Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt

Pfarrerin Carolina Baltes (ev.)

14.05.2017 Jonakirche in Essen-Heidhausen

Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

wir feiern heute eure Konfirmation – einen großen Schritt auf dem Weg eures Erwachsenwerdens: Ihr seid keine Kinder mehr, eure Eltern, wir Älteren können euch nicht mehr lange und nicht mehr viele Vorschriften machen. Wie ihr euer Leben gestaltet, das liegt letztendlich nur bei euch, auch wenn es noch ein bisschen dauert, bis ihr die Schule hinter euch habt, den Führerschein machen und wählen dürft.
Woran werdet ihr euch orientieren, um zu entscheiden, welchen Beruf ihr lernt, oder welchen Lebensstil ihr wählt? Und woher nehmt ihr den Mut und die Kraft, euer Leben so zu gestalten, dass es gut und erfüllt sein wird? Was kann ich heute dazu Hilfreiches sagen, so dass es für euch wenigstens interessant ist, oder hoffentlich sogar inspirierend und berührend?

In diesem Jahr feiern wir in unserer Kirche das große Reformationsjubiläum; vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen über den Ablasshandel veröffentlicht. Damit löste er eine Bewegung aus, die die damalige Gesellschaft grundlegend veränderte und letztlich die Neuzeit einläutete.

Ich will deshalb diese Konfirmationspredigt als Lutherpredigt gestalten. Und ich vermute stark, dass sich bei Euch damit jetzt ein „Oh wie langweilig“ meldet. Luther, der ist ja so was von lange tot, das ist schon richtig uncool. – Schau‘n wir trotzdem mal, was er euch so zu bieten hat.

 

1.                  Ja, ungefähr 470 Jahre ist er schon tot, aber als Kind und Jugendlicher hatte er auch so einiges an Stress, den Ihr in abgewandelter Form vermutlich. kennen werdet.

Da war die strenge Mutter, die setzte klare Verbote, und wenn der kleine Martin nicht gehorchte, gab’s was auf die Ohren. – In der Schule ging es noch heftiger zu: die Lehrer interessierten sich nicht für ihre Schüler, sondern nur dafür, dass die ihren Lernstoff problemlos wiedergeben konnten. Prügelstrafe war üblich. Luther erinnert sich später, dass er einmal an einem Vormittag 15mal rausgeholt und verprügelt wurde, bloß, weil er eine Sache einfach nicht kapierte.
Erst der Wechsel an eine andere Schule brachte eine Verbesserung. - Dass Martin auf eine weiterführende Schule geschickt wurde, war etwas Besonderes. Sein Vater hatte große Pläne für ihn: Er sollte mal bei ihm ins Geschäft einsteigen, und dazu sollte er Jurist werden. So schickte er Martin an die Universität. Und es gab ein richtig schlimmes Zerwürfnis, als Martin nach dem Grundstudium nicht mit Jura weitermachte, sondern stattdessen ins Kloster ging.

Ihr kennt das alles: Regeln von zuhause sind ja vielleicht sinnvoll, nerven aber trotzdem, weil man nicht einfach machen kann, was man will. Und: Lehrer, die einen nicht verstehen, andere denen man ihnen egal ist, die einen ungerecht behandeln. Und Fächer, die einen so gar nicht interessieren - da wächst die Sehnsucht, endlich die Schule hinter sich lassen zu können. Aber was ist, wenn die Eltern zu deinem Berufswunsch sagen: „Davon wirst du nie leben können, diese Ausbildung finanzieren wir dir nicht.“? Wirst du dann ein Zerwürfnis riskieren?

Selbst ins Freizeitverhalten von Martin könnt ihr euch vermutlich hineindenken: Ihm war Musik total wichtig, da konnte er richtig abschalten: Er hatte eine Laute, auf der er klimperte und selber sang. Er schrieb eigene Songs – also Texte und Melodie – zu Themen, die ihn bewegten. Er hätte sie bestimmt auf You Tube eingestellt, wenn er heute leben würde.
Und so wie ihr vor den Hausaufgabenmachen, Noch schnell auf Whatsapp guckt, was die anderen heute noch so vorhaben, hatte Martin einen ganz großen Freundeskreis und schrieb unglaublich viele Briefe. Heute hätte er die 95 Thesen auf Facebook gepostet und würde sicher auch twittern und hätte eine riesige WhatsApp-Gruppe. Damals hat er den gerade frisch erfundenen Buchdruck genutzt, um seine Schriften schnell und quasi weltweit zu verbreiten

 

2.                  So fremd ist Martin Luther vielleicht doch gar nicht. Und deshalb frage ich: Was hat er gemacht, woran hat er sich orientiert, was für euch heute irgendwie interessant sein könnte?

