Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt im Zyklus Liedpredigten

Pfarrer i. R. Thomas M. Austel

02.07.2017 Kaufmannskirche am Anger

Liebe Predigthörerinnen, liebe Predigthörer.

 

Lied oder Bibel. Eine Predigt ist eine Predigt ist eine Predigt. Predige das Wort, das Evangelium: solus Christus. Eine Liedpredigt ist eine Form christlicher Predigt, die statt eines Textes aus der Bibel den Text und die Melodie eines geistlichen Liedes in den Mittelpunkt rückt und für eine Gemeinde auslegt. Hoppla. Nicht Lied, sondern geistliches Lied: Leis, Psalm, Choral, Passion, Spiritual. Gesangbuch-Predigten lassen sich zurückverfolgen bis zu Cyriakus Spangenberg (1569), Sohn des Nordhäuser Reformators.

 

Der Aufbruch: Luther fordert „deutsche Gesänge, die das Volk unter der Messe singe“. Dem entspricht Luthers deutsches Kirchengesangbuch (1524). Verlegt in Wittenberg und „Das Erfurter Enchiridion“ (Handbüchlein). Der Gesang am Brunnen vor dem Tor zieht ein in den Gottesdienst der Kirchengemeinde. Der Gemeindegesang in der Volkssprache folgt dem Kirchenlatein der Alten Kirche. Nicht mehr „Da pacem, Domine“, sondern „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott“[1]. Die Melodie bildet Luther basierend auf der gregorianischen Antiphon „Veni, redemptor gentium“ aus dem 9. Jahrhundert, vermutlich hier in der Kaufmannskirche einst gesungen.

 

Das ursprüngliche geistliche Trostlied „Ein feste Burg“, nicht als Reformationsgedenklied gedacht, wird als Protestlied angestimmt. Eine Schweinfurter Gemeinde habe 1532 mit „Ein feste Burg“ während einer Messe einen altgläubigen Priester niedergesungen. Die Jugend habe das Lied auf den Straßen Schweinfurts geschmettert, bald darauf habe man in der Stadt die Reformation eingeführt.

Als Protestsongs dienen auch andere lutherische Lieder. Ein altgläubiger Prediger wird mit Luthers Lied „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ überstimmt. Göttinger Handwerker mischen eine Fronleichnamsprozession mit „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ und anderen deutschen Psalmvertonungen auf – bis man die „Kyrie-eleis“ Gesänge nicht mehr hört. Im Salzburger Land soll die Bevölkerung auf ähnliche Weise Beerdigungsfeiern gestört haben.

Das Singen ist eine der öffentlichen Waffen der Erneuerung, die wir heute Reformation nennen. In der Bischofsstadt Hildesheim wird das Singen daher 1524 und noch einmal 1531 auf der Straße verboten. In Braunschweig werden 1526 Schustergesellen beim Priester denunziert, weil sie bei sich die protestantischen Lieder singen.[2]

 

„Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ ist ein von Martin Luther geschaffenes Kirchenlied. Eingängig und leicht auswendig zu lernen. 1541 erschien mit dem Zusatz „Ein Kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen, den Bapst und Türcken“. Kinderlied deshalb: Man sah im Gebet unschuldiger Kinder eine letzte Rettung in der Gefahr.

Erhol uns Here by dunem Wordt,
unde stüre des Pawest und Türcken mordt[3]

 

Vor dem Hintergrund der Türkenkriege  entstand das antipäpstliche und antitürkische Kampflied. Wegen seiner provokativen zweiten Zeile „und steur des Papsts und Türcken mord“ wird es über Jahrhunderte als der umstrittenste

evangelische Gesang angesehen.

Was war geschehen? Die osmanische Bedrohung – 1529 und 32 vor Wien –  verbreitete Angst und Schrecken. Sorgte für Zukunftsangst des Abendlandes. Das westliche – lateinische – Europa musste sich mit der osmanischen Großmacht auseinandersetzen. Luther beschäftigt sich mit dem Koran und verfasste seine erste Türkenschrift „Vom Kriege wider die Türken“ (1529). Darin rechtfertigt er vorsichtig den Krieg mit der Begründung, die Türken stürzten die drei Stände (säkulare Ordnung, Geistlichkeit und Haushalt): Sie bedrohten die säkulare Obrigkeit mit „Mord“, indem sie die Christen militärisch angriffen, sie seien „Lügner“, die die Schrift falsch auslegten, und sie achteten die „Hauszucht“ nicht, indem sie zehn oder zwanzig Frauen hätten. Diese allgemein bekannten Vorwürfe gegen den Islam dienten Luther zur Unterstützung seiner Theorie und als Argument für einen Widerstandskrieg, der kein Glaubenskrieg werden sollte. Gleichzeitig nutzt er seine Argumente zu Angriffen auf das Papsttum und unterstellte dem Papst, „dass der Türkenkrieg bisher als Vorwand zum Kassieren von Ablassgeldern missbraucht würde“. Luther sah die türkische Bedrohung als Strafe Gottes und befürchtete einen Weltuntergang.

