Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt

Pastoralreferentin Maria-Anna Immerz

04.06.2016 Katholische Hörfunkarbeit Sendung

Mensch, Du grünst!

Noch heute weiß ich die Strecke, sogar die Stelle, obwohl das schon gut zehn Jahre her ist. Ich war unterwegs mit einem alten Ehepaar. Ein Ausflug für die beiden, die nicht mehr verreisen konnten; die Beine machten nicht mehr recht mit, ihre Kräfte waren weniger geworden. Aber eine Ausfahrt ging noch. Der Herr, vorne neben mir, saß lange ganz still. Ich dachte schon, es sei ihm vielleicht doch zu anstrengend.  Doch aus dem Augenwinkel sah ich: Er blickt mit ganz wachen Augen gebannt nach vorne und manchmal zur Seite; ganz Auge für die Landschaft. Und dann kam dieser eine Satz: „Ein Wunder, wie grün alles ist. Grün, so grün!“ Seine Frau auf dem Rücksitz malte aus: „Ja, die üppigen Bauerngärten; die Laubwälder, da bauscht sich das Grün in allen Schattierungen; und die Birkenalleen, wie gemalt. Alles einfach da, Regen, Licht und Wärme genügen; wir Menschen tun kaum was dazu.“

Alle Jahre wieder, wenn die Blütenpracht des Maimonats vorüber ist und der Juni so grün daherkommt, wird diese Fahrt mit den zwei Senioren in mir wieder lebendig. Und ihr Staunen, welche unbändigen Lebenskräfte in unserer Welt stecken und sich immer neu Bahn brechen.

Die zwei Senioren habe ich auch vor mir, wenn ich wieder einmal das starke Bildwort lese, das die Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen geprägt hat: „Mensch, bedenke, dass du grünst.“ „Klar!“, sagt man, wenn man jung ist und im Vollsaft der Kräfte steht. Aber Hildegard hat nicht eingeschränkt.

Also: Mensch, bedenke, dass du grünst – auch wenn deine Haare weiß, deine Haut nicht mehr straff, dein Geist manchmal müde, deine Beine wackelig sind. Ja, bedenke, in dir kommt Leben voran, ob du es fühlst oder nicht; in dir tut sich etwas, sogar wenn Du selbst nichts tun kannst. Mit der Natur teilst du das Geheimnis, dass die Kräfte von unten – Deine Anlagen, deine „Natur“ – zur Synthese kommen mit den Kräften vom Himmel her.

Mensch, du grünst – bis zum letzten Tag deines Lebens und darüber hinaus. Weil da ein Gott am Werk ist, der das Leben will, unbedingt. Er hat den grünen Daumen für jeden und jede. Überlass dich ihm, ob er gerade veredelt oder zuschneidet, bindet oder die volle Sonne seiner Güte scheinen lässt. Der große Gärtner hat für alle die Perspektive „Paradiesgarten“. Bedenke also, Mensch, Du grünst!