Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt im Rahmen einer "Vater unser"-Predigtreihe über Mt 6,11

Diakon Bernhard Hölzle (kath.)

02.04.2017 St. Stephan, Mindelheim

Liebe Gemeinde,

ich darf in der "Vater unser"-Predigtreihe heute über das "tägliche Brot" sprechen (Mt 6,11).

Wenn wir uns das "Vater unser" in Gedanken genauer ansehen: Eben noch ging es um Gott, dass seine Herrschaft werde, dass sein Wille geschehe und sein Name geheiligt werde. Vom "Dein" wechselt nun die Perspektive auf das "Uns": "Unser tägliches Brot gib uns heute" beten wir. Wir treten jetzt ins Blickfeld. Jesus schaut auf unseren Alltag.

Er rät uns, um unser täglich Brot zu beten, auch wenn der Mensch "nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt," (Mt 4, 1-11) lebt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Evangelium vom ersten Fastensonntag, als Jesus genau mit diesem Satz auf den Versucher antwortet. Dennoch weiß Jesus um die Alltagssorgen der Menschen, mit denen er spricht. Und so kommt gerade in dieser Bitte seine besondere Nähe zu uns zum Ausdruck.

Verschiedene Deutungsmöglichkeiten bieten Theologen für diese Brotbitte an: Von der tatsächlichen Sorge um den Lebensunterhalt bis zur Deutung des Brotes als biblisches Manna und Symbol für die Eucharistie. Wenn ich aber nun auf die hier üblichen, ländlichen "Mittelstands-Kirchengemeinden" – entschuldigen Sie bitte, wenn ich dies so formuliere - in unseren Gegenden blicke und auch auf mich selbst: Sind das wirklich die Themen, die Sie gerade bewegen und Ihnen wirklich nahe sind?

Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber als ich "Unser tägliches Brot gib uns heute" als Thema gewählt habe, fiel mir sofort ein Lied der Toten Hosen ein. Die Toten Hosen: Eine Punkband aus Düsseldorf. Nicht jedermanns Geschmack vielleicht, kann man –muss man nicht kennen. Aber dieser Titel aus dem Jahr 2000 beleuchtet die Brotbitte – sicher nicht bewusst von der Band aber für mich – von einer ganz anderen und wirklich aktuellen Seite. Er lautet "Warum werde ich nicht satt".

"Warum werde ich nicht satt?" Hier beschreibt der Leadsänger Campino wie gut er lebt: Doppelgarage, Spielzeugeisenbahn im Keller, Pool im Garten, keine Probleme, was er will, kauft er sich eben. Doch nach jeder Strophe stellt er sich die Frage: "Warum werde ich nicht satt?" Zuletzt setzt er diesen Refrain noch in die Mehrzahl: "Warum werden wir nicht satt?"

Die Fülle, in der wir leben dürfen – sicher will ich nicht verschweigen, dass es auch bei uns Altersarmut, Familien in materieller Not und soziale Brennpunkte gibt – aber die grundsätzliche Fülle ist in unserer Konsumgesellschaft gegeben: Ob es das Obst im Supermarkt oder das "veraltete" Handy ist: Wir haben genug und wir leben damit und davon, dass es weggeworfen wird, wenn es nicht mehr gefällt, und dann schnell wieder was und möglichst mehr konsumiert und das Regal aufgefüllt.

Ein profitabler Kreislauf, vielleicht sogar Wettlauf um Arbeitsplätze, um Wachstum: Alles etwas, dem wir uns wohl oder angeblich nicht entziehen können.

Doch erreichen wir damit ein Mehr an Zufriedenheit in unserer Gesellschaft und vor allem in unserem Herzen, macht es "satt"?

Ich ertappe mich selbst auch immer wieder dabei, dass ich mich mit Konsum belohne: Ich kauf mir dann ein Buch, einen coolen Song - mal ganz schnell online bei iTunes aufs Smartphone und den neuen Blockbuster habe ich auch schon vorbestellt. Das ist O.K. und mich daran zu freuen, ist nicht verboten. Doch trägt es mich wirklich?

Wann ist die Grenze erreicht, dass ich mich nur noch vollstopfe mit den neuesten theologischen Büchern - auch wenn mein ganzes Regal schon damit überfüllt ist –, den schicken Schuhen, dem Angebot nächsten Montag bei Lidl, dem Schnäppchen im Outlet-Center und im Schlussverkauf, dem ... die Liste ließe sich leicht fortsetzen.

Die Brotbitte will mich nun genau dort abholen und aus dem Morgen ins Heute zurückrufen: Denn dieses dauernde Horten und Sammeln, die Jagd nach dem nächsten, noch schickeren Outfit, dem nächsten guten Deal und der besseren Rendite zieht mich aus dem Heute fort. Denn immer bin ich auf dem Sprung, um nicht etwas zu versäumen, das Morgen, den nächsten Trend und die neueste Meinung nicht zu verpassen, wenn ich mich nicht dauernd update.

Die Brotbitte erinnert mich daran, dass ich täglich heutig werde und dass ich im Hier und Jetzt bleibe. Gottes Herrschaft, sein Reich, sein Wille, sein Name möchte ins Heute und nicht ins Morgen kommen: Und Gott hat auch erst dann Platz in unserem Herzen, wenn unsere Mitte nicht mit dem ganzen Gerümpel vollgestellt, unsere Seele nicht verschüttet und unter unnötigem Ballast wie unter Steinen begraben wird.

Vielleicht entdecken Sie bei kurzem Nachdenken in Ihrem Leben ebenfalls etwas, was nicht satt macht, was nicht zu mehr Leben führt: Und wenn es nur die immer höher ansteigende Infoflut ist – dieser ganze Lärm, mit dem man sich oft allzu leichtfertig umgibt.

"Unser tägliches Brot gib uns heute" – immer wenn ich diese Brotbitte spreche, dann bedeutet es für mich, dass mir heute das tägliche Brot genügen könnte. Dies kann gerade in der Fastenzeit ein Impuls sein loszulassen, frei zu werden von dem, was ich alles Unnützes mit mir schleppe, sammele und horte, womit ich übersättigt bin, worauf ich verzichten könnte.

Täglich nur um Brot beten zu können, um wirklich satt, heutig und frei zu werden: Das wünsche ich mir und Ihnen.

Amen