Als Mönch im Kloster schickte man ihn zum Theologiestudieren an die Universität zurück, und da entdeckte er, was ihm lag: Er wurde, so würden wir heute sagen: Sprachwissenschaftler. Er lernte Griechisch und Hebräisch, was damals etwas Besonderes war, und er fand damit das Feld, für das er besonders begabt war, das ihm richtig Freude machte. Sein Beruf war dann Bibelübersetzer und Bibelausleger als Professor an der Universität Wittenberg. Und seine Übersetzung der ganzen Bibel ins Deutsche hat dazu geführt, dass die Menschen überall im Land selbst in der Bibel lesen konnten. Und sie hat aus den vielen Dialekten die es damals gab, ein neues, einheitliches Deutsch entwickelt, das alle verstanden und woraus unser heutiges Hochdeutsch wurde

Das könntet ihr euch von Martin abschauen: Entdecken, was mir liegt, was meine Begabungen sind, und dann mich-rein-Knien, alles lernen, was dazu gehört, und so einen Beruf finden, in dem ich was leiste, der Welt etwas gebe, damit sie eine bessere wird. Man kann bequemer leben, aber so ein Weg, führt zu Erfüllung im Beruf und im Leben. Das erfordert vollen Einsatz, bei dem man aber am Ende auch weiß, dass er sich lohnt.

Etwas Zweites: Martin gebraucht seinen eigenen Kopf. Er stellt die Lehren der Kirche in Frage, er schaut selbst in der Bibel nach und erforscht, was dort über Gott steht. Er findet: Die Heilsversprechungen der Kirche sind gelogen. „Kaufe einen Ablass – d.h. ein Papier, auf dem steht, dass dir die Strafen für deine Sünden erlassen sind, - dann mag dich Gott.“ Klingt seltsam, und ist es auch.
Aber der Papst verdiente gut am Verkauf dieser Papiere und baute vom Erlös den Petersdom in Rom. Martin forscht so lange selbst in der Bibel, bis er die Wahrheit findet: Gott mag uns Menschen sowieso. Ohne dass wir dafür etwas tun müssen. Selbst wenn wir Schlechtes getan oder uns von Gott abgewendet haben. „Gnade“ ist das Wort dafür: Wir sind Gott recht. Er nimmt uns an, er liebt uns bedingungslos.

Martin fand das heraus, weil er nicht einfach nachzuplapperte, was man schon immer geglaubt hatte. Und weil er keine Angst hatte vor den Autoritäten seiner Zeit, dem Papst und dem Kaiser. Er war damit allerdings ein Ketzer und wurde zum Tode verurteilt. Hätte sein Landesfürst ihn nicht beschützt, wäre er auf dem Scheiterhaufen gelandet.

Das könntet ihr euch von Martin abschauen. Den eigenen Kopf gebrauchen, selber nachdenken, nicht einfach nur glauben, was alle glauben, keinem Heilsversprechen blind folgen. Von wegen: „Wenn du nur genug Geld hast, ein Haus, ein schickes Auto hast, tolle Reisen machen kannst, eine Familie hast, in der alles immer nur happy ist, dann bist du glücklich, dann ist dein Leben erfüllt.“ Nein, schaut selber, was eure Wahrheit ist. Redet mit Gott, im Gebet, im Lesen der Bibel, wie Martin das getan hat. Und ihr werdet selber Antworten finden auf die Fragen: Woran orientiere ich mich für meine Lebensgestaltung, woher nehme ich den Mut und die Kraft dazu.

Das alles könntet Ihr euch also von Martin abschauen:

·         Die eigenen Begabungen entdecken, sich-rein-Knien, der Welt mein Bestes geben, damit sie eine bessere wird –.

·         Den eigenen Kopf gebrauchen, nicht einfach nur glauben, was alle glauben, auch nicht falschen Heilsversprechungen,

- in alldem euch von eurer inneren Wahrheit leiten lassen, die ihr findet im Gespräch mit Gott, im Gebet, im Lesen der Bibel im Hören auf die Erfahrungen mit Gott, die Menschen früher gemacht haben.

Ja, das wären so Dinge, die ich euch heute in dieser Konfirmationspredigt von Martin Luther mitgeben möchte. – Und der Friede Gottes, der höher ist als alle...

 

3.       (Eine Lutherfigur aus Pappe, fast lebensgroß, wird auf einem Rollbrett herangeschoben; L = Luther, diese Stimme kommt aus dem  „Off“; die Pappfigur hat eine Tasche umhängen, in der drei Papierrollen stecken: Plakate mit je einem Lutherzitat, die dann jeweils von C = Predigerin entrollt und vorgelesen werden. )

L              Stopp, sülz nicht so rum.

