Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 4. Mose 22,21-34

Pastorin Katja Pettenpaul

01.02.2017 Kirche St. Sebast zu Risum

Konvent zum Thema „Mitgeschöpflichkeit“

„Wenn es in deinen Augen böse ist,

will ich umdrehen.“

So endet die Geschichte von Bileam und seiner Eselin.

Ziemlich genau diese Worte haben mich

seit dem letzten Konvent vor drei Wochen bis heute begleitet.

Ziemlich genau diese Worte hast nämlich du, lieber Stefan,

gesagt in deinen Gedanken zur Jahreslosung.

Ich will das eigentlich gar nicht, hast du gesagt,

ein neues Herz, einen neuen Geist-?

Ist doch ganz gut so, wie es ist, mit mir,

dieses Herz, dieser Geist sind geworden in einem langen Prozess,

sie gehören zu mir, sie machen mich aus.

Ein neues Herz, ein neuer Geist,

das bedrängt mich, das geht mir zu schnell.

Aber- hast du dann gesagt,

wenn ich auf bösem Wege unterwegs bin,

wenn ich auf bösem Wege unterwegs bin,

dann, ja dann wäre ich froh,

wenn ich das feststellte

und wenn ich dann ein neues Herz

und einen neuen Geist bekommen könnte.

Das führt dann vielleicht dazu,

dass ich mit der Tradition, mit meinem Elternhaus,

auch mit meiner Kirche in Konflikt gerate,

dass es knirscht, und das ist dann gut so, hast du gesagt.

„Wenn es in deinen Augen böse ist, will ich umdrehen“.

Auf welchen Wegen

sind wir mit unseren Mitgeschöpfen unterwegs?

Welche Wege gehen wir mit ihnen,

Seite an Seite,

in liebevoller Verbundenheit,

in Treue und Freundschaft.

Mit unseren Hunden und Katzen,

Meerschweinchen, Hamstern und Pferden.

Wo betrachten wir sie,

neugierig, fasziniert,

manchmal abgestoßen,

in unseren Zoos und Zirkussen.

Eisbären, Leoparden, Seepferdchen und Elefanten,

Pythons und Vogelspinnen.

Wo gehen sie uns im wahrsten Sinne auf den Keks,

nerven uns mit ihrem Gesurre

beim Einschlafen, beim Kuchenessen.

Auf welchen Wegen sind sie

ganz allein unterwegs.

Allein gelassen. Im Stich gelassen. Von uns.

Mitgeschöpflichkeit -

was heißt das eigentlich?

Mitgeschöpflichkeit, das ist kein neutraler,

kein rein deskriptiver Begriff.

Ist nichts, außerhalb dessen

ich mich stellen könnte.

Von Mitgeschöpfen spricht,

wer glaubt, selbst geschaffen zu sein

von einer schöpferischen Kraft.

Die am Werk war, von Anbeginn der Welt an.

Die immer noch am Werk ist, wo Leben entsteht,

wächst und sich entfaltet.

Eine Kraft, die ins Leben ruft,

die das Leben liebt

und alles, was lebt und webt.

Eine ganze Welt.

Gott hat eine Geschichte mit der Welt.

Gott hat eine Geschichte

mit allen seinen Geschöpfen.

Los ging es, soweit wir sehen können,

vor unglaublichen 13,8 Milliarden Jahren

mit einem großen Knall.

Unser Universum entstand.

Darin vor 4,6 Milliarden Jahren unser Sonnensystem.

Aus Sternenstaub.

Und irgendwann unsere Erde.

Eine Ursuppe, eine Gemengelage

aus Geblubber und Gasen,

Stürmen und Gewittern.

Und dann, vor 3,5 Milliarden Jahren

die ersten Einzeller,

die langsam größer wurden,

kleine Würmer.

Und immer mehr

Wasserwesen, Ursuppenbewohner.

/ Bist du mit ihnen um die Wette geschwommen, Gott,

hast dich gewundert, was geht? /

Da bilden sich kleine Knöchelchen,

stabilisieren, formen, tragen...

...und siehe da:

vor 550 Millionen Jahren die ersten Wirbeltiere.

Dann Amphibien und Reptilien. 

Das Leben wagt sich aus dem Wasser an Land.

/ Hast du mit ihnen die ersten vorsichtigen Schritte getan,

Gott, hin auf Sand, Stein, Gras - was war da?

Was hast du gesehen mit ihren Augen?

Wie ging das Atmen und das Sein an Land?

Und dann, hast du gestaunt,

wie die dann wurden und du in ihnen? /

Vor 235 Millionen Jahren,

die δεινόσαuροι diese ‚schrecklichen‘, ‚gewaltigen‘ ‚Eidechsen‘.

