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Traupredigt über 1. Johannes 4,12

Pastor i.R. Rudolf Albrecht

13.05.2017 Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

Trauung

Liebe B. , lieber S. !

Als Euren Trauspruch  habt Ihr das Wort aus dem 1. Johannesbrief c.4,v.12 gewählt:

Niemand hat Gott jemals gesehen.

Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns,

und seine Liebe ist in uns vollkommen.

 

‚Wie schön, dass Ihr zusammengefunden habt‘- so, oder ganz anders, werden Worte und Wünsche zu Eurer Eheschließung lauten.

Sich finden, ist nicht einfach. Am Anfang seiner Schöpfung sprach Gott: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, und da Gott zu seinem Wort steht und will, dass es sich erfüllt, gab er seinen Geschöpfen, die er so sehr liebte, dass er sie als sein  Ebenbild schuf, zur Überwindung ihrer Einsamkeit in ihre Herzen Phantasie und Sehnsucht und Hoffnung. Gott ist immer auf der Höhe der Zeit und geht auch ‚moderne‘ Wege, wenn er Menschen zusammenführen will - und so ließ er Euch übers Internet einander finden. Ich freue mich mit Euch und wünsche Euch auf Eurem gemeinsamen Lebensweg Gottes Segen, an dem alles gelegen ist, auch das Glück und Gelingen  Eurer Liebe und Ehe.

Die Bibel erzählt uns von dem Gott, der Liebe ist, und sie singt  wunderschön von Gott und von der Liebe: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle...“ Wir werden nachher dieses wunderbare Hohelied der Liebe des Apostels Paulus aus dem 13. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Korinth  hören.

Ebenso schön wird in einem anderen Hohenlied der Liebe ihre Melodie angestimmt: im 1. Johannesbrief Kapitel 4, ab Vers 7. Einige Verse daraus klingen so: „Ihr  Lieben, lasst uns einander liebhaben, denn die Liebe ist von Gott… Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen“…  Dann kommt der Satz, den Ihr als Euren Trauspruch gewählt habt: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen“. Es folgen weitere Aussagen zur Liebe.

Schön und nüchtern schreibt Joh. über die Liebe, und das hat Euch gefallen. Schön ist der Satz: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Nüchtern die Aussage: Furcht ist nicht in der Liebe … Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner… Johannes erlaubt uns keine Augenwischerei.

Euch war es wichtig, dass die Liebe an Gott gebunden wird, denn in Gott hat sie ihren unverbrüchlichen, unvergänglichen Halt. Euer  Trauspruch nimmt uns hinein in die Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen. Kommt Gott ins Spiel, weitet sich der Horizont, Vorstellungen und Verhältnisse ändern sich, Überraschungen sind möglich.

Euer Trauspruch beginnt überraschend: Niemand hat Gott jemals gesehen. Damit schiebt Johannes allen Spekulationen über Gott einen Riegel vor, über einen lieben Gott überm Sternenzelt, der wie ein Automat unsere Wünsche erfüllt. Johannes wehrt allen Versuchen und Versuchungen, über Gott und die von ihm ausgehende Liebe verfügen zu wollen. Gott hält sich verborgen und zurück, weil der Mensch stirbt, wenn er dem heiligen Gott direkt begegnet (2.Mose 33,20), und weil Gott will, dass wir unsere uns von ihm verliehenen Gaben voll und verantwortlich einsetzen.

Von Verliebten sagt man, dass sie in den siebten Himmel schweben, an den Ort der Seligkeit– hoch oben im siebten Himmel war nach antikem Weltbild der Wohnsitz Gottes; dort saß er auf seinem Thron und schaute sich das Treiben auf der Erde an. Allem himmelhochjauchzenden Verliebtsein raubt Euer Trauspruch alle Illusionen: niemand hat Gott jemals gesehen, es gibt keine direkte Gottesschau und keine ungetrübte Seligkeit in einem fernen Himmel der Liebe. Dort werden wir Gott nicht finden, denn Gott hat Höhe und Himmel verlassen und ist in Jesus aus Nazareth einer von uns, einer wie wir geworden, und er will, dass wir ihn auf der Erde suchen in den Tiefen und Niederungen unseres Alltags - und wir finden ihn, wenn wir einander lieben mit unseren Stärken und Schwächen. „Wo die Liebe wohnt, da ist unser Gott“. Jesus hat in einmaliger, einzigartiger Weise ganz aus der Liebe Gottes  gelebt; Gott und Liebe sind seitdem untrennbar mit Jesus verbunden; in  ihm hat sich Gott auf seine Liebe festnageln lassen, sie in ihrer vollkommenen Gestalt offenbart. An Jesus müssen wir uns orientieren, wollen wir Gottes Dreifachgebot der Liebe erfüllen: Gott und unsere Mitmenschen und uns selbst zu lieben. Niemand kann Gott und Mitmenschen lieben, der/die sich nicht geliebt und angenommen weiß und  liebend sich selbst bejaht.

Als wir im Konfirmandenunterricht- Du, lieber S., hast mich daran erinnert - unter verschiedenen biblischen Texten auch 1.Joh. 4 lasen, um eine Schriftlesung für den Konfirmationsgottesdienst zu finden, sagte die Gruppe: „Den wollen wir nicht haben, da ist zu viel Liebe drin“! Euch hat das Liebeslied nicht abgeschreckt. Ihr setzt auf die Liebe!

