Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Friedensfrage

Prof. Dr. Rolf Wischnath (ev.-ref.)

09.10.2016 Kirche der Matthäusgemeinde, Gütersloh

Vorbemerkung

Die folgende Predigt wurde in der Kirche der Evangelischen Matthäusgemeinde Gütersloh gehalten. In der Gemeinde gibt es Wachheit hinsichtlich des politischen Auftrags der Kirche, wie er in der Barmer These II grundgelegt ist. Mir ist verschiedentlich die Bitte angetragen worden, in einer Predigt erneut  Friedensfrage zu thematisieren. An der schwierigen Diskussion um die Friedensfrage („Nein ohne jedes Jahr“ zu den Atomwaffen) in den achtziger Jahren (1981 – 1987) war die Gemeinde beteiligt.
Die Belege und ethische Erwägungen und Postulate zu dieser Predigt finden sich in meinem Aufsatz zur Sache im Deutschen Pfarrerblatt, 2017, Heft 5, S. 260 – 264.

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich soll wieder einmal über die Friedensfrage und die Atomwaffen sprechen. Kürzlich ist ja auch erneut der Tag zur Abschaffung aller Atomwaffen von der UNO begangen worden. Da möchte ich Ihnen heute Morgen von einem Ereignis berichten, das sich im Jahr 1983 zugetragen hat. Ich habe erst kürzlich davon gehört. Und ich bin froh, dass ich damals nichts davon gehört habe. Denn es hätte meine Angst vor einem „Atomkrieg aus Versehen“ nur eben verstärkt.

Jetzt halte ich darüber eine Predigt, in der das Wort „Gott“ nur zweimal vorkommt. Und das erst am Predigtende. Und doch ist dauernd von Gott die Rede, denn ohne Gott wäre alles nur eben wahnwitzig und schrecklich geworden.

Das Ereignis, das ich zur Sprache bringe, ist so brisant, dass man sagen muss: Wenn sich dieses Ereignis nicht so glimpflich ereignet hätten, wie es sich damals ereignet hat, würde keiner von uns hier so sitzen wie er sitzt. Die meisten dieser Gottesdienstgemeindeglieder würden gar nicht mehr leben, oder sie wären gar nicht erst geboren worden. Gütersloh mit seinem großen englischen Flughafen wäre mit Sicherheit ein Ziel atomarer Waffen gewesen. Unsere Stadt würde es nicht mehr geben.

Es geschieht 1983 im „Year of Living Dangerously“, im gefährlichsten Jahr im Kalten Krieg. Die Amerikaner wollen ihre neuen Raketen Cruise Missiles und Pershing 2 in Europa stationieren. Präsident Ronald Reagan nennt die UDSSR vor einer evangelikalen Konferenz das „Reich des Teufels“ und den „Fokus des Bösen in der modernen Welt“. Er spricht vom real existierenden Kommunismus als einer „totalitären  Finsternis“ und einem „traurigen, bizarren Kapitel der Menschheitsgeschichte, dessen letzte Seiten nun gerade geschrieben werden.“ In der UdSSR wird der Nachfolger Leonid Breschnews Generalsekretär der KPDSU Juri Wladimirowitsch Andropow Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Juri Andropow war von 1967 bis 1982 lang Chef des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Er war ein Mann des oft so verbrecherischen KGB und von daher ein Politiker zweifelhafter Integrität, höchsten Misstrauens und ideologischen Starrsinns.

Im Sommer 83 stationieren die UdSSR ihre SS-20-Atomraketen. Die Genfer Abrüstungsgespräche scheitern. Am 1. September zerstören sowjetische Abfangjäger westlich der Insel Sachalin eine zivile süd-koreanische Boeing 747. Alle 269 Passagiere und Crewmitglieder werden getötet. Präsident Ronald Reagan lässt die letzten Worte des Piloten und das überlaute Geräusch der letzten Sekunden des Absturzes im Fernsehen vorführen. Er spricht von der UdSSR als einer „verbrecherischen Bande“. Vom 19.-30. September findet das NATO-Großmanöver „Return of Forces to Germany“ (Reforger 83) d.h. „bring die Waffen zurück nach Germany, nach Deutschland“.

Und nun ist von einem Mann zu sprechen, dem wir alles alle unsere „Wiederbelebungen“ verdanken. Unser Leben verdanken wir dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Unsere „Wiederbelebungen“ in den vielen Abschnitten unseres Lebens werden durch Menschen bestimmt. Jener sowjetische Mensch hat uns alle vor dem weltweiten, atomaren und irdischen Tod bewahrt. (Mir selber ist das recht eigentlich erst durch einen Film des Senders «arte», bekannt geworden. Er lief kürzlich unter dem Titel «The Man Who Saved the World». Ich habe mich dann mit diesem Vorgang beschäftigt und die Quellen befragt. Ins öffentliche Bewusstsein ist dieses Ereignis noch nicht gekommen.)

