Foto von aufgeschlagenen Büchern

Osterpredigt über Lukas 24,10

Pfarrerin Ute Sawatzki (ev.)

16.04.2017 Kirche Am See, Duisburg

Wir haben ihn begraben. Es ist so zu Ende gegangen, wie es begonnen hat. In einer Höhle habe ich ihn zur Welt gebracht, in Windeln gewickelt und in die Rinne aus Stein gelegt, aus der die Tiere fraßen. Und nun liegt er in einer Höhle begraben, in Tücher gewickelt, in einer Höhle oben auf dem Gräberfeld ganz nahe bei Golgatha.

Ich bin froh, dass du das nicht mehr erleben musst, Joseph. Wie sehr haben wir uns immer um dieses Kind gesorgt, unseren Ältesten. Weißt du noch, welche Angst wir ausgestanden haben in dieser Höhle in Bethlehem? Du und ich ganz allein,  so jung und ohne alle Hilfe und das bei der Geburt des ersten Kindes. Dass er und ich überlebt haben, war das reine Wunder.

Schon damals hätten ihn die Römer fast auf ihrem Gewissen gehabt. Ihretwegen hatten wir unsere Heimat verlassen. Und dann trachtete ihm Herodes nach dem Leben und wir mussten mit ihm fliehen. Kaum geboren war er schon ein Flüchtling, kaum geboren hat er den Zorn der Mächtigen auf sich gezogen. Nun hat der Zorn der Mächtigen ihn getötet. Sie haben ihn ans Kreuz geschlagen.

Wir wussten es immer, Joseph, du und ich, dass er ein besonderes Kind war. Wir haben immer gespürt, dass er nicht den einfachen Weg gehen würde. Er wollte deine Werkstatt nicht, obwohl es gutes Geld zu verdienen gab als Bauhandwerker drüben in Sepphoris.

Er wollte für seinen Gott leben. Immer war er ihm aufs Engste verbunden. Natürlich haben wir ihn in diesem Glauben erzogen. Du hast in mitgenommen in die Synagoge an jedem Sabbat. Aber das hast du mit unseren anderen Söhnen auch getan, mit Jakobus, Joses, Judas und Simon und doch sind sie andere Wege gegangen.

Ich hab versucht, ihn aufzuhalten, Joseph. Als er loszog, um das Wort Gottes zu verkündigen, als immer mehr ihm folgten, als immer öfter gesagt wurde: Er ist der Messias. Da habe ich doch gespürt, wie sich das Verhängnis zusammenzog.

Ich weiß doch, wie die Römer sind. Sie dulden keinen Aufruhr, und die Hohepriester am Tempel und alle die, die wollen, das alles so bleibt wurden seine Feinde.

Das Unglück lag in der Luft. Da hab ich die Söhne genommen und bin ihm hinterher. In Kapernaum haben wir ihn angetroffen, bzw. seine Anhänger.

„Deine Mutter und deine Brüder sind draußen und wollen dich sprechen“, hat man ihm gesagt: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder,“ hat er geantwortet, „alle, die die dem Wort Gottes folgen sind meine Familie.“

Er hat uns verleugnet, er wollte nichts mehr mit uns zu tun haben, Joseph, kannst du dir meinen Schmerz vorstellen? Die Angst und die Sorge um ihn, der Kummer ihn verloren zu haben, hat mir fast das Herz gebrochen. Er wollte mit mir brechen Joseph, aber ich niemals mit ihm. Ich bin ihm gefolgt, als er nach Jerusalem hinaufzog- ich und viele andere. Die meisten von ihnen haben auf die große Wende gewartet, den Anbruch des Reiches Gottes, mein Herz war schwer vor Angst.

Als ich hörte, was er im Tempel gemacht hatte, dass er die Tische der Geldwechsler umgestoßen hatte, wusste ich genau was er damit sagen wollte. Nichts anderes als das, was er immer schon gesagt hatte: Der Tempel ist überflüssig. Gott will keine Opfer, Gott will Gerechtigkeit und Recht, wer den Armen gibt, handelt in Gottes Sinne. So hatten es die Propheten schon vor Jahrhunderten gesagt, aber ich wusste, dass ihm das den Zorn der Mächtigen am Tempel einbringen würde. Und dann zog er auf dem Esel in die Stadt ein. Alle haben ihm zugejubelt, ihn als Messias gefeiert. Und ich dachte: Mein armes, verblendetes Kind, wohin soll das nur führen? Es hat ihn nach Golgatha gebracht, Joseph. Er ist am Kreuz der Römer gestorben.

Ich stand dabei, Joseph. Mit einigen anderen Frauen, mit Salome und Mirjam aus Magdala, die Männer waren alle fort. Ich stand da und sah es mit an, wie sie ihn gequält haben. Aber glaub mir Joseph, die körperlichen Qualen waren nichts gegen das, was sich in seinem Inneren abspielte.

Weißt du noch, wie sehr er seinen Gott geliebt hat? Abba, lieber Papa hat er ihn immer genannt. Er hatte eine einzigartige Verbindung, immer schon, schon als Kind, du weißt das. Darum war er so anders, darum hat er diesen Weg beschritten, von uns weg, für seinen Gott. Und dann hing er da am Kreuz und schrie plötzlich: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es war entsetzlich. Es war der Tiefpunkt, tiefer kann es nicht mehr gehen. Er hat gespürt: Gott hat ihn verlassen. Vor Entsetzen Joseph, konnte ich nicht einmal weinen.

