Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,1-10

Pfarrer Matthias Rosenberger (kath.)

15.04.2017 Herz Jesu Kirche Aschaffenburg

Osternacht

Wer in den letzten Tagen die großen Gottesdienste der Karwoche mitgefeiert hat und die Erzählungen von Jesu Einzug in Jerusalem am Palmsonntag, den Einsetzungsbericht und das Evangelium von der Fußwaschung am Gründonnerstag, die Leidensgeschichte am Karfreitag mitgehört hat; der wird doch sagen können: ja, diese Geschichten können sich so abgespielt haben.
Aber gerade heute, am Höhepunkt, in der Osternacht präsentiert uns die Kirche eine Ostererzählung, bei der es uns doch eher schwerfällt zu sagen: die Geschichte kann sich so abgespielt haben.
Klingt sie nicht eher wie eine Geschichte aus 1001 Nacht: da ist dieses merkwürdige Erdbeben, der Bericht von Engelserscheinungen und die Wächter am Grab, die haut es ohne Erklärung ganz einfach von den Socken. Ist da nicht Zweifel angebracht?
Oder muss solch eine Erzählung nicht doch von ganz anderem Kaliber sein. Muss es sich dabei nicht um ein überwältigendes und über die Welt hinausgehendes Ereignis gedreht haben, wo eben die Ewigkeit die Zeit aufgesprengt hat - das Bild des Erdbebens - der Himmel in Erscheinung getreten ist - die Engel - und für die kein Platz und kein Stand mehr ist, die dem Tod dienen - die Wächter,
die zu Boden gehen - und so sind wir schon nicht mehr ganz so sehr schwer von Begriff. Diese Ostererzählung hält das Geschehene nicht geheim, aber wahrt das Geheimnis.
Osterglaube und Ostererzählungen stehen ja nicht im Verhältnis 1:1. Es geht nicht darum der Geschichte auf `s Wort zu glauben, sondern dem Geschehnis, das sie zur Sprache bringen.
Manchmal sagen wir ja zu jemand anders, wenn wir selbst etwas ganz besonderes, eigentlich unbeschreibliches erfahren haben: du kannst dir davon keine Vorstellung machen. Und wir suchen nach Möglichkeiten über Bilder und Metaphern unser Erlebtes zu schildern: das war ungefähr so wie... Das sind doch auch von uns keine Lügengeschichten, das sind doch auch von uns keine Märchen.
Auch für die Auferstehung gilt, dass wir den Zeugen und den Zeugnissen Glauben schenken, weil wir uns im Letzten keine Vorstellung davon machen können.
Aber eines können wir: uns vorstellen, wenn es die Auferstehung nicht gibt. Ist das wirklich die sympathischere, die menschlichere, die sinnigere Variante. Wenn die Erde nicht zum Himmel hin aufgebrochen ist, wenn am Tod nicht gerüttelt und geschüttelt werden kann, dann ist unsere Endstation eben auch das dunkle Loch, das Erdbett unserer Gräber und wir dienen nur noch dem Recycling, der leblosen Materie, der Erde zugeführt zu werden.
Bei dieser Vorstellung bleibt ja nur noch, sich ganz auf dieses Leben einzustellen. Das ist nicht wenig, aber ist es alles? Reicht uns das Fassungsvermögen dieses Lebens von unserer Geburt bis zum
Tod oder gibt`s Momente von Leben, von Glück, von Zufriedenheit, wo etwas überläuft, wo etwas Unfassbares und Faszinierendes alles Erfassen können übersteigt.
Und wie ist es bei denen, die ganz früh oder zu früh aus diesem Leben gerissen werden: Kinder, Jugendliche, Erwachsene mitten im Leben. Reicht da die Antwort: „Man wird nicht ja gefragt“ oder bleiben da nicht gerade Fragen. Mit dem Tod enden nicht die Fragen ans Leben, da fangen sie
eigentlich erst an.
