Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt

Pfarrerin Silvia Johannes (ev.)

20.05.2017 Franziskanerkirche in Überlingen

Trauung

Liebes Brautpaar,

die hohe Zeit ist da, Ihre Hochzeit jetzt und hier in der Franziskanerkirche. Erwartungsfrohe, gut gelaunte Gäste sitzen hinter Ihnen. Sie wissen, ohne einen Blick nach hinten zu werfen, da stehen ‒ bzw. sitzen ‒ unsere Familien, unsere Freunde und Kollegen von der Arbeit und von unserer gemeinsamen Leidenschaft: der Stadtkapelle Überlingen. 

Damit sind Sie, liebes Brautpaar, eingebunden in ein festes Netz der Liebe und der Wertschätzung. Das ist eine wunderbare Grundlage für Ihre Ehe, so will es mir scheinen. Der Grund oder die wirkliche Grundlage Ihrer Eheschließung ist jedoch Ihre Liebe zueinander. Sie ist die Brücke zwischen Ihren Elternhäusern, die sich sprachlich wohl etwas unterscheiden, wenn sie beispielsweise zur „5. Jahreszeit“ der Fasnet, einerseits Karneval und andererseits Fasching sagen. Dafür sind Sie beide Seehasen. Wobei Sie Katrin vielleicht noch mehr Seehase sind, weil sie sogar am Seehasenfest in Friedrichshafen geboren wurden. Sie Philipp dafür in Überlingen, im wohl einzigen Krankenhaus mit Seeblick.

Nun, die Bräuche der „5. Jahreszeit“, sagen die Weltleute, die Christenleute sagen es war Gott, führte Sie in einer dieser „5. Jahreszeiten“ – an einem Schmotzigen Dunschdig ‒ in einen ersten Sichtkontakt. Das war am 23.2.2006 in Überlingen, im Galgen, dem Traditionslokal für junge Leute.  Da trifft sich bis heute immer wieder die junge Szene von Überlingen und Umgebung.  Philipp trat mit dem Saxophon als Seegumper geschminkt in ihr Leben und Sie Katrin als Gast mit Ihrer WG im Galgen, in sein Leben. Am Samstag und Sonntag ging das mit dem Schauen, im alemannischen heißt das „luegen“, weiter. Danach gingen Sie beide Ihrer Wege weiter. Erst ab Mai 2006, beim Wertungsspielen der Stadtkapelle Überlingen in Villingen, sahen Sie sich wieder und ab da hielten Sie einander fest im Blick und wurden Freunde und dann ein Paar. Wieder im Februar, diesmal 2009 trafen Sie den Entschluss: wir ziehen zusammen.  Und nach Ihren Studienabschlüssen als Ingenieure, Sie Philipp für Architektur, Sie Katrin für Wirtschaftswissenschaften, haben Sie beide Arbeit gefunden. Damit haben Sie eine gute Existenzgrundlage für eine neue Gestaltung der Zweisamkeit: Heiraten und ein Ehepaar mit allen Rechten und Pflichten zu werden.

Für Sie habe ich nochmal den Liedtext der Vogelhochzeit studiert, denn in unserem Gespräch erzählten sie mir, dass Katrin schon früh aufsteht und Philipp abends spät noch munter sei. Diese Singzeiten schreibt man gemeinhin der Lerche und der Eule zu. Und diese beiden kommen tatsächlich in diesem Lied vor und da steht: Der Uhu, der Uhu, (ist eine etwas größere Eulenart) der bringt der Braut die Hochzeitsschuh’.  Und  die „ Lerche, die Lerche, die führt die Braut zur Kerche.“ Mithin beide Vögel tragen Wesentliches zum Fest der Liebe bei, wie wir an Ihnen, liebes Brautpaar, sehen können. Die Braut hat Schuhe und Sie sind mit ihrem Mann Philipp an diesen schönen Ort gekommen. Die Fanfaren der Stadtmusik haben Ihren Einzug in die Kirche auch vernehmlich angekündigt.