 

Neben „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“, gehören die Choräle „O, Herre Gott, dein göttlich Wort“ und „Das alte Jahr vergangen ist“ über Jahrhunderte zum evangelischen Markenkern, sprich Bekenntnis. Die Choräle werden neben Katechismusunterricht hier in Erfurt von den Kindern auf den Straßen und in den evangelischen Kirchen gesungen.  
1712 eskaliert dieser Brauch anlässlich des Kirchweihgottesdienstes in der Kaufmannskirche. Durch den Rat erfolgt die Absetzung von Pastor D. Kießling an der Kaufmannskirche. Den Buchhändlern wird der Verkauf von Büchern mit diesen drei Liedern verboten. Evangelische Gesangbücher werden konfisziert. Der Gebrauch dieser drei Lieder wird in den Kirchen verboten. Hammelburger Vertrag (1530), Augsburger Religionsfrieden (1555; cuius regio, eius religio) und  Mainzer Reduktion (1664) gewähren die Freiheit des Augsburgischen Bekenntnisses in Öffentlichkeit und in den Kirchen der Stadt. Der Bekenntnisfall (Status Confessionis) ist erreicht, da der Erfurter Rat den Evangelischen Gewissens- und Religionsfreiheit entzieht.

 

Johann Sebastian Bach hält in seiner Kantate „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ BWV 126 (1725) am Luthertext fest. Die erste Strophe des zwölfzeiligen in Paarreimen aufgebauten Liedes mit drei trinitarisch gegliederten je vierzeiligen Strophen erhält im 18. Jahrhundert die Fassung

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
und steure deiner Feinde Mord,
die Jesus Christus, deinen Sohn,
wollen stürzen von deinem Thron.[4]

„Herr, bei deinem Wort“: bei dem Bibelwort. Luthers sola scriptura braucht das Protestlied. Das rufende Evangelium im Pastoralbrief „Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen.“[5] will im Gottesdienst gepflegt werden und in der Öffentlichkeit leuchten. Ja: „Zuverlässig ist das Wort und jeder Annahme wert, dass Christos Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten.“[6] „Sünder“

als Synonym für Vertriebene und Entfremdete. Ausgeschlossene. Verscheuchte. Fremde. Menschen hinter denen sich eine Tür geschlossen hat und vor denen sich keine Tür mehr öffnet. Sünder anzunehmen heißt bei Lukas: „mit ihnen zu essen“.[7] Fremde annehmen. Einladen, um mit ihnen zu essen. Singt der Glaube „Herr Jesu Christ“

Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ,
der du Herr aller Herren bist
beschirm dein arme Christenheit,
daß sie dich lob in Ewigkeit.[8]

 

Verweist der christliche Glaube auf den Mehrwert: das ist nicht mein Werk und mein Glück. Was ich auch anfange, nicht alles fängt bei mir an. Weiß um Armut und Bedürftigkeit. Weiß, dass ich in der Zeit aus dem „dich lob in Ewigkeit“ lebe.

 

Singt der Glaube „Gott Heilger Geist“

Gott Heilger Geist, du Tröster wert
gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd,
steh bei uns in der letzten Not,
g’leit uns ins Leben aus dem Tod.[9]

Wo du untröstlich und dir um Trost wird bange sein, da erklingt im Lied „du Tröster wert“. Der christliche Glaube

weiß „in der letzten Not“ um die Vision „g’leit uns ins Leben aus dem Tod“. Nicht „nach“, sondern „aus“. Der christliche Glaube lebt für Luther aus dem Wort. Das ist Trost im Leben, Trost im Sterben. So ist in seinem Trostlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ die Strophe vier unverzichtbar

Das Wort sie sollen lassen stahn

und kein’ Dank dazu haben;

er ist bei uns wohl auf dem Plan

mit seinem Geist und Gaben.