Im Letzten aber geht`s um die Gretchenfrage, um die Gottesfrage. Wie leicht wird sie heute aufs Spiel gesetzt. Von den einen wird sie nicht recht ernst genommen. Das ist Leichtsinn. Andere wollen sie dem Menschen aus dem Kopf schlagen. Das ist Unsinn. Denn wir Menschen sind nicht die Antwort
auf alle unsere Fragen. Wieso aber ist der Mensch befähigt solche Fragen zu stellen. Ist das ein Irrtum der Natur, ein Konstruktionsfehler der Materie? Wir klagen heute über viele neue Isolationsvorgänge. Einen nennen wir Brexit. Wenn sich der Mensch von Gott, die Erde vom Himmel isoliert, dann ergäbe sich ja das Wort Exit, wie verräterisch?
Dass wir mit unserem Denken nie an ein Ende kommen, dass Musik uns in unendliche Sphären führt, dass in Liebe und Glück wir von Ewigkeit und Unaufhörlichkeit zu träumen vermögen, endet das alles nur im Albtraum, ist das nur ein Schwindel? Nein, der Tod schwärzt doch das Leben an.
Wir kennen die Auferstehung nicht aus eigener Erfahrung. Aber kennen die, die die Auferstehung leugnen und als Hirngespinst abtun. Kennen sie das Nichts nach dem Tod aus eigener Erfahrung? Haben sie die besseren Karten in der Hand? Nein, wir haben den Trumpf, der gegen den Tod sticht. Können
sie für ihre Thesen Beweise liefern? Wir sollten uns als Christen nicht in die Ecke der Irrationalität, der Unvernunft oder mangelnden Denkens stellen lassen. Denn in allen großen Fragen kann eigentlich nie ein Mensch sagen: „ich weiß“ , sondern eigentlich immer nur: „ich glaube, zu wissen“.
In Amerika soll es das geben, dass Menschen im Testament verfügen ihren Leichnam einfrieren zu lassen bis der Mensch auch ein Mittel gegen den Tod gefunden hat: das Wiederbeleben einer Leiche.
Dann geht das Spiel eben wieder von vorne los. Bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, als unsere Hoffnung auf Eis zu legen?
Im lebendigen Wasser der Taufe weihen wir heute Abend ein neugeborenes Menschenkind in die Alternative ein: nicht Tiefkühltruhe am Ende deiner Tage, sondern gewinne in den Tagen deines irdischen Lebens an Gottvertrauen, werde warm mit dem christlichen Glauben und seinem Kern der Botschaft von der Auferstehung, dann bleibt dir die Hoffnung, im Tiefpunkt und in der Kältestarre des Todes auf die wärmende Hand Gottes.
In den letzten Tagen wurde ja auch wieder medial die Karfreitagsruhe in Frage gestellt, weil wir als Getaufte ja nur noch ein Drittel unserer Gesellschaft ausmachen würden. Wer so argumentiert und den Spaß am Karfreitag sucht, der müsste konsequenterweise aber auch auf den Spaß eines Feiertags verzichten, denn dafür ist offensichtlich unser Glaube noch gut genug.
Auch wir Christen sind wahrlich keine Kostverächter, auch wir wollen schon von diesem Leben etwas haben. Aber wir müssen dafür nicht jahrhundertealte, gewachsenen Traditionen und, was Menschen heilig ist, infrage stellen für ein paar Stunden Spaß und Party. Wir können vom Leben nie genug haben, weil der Herr sich der Nacht des Todes angenommen hat und als Todesüberüberwinder an den Tag getreten ist.
Tausend und eine Nacht.
Das ist für mich Osterbotschaft: Tausende, Millionen, Milliarden Nächte des Todes wurden und werden gestorben - durch die eine Nacht, die Todesnacht des Herrn und den Ostermorgen sind sie alle in ein anderes Licht gerückt.
Nicht Märchen - sondern wunderbar.