Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt "Jesus bei Tinder?"

Harald Klein, Lehrbeauftragter Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit, Köln

11.12.2016 Kirche St. Agnes, Köln

Jesus bei Tinder?

„Kennen Sie Tinder?“

Nicht, dass ich wissen wollte, ob Sie bei Tinder registriert seien oder ein Konto hätten. Nur, ob Sie Tinder kennen, möchte ich wissen. Mal eben die Hände hoch, wenn Sie sich trauen. - Bei Wikipedia können Sie nachlesen, um was es da geht: Tinder (dt. Zunder) ist eine kommerzielle mobile Dating-App, die das Ziel hat, ihren Benutzern das Kennenlernen von Menschen in der näheren Umgebung zu erleichtern. Sie wird zur Anbahnung von Flirts oder zum Knüpfen von Bekanntschaften verwendet.

Tinder-Konten lassen sich ausschließlich mit einem Facebook-Profil erstellen. Tinder benutzt den Vornamen und das Alter des Benutzers als Profilangabe und wählt fünf Fotos des Benutzers als Profilbilder aus. Die Fotos lassen sich individuell über das Facebook-Profil oder über die eigene Galerie auswählen. Zudem können sich Nutzer mit einem kurzen Text individuell beschreiben. Tinder verwendet zusätzlich die Gefällt-mir-Angaben und Freundschaftslisten der Nutzer, um Gemeinsamkeiten zwischen zwei Personen aufzuzeigen.

Tinder präsentiert dem Benutzer jeweils die Profilfotos, den Vornamen und das Alter einer anderen Person, die zuletzt in einem zuvor gewählten Umkreis um dieselbe Funkzelle war. Anhand dieser Informationen entscheidet der Benutzer, ob ihn eine Konversation mit der anderen Person interessieren würde. Wenn beide Benutzer sich gegenseitig als interessant einstufen, erfahren sie dies und können eine Unterhaltung starten.“

 

Unsere Profilbilder Jesu

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie sollten für Jesus Christus ein Profil für Tinder anlegen – und Sie gehen durch die Kirche und machen fünf Fotos (bei Tinder sind das in der Regel ja „Selfies“). Die erste Frage: würden Sie fünf Motive Jesu in der Agnes-Kirche finden? Wo würden Sie sie suchen? - Und die zweite Frage: Wie präsentiert sich Jesus da? – Der Jesus am Kreuzweg? Der Gekreuzigte? Der Leichnam Jesu in den Armen seiner Mutter? Der zum Himmel aufgefahrene und erhöhte Jesus? Wen würde es von daher wundern, wenn es da mit den „Likes“, mit den „Gefällt mir“-Angaben nicht so weit her ist.

Jetzt die dritte Frage – wir drehen den Spieß mal um: Stellen Sie sich vor, Sie suchten Jesus (bei Tinder), um mit ihm in Kontakt zu kommen und eine Konversation mit ihm zu starten. Welches Profilbild der Jesus-Überlieferung würde Sie ansprechen? Oder konkret ohne Konjunktiv: welches Profilbild Jesu spricht Sie an? Ein Schnappschuss Jesu, wie er die Kinder segnet? Einer, auf dem zu sehen ist, wie er das Brot an die Menge austeilt? Ein foto von der Fußwaschung? Oder das Abendmahl von da Vinci, bei dem Sie mit am Tisch sitzen? Welches Bild Jesu spricht Sie an? Für den Advent heißt das genauer: auf welchen Jesus warten Sie, wen erwarten, erhoffen Sie? Und wie geht es Ihnen, wenn Sie ihn nicht finden können? Oder, wenn Sie ihn doch gefunden haben und „liken“, wenn das „liken“ von Jesus nicht zurückkommt? Was also, wenn dieser erwartete Jesus den Kontakt nicht erwidert?

 

Die Profilbilder Jesu am 3. Advent

Lösen wir das Ganze mal auf. Wofür haben wir denn die Schrifttexte, die uns heute eine Menge Jesus-Bilder anbietet? Und zugegeben, jetzt hinkt der Vergleich mit Tinder, denn diese Bilder sind Profilbilder eines „erwarteten Jesus“, und sie sind nach der Begegnung mit Jesus aus dem Fotoalbum des Alten Testaments (quasi aus den Profilbildern des Facebook-Accounts des AT) genommen worden, im Sinne von „das muss er sein“. Die Bilder zeigen:

  • die Wüste und das trockene Land, die sich freuen, wenn er kommt, weil sie dann zum Aufblühen kommt;
  • die Verzagten, die Mut bekommen; die jetzt Sehenden, die vorher blind waren; der ehemals Lahme, der jetzt springt wie ein Hirsch; der Stumme, der aufjauchzt; und die, bei denen Wonne und Freude sich einstellen und bei denen Kummer und Seufzen entfliehen.

Im Facebook-Account Jesu würde jetzt stehen: „Sie sind auf einem anderen Bild markiert worden“-

 

Der erste Kontakt

Bei Tinder ist es so, dass Sie jetzt bei den Bildern von Jesus ein „Like“ setzen müssen, und wenn Jesus Sie auch „liked“, dann werden die Telefonnummern oder die Kontaktdaten freigeschaltet, und Sie können miteinander in Kontakt treten. Können Sie sich vorstellen, wie gespannt die beiden sind, die da das erste Mal zusammenkommen?

Und jetzt haben wir zum einen den „Advent“, die Erwartung. Mit anderen Worten – jetzt kommt die Realitätsüberprüfung. Glauben Sie den Jesus-Bildern, die Ihnen da, „Tinder-gleich“, Lesung und Evangelium zeigen? Trifft das, was da gesagt wird, Ihre Erwartungen? Ihre Erfahrungen? Ist Ihre Begegnung mit Jesus Christus so, wie oben beschrieben? Sie haben zwei Möglichkeiten: Sie ist nicht so – dann sind die Fotos gefaked, dann stimmen Bild und Realität nicht überein. Dann haben Sie den Jesus, von dem man sagt, er sei der Christus, noch nicht getroffen.

Oder sie sind so – dann ist Laetare, übersetzt: freut euch, und so ist der heutige 3. Advent überschrieben.

Das kann ich Ihnen (und mir) nur ans Herz legen: suchen Sie nach den Profilbildern Jesu, vielleicht weniger bei Tinder, sondern eher in der Schrift, und noch eher im realen Leben. Suchen Sie anhand der Profilbilder, und geben Sie sich mit nicht weniger als dem, was die Bilder Ihnen verheißen, zufrieden. Dann leben Sie adventlich!

Und vertrauen Sie darauf, dass Jesus schon lange sein „Like“ auf Ihr Profilbild hin gemacht hat – er wartet auf die Kontaktdaten, und mehr noch: er sehnt sich nach dem Kontakt mit Ihnen, der immer wieder wie überraschend wie ein „Erstkontakt“ sein kann.

Amen.