Über kein Thema ist in der Menschheitsgeschichte mehr geredet und geschrieben worden als über die Liebe. Aus den unendlichen Sammlungen nur eine verkürzte Wiedergabe aus Eurer standesamtlichen Eheschließung; da haben wir gehört: „Liebe heißt: Von ganzem Herzen ‚Ja‘ sagen zu einem anderen Menschen, ein ‚Ja’ so groß, dass auch ein paar kleinere ‚Neins‘ darin Platz finden, so mutig, dass auch die Angst ihm nichts anhaben kann, so verständnisvoll, dass selbst das Unverständliche darin Platz findet, so feierlich, dass sogar das  Alltägliche ein kleines Fest wird…“.

Wer liebt, muss sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, im Gegenteil, er soll es leuchten lassen; er und sie soll ein Licht hinaustragen in die Welt zu den Menschen, die Hilfe und Liebe brauchen - zu den Kindern und Alten, zu den Schwachen und Kranken und Armen in unserer Welt... [An dieser Stelle erfolgte eine Orgelimprovisation zu dem Lied „Tragt in die Welt nun ein Licht“.] Tragt in die Welt nun ein Licht: Das haben wir im  Kindergottes-dienst gesungen und im Altenheim praktiziert, und das übt Ihr aus in Euren Berufen. Du, liebe B., in der Schule, indem Du fördernd Kindern zur Seite stehst und ihnen hilfst, Schritte in ihr Leben vorzubereiten. Du, lieber S., hier in der Gemeinde mit vielfältigen Angeboten für Gemeindeglieder. Ihr seht Eure Arbeit wie auch Eure Freizeit als erfüllt und gelungen an, wenn Ihr darin Gott ein Gesicht gebt in der Welt: in Eurer Liebe füreinander und für die  Nächsten als Antwort auf Gottes Liebe, die Euch in Eurer Taufe zugesprochen wurde.

Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns und wir in Gott, und seine Liebe ist in uns vollkommen. Wörtlich nach dem Urtext übersetzt, heißt es: ist seine Liebe in uns zum Ziel gekommen. Wenn Gottes Liebe bei uns angekommen und zu ihrem Ziel gekommen ist, wirkt sie, was nichts und niemand vermag, keine Macht der Welt, kein guter Wille, kein Geld: sie schafft aus furchtsamen und verzagten angstfreie und hoffnungsvolle, aus lieblosen liebende Menschen.

Wer ist ein liebender Mensch? Der/die es fertigbringt, zuerst die Partnerin/den Partner und deren/dessen Wohl im Blick zu haben. Sehr glückliche und sehr unglückliche Ehen zeigen uns, dass in keiner anderen Beziehung die Chance, einander unendlich glücklich zu machen, und die Gefahr, einander zu verfehlen, so groß ist wie in der Ehe.

Die Liebe ist von Gott. Gott ist „wie ein glühender Backofen voll Liebe“, predigte Martin Luther (Invokavit, 15.3.1522). Gott ist Liebe. Dieses kühne, vielleicht kühnste Wort der Bibel, umfasst Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, umfasst Euch und Eure Ehe und uns alle, und es macht Euch und uns gewiss: kein blinder Zufall ruft uns ins Dasein und führt uns zueinander, sondern Gottes ewige unendliche Liebe, die uns in den schönen wie dunklen Stunden und Tagen hält und trägt; und jenseits des Todes erwarten uns nicht Finsternis und das Nichts, sondern unbeschreibliche Herrlichkeit in der Gemeinschaft mit Gott, den Jesus uns als den uns liebenden Vater nahe gebracht hat.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen- denn Gott ist ja Liebe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wenn in der Ewigkeit Gottes unser Glauben in das Schauen Gottes übergeht, unser Hoffen und Sehnen erfüllt und gestillt wird, wird allein die Liebe sein, was sie immer war und ist im Himmel und auf Erden: unter uns und in uns gegenwärtig und wirkend als Gottes unverbrüchliche Macht und Treue.

Ihr seid nun zusammen und wollt beieinander bleiben. Hermann Claudius, ein Urenkel von Matthias Claudius, singt:

„Dass zwei sich herzlich lieben, gibt erst der Welt den Sinn,

macht sie erst rund und richtig bis an die Sterne hin.

Dass zwei sich herzlich lieben, ist nötiger als Brot,

ist nötiger als Leben und spottet jeder Not.

Dass zwei sich herzlich lieben, ist aller Welt Beginn,

macht sie erst rund und richtig bis an die Sterne hin.“

Solche Horizonte eröffnet Euch Euer Trauspruch, eröffnet Euch  Gottes Liebe.  „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr Euch weist… Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid…“.

Ich wünsche Euch, dass Euer Trauspruch Euer Vertrauen stärkt in Gott, der in seiner Liebe zu uns nicht von uns lässt. „Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land…“  Mit solcher Verheißung könnt Ihr fröhlich und zuversichtlich auf den gemein-samen Lebensweg aufbrechen. „Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit“ (EG 395).  Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus Gottes. Amen.

 

Lied: EG 395