Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt an Hl. Abend zu Johannes 3,16-21

Pfarrer Christoph Wiborg (ev.)

24.12.2016 Eberhardskirche in Tübingen

Ihr Geliebten!

Wirklich! Ihr seid’s: Geliebte!

Egal mit welcher Hoffnung, mit welchem Glauben Ihr hierhergekommen seid – das ist das Erste Wort, das Erste, das an diesem Abend, in dieser Heiligen Nacht Euch zu Ohren kommen soll:

Ihr seid Geliebte!

Geliebte nicht nur von denen, die sich da womöglich nachher um Euch scharen. Um den Baum. Um den Tisch. Ums Herz.

Geliebt zuallererst und vor allen Dingen von Gott.

„Denn also hat Gott die Welt geliebt,“ schreibt der Evangelist Johannes, „dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Hier steht nicht: Denn also hat er sein Volk geliebt.

Oder: Denn also hat er die Gerechten geliebt.

Oder: Denn also hat er die Frommen geliebt.

Nein: Die Welt hat er geliebt.

Nichts Geringeres als das: Die Welt. Den Kosmos.

Mit allem Drum und Dran. Dem ganzen Gekreuch und Gefleuch.

Mit Lichtgestalten und Dunkelmännern.

Diese Welt hat er geliebt.

Die Welt wie wir sie kennen. Immer mehr und immer wieder: Unberechenbar. Unkalkulierbar. Unfassbar.

Damals saßen die Größenwahnsinnigen nicht in Moskau, Istanbul oder New York, sondern in Rom. Aber auch sie hatten nur eines im Sinn: Groß werden.

Oder besser: Größer.

Größer als alle anderen.

Das war schon immer des Menschen Wille.

Zum ersten Mal sichtbar, damals in Babel.

Als sie untereinander sprachen: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen.“

Einen Namen machen!

Make America great again!

Und der Brexit, damit wieder gilt: Great Britain!

Und die Alternativlosen für Deutschland, die von einem so deutschen Deutschland träumen, das wieder für sich und allein Deutschland ist. Am besten: Großdeutschland.

Einen Namen machen!

Alles Enkel sind das von Kaiser Augustus, der da verkünden ließ, dass alle Welt,

ja, genau, die Welt

geschätzt werden sollte.

Gezählt werden sollte, wer da alles zu Rom gehörte.

Die Welt, gezählt.

Die Welt, geliebt.

Das, liebe Gemeinde, ist der Gegenentwurf.

Gott, der die Welt liebt.

Gegen Augustus, gegen die Herren dieser Welt, die die Welt zählen.

Liebe gegen Berechnung.

Denen, die sich da einen Namen machen wollen und dem Himmel entgegenstürmen, denen kommt dieser Gott entgegen. Gerade vom Himmel hoch, da kommt er her!

Kommt herab, fließt herab, der Strom der Liebe. Herab in diese Welt, in diesen Stall, in diesen – Mensch.

Dem Menschen, der sich selbst zu Gott machen will, kommt Gott entgegen und macht sich zum Menschen.

Wie? Fragt der Mensch. Gott nicht da oben? Nicht im Himmel? Nicht in der Ferne? Fernab von Gut und Böse? Fernab von dieser Welt?

Nein. Gott liebt diese Welt. Liebt, kommt also entgegen, sucht uns und findet uns, damit wir nicht mehr verloren sind sondern das ewige Leben haben, was nichts Anderes meint als das Gott mit einem Male nicht mehr nur gegenüber, sondern bei uns, ja, mit uns ist.

Gott mit uns. Emmanuel.

Geboren ist Emmanuel.

Zwischenmusik: Kantorei „Geborn ist uns Emmanuel“ (Praetorius)

Geborn ist uns Emmanuel, Christ, der Herr, der unser Heiland ist.

„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Wie es der Liebe gemäß ist, versucht Gott noch einmal den Menschen zu gewinnen. Ihn zu retten.

Er gibt der Liebe einen Ort in dieser Welt. Einen ganz konkreten Ort. In einer ganz konkreten Zeit.

Lukas hat Chronographie und Geographie beschrieben: Zur Zeit als Cyrenius Landpfleger war. In Bethlehem, in einem Stall. Da wird also Gottes Liebe Fleisch. Wird Wirklichkeit.

Und was wirklich ist und einen Raum, einen Topos, und eine Zeit hat – das ist nicht utopisch.

Im Gegenteil.

Gottes Liebe wird erkennbar. Wird sichtbar. Wird greifbar. Wird unverwechselbar.

Der Welt gilt die Liebe Gottes.

Der großen, weiten Welt.

Aber sie, die Liebe, greift Raum in dieser Welt, von einem konkreten Ort aus. Einem konkreten Menschen.

