Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt

Pfarrer i.R. Heinz-Georg Ackermeier (ev.)

15.08.2015 ev. Kirche, Bielefeld

Trauung

Hinweis: Vornamen wurden durch "Frau" und "Mann" ausgetauscht



Liebe Frau, lieber Mann, liebe Familien, liebe Hochzeitsgemeinde


Da sitzen also zwei Menschen vor mir hier in dieser Kirche, die erkennbar keine Teenager mehr sind. Keine Sorge, ich werde das Alter von Braut und Bräutigam nicht verraten. Aber Frau und Mann sind Menschen, die sicher eine bestimmte Lebenserfahrung mitbringen. Und als sie sich vor vier Jahren kennengelernt haben, hat sie nicht der Liebesblitz aus heiterem Himmel getroffen – nach dem Motto: meine Traumfrau, mein Traummann oder: ohne dich kann ich ab morgen nicht mehr leben. Es ist vielmehr eine Beziehung entstanden, die sich entwickelt hat und die gereift ist.
Entwickelt und gereift beispielsweise auf Reisen. Und wenn dann eine solche Reise eine Kreuzfahrt war, stellt sich notgedrungen eine bestimmte Erfahrung ein. Man kann sich zwei Wochen lang nicht aus dem Weg gehen. Man kann – platt gesagt –nicht abhauen. Man muss sich aushalten unter anderen Bedingungen als zuhause.
Denn dort geht man tagsüber in der Regel seinem Beruf nach und verbringt die Abende gemeinsam – oder auch nicht, wenn unterschiedliche Hobbys oder unterschiedliches ehrenamtliches Engagement da sind. Aber auf dem Schiff geht das nicht. Jeden Tag von morgens bis abends und nachts Frau – Mann – Mann – Frau. Am Ende einer solchen Reise könnte neben der Freude über das schöne Wetter und das gute Essen auch eine Art Bilanz stehen: wie ist das mit uns beiden?
Funktioniert das? Die Bilanz von Frau und Mann war jedenfalls klar: Ja es funktioniert.
Also: eine Beziehung, die sich entwickelt hat und gereift ist, so dass im vergangenen Jahr die standesamtliche Trauung die logische Folge war. Inzwischen sind Frau und Mann nicht mehr zu zweit. Im Juni wurde Sohn geboren – ein weiterer konkreter Ausdruck ihrer Beziehung und zugleich ein Beitrag zur demografischen Entwicklung.
Damit ist doch eigentlich alles gesagt. Alles gut, würde Mann sagen. Alles hat funktioniert – nach Plan. Na also. Und was wollen die beiden jetzt hier in der Kirche?
Reicht ihnen die positive Entwicklung ihrer Beziehung nicht? Brauchen sie noch so eine Art religiöse Zusatzabsicherung?
Zwei Lebenswege haben sich gekreuzt und miteinander verbunden. Aus den beiden Wegen ist ein gemeinsamer geworden.
Da ist Mann aus B., Polizist. Dem Recht und der Ordnung verpflichtet. Man muss die Dinge im Griff haben. Man muss planen. Nichts dem Zufall überlassen. Na gut okay zugegeben: alles läuft nicht immer nach Plan. Eine Ehe zum Beispiel. Oder der viel zu frühe Tod der Mutter. Aber trotzdem: sonst funktioniert's. Und Kirche? Wenig attraktiv. Muss nicht unbedingt sein. Eigentlich nicht. Kirchliche Trauung? Na ja man muss Zugeständnisse machen. Schaden kann's
ja nicht.
Da ist Frau aus B. . Sehr mit ihrem Heimatort verbunden. Ehrenamtlich engagiert in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Kirchengemeinde. Erzieherin im ev. Kindergarten. Interesse an Menschen, an der Arbeit mit Kindern. Interesse, dass Menschen sich eigenständig und verantwortlich entwickeln. Der Glaube daran, dass menschliches Leben eine Grundlage hat, über die wir nicht verfügen. Kirchliche Trauung deswegen unverzichtbar, weil hier zum Ausdruck kommt, worauf Menschen angewiesen sind, wenn eine Beziehung gelingen soll.
Puh, jetzt erst einmal kräftig durchatmen. Diese beiden unterschiedlichen Lebenswege sind jetzt ein gemeinsamer geworden? Ja. Bedeutet das jetzt Kompromisse machen und die Ehe als Kompromissveranstaltung verstehen? Für Frau: etwas weniger glauben und für Mann: etwas weniger planen? Sich in der goldenen Mitte treffen? Aber wäre das dann noch Frau und wäre das dann noch Mann?
Am besten ist: wir fragen die beiden selbst. Und da bin ich als Pfarrer in der glücklichen Lage, etwas zu zitieren, was sich die beiden als Orientierung für ihre Ehe ausgesucht haben. Es ist ein biblischer Text aus dem Alten Testament( 2. Mose 23,20): „ ich lasse einen Engel vor euch hergehen, der soll euch auf dem Weg
beschützen.“
Wie bitte? Engel? Wo gibt`s denn sowas? Wir sind doch aufgeklärte Menschen. Ich hatte einen Schutzengel, sagt die eine. Ich hatte Glück, sagt der andere. Ja was denn
nun?
„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel“ sagt der zeitgenössische Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer. „Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand. Oder er wohnt neben dir Wand an Wand“
Liebe Frau, lieber Mann, in der Tat – Engel sind unter uns. Wir brauchen allerdings nicht darüber spekulieren, wie sie aussehen. Sie können jung sein oder alt, groß oder klein. Engel – das kann Frau für Mann sein. Beispielsweise, als du noch im Außendienst warst und Frau an dich gedacht hat, gehofft hat, vielleicht auch gebetet hat, dass du unverletzt wieder nach Hause kommst. Engel – das kann Mann für Frau sein. Dass du dich bei ihm gut aufgehoben und akzeptiert weißt
und sicher fühlst. Ja da sind sie wieder – eure unterschiedlichen Prägungen. Aber sie stehen sich nicht mehr gegenüber. Denn Engel sind neugierig. Sie wollen mehr voneinander wissen und auch voneinander lernen. Warum sind Recht und Ordnung, Planung und Kontrolle für Mann so wichtig? Und warum hat Frau das Thema Kirche und Glaubensfragen nicht irgendwann abgehakt, sondern bleibt dabei? Und die neugierigen Engel Frau und Mann stellen dann fest, dass es Zusammenhänge gibt: Recht und Ordnung sind für das Zusammenleben der Menschen genauso unverzichtbar wie Anteilnahme, Empathie, Nächstenliebe.