Nun stehe ich hier, bin kein Kaplan und auch kein Auerhahn wie es im Text der Vogelhochzeit heißt,  und möchte ich Ihnen, Ihren selbst gewählten Trauspruch ans Herz legen und ihn dafür in Ihre  Zukunft hinein entfalten.

Lasst uns nicht lieben mit Worten noch der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. 1. Johannes 3, 18

Gehört? Und jetzt nehme ich Sie in einem gewagten Zeitsprung mit ins Jahr 2042. Das ist 25 Jahre weiter und richtig, in diesem Jahr feiern Sie am 20. Mai Ihre Silberhochzeit. Sie schauen, so hoffen hier alle, auf viele Jahre des Zusammenlebens zurück. Sie sind dann ein erfahrenes Ehepaar und Sie wissen um Ihre Liebe. Nicht weil Sie sich das jeden Morgen und Abend gesagt haben und es vom Anderen gehört haben. Sondern allein durch die Tatsache, dass Sie immer noch zusammen leben. Sie erkennen staunend, dass Sie sich selbst nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich verändert haben. Sie haben Ihre Liebe bezeugt durch Ihre Anpassungsleistung an die Erfordernisse und Herausforderungen des Zusammenlebens. In der Tat und in der Wahrheit haben Sie im Ehealltag erfahren, dass Sie nie den anderen Menschen ändern konnten. Das ist wahr. Sie konnten aber dafür sich selbst ändern und Ihre eigene Einstellung zu den Dingen des Alltags. Das ist Liebe. Sie kennen nun schlechte Zeiten und noch viel mehr gute Zeiten in ihrer Ehe. Sie waren so klug, dass Sie sich auch mal Hilfe gesucht haben, wenn sie den anderen mit Worten nicht erreichen konnten, auch Küssen nicht half und Sie für sich selbst nicht recht weiterwussten. Sie waren weise, wenn Sie sich in Notzeiten auch an Gott wandten. Denn gleich nach Ihrem Trauspruch fügt der Schreiber des Johannesbriefes ein: Daran erkennen wir, dass wir zur Wahrheit gehören und können unser Herz vor ihm beschwichtigen, welche Anklagen es auch gegen uns vorbringen mag: denn Gott ist größer als unser Herz und weiß alles (3,19-20).

Das heißt: es taugt nicht in Selbstverurteilung zu verzweifeln, sich in Vorwürfen zu verstricken, noch uns einseitig auf uns selbst zu konzentrieren, sondern wir sollen an dem Vertrauen auf die immer größere Liebe Gottes festhalten. Weswegen auch immer wir uns selbst und uns gegenseitig verurteilen, das Herz Gottes ist immer größer als unser eigenes Herz. Das ist die Hoffnung, in der Sie leben dürfen.

Jetzt ist uns Menschen Gott oft so groß und fern. Stimmt das denn überhaupt, was ich Ihnen sage, mögen Sie vielleicht fragen. Ja es stimmt. Denn Gottes Liebe dürfen Sie vergleichen, und damit auch begreifen, durch Ihre Liebe zueinander, wie Sie sie mir beschrieben haben. Sie Philipp lieben an Katrin, „dass ich immer ich sein kann und wenn ich mich frage: wer bin ich, ihre Augen mir spiegeln – ich bin ich.“ Und Sie Katrin lieben an Philipp, „dass er so ehrlich ist. Er ist die gute Seele, die mich auf den Boden der Tatsachen holt.“ Das sind alles auch typische Umgangsweisen mit und Einstellungen Gottes zu seinen Menschen, die er liebt. Ihr Trauspruch hat ja die Anrede: meine Kinder vorneweg.  Meine Kinder, heißt es und dann erst, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.

So freue ich mich und wohl alle hier in der Kirche und in der Ferne von Herzen mit Ihnen, dass Gott Sie zusammengeführt hat und Sie Ihren Weg durch IHN segnen lassen, weil Sie IHM, Gott, trauen, wie Sie sich heute einander ganz anvertrauen. Und der Trausegen ist von diesem Tage an, das Zeichen Gottes, dass Ihre Liebe tatsächlich und wahrhaftig  unter seiner Hut steht. Amen.