Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt an Hl. Abend

Pastor Andreas Ullrich (ev.)

24.12.2016 Freie ev. Gemeinde Krefeld

Christmette

Motto: Friede kommt nur in Person!

 

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,

Backstunde im Hause Ullrich vor einiger Zeit. Das Projekt: Zimtsterne und schwedische Haferkekse. Das Ergebnis: hellbraune schwedische Haferkekse und weiße Zimtsterne! Quasi „Albino-Zimtsterne“! Was war geschehen? Wir hatten den Zimt vergessen.

Im Rezept war der Zimt nur in der Überschrift genannt: bei den Zutaten tauchte er nicht mehr auf.

Mein Eindruck ist, dass es vielen Menschen heute im Blick auf Weihnachten ähnlich ergeht. Sie holen das Rezept mit der Überschrift Weihnachten rechtzeitig aus der Sammlung, kümmern sich um die bekannten und vertrauten Zutaten, vergessen aber das eigentliche, weil es nur in der Überschrift über diesem Fest steht.

Weih-Nachten – diese besondere Nacht ist geweiht. Gott weiht sie der Menschheit – der Menschheit damals in Bethlehem und Umgebung und von da an allen Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten. Sie ist einer zerstrittenen, verängstigten und ratlosen Menschheit geweiht. „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, bei den Menschen auf denen sein Wohlgefallen ruht.“

Frieden auf Erden? – Frieden auf Erden??? – Ja, wann denn? – Wo denn?

Wo ist er denn, Gottes Friede? Hat es ihn jemals gegeben, seit dieser Nacht. – Sicher, wir können in diesem Jahr auf 71 Jahre Frieden in Westeuropa blicken. – Aber mal ehrlich: haben wir wirklich Frieden? Oder haben wir nicht einfach nur seit 70 Jahren keinen Krieg? – Das ist schon viel, ohne Zweifel. Dass man mich hier nicht missversteht. Eine so lange Zeitspanne ohne kriegerische Auseinandersetzungen hat es auf einem Kontinent verschiedener Völker in der ganzen Weltgeschichte so gut wie nie gegeben. Aber Frieden stell ich mir oft anders vor.

  • Wenn gut genährte deutsche Staatsbürger, die überhaupt nichts dazu können, in diesem Land geboren zu sein, mit wutverzerrten Gesichtern hasserfüllte Parolen gegen fremde Menschen schreien und deren Unterkünfte anstecken, dann bringt das alles andere als Frieden auf Erden.
  • Wenn eine angeblich demokratische Partei auf dieser Hasswelle mitreitet, sie befeuert und versucht, sie salonfähig zu machen, dann bereiten sie damit allem Möglichen den Weg, aber nicht dem Frieden.
  • Und wenn instrumentalisierte Moslems mit ihren feigen Anschlägen Angst und Terror unter uns verbreiten, dann erleben wir, wie zerbrechlich unser friedliches Miteinander ist.

Frieden auf Erden? Wo denn? – Genau dort, wo dieser Satz im Original gesprochen wurde. In diesem jämmerlichen Stall in dieser völlig überfüllten Kleinstadt namens Bethlehem südlich von Jerusalem. Hier kehrt der Frieden ein, und zwar in Person. Der Friede in Person. Der Friede nicht in Form von Friedensverträgen oder Waffenstillstandsabkommen oder gut gemeinten Absichtserklärungen. Nein, der Friede Gottes kommt in diese Welt in Person. – Dieses Kind – bereits im Alten Testament angekündigt – wird schon dort Friedefürst genannt. In dieser Nacht, die der Menschheit geweiht ist, ändert sich in diesem abgelegenen Winkel durch die Geburt Jesu – zunächst ganz unscheinbar – alles.

Gott wird Mensch, der Schöpfer wird Geschöpf, und gibt sich damit in unsere Hände. Bevor der Friedefürst als junger Mann öffentlich in Erscheinung treten wird, müssen sich zwei Menschen um ihn kümmern. Der Friede Gottes wird von ihnen erst einmal 30 Jahre durchgefüttert. Sie schützen ihn – sie versorgen ihn – sie erziehen ihn. Maria und Josef geben dem Frieden Gottes in Person eine Chance. Sie kümmern sich, übernehmen Verantwortung und sitzen nicht nur da und beklagen den ganzen Unfrieden in der Welt.