C             Upps, was ist los?

L              Hey, ich möchte gerne selber was sagen. Deine Predigt war ja ganz nett, aber nicht so richtig knackig. Deshalb will ich selber mal mit den Konfis reden.

C             Hey, ich hab‘ mir echt Mühe gegeben, aber gut, wenn du meinst. Bitte.

L              Aller guten Dinge sind drei. Drum hab’ ich drei Statements von mir für die Konfis mitgebracht. Die sind jetzt allerdings so, wie ich sie damals gesagt habe, klingen ein bisschen altmodisch, heute würde ich das anders ausdrücken. Man muss dem Volk aufs Maul schauen, damit man verstanden wird. – Könntest du auch mal probieren.

C             Ja gut, ich bin gespannt. – Soll ich mal? OK, Nr. 1 „Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott.“ – Was willst du den Konfis damit sagen?

L              Es ist easy, irgendwelchen Leuten auf Facebook oder Twitter oder Instagram zu folgen; mit einem Klick kann man damit auch wieder Schluss machen. Im Leben ist das nicht so easy: Ihr müsst echt mal Euer brain benutzen und tief graben, um zu checken: Auf wen hört Ihr wirklich? Auf die, die in eurer Clique als cool gelten? Auf irgendwelche Influencer auf You Tube? Oder auf Euer Herz, auf Eure innere Stimme, durch die Gott zu Euch spricht.

C             Warum ist das so wichtig? Ich meine, wenn ich neue Schuhe kaufe, kann ich doch mal gucken, was grade angesagt ist?

L              Ja, is gut. Aber im Leben geht’s um mehr als um neue Schuhe. Konfirmationsgottesdienst, nicht Shoppen! Und dafür sind wir heute hier. Capisco?

C             Na gut, aber was spielt das denn im Leben für eine Rolle, ob ich auf Gott höre oder nicht?

L              Ich hoffe jetzt echt, dass deine Konfis schlauer sind als du. Hier nimm meinen zweiten Spruch, der erklärt es!

C             „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ - Heißt?

L              (singt) Freedom oh Freedom – darum geht’s! Freiheit! Wenn Du auf Gott hörst, bist Du frei, keiner kann das toppen. Dann entscheidest du selbst, welche Schuhe du dir kaufst, Influencer oder nicht, und vor allem, wie du dein Leben auch in den großen Dingen gestaltest. Und ob Du dem Kaiser und dem Papst den Stinkefinger zeigst.

C             OK, seh ich ein, und was ist dann mit dem „Knecht aller Dinge, jedermann untertan“?

L              Is eigentlich ganz einfach: Wenn Du auf Gott hörst, dann hörst du nicht: „iPhone 7 ist besser als Galaxy S 8“, oder „Kauf die Nike Sneaker, Adidas ist uncool“. Nein, dann hörst Du: „Ich liebe dich, ich fülle dein Herz mit meiner Liebe, trage du meine Liebe weiter“. Und wenn du das hörst, ja, wenn du liebst, dann ist es einfach natürlich, dass du denen, die du magst, Gutes tust und somit dienst.

C             Wie soll ich mir das konkret vorstellen? Bei uns hier in der Jonakirche, wenn die Teamer sich auf die KonTour vorbereiten, da unterschreiben sie so ein Teamer-Selbstverständnis, da steht drin: „Wir dienen den Konfis“. Wär’s das?

L              Ja, ein super Beispiel, das hast du richtig gecheckt. Es geht einfach um den Umgang miteinander hier, im ganzen nahen Umfeld, Familie, KonTour, Gemeinde, Schule, und auch im weiteren Umfeld. Letztlich schenkt uns Gott Liebe für alle seine Geschöpfe auf der ganzen weiten Welt. Und dann wird das Dienen sogar politisch!
C             Mmh, das ist schon etwas viel; ist das nicht auch stressig, immer alle lieben?

L              Ne, die Konfis haben ja ihr ganzes Leben noch vor sich, um in der Liebe zu wachsen, dann klappt das schon. Und gegen den Stress hab’ ich meinen dritten Spruch mitgebracht.

C             Ok, hier: „Die ganze Welt ist voller Wunder.“

L              Was gibt’s dazu groß zu sagen? „Don’t worry, be happy, die ganze Welt ist ein Geschenk an dich.“ Das ist wahr, jeden Tag neu und immer wieder, egal wie scheiße vielleicht der Tag gestern gelaufen war. Du selbst bist dir von Gott geschenkt, und du bist ein Geschenk Gottes an die Welt. Ein ganz tolles.

C             OK, Danke, dann sag ich jetzt mal: Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.