Foto von aufgeschlagenen Büchern

„Papa stirbt“

Harald Müller-Baußmann (kath.)

07.11.2009 für SR2-Sendung „LebensZeichen“

Hier die Predigt hören

 

Moderation:
Sterben und Tod werden in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt. Für sie ist kein Platz in der Leistungs- und Spaßgesellschaft. Eine Auseinandersetzung mit diesem Phänomen kann aber helfen, eigene Ängste abzubauen. Von einem sehr persönlichen Abschiednehmen erzählt Harald Müller-Baußmann.

Müller-Baußmann:
Wir wissen es schon lange. Papa muss sterben. Die Nachricht vom Krankenhaus, dass es nun soweit ist, trifft mich trotzdem so, als hätte ich sie zum ersten Male gehört. Wir sollen uns alle damit abfinden: Der Krebs ist stärker als er. Der Kampf ist verloren.
Da sitzen und stehen wir nun an seinem Bett. Er atmet schwer, sehr schwer. Seine Augen bewegen sich hin und her, als wolle er sich vergewissern, dass auch alle da sind. Zum Abschied. Zum letzten Adieu. Er reagiert auf keine Ansprache und keine Berührung. Nur dieses schwere Atmen und sein unruhiger, fast flackernder Blick. Immer wenn die Tür sich öffnet, schaut er hin. Auf wen wartet er? Mein etwas jüngerer Bruder ist noch nicht da. Er hat den weitesten Anfahrtsweg. Endlich geht die Tür auf und er kommt herein. Von da an schaut Papa nicht mehr zur Tür, schaut nur noch ins Leere. Und atmet und atmet. Und es geht immer schwerer. Die ganze Familie ist zusammen, manchmal schauen wir uns an und wissen dann doch nichts zu sagen.
Und beginnen den Rosenkranz zu beten, den schmerzhaften. Alle beten mit.
Dann wieder Stille, fürchterliche Stille. Die Zeit scheint still zu stehen.
Irgendwann hören wir das Martinshorn. Es kommt näher und näher. Dann abrupt wieder Stille. Manchmal kommt eine Krankenschwester ins Zimmer. Sie saugt Papa den Schleim ab. Das Atmen ist quälend. Es ist unerträglich.
Manchmal verlässt einer von uns das Zimmer, geht auf den Flur hinaus oder auf den Balkon. Um Luft zu schöpfen.
Mein Kopf ist leer, ich bin müde, die Augen brennen. Es wird Nacht.
Stunden vergehen. Die Zeit scheint fest zu kleben.
Und es wird wieder Morgen. Die Sonne kommt tatsächlich hervor.
Wir schauen uns immer wieder an und fragen: Wie lange noch? Warum ist sein Sterben so quälend lange? Oder kommt mir das nur so vor? Habe ich vielleicht selbst Angst vor dem Sterben?
Ich kann nicht nachdenken, kann mich auf nichts konzentrieren. Nur auf das Atmen, das immer mehr zu einem Röcheln wird.
Ich stehe wieder auf dem Stationsflur. Die Krankenschwester ist gekommen. Plötzlich geht die Tür auf, sie winkt uns herein.
Stille. Nichts als Stille. Kein Atmen, kein Röcheln. Papa ist tot. Ich frage bei der Schwester nach. Ja, er ist tot.
Und ich denke: endlich erlöst. Endlich. Die Qual hat ein Ende.
Ich stehe vor dem Bett. Seine Augen sind noch geöffnet. Sie sind erloschen. Kein Leben mehr drin. Ich drücke ihm die Augenlider zu.
Ich muss weinen. Ich schüttele mich. Es überkommt mich einfach.
Und wie in einem Schnelldurchgang läuft ein Film vor meinen Augen ab.
Papa, der immer da war, wenn es eng wurde. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Er war für mich wie ein Fels in der Brandung. Groß war er. Er war in jeder Hinsicht groß.
Ich habe nicht viele so große Menschen in meinem Leben kennengelernt. Er war mit Sicherheit einer der größten.
Als kleiner Junge hat er mich auf dem Arm getragen, hat mit mir vom Fenster aus den Mond angeschaut, wenn ich mal wieder nicht schlafen konnte. Ich erinnere mich noch. Und dann hat er ein Lied gesummt. Vom Mond.
Als ich schon lange erwachsen war, hat er mit mir lange Spaziergänge unternommen. Durch den Wald. Hat sich angehört, was ich ihm geklagt habe. Er war da. Das war einfach das wichtigste.
Jetzt ist er weg. Das tut wehr. Sehr weh. Ich schaue ihn mir noch mal an.
Friede. Großer Friede geht von ihm aus. Er sieht ganz entspannt aus.
Und ich bin froh, dass ich ihn hatte. All die Jahrzehnte. Und weiß: er ist mir nur ein Stück vorausgegangen. Seinen Weg habe ich noch vor mir. Und weiß: er wartet. Drüben. Auf der anderen Seite.
Einen Menschen loszulassen ist schwer. Aber ganz einfach bei dem Sterbenden zu sein, hilft nicht nur ihm, sondern auch dem, der den Sterbenden auf seinem letzten Erdenweg begleitet. Weil der Tod bei allem Schmerz Teil des Lebens ist.