Und jetzt haben wir ihn begraben in einer Felsenhöhle.

Ich konnte ihn nicht retten, Joseph, ich hab’s versucht, wirklich. Er war nie wirklich bei uns zu Hause. Er hat immer etwas anderes gesucht. Es stand kein guter Stern über seinem Leben, Joseph. Die Sterndeuter haben sich getäuscht. Es war ein Stern, der ihn zum Flüchtling machte und jetzt zuletzt zum ganz und gar Verlorenen. Gott hat ihn verlassen, Joseph. Ich kann den Schmerz nicht ertragen. Der Sabbat hat begonnen, ich kann nichts tun, außer endlich zu weinen.

Zwischenspiel

Er lebt, Joseph. Er lebt. Jeschua lebt. Gott hat ihn auferweckt. Joseph, wie schade, dass du das nicht mehr erleben darfst.

Das Unfassbare, Unbegreifliche ist geschehen. Wir sind zum Grab gegangen, die Frauen und ich. Traurig und verzweifelt, aber wir wollten ihn salben, ihm noch einmal etwas Gutes tun, ihn noch einmal sehen.

Aber das Grab war leer. Boten Gottes waren da und sagten uns: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten, er ist nicht hier, er ist auferstanden.

Wir konnten es nicht glauben, wir waren entsetzt, voller Angst, in Panik. Das konnte ja nicht sein. Was war mit Jesus geschehen?

Hatte Pilatus ihn holen lassen, oder Kaiphas der Hohe Priester? Wir liefen zurück zu den Jüngern und Miriam aus Magdala rief immer wieder: „Er ist auferstanden, er ist wirklich auferstanden!“ Sie wollten es nicht glauben, sie hielten uns für verrückt. „Die Frauen haben vor Kummer den Verstand verloren!“ haben sie gesagt.

Aber dann kam er. Plötzlich stand er mitten unter uns. Wir haben ihn gesehen und sie auch. Er lebt. Es ist wirklich wahr, Gott hat ihn auferweckt. Es war kein Trugbild, wirklich nicht, es war auch keine Einbildung. Unser Gehirn spielt uns nichts vor. Er lebt, er lebt wieder. Gott hat ihn auferweckt.

Seine Gegner sagen jetzt, wir hätten seinen Leichnam gestohlen. Warum hätten wir das tun sollen? Wir waren doch so froh, dass Joseph von Arimathäa ihm das Grab gegeben hat, sodass er nicht ins Hinnomtal hingeworfen wurde, wie die anderen.

Sie sagen, wir hätten uns das nur ausgedacht? Wie hätten wir uns etwas völlig Undenkbares ausdenken sollen?

Sie sagen, er sei gar nicht wirklich tot gewesen. Joseph, er war tot, ich habe ihn im Arm gehabt, es war kein Leben in ihm.

Aber jetzt lebt er. Gott hat ihn auferweckt.

Und jetzt, Joseph, jetzt begreife ich alles.

Gott hat ihn nicht verlassen, ganz im Gegenteil. Gott war die ganze Zeit da und Gott hat ihn ins Recht gesetzt. Gott sagt: Das ist er, auf den ihr gewartet hat.

Ich versteh es jetzt. Er war Gottes Kind, Joseph. Er war nie das unsere, wir waren nur Diener des großen Gottes, du und ich. Es stand doch ein guter Stern über ihm, Joseph. Die Weisen hatten doch Recht. Es war Gottes Stern. Er selbst war der Stern, war das Licht. unser Sohn, nein vielmehr Gottes Sohn.

Glaub mir, wirklich verstehen, kann ich es auch nicht, aber ich ahne nun das Geheimnis, jetzt endlich - und es ist wie eine Erlösung.

Ja, er war ein Flüchtlingskind, von Anfang an, aber ich weiß jetzt warum: Er war ein Flüchtling, damit sich von nun an alle zu ihm flüchten könnten. Er war ein Flüchtlingskind, um für alle zur Zuflucht zu werden.

Er war ein Verlorener auf dieser Erde, damit alle Verlorenen einen hätten, an den sie sich halten können.

Er ist all die Wege gegangen, damit wir keinen Weg mehr allein gehen müssen.

Er wurde ein Toter, damit Gott selbst auch im Tod unsere Hand hielte.

Er war ein Mensch und zugleich Gottes Sohn, damit kein Mensch mehr ohne Gott wäre.

Verstehst du Joseph? Er ist gestorben, damit alle das Leben hätten. Er war der Retter - deiner und meiner und der Retter aller Menschen.

Ich lasse mich taufen, Joseph. Ich und unsere anderen Kinder wir gehören jetzt zu seiner Gemeinde. Kannst du dir das vorstellen?

Mir ist so leicht und so froh ums Herz, Joseph, wie niemals zuvor. Was in der Höhle von Bethlehem begann, endet nicht in der Höhle des Grabes, ganz im Gegenteil.

Für mich beginnt ein neues Leben, jetzt schon und in Ewigkeit und für dich auch Joseph.  Verstehst du?

„Herodes und die Römer wollten ihn töten, aber er lebt.

Wir wollten mit ihm leben, aber er starb.

Und nun: Er lebt, für Herodes und für alle.“ [1]

Er lebt und du und ich werden auch leben.

Amen

 

 

 


[1] nach Kurt Wolff