Foto von aufgeschlagenen Büchern

Neujahrspredigt 2017

Pfarrer Felix Evers (kath.)

01.01.2017 Sankt Josef zu Neubrandenburg

Unberührt. Ein neues Spiel kann beginnen. Die Figuren stehen bereit. Eröffnungszug mit dem Bauern? Wie wird mein Gegenüber reagieren? Am Ende gar: Schachmatt? Ein königliches Spiel, ein anerkannter Sport: Schach. Mein Lieblingssport. Von meinem Vater gelernt; im Hofgarten in Innsbruck während meiner Freisemester täglich gespielt. Mein Lieblingsbuch ist bis heute Stefan Zweigs Schachnovelle. Mein Neujahrsbild 2017: "Das Leben ist ein (Schach-) Spiel, und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel."  Welche Figur werde ich im neuen Jahr sein? Welchen Spielzügen gebe ich den Vorzug? Bin ich vorausschauend genug? Schütze ich den König bis zum Ende? Werden wir Silvester 2017 das irdische Schachbrett als Schlachtfeld hinterlassen, oder wird der letzte Zug des Jahres Krönung einer weise gespielten Partie sein? "Herr, Du krönst das Jahr mit Deinem Segen!" - "Dieses Jahr, Herr, leg ich zurück in Deine Hände, denn Du gabst es mir. Du, Gott, bist doch der Zeiten Ursprung und ihr Ende, ich vertraue Dir (Martin Gotthard Schneider).

Schach ist in meinen Augen das geistreichste Spiel, dem sich zwei Menschen widmen können. Alle wesentlichen Spielregeln des Lebens kommen vor: Geduld, Empathie, vorausschauendes Denken, Angriff und Verteidigung, Schutz und Risiko, strategisches Handeln, Blick für das Große und Ganze, Abwägung, Opferbereitschaft, Umgang mit dem Scheitern, Lernen aus Fehlern, zweite Chance. Heute, am Weltfriedenstag,  träume ich davon, dass auch die Mächtigen, die ihre Macht im neuen Jahr missbrauchen werden, vor der Krippe niederknien, beten - und eine Partie Schach spielen, um wieder Mensch zu werden. Heute, am Hochfest Mariens, verneige ich mich vor der Heiligen Familie, weil sie zum Inbegriff eines sinnvollen, geistreichen Lebens in Weisheit geworden ist - und Jesus auch mir zu Beginn des Jahres 2017 zuruft: "Veni iocare mecum! Komm, spiel mit mir!" Im Buch der Sprichwörter wird uns die Weisheit als lebendige Person vorgestellt, die von Ewigkeit her Gottes Freude ist: "Ich war seine Freude täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Freude an den Menschenkindern." Heute, am Gedenktag der Beschneidung und Namensgebung Jesu, entdecken wir in den Krippen dieser Welt die menschgewordene Weisheit Gottes, die uns das Spiel des Lebens lehrt - durch Schmerz, Leid und Tod hindurch. Wie oft überlesen wir die so entscheidenden Worte: " Jesus schaut ihn an..." Jesus schaut mich an, er macht mich im neuen Jahr zu seinem Mitspieler und führt mich durch ein neues Kirchenjahr hindurch von Betlehem nach Golgotha, vom Berg Tabor zum Ölberg, vom Tod zum Leben; 2017 als Jahreskranz der Barmherzigkeit Gottes, wie ein unberührtes Schachspiel in Liebe vorbereitet.

Papst emeritus Benedikt, 65 Jahre Priester, schreibt in seinem  neu veröffentlichten Buch über die priesterliche Existenz, dass sie die dreimalige Antwort Petri auf die Lebensfrage Jesu sei: "Liebst Du mich?" - "Herr, Du weißt alles, Du weißt, dass ich Dich liebe." Darum geht es in 2017! Keine Nachrichtensendung wird dieses Hauptthema verkünden, sondern stattdessen alle Krisenherde der Welt Tag für Tag auflisten - dabei geht es um viel mehr: Um unsere Antwort auf das Spielangebot Jesu: "Komm, spiel mit mir!"  Wie antworte ich "anno Domini 2017" am noch unberührten Schachbrett meinem göttlichen Spielpartner auf seinen Anblick der Liebe:  "Liebst Du mich?"