Foto von aufgeschlagenen Büchern

Morgenandacht über die Frage "Wer wird es fertig machen?"

Pfarrer Klaus Eulenberger

22.04.2002 auf NDR 4

Predigtpreis 2003 für die beste Morgenandacht im Format öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Predigt steht als mp3-Datei zur Verfügung

"Wer wird es fertig machen?"

Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz hat die Geschichte von Adam und Eva auf ihre besondere Weise weitererzählt. Sie hat sich gefragt: Wie war es wohl, als die beiden aus dem Paradies vertrieben waren? Lange Zeit wird es ihnen ziemlich schlecht gegangen sein; denn sie waren ja an das schwere Leben und an die Arbeit nicht gewöhnt. Die beiden Söhne haben ihnen, wie man weiß, nicht nur Freude gemacht. Für Adam aber, so meint die Erzählerin, könnte der schrecklichste Augenblick der gewesen sein, in dem er darauf kam, dass sie sterben müssten wie die Tiere. Von nun an konnte ihn nichts mehr erfreuen, weil ja nichts Bestand haben würde. "Was wir hier zurücklassen, ist unfertig und keinen Pfifferling wert," sagt Adam in der Geschichte zu Eva. "Jemand wird es schon fertig machen," sagte Eva. - "Die Kinder," sagte Adam streng, "sind träge und leichtsinnig. Sie wissen nicht, was arbeiten heißt, und werden elend zugrunde gehen" - "Es wird schon noch etwas aus ihnen werden," sagte Eva.

1952 ist diese Erzählung erschienen: Eine Nachkriegsgeschichte. Es ist die Zeit, in der die Eltern anfangen, sich Sorgen um die Kinder zu machen. Es ist nicht mehr die Sorge, ob man sich und die Seinen vor dem Verhungern bewahren werde. Nein, die Elterngeneration fragt sich, ob die Jungen etwas taugen. Ob sie brauchbar sind für die großen Aufgaben, zu deren Vollendung es noch enormer Anstrengung bedarf. Wahrscheinlich sind damals, zu Anfang der 50er Jahre, in Deutschland viele Gespräche geführt worden, in denen die Rollen ungefähr so verteilt waren wie in dem Dialog zwischen Adam und Eva. Die Väter warfen den Kindern Leichtfertigkeit und Verantwortungslosigkeit vor, die Mütter waren zuversichtlicher: Es wird schon noch etwas aus ihnen werden.

Das Vertrauen der Eva hat sich im Lauf der Menschheitsgeschichte immer wieder bewährt. Man sieht es schon daran, dass sich die großgewordenen Kinder in jeder Generation selbst Sorgen machen wie Adam: Sobald ihre eignen Kinder heranwachsen, sind sie als Väter voller Skepsis, ob noch etwas aus ihnen werden kann. Es ist genau dieselbe Skepsis, die eine Generation zuvor ihre Väter bestimmt hat. Sie aber haben längst Verantwortung übernommen; wäre es anders, würden sie sich ja keine Sorgen machen. "Jemand wird es schon fertig machen." Darauf kann man sich immer noch einigermaßen verlassen, wenn man, alt werdend, das Unfertige betrachtet.

Oder doch nicht? Sind die Kinder womöglich nicht interessiert an dem, was die Eltern auf den Weg gebracht haben? Haben sie oft keine Lust, es zu vollenden, und stecken sie ihre Energie lieber in die eigenen Projekte, die erst mit ihnen angefangen haben? Es ist schwer, das zu beurteilen. Die Geschwindigkeit des Lebens hat sich auf eine Weise beschleunigt, die viele ängstet. Man spricht inzwischen davon, dass die Kultur, die eine Generation prägt, alle sieben bis zehn Jahre durch eine neue ersetzt wird. Was innerhalb einer solchen Frist nicht zuende gebracht wird, würde also unvollendet bleiben: ein Torso, ein Fragment. Andererseits bleiben grundlegende Zusammenhänge unangetastet. Das Brot, das wir essen, muss gebacken werden, und wer es nicht selbst backt, muss dafür bezahlen. Die Arbeit aber, die wir leisten, stellt nie das Ganze her.

Wird sich jemand finden, der vollendet, was wir angefangen haben?