Nehmen sie den Leib,

Gut, Ehr, Kind und Weib:

lass fahren dahin,

sie haben’s kein’ Gewinn,

das Reich muss uns doch bleiben.[10]

 

Angelehnt an Psalm 46, „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke“ …  Das Wort – „ein feste Burg ist unser Gott“ – sie sollen lassen stahn. Und dahin zurückkehren. „So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder der Buße tut.“[11] Lukas verwendet Buße als Kehre. Umkehre. Heimkehre.

Kehre im Denken. Glauben denken. „So wird die Freude

im Himmel sein über einen Sünder, der umdenkt.“[12] Bei Luther liest sich das so: „dass ein weiter Raum und eine große Freude sein wird“.

 

Ich verfolge die Medien und höre: „Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels“ und „Deutschland sei ein Stück moderner geworden“. Evangelische Kirche ist auch immer Zeitgeist. Doch wo blieben die geistlichen Lieder meines Glaubens? Glaube ist auch biografisch gebildet.

Die Kammer für Theologie der EKD formuliert: „Es bleibt eine zentrale Herausforderung, welche Wege die Kirche im Horizont ihres Verständnisses der Heiligen Schrift und in gegenwärtiger Verantwortung ihrer reformatorischen Bekenntnisse im Dialog der Religionen einschlägt.“ Deutlich ist dabei, dass die heutigen Wege von einem Verständnis religiöser Vielfalt gekennzeichnet sind. Das war im 16. Jahrhundert und weit darüber hinaus nicht der Fall.[13]

 

Ich will erinnern an Senior Richard Bärwinkel, der seine

Ausführungen über die Absetzung von Pastor Kießling 1905 so abschließt: „Toleranz besteht nicht darin, dass man intoleranten Menschen gestattet, nach ihren Grundsätzen zu verfahren, sondern darin, dass man Jeden gegen Intoleranz schützt, und dass man, ohne seine Überzeugungen aufzugeben, die Überzeugung Anderer achtet, soweit sie nicht in Widerspruch mit der Toleranz steht.“[14]

 

Bewahrt der christliche Glaube bis heute das mitunter öffentlich singende protestieren: Wie bei Blockaden vor dem Atomwaffenstützpunkt in Mutlangen, bei Demos vorm Atommüllendlager in Gorleben. Wie während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 bei dem Singen des Liedes „Sonne der Gerechtigkeit“ in den Kirchen. Wie auch hier in der Kaufmannskirche am Anger, der Reformationsstätte in Thüringen, bei den Dialoggottesdiensten „evangelische kommentare“ zuletzt das öffentlich singende Beten

Verleih uns Frieden gnädiglich,

Herr Gott, zu unsern Zeiten.

Es ist doch ja kein andrer nicht,

der für uns könnte streiten,

denn du, unser Gott, alleine.[15]

 

Ein Gebet um den Frieden auf Erden, den politisch-sozialen Frieden: „in diebus nostris“ – „zu unsern Zeiten“. Mehr nicht. Diesen Frieden versteht der Glaube als gewährte Gabe. Und die Bitte um diesen Frieden als politische Diakonie.

 

Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne und die Herzen und Sinne der Völker in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 


[1] Evangelisches Gesangbuch Nr. 421, Leipzig, 1994. Martin Luther 1529

[2] Burkhard Weitz, Protestlieder und Psalmgesänge – Luther als Musiker

[3] Ein Kinder ledt, Mart. Luther, Christian Adolfsches Gesangbuch, Magdeburg 1543

[4] Evangelisches Gesangbuch Nr. 193, Leipzig, 1994. Martin Luther 1543

[5] 1. Timotheus 1,15

[6] 1. Timotheus 1,15. Hans Jochen Genthe, www.bibelbuch.de.

[7] Lukas 15,2

[8] Evangelisches Gesangbuch Nr. 193, Leipzig, 1994. Martin Luther 1543

[9] ebd.

[10] Evangelisches Gesangbuch Nr. 362, Leipzig, 1994. Martin Luther 1529

[11] Lukas 15,7

[12] Lukas 15,7. Hans Jochen Genthe, www.bibelbuch.de.

[13] Reformation und Islam – Ein Impulspapier der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Mai 2016.

[14] Richard Bärwinkel, Die im Jahr 1712 vollzogene Absetzung des Pastors D. Kießling an der Kaufmannskirche zu Erfurt im Lichte des 20. Jahrhunderts, Erfurt 1905.

[15] Evangelisches Gesangbuch Nr. 421, Leipzig, 1994. Martin Luther 1529