Foto von aufgeschlagenen Büchern

Morgenandacht über Naturwissenschaft und Glauben

Pfarrer Jörg Machel (ev.)

01.02.2010 im Deutschlandfunk

Hier die Predigt hören

 

Ich muss zehn oder elf Jah­re alt ge­we­sen sein, als mein Va­ter mich das er­ste Mal nach Ber­lin in das Mu­se­um für Na­tur­kun­de  mit­nahm. Er war da­mals Fern­stu­dent an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät und hat­te im Nach­bar­ge­bäu­de eine Vor­le­sung zu be­su­chen.

Ganz al­lein durf­te ich durch die aus­ge­dehn­te Mu­se­um­san­la­ge strei­fen. Das war ein wun­der­ba­res Aben­teu­er. Wie er­starrt habe ich vor dem Ske­lett des rie­si­gen Di­no­sau­ri­ers in der Ein­gangs­hal­le ge­stan­den. Ich war un­vor­be­rei­tet und über­wäl­tigt von die­sem un­ge­heu­er­li­chen Zeug­nis aus grau­er Vor­zeit. In Er­in­ne­rung ist mir auch ein rie­si­ger aus­ge­stopf­ter Go­ril­la ge­blie­ben, der so le­ben­dig aus­sah, dass ein klei­ner Jun­ge ihn durch sei­ne lu­sti­gen Spä­ße zu Re­ak­tio­nen be­we­gen woll­te. Das Mu­se­um mach­te da­mals ei­nen et­was an­ge­staub­ten Ein­druck, die Vi­tri­nen wa­ren alt und wirk­ten edel. Die Aus­stel­lungs­stüc­ke lie­ßen mich an die gro­ßen Ex­pe­di­tio­nen der Ent­dec­ker­zeit den­ken. Es wa­ren nicht vie­le Be­su­cher im Mu­se­um un­ter­wegs, aber im­mer wie­der husch­ten Män­ner in Ar­beits­kit­teln durch die Flu­re. Hier wur­de of­fen­sicht­lich nicht nur aus­ge­stellt, hier wur­de auch ge­forscht. Ein we­nig fühl­te ich mich wie ei­ner von ih­nen. Auch ich war als jun­ger For­scher un­ter­wegs.

Ein Grund für mei­ne Träu­me­rei­en war viel­leicht das Cha­ris­ma un­se­res da­ma­li­gen Bio­lo­gie­leh­rers. Die gan­ze Klas­se war be­gei­stert von sei­nem Un­ter­richt. Wir lieb­ten den Bio­lo­gieraum mit sei­nen Schau­ta­feln, Ske­let­ten und Prä­pa­ra­ten. Durch ihn fühl­te ich mich an­ge­lockt von der Welt der Wis­sen­schaft.

Auf der an­de­ren Sei­te gab es mei­nen al­ten Ka­te­che­ten. Schon mit fünf Jah­ren hat­te ich die grö­ße­ren Kin­der zur Chri­sten­leh­re be­glei­tet und sei­nen Ge­schich­ten ge­lauscht. Er konn­te wun­der­bar er­zäh­len und ich war ein auf­merk­sa­mer Zu­hö­rer. Ich moch­te ihn und sei­ne Bi­be­laus­le­gun­gen und nahm sehr ernst, was er uns er­zähl­te. Bald aber be­gann ich mit mei­nen Rück­fra­gen und wur­de im­mer skep­ti­scher ge­gen­über sei­nen Ant­wor­ten.

Be­son­ders hart wur­de mein Ver­trau­en zu ihm auf die Pro­be ge­stellt, als mich der Schul­stoff im­mer mehr an den schlich­ten Er­klä­rungs­mu­stern die­ses from­men al­ten Man­nes zwei­feln ließ. Über den Gang der Schöp­fungs­ge­schich­te war mit ihm nicht zu dis­ku­tie­ren. Mei­ne Zwei­fel mach­ten ihn hilf­los. Die Aus­sa­ge des fran­zö­si­schen Na­tur­for­schers Laplace, dass der Got­tes­glau­be nicht mehr sei, als „eine Pro­the­se für Geh­be­hin­der­te“, kann­te ich da­mals noch nicht, aber sie hät­te mir ver­mut­lich aus dem Her­zen ge­spro­chen.

Da war auf der ei­nen Sei­te mein Bio­lo­gie­leh­rer, ge­bil­det und kir­chen­fern und da war an­de­rer­seits mein Ka­te­chet, mit ei­ner schlich­ten, wort­ge­treu­en, un­hin­ter­frag­ba­ren Fröm­mig­keit, die kei­nem wis­sen­schaft­li­chen Zwei­fel zu­gäng­lich war. Im­mer stär­ker spür­te ich ei­nen Ent­schei­dungs­druck. So wohl ich mich in der Ge­mein­de auch fühl­te, so fremd wur­de mir das Welt­bild, das ich mit dem christ­li­chen Glau­ben ver­band. Nur der an­ti­kirch­li­che Druck, den die Schu­le mach­te, hielt mich in der Ge­mein­de. Die in­tel­lek­tu­el­le Ent­frem­dung ging wei­ter.

Zum Glück hat­te ich dann ei­nen her­vor­ra­gen­den Kon­fir­man­denun­ter­richt und end­lich be­kam ich Ant­wor­ten auf all die Fra­gen, die mir so lan­ge schon auf der See­le la­gen und die mich aus dem Kor­sett ei­nes wört­li­chen Bi­bel­ver­ständ­nis­ses be­frei­ten. Es war also gar nicht nö­tig, dar­an zu glau­ben, dass die Welt in 7 mal 24 Stun­den ge­schaf­fen wur­de. Und selbst die Er­kennt­nis­se von Dar­win stürz­ten mei­nen Pfar­rer in kei­ne Glau­bens­kri­se, für ihn war auch die Evo­lu­ti­on ein Teil von Got­tes gu­ter Schöp­fung. Endlich rück­ten die Welt der Wis­sen­schaft und die Welt des Glau­bens wie­der zu­sam­men.

Viel spä­ter las ich ein Be­kennt­nis von Wer­ner Hei­sen­berg, dem gro­ßen Phy­si­ker: „Der er­ste Trunk aus dem Be­cher der Na­tur­wis­sen­schaft macht athei­stisch, aber auf dem Grund war­tet Gott.“ Nicht, dass ich mich auf dem Grund der Na­tur­wis­sen­schaft aus­ken­nen wür­de, aber ich habe be­grif­fen, dass Glau­be und Wis­sen kein Ge­gen­satz sind, be­sten­falls sind sie eine wech­sel­sei­ti­ge Her­aus­for­de­rung – zum ge­gen­sei­ti­gen Nutzen!