Der Mann heißt Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Aufgewachsen ist er nicht in armen, aber auch nicht in reichen, privilegierten Verhältnissen. Zu den Kiewer Luftabwehrtruppen wird er 1956 einberufen. Fortan bestimmt die Flugabwehr und die Aus-bildung zum Ingenieur und Offizier in dieser Waffengattung sein Leben. Stanislaw heiratet und ist Vater von Elena und Dmitrij. Seine Frau ist sehr, sehr früh gestorben. Der 77jährige hat auch heute noch ein gütiges, aber von Anstrengungen und Belastungen gezeichnetes, zerfurchtes Gesicht.

Ort seiner Tat ist „Serpuchow-15“, ein Ort in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht (bis heute): in einem riesigen Gelände mit dem Radius von siebzig Kilometern. Das Ereignis geschieht eben dort am 26. September 1983. Also mitten in der Zeit des NATO Manövers . Petrow ist inzwischen Oberstleutnant der Sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: er soll mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer leiten. Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen jederzeit denkbaren und erwarteten Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen und die Nachricht davon dann unverzüglich an die argwöhnische politische Führung mit Jurij Andropow an der Spitze weiterzuleiten. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehligen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn Minuten geschehen. Solange dauert der Raketenabschuss aus den USA nach Moskau.

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: „Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten, kyrillischen Buchstaben: „Raketenstart“ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.“

Petrow ist zunächst selber ebenso vor Entsetzen erstarrt wie seine Untergebenen. Es gelingt ihm aber sich zu fassen, seinen Verstand auszurichten und sich dann auch durch den entscheidenden Zweifel leiten zu lassen: Ein amerikanischer Atomangriff auf die SU würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Petrow telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs „meldete der Computer, einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften.“ Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur fünf bis zehn Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Inter-kontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere in Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der "gesicherten gegenseitigen Zerstörung". [Auch Gütersloh steht mit unserem großen englischen Flughafen auf der Liste der durch die russischen Atomraketen zu zerstörenden militärischen „Objekte“, denn die hier stationierten Flugzeuge sind in der Lage auch atomare Waffen in die Sowjetunion zu schicken.]

Jetzt aber – wo der Finger gleichsam am Revolver liegt - riskiert Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich, überlegte Entscheidung war für Petrow nicht im Kopf. "Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren", erklärt er den Vorfall 20 Jahre später. „Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen". Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus. Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit seinem Leben und einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits käme es zu einem nuklearen Schlagabtausch ein "Atomkrieg aus Versehen" mit dramatischen Konsequenzen. (Wir säßen hier nicht.) Und Petrows Intuition wird daraufhin bestätigt - Fehlalarm

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Welt-Raum Satellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Ra-kete gehalten. Ebendort sind bis heute amerikanische, mit Nuklearsprengköpfen bewaffnete Minuteman-III-Interkontinentalraketen stationiert.

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – besser: seine Nicht-Tat - bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlas-sen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon. Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet. Er wird wegen „Befehlsverweigerung“ indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Einen kleinen Orden bekommt er 1984 wegen seiner „Verdienste“ um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow-15, aber nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernimmt. Auch vereinzelte, unbeachtet gebliebene Ehrungen in Westeuropa und im vereinigten Deutschland – zum Beispiel der Dresden-Preis 2013 - können nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt. Der Arte-Film zeigt einen manisch depressiven Patienten, der dauernd zwischen Depression und krankhaftem Hochgefühl, zwischen Nüchternheit und Betrunkenheit switcht. Die Güte seines Gesichts hat er aber dabei nicht verloren.

Wo jedoch kommt nun in dieser Rettungsgeschichte „Gott“ vor? Wo wird Er erwähnt im Ablauf des Geschehens?

Am Montag, den 26. September 1983, dem Tag des Geschehens muss Stanislaw Petrow seinen Dienst überraschend und in unvorhergesehener Weise wahrnehmen, nämlich in Vertretung eines Kollegen der sich für diesen Tag frei genommen hatte. Hätte dieser kein Fieber gehabt, hätte anstelle Stanislaw Petrows dieser Soldatenkamerad die Wache schieben müssen. Zufall? Fügung?

Eine Arbeitsgruppe des sowjetischen Militärs macht sich im Winter 83/84 daran, nach den Ursachen jenes Fehlalarms vom 26. September zu suchen. Petrow muss immer und immer wieder auf dieselben Fragen antworten. Insbesondere der Leiter dieser Arbeitsgruppe reizt den Offizier so sehr, dass Stanislaw Petrow nur noch ein „Das hing vom lieben Gott ab“ hervorbringen kann. Dadurch aber bringt er den Vorgesetzten noch mehr in Rage. - Petrow erinnert sich an den Auftritt: „Nun wurde der wütend wie ein Stier, begann mit den Füßen zu trampeln und sagte: `Was soll das denn heißen? Das hing vom lieben Gott ab?` Wir waren ja ein atheistisches Land. Aber ich entgegnete ihm: `Andere Informationen habe ich nicht.´ “ Amen.