/ Bist du geflogen mit oder auf 12 Metern Spannweite?

Geritten auf stacheligen Stegosauriern.

Hast du dich gefürchtet vor deinem T-Rex

oder warst du stolz auf ihn?

170 Millionen Jahre Erdengeschichte

teilst du nur mit ihnen.

Vor 65 Millionen Jahre starben sie aus.

Und auch ein Teil von dir? /

Die Bibel hat an Gottes erste Zeit mit seiner Welt

ein Andenken bewahrt

in einem geheimnisvollen Satz

im 104. Psalm:

„25 Da ist das Meer, das so groß und weit ist,

da wimmelt's ohne Zahl, große und kleine Tiere.

26 Dort ziehen Schiffe dahin;

da ist der Leviatan, den du gemacht hast,

damit zu spielen.“

Gott hat eine Geschichte mit der Welt.

Gott hat eine Geschichte

mit allen seinen Geschöpfen.

Irgendwann kamen wir dazu.

In unmittelbarer Nähe und Verwandtschaft

zu allen anderen Säugetieren.

Auch das bildet die Bibel,

im ersten Schöpfungsbericht,

ganz intuitiv ab:

Landtiere und Menschen

werden am selben Tag von Gott geschaffen.

Gott hat eine Geschichte mit der Welt.

Gott hat eine Geschichte

mit allen seinen Geschöpfen.

Ihre gemeinsame Geschichte

führt weit hinaus

über unsere Zeit, über uns Menschen.

Es ist eine Geschichte, die auch jetzt stattfindet,

neben uns, um uns herum.

In Ameisenhügeln und Vogelnestern,

auf Palmen und in Hundekörbchen,

in Mastanlagen und Schlachthöfen.

Mitgeschöpflichkeit, dieser Begriff führt uns

aus der Zweidimensionalität,

in die Dreigestaltigkeit unserer Beziehungen.

Letztlich in die Verbundenheit mit allem.

Wo ich mitgeschöpflich denke,

denke ich in der Zweierbeziehung

zwischen mir und Gott

das, den, die Andere mit.

Und in meiner Beziehung zu dem, der Anderen

begegnet mir Gott.

Gott ist in Beziehung.

Der katholische Theologe und Biologe Rainer Hagencord*

hat in Münster zusammen mit Anton Rotzetter

das erste Institut für Theologische Zoologie gegründet.

Rainer Hagencord beschreibt die Beziehung Gottes

zu seinen Geschöpfen mit einem Bild,

das im 15. Jahrhundert Nikolaus von Kues gefunden hat.

Der hatte in der Bischofsburg in Brixen ein Gemälde gesehen,

auf dem ein Engel dargestellt ist,

dessen Augen, wenn man an dem Bild vorbeigeht,

mitzugehen schienen.

Sein Blick, beschreibt er, lässt den Betrachtenden

nicht aus den Augen.

Er ist bei ihm, wohin er geht.

Er schließt sogar zwei oder noch mehr Betrachtende mit ein,

die sich rechts oder links vor dem Bild aufstellen

und dann an ihm vorbeigehen.

Nikolaus schreibt dazu:

„Und während er (der Betrachter) darauf achtet,

dass dieser Blick niemanden verlässt,

wird er gewahr, dass er um jeden einzelnen so Sorge trägt,

als ob er sich allein um ihn, der erkennt, dass er angeblickt wird, kümmern würde und um keinen anderen;

und das so sehr, dass derjenige, den er anblickt,

nicht zu begreifen vermag,

dass er auch um einen anderen Sorge trägt.

So wird er auch sehen, dass er dem geringsten Geschöpf

die gleiche eifrige Sorge widmet wie dem größten

und dem ganzen Gesamt.“

Gott schaut jedes Lebewesen gleichermaßen liebevoll an.

Und teilt einem jedem sein Sein mit.

So würde ein Löwe, der Gott ein Gesicht zuschriebe,

es für nichts anders als ein löwenartiges halten,

ein Rind für das eines Rindes

und ein Adler für das eines Adlers.

Gott teilt allen ihr Sein gerade so mit,

wie sie es aufnehmen können.

Die Aufgabe und das Sein eines jeden Geschöpfes

besteht darin, so Nikolaus von Kues weiter,

das, was Gott ihm mitteilt, zu sein.

So ist es die Aufgabe der Löwen zu „leonisieren“.

Und entsprechend Aufgabe aller Geschöpfe,

ihr ihnen zugedachtes Sein zu entfalten.

