Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt

Pfarrerin Irene Engel (ev.)

13.08.2016 Frauenkirche, Esslingen

Trauung

Liebes Brautpaar, liebe Eltern und Verwandte,

liebe Freundinnen und Freunde und liebe Festgemeinde!

 

Nun ist er also da, der große Tag, das große Fest, an dem alle sehen sollen: Wir beide gehören zusammen und wollen unser Leben bis ans Ende unserer Tage miteinander verbringen.

Und dabei habt ihr beide ja schon ein gutes Stück Weg gemeinsam zurückgelegt: zwölf Jahre!

Was ist das Geheimnis, was ist das Rezept für so viel Beziehungsglück?

Wo allenthalben so viele Beziehungen nach kürzester Zeit in die Brüche gehen, scheint euch etwas zu gelingen, wovon viele nur sehnsüchtig träumen.

 

Konkret bei euch nachgefragt, gabt ihr beide euch äußerst bescheiden- es hätte keine größeren Belastungsproben gegeben, so du Jeannette und Sebastian formulierte fast schicksalshaft: „Es wurde für mich entschieden.“

 

Vielleicht ist das das Geheimnis einer großen Liebe, dass man sie in einem letzten Sinne gar nicht erklären, gar nicht ergründen kann. Dass es sich um ein Wunder handelt, wenn sie sich ereignet- gerade in einer Zeit, in der die Selbstoptimierung des einzelnen so sehr betont wird.

 

Was sagt die Philosophie, was die Bibel im Blick auf das Geheimnis der Liebe-

ich begab mich auf Spurensuche.

 

Innerhalb der Philosophie gibt es wohl keinen, der gründlicher über die Beziehungshaftigkeitdes menschlichen Lebens nachgedacht hat als Martin Buber, jener große jüdische Gelehrte des 20. Jahrhunderts.

An zentraler Stelle formuliert er:

 

„Ich werde am du, alles wirkliche Leben ist Beziehung.“

 

Erst in der Begegnung mit dem anderen und ganz Besonders mit dem geliebten Menschen erfahre ich, wer ich bin. Menschliches Reifen gelingt nur im Dialog und in der Auseinandersetzung mit dem anderen; und nicht indem ich in den Spiegel schaue oder auf meinen eigenen Bauchnabel.

Was Martin Buber so herrlich prägnant auf die Formel bringt 'Ich werde am Du' hat nicht weniger eindrücklich die große jüdische Lyrikerin Rosa Ausländer in Dichterworte gefasst wir haben ihr Gedicht zu beginn unseres Festgottestdienstes gehört:

 

Wir wohnen Wort an Wort

Sag mir dein liebstes Freund

meines heißt du

 

Leben heißt in Beziehung sein, Beziehung zu einem Du.

Leben und erst recht lieben heißt vertrauen, heißt auch das Wagnis der Verwundbarkeit aushalten.

 

Bei meiner weiteren Suche nach dem Geheimnis der großen Liebe bin ich dann auf eine Erzählung in der Bibel gestoßen, die auf den ersten Blick ganz weit weg ist von uns und unsere Zeit und doch so viele Weisheit enthält.

 

Gehen wir für einen Moment ungefähr drei Jahrtausende zurück:

König David hat ein glanzvolles Reich geschaffen und will nun, dass sein Sohn Salomo dieses in seinem Namen nicht minder erfolgreich fortsetzt.

Jung und unerfahren hat Salamo Angst: „Ich aber bin noch jung, weiß weder aus noch ein“, soll er in seiner Angst vor der Zukunft gebetet haben.

Da begegnet ihm Gott im Traum und spricht zu ihm- es ist fast wie in einem Märchen-:

„Bitte um etwas, was ich dir geben soll“.

Macht, Reichtum, politisches Geschick, persönliches Glück- welchen Wunsch soll Gott ihm erfüllen?

Auf einmal, so scheint es, könnte Salomo all seine Angst los werden.

Und doch, was wünscht er sich von Gott?

 

Ein hörendes Herz!

 

Schenke deinem Deiner ein hörendes Herz.

 

Das Herz wird in der Bibel nicht wie bei uns ganz romantisch als emotionales Gefühlszentrum verstanden; es ist in erster Linie Entscheidungszentrum. Das Herz ist die moralisch-ethische Instanz, wo es um gut und böse geht, um richtig und um falsch.

Ich wünsche mir, sagt Salamo, ein hörendes Herz, eines mit Empathie und Feingefühl; so möchte ich die Nöte und Sorgen meiner Mitmenschen erspüren und verstehen können.

 

Vielleicht ist es dieses hörende Herz, liebe Jeannette und lieber Sebastien, was das innere Geheimnis eurer großen Liebe ausmacht.

In den letzten zwölf Jahren habt ihr im Lärm und Getriebe aufregender Studien- und Entwicklungsjahre immer gehört und wahrgenommen, was der andere braucht und wer der andere ist. Und so ist eine wunderbare liebe gewachsen.

 

Möge euch durch euer gemeinsames Leben immer euer hörendes Herz tragen. Amen.