnissen und Erfahrungen, in denen man begreift, das Gott Hilfe, Licht und Stütze sein kann, seinen Lebensweg zu gehen?

Ich wünsche Euch Jugendlichen, dass ihr in eurem Leben merkt, das man mit der "Krücke" Gott, wenn man sie aus der Ecke holt, das Leben immer wieder neu anpacken kann, ja das Leben dadurch immer wieder Sinn bekommt.

Amen