Noch einmal Nikolaus von Kues:

„Wir werden gewahr, dass durch göttliches Geschenk

allen Dingen ein natürliches Verlangen innewohnt,

auf die bestmögliche Weise, zu der eines jeden Natur

die Voraussetzungen in sich birgt,

zu sein;

sie besitzen geeignete Mittel,

um auf dieses Ziel hinzuarbeiten.“

Damit hat er schon im 15. Jahrhundert beschrieben,

was wir als artspezifische Verhaltensweisen von Tieren bezeichnen.

Artspezifische Verhaltensweisen,

die genetisch festgelegt sind.

Von denen sich kein Tier „frei machen“ kann,

die in es eingeschrieben sind,

in Wildtieren wie in Zuchttieren.

In „Klammern“: wir Menschen sind viel flexibler

in unserer Anpassungsfähigkeit,

weshalb es für uns ungleich komplizierter ist,

herausfinden, wer zu sein wir bestimmt sind,

im Einzelfall also zu „KatjaPettenpaulisieren“,

„TimStröverisieren“, „StefanMöbiusieren“,

zu „Kay-UlrichBronkisieren“ usw.

Die Tiere leiden und werden krank,

wenn sie nicht artspezifisch leben können.

Wie sich ein Löwe fühlt, der nicht leonisieren kann,

können wir sehen.

Wir kennen das Bild von den Raubtieren,

die unablässig an den Gittern ihres Käfigs

hin und her streifen.

Gleiches gilt für alle Tiere.

Sie leiden und werden krank an Körper und Seele,

im besten Falle lethargisch,

im schlimmsten wahnsinnig.

In einer Hölle auf Erden.

Wünschen wir ihnen

denn nicht auch Glück, Freude?

Gott steht in Beziehung mit allem, was lebt.

Und darin geht Nikolaus noch einmal einen Schritt weiter:

Gott schafft nicht eine Welt,

die ihm gegenüber etwas anderes ist,

sondern einen Kosmos,

darin er sich selbst bildet.

So ist Gott in jedem Lebewesen ganz anwesend.

Rainer Hagencord nimmt diesen Gedanken auf und formuliert:

„Ich möchte glauben, dass Gott in jedem Geschöpf

ganz Gott ist; auch wenn dies eine ungehörige Provokation darstellt.

Eine Ahnung ist damit verbunden und eine Hoffnung,

dass sich eine neue Welt eröffnet

und eine tiefere Verbundenheit mit allem, was lebt.“

Darin liegt eine unglaubliche Schönheit und Weite,

eine Ahnung gemeinsamen Beheimatetseins

in dieser Welt.

Wir sind verbunden mit allem, was lebt.

Wir gehören zusammen.

Franz von Assisi sagte es so:

„Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir.

Alle Geschöpfe der Erde streben nach Glück wie wir.

Alle Geschöpfe lieben, leiden und sterben wie wir.

Also sind sie uns gleichgestellte Werke

des Allmächtigen Schöpfers- unsere Geschwister.“

Gott ist in Beziehung.

Gott ist immer noch

und immer wieder am Werden.

In Jesus Christus haben wir eine Ahnung bekommen

von einem neuen Menschen.

Und von etwas, was noch aussteht,

eine Erlösung, eine Seinsweise,

auf die die ganze Schöpfung harrt.

Ein Gottesreich, dem wir alle gemeinsam

entgegengehen und -sehen.

Für Jesus gehören die Tiere ganz selbstverständlich dazu.

„Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium

aller Kreatur.“, sagt er im Missionsbefehl bei Markus.

„Predigt das Evangelium aller Kreatur.“

Die Liebe Gottes ist nicht uns Menschen vorbehalten.

Gott ist in Beziehung.

Und vielleicht ist Gott einfach dies-

Beziehung.

Jetzt.

In diesem Moment.

Zu jedem Regenwurm,

zu all unseren Hunden und Katzen.

Auf Höhenflug mit den Lerchen.

Per Infrarot durch die Nacht mit den Fledermäusen.

Auf Kurs ins Dunkle mit dem Maulwurf

und mit der Motte ins Licht.

Und auch in den Tod

mit jedem Tier,

das in diesem Moment

in den Schlachthof geführt wird.

Gott findet Platz

in jedem noch so kleinen gewundenen Schneckenhaus.

Liegt eingezwängt mit den Sauen

in den Abferkelständen

und harrt mit ihnen aus.

Begrüßt und segnet die neuen Ferkel.

Und vielleicht wundert er sich immer noch,

wie unglaublich rosa sie sind.

Amen.

 

*Die Zitate von Nikolaus von Kues und das Zitat von Rainer Hagencord sind zu finden in: Rainer Hagencord, „Die Würde der Tiere. Eine religiöse Wertschätzung“, Gütersloh 2011.