In unserer Zeit ist es sehr modern, Gott auf die Anklagebank zu setzen. „Wenn Gott Gott ist, wieso verhindert er nicht diesen ganzen Irrsinn, den Menschen verbreiten und tun. Wieso haut er nicht dazwischen? Wieso sorgt er nicht endlich für Gerechtigkeit?“ – Eine Frage, die entwaffnend klingt; und die so herrlich von unserer eigenen Verantwortung ablenkt.

Wieso sorgen wir eigentlich nicht dafür? – Du denkst: „Was kann ein Einzelner schon ausrichten?“ – Maria würde Dir vermutlich sagen: „Sieh mich an. Noch Fragen?“

Die geweihte Nacht von Bethlehem hat uns viel zu sagen, u.a. dies: Gott will nicht ohne Menschen sein Reich bauen. Noch näher kann Gott seiner Schöpfung nicht kommen. Noch liebevoller kann er nicht JA zu uns Menschenkindern sagen.
Er erwählt die Wirklichkeit dieser Welt, um uns zu begegnen. Hier ist der Ort, an dem er uns findet und an dem wir ihn finden. Wir müssen uns keine Engelsflügel wachsen lassen, um in irgendeinen Himmel zu fliegen, an dem angeblich Gott wohnt. Niemand muss sich mystisch versenken, um unter Ausschluss des Denkens Gott spüren zu können. Und niemand muss sich in die Luft sprengen in der irrsinnigen Hoffnung, damit Gott nahe sein zu können.

Vermutlich wird es im nächsten Jahr sehr darauf ankommen, ob es in unserem Land genug Menschen gibt, die ebenfalls bereit sind, Friede in Person zu sein. Es gibt Kräfte, die uns genau zum Gegenteil führen wollen, die zu Hass, Misstrauen und Nationalismus verführen.

Die aktuelle Ausgabe des „Spiegel“-Magazins trägt auf der Titelseite die Überschrift: „Weihnachten in Zeiten des Terrors“. Aufs Ganze der Weltgeschichte gesehen, war das eigentlich nie anders. Selbst die Geburtsnacht Jesu war nicht weit vom Terror entfernt. Der König Herodes ließ kurz nach der Geburt alle Jungen in Bethlehem und Umgebung, die jünger als zwei Jahre waren, ermorden; aus Angst, es könnte jemanden geben, der ihm die Macht streitig macht. Deshalb die Flucht der Familie nach Ägypten.

Weihnachten in Zeiten des Terrors? Ich würde es umformulieren: Weihnachten für Zeiten des Terrors! – Denn auch uns ist der Heiland geboren, den wir so dringend brauchen. Das, was Gott uns in dieser Nacht von Bethlehem geschenkt hat, gibt uns die Kraft gegen Hass, Misstrauen und Nationalismus. Gibt uns Hoffnung in allen Ängsten, die wir haben, und die vielleicht noch kommen.

Wir wünschen uns Sicherheit. – Aber die gibt es nicht. Und jeder, der etwas anderes behauptet, ist ein Blender. Was es aber gibt, ist der Friede Gottes in Person – Jesus Christus. Mit ihm gemeinsam können wir zuversichtlich auch in unfreundliche Zeiten schreiten.

Welchen Botschaften wollen wir im nächsten Jahr Raum geben? Wovon wollen wir uns bestimmen lassen? Wer gibt bei uns den Ton an?

  • die Miesmacher, Brandstifter und Hetzer?
  • oder die Mutmacher, Kümmerer und Versöhner? Wir entscheiden das – individuell und gemeinsam.

Sehr ermutigend finde ich das, was sich die Teenager unserer Gemeinde in diesem Herbst getraut haben. Sie wollten Liebe und Frieden in die Stadt Krefeld bringen, oder genauer gesagt, unter die Krefelder. Das haben sie ganz wörtlich getan und sind an einem Samstag im Oktober mit Straßenmalkreide „bewaffnet“ in die Krefelder City am Neumarkt gegangen. Nach 2 Stunden war der Neumarkt eine einzige Love-Area. Immer wieder haben sich Passanten anstecken lassen und haben mitgemalt. Es gab viel zu lachen und so manches nette Gespräch. Wir haben dies alles in einem kurzen Film zusammengefasst, den wir ihnen jetzt gerne zeigen möchten.

Der Friede kommt nur in Person – damals wie heute.

Amen