Das Weite der Liebe wird sozusagen wie in einem Brennglas gebündelt. In diesem Kind im Stall.

Und von dort aus soll sich die Liebe einen Weg bahnen in die Welt.

Und das tut sie nicht mit Gewalt. Nicht mit Macht. Nicht mit Zwang.

Die Liebe ist einfach nur da. Bietet sich an. Zeigt sich: Offen, verletzlich,

verwundbar.

So wie wir es diesem Kind ansehen, das da schutzlos im Stall in einer Krippe in Windeln gewickelt liegt.

So wie wir es diesem Mann (Hinweis auf Kreuzigungsbild) ansehen, am scheinbaren Ende seines Weges, am Kreuz.

Wieder schutzlos. Wieder am nackten Holz. Wieder in Windeln gewickelt.

Die Liebe Gottes, die in Jesus als dem Christus Gestalt wurde in dieser Welt, kann nicht anders als so Liebe sein.

Als Liebe, die sich dahingibt.

Die sich verschenkt.

Die offen bleibt und angreifbar, auch wenn um sie herum Gewalt und Macht und Terror Gegenwehr geradezu einfordern.

„Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“

Was tun mit der Liebe Gottes?

An sie glauben? Ihr vertrauen?

Oder sich abwenden. Das Heil woanders suchen?

Auch der Glaube wird nicht erzwungen, sagt Johannes.

Auch das Vertrauen ist nur ein Angebot Gottes.

Er ist kein Despot.

Er handelt nicht totalitär.

Dahingeben ist der Modus, in dem Gott sich dem Menschen als Begleiter anbietet.

Dahingebende Liebe, die sich tief herabbeugt zu demjenigen, der am Boden ist – aus welchen Gründen auch immer.

Es widerspricht dem Wesen der Liebe, Vertrauen zu erzwingen.

Glauben zu befehlen.

Und darüber zu richten.

Als die Welt Liebender tritt Gott ihr gegenüber gleichsam einen Schritt wieder zurück.

Er kommt in die Welt. Er zeigt sich. Seine Liebe.

Wie er sie versteht.

Wie er sie lebt (Hinweis auf Kreuz).

Öffnet seine Arme.

Und wartet.

Gott drängt sich nicht auf.

Das Licht kommt in die Welt.

Und du, Mensch, kannst vertrauen, kannst in dieses Licht treten.

Warum solltest du auch nicht?

„Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“

Wer diesem Licht den Rücken kehrt, wer anderen Lichtern hinterherläuft, der schließt sich selbst, so Johannes, aus

aus der Wirklichkeit des lebendigen Gottes.

Ist schon gerichtet. Selbst gerichtet.

Weil er das Dunkel mehr liebt.

Die dunklen Machenschaften.

Das Gericht ist nicht ein Gericht, in dem über uns beratschlagt wird. Verurteilt wird. Bestraft wird.

Das Gericht ist der Moment, in dem wir selbst eine Entscheidung treffen.

Und hier kommen jetzt die beiden Wortstämme eng zusammen:

Gericht und Gerecht.

Daran muss sich unser Handeln messen lassen: an der Gerechtigkeit. Wer gerecht handelt, so sagt es Jesaja, für den geht die Morgensonne auf, für den scheint das Licht ins Leben. Er muss nicht mehr ge-richtet werden.

Wer Böses tut, richtet sich selbst, weil er seinen Blick und damit sein Leben vor dem Licht verschließt.

Hier und jetzt scheiden sich Licht und Finsternis.

Hier und jetzt sind wir immer und immer wieder am Entscheiden.

Hier und jetzt, in dieser Welt und in dieser Zeit, ist unser Vertrauen in die Wirklichkeit Gottes gefragt.

Unser Glaube an die Liebe. An die Gewaltlosigkeit. An Frieden und Gerechtigkeit. Mehr denn je!

All dies beginnt in meinem eigenen Leben. In meinem eigenen Herzen. In meinem eigenen Kopf.

In dem Gott sich in seiner Liebe so tief ins Menschliche hinein gebeugt hat, hat er alles Menschliche in eine unvergleichliche Würde getaucht.

Meine Geburt. Meine ersten Schritte. Meine ersten Worte. Mein Großwerden. Mein Leben.

Das alles darf sein in Gottes Liebe.

Das alles soll leben: Gottes Liebe.

Im ganz Kleinen. In jeder Begegnung. Mit jedem Menschen.

Ihr seid Geliebte!

Liebe Gemeinde.

Das ist der Name, den wir uns machen sollen:

Geliebte Gottes.

Und: Gottes Liebende.

Also: Lebt die Liebe. Und fangt gleich damit an.

Amen.