Foto von aufgeschlagenen Büchern

Morgenandacht über die Ehrlichkeit der Jünger

Pfarrerin Angelika Obert (ev.)

16.03.2010 im Deutschlandfunk

Hier die Predigt hören

 

Wenn Petrus damals gelogen hätte – wer hätte es denn gemerkt? Er hätte diese jämmerliche Szene doch zumindest verschweigen können: Wie er nach der Gefangennahme Jesu im Hof des Hohenpriesters vor einer Magd zitterte und drei Mal leugnete, überhaupt etwas mit Jesus zu tun zu haben. Selbst wenn davon ein Gerücht umgegangen wäre in Jerusalem, hätte der Apostel Petrus das doch leicht als üble Nachrede abtun können. Er hätte die Geschichte auch zu seinen Gunsten abmildern können: Nicht eine Magd sei es gewesen, die ihn aufgespürt habe, sondern Soldaten seien gekommen und hätten ihn bedroht, mit gezogener Lanze hätten sie ihn umringt – es sei wirklich um sein Leben gegangen. Darum habe er Jesus verleugnen müssen. So hätte er die Dinge darstellen können und am Ende vielleicht sogar selbst geglaubt, dass es genau so war. Das Gedächtnis irrt sich doch gern, wenn es um’s eigene Versagen geht.

Aber Petrus, das Haupt der jungen Christengemeinde, hat nichts verschwiegen und nichts beschönigt. Er selbst muss von der Nacht seines schändlichen Versagens immer wieder gesprochen haben, sonst hätte sich diese Erzählung nicht so tief in die Erinnerung der Gemeinde eingegraben. Sonst würden nicht alle vier Evangelien im Neuen Testament davon berichten.

Es muss überhaupt so gewesen sein, dass die Jünger Jesu sehr freimütig erzählten, wenn sie sich an die Zeit erinnerten, in der sie mit Jesus unterwegs waren. Sie haben nichts ausgelassen: Nicht die peinliche Situation, wie sie darum gestritten haben, wer von ihnen wohl der Beste sei. Wer den Ehrenplatz an Jesu Seite verdiene. Auch nicht die Engstirnigkeit, mit der sie die Kinder wegschicken wollten oder die Frau getadelt haben, die Jesus mit dem kostbaren Öl salbte. Unvergessen blieb die schreckliche Angst, die sie hatten, als auf dem See der Sturm tobte. Und besonders gern haben sie vielleicht die Geschichte erzählt, wie Petrus in seinem Übereifer mal ins Wasser gesackt ist. Dass sie sich oft sehr blöd verhalten und Jesus meistens überhaupt nicht verstanden haben – es blieb nicht verborgen, es wurde sorgsam überliefert als kostbare Erinnerung. Offenbar war es den Jüngern, diesen ersten Zeugen, wichtig, dass man sie nicht als Helden und Heilige verehrte. Sie wollten, dass alles Erbärmliche auch in Erinnerung blieb:

die Feigheit, die Eitelkeit, die Kleinlichkeit – und auch das ganze Unverständnis, mit dem sie Jesus zu seinen Lebzeiten begegnet waren. 

Alles wurde aufgezeichnet in den Evangelien, so dass es auch nach 2000 Jahren noch nicht vergessen ist.

Wenn ich bedenke, wie doch sonst so jeder Mensch auf Erden darauf achtet, dass nicht alles ans Licht kommt, was ihm an Dummheit passiert, wenn ich überlege, wie viel Schwachheit und Versagen tagtäglich beschönigt und verdrängt werden, dann kann ich über die Ehrlichkeit der Jünger nur staunen.

Ja, sie haben erst nach dem Ostermorgen verstanden, wer Jesus wirklich war. Die Augen sind ihnen erst nachträglich aufgegangen – aber diese endlich offenen Augen: Wie scharf haben die auch auf die eigene Schwäche geblickt!

Die Jünger wurden dann vom heiligen Geist erfüllt, so wird erzählt. Offenbar hat sie diese Erleuchtung nicht zu höheren Wesen gemacht. Vom Geist erfüllt zu sein, das bedeutete wohl vor allem: Einfach nicht mehr lügen zu müssen. Wohl darum waren die Jünger Jesu dann auch so einmütig. Sie dachten gar mehr nicht daran, sich gegenseitig etwas vorzumachen. Sie hatten nun auch das sehr gut verstanden: Es waren nicht nur die andern, die Machthaber, die Jesus nicht akzeptieren konnten. Sie selbst waren an seiner Freiheit ja auch immer wieder irre geworden. Sie hatten ihm geglaubt – und doch nicht vertraut. Sie hatten ihn geliebt – und doch im Stich gelassen. Auch um ihretwillen musste er sterben, denn niemals wären ihnen sonst die Augen aufgegangen. Niemals hätten sie es sonst begriffen, dass Gottes Liebe sie auch in ihrer peinlichen Schwäche trägt.

So freimütig, so bereit, zu meiner Schwäche zu stehen wie die Jünger Jesu damals – das werde ich wahrscheinlich niemals sein. Aber dann und wann soll mir ihr Vorbild doch helfen, die Augen vor der eigenen Wahrheit nicht zu verschließen.