Liebe Frau, lieber Mann,
euer Trautext ist natürlich keine Police für eine himmlische Lebensversicherung senkrecht von oben. Die Verantwortung für euer Leben und Zusammenleben bleibt bei euch. Ihr seid frei, diese Verantwortung zu gestalten. Dazu müsst ihr euch nicht
verbiegen oder faule Kompromisse machen. Aber haltet als gute Engel eure Neugierde und euer Verständnis füreinander wach. Und: eure Sorge füreinander als Schutz auf dem gemeinsamen Weg. Dieser Weg wir sicher nicht immer gradlinig verlaufen. Enttäuschungen, Krisen, Rückschläge, Schuld gehören zum menschlichen Leben. Aber genauso gehören dazu Vergebung und Neuanfang. Das Vertrauen, das dem anderen und der anderen die Chance auf Veränderung zugesteht. Die alten Israeliten, an die sich euer Trautext ursprünglich richtet, waren auf dem Weg von Ägypten „to the promised land“ - in das verheißene Land. Ihr beide, Frau und Mann, habt das promised land schon erreicht. Es ist eure Beziehung, eure Liebe, die euch und euren Sohn trägt. Es ist die Liebe, die euch zu Engeln macht – für euch und für die Menschen, mit denen ihr zu tun habt. Aber Engel wissen auch: Liebe kann man nicht einklagen. Über Liebe kann man nicht verfügen. Liebe ist ein Geschenk. Sie trägt Menschen in guten und in schweren Tagen. Sie ist die Grundlage unseres Lebens. Christinnen und Christen nennen diese Lebensgrundlage Gott.
Amen