Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Joh. 5,1-5

Jacqueline Barraud-Volk, Pfarrerin (ev.)

17.04.2016 Ansbach St. Johanniskirche

Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrstagung der Landessynode

Liebe Gemeinde,

die kleine Kapelle liegt mitten in der grünen Hügellandschaft des Schweizer Kantons Thurgau. Von Bayern aus gesehen auf der gegenüberliegenden Seite des Bodensees. Mitten in einer Bilderbuchlandschaft. Umgeben von sattgrünen Wiesen und Feldern hat man hier einen herrlichen Blick aufs weite Land. Bruderklausen-Kapelle heißt sie. In den 50er Jahren wurde sie in Privatinitiative gebaut. Zu Ehren von Bruder Klaus, dem Schweizer Heiligen, Friedensstifter, Mystiker des Mittelalters: Nikolaus von Flüe. Einer, der aus der Kraft des Glaubens lebte.

Im Lauf der Zeit aber teilt die nach ihm benannte Kapelle das Los so mancher kleinen Gotteshäuser. Kaum noch ein Gottesdienst findet statt. Und wenn, dann kommt nur ein Handvoll Menschen. Innen und außen bröckelt der Putz, die Elektrizität schwächelt, Staub und Dreck tragen das ihre zur freudlosen Atmosphäre bei. Ja, früher war es anders. Jetzt ist es trostlos. So sieht es auch der reformierte Pfarrer Hansruedi Vetsch, zu dessen Gemeindegebiet die Kapelle gehört.

Bis zu jenem Tag, als er auf einer Fahrradtour an einem Künstleratelier vorbeikommt und auf einem Schild liest:

„Raum der Stille und Besinnung zu vermieten.“ Es ist, als würden die Gedanken in seinem Kopf anfangen zu tanzen. Er ist sich sicher: „Es gibt Menschen, die christliche Krafträume suchen, aber nicht den Schritt in eine traditionelle Kirche wagen. - Doch die Bruder-Klausen -Kapelle, sie könnte solch ein Ort werden.“

So kommt es, dass der Pfarrer 20 Schlüssel für die Eingangstür der Kapelle nachmachen lässt und verteilt. Die Männergruppe bekommt einen, die Klavierschülerin, Einzelne, die Ruhe suchen, Menschen die eine Kerze anzünden, beten oder singen wollen. „Man muss den Mut haben zu sagen: Das ist eure Kirche. Nutzt sie!“ sagt der Pfarrer. Bald gibt es eine Freundesliste mit 100 Unterstützern. Jemand findet den Raum einfach zu düster und spendet den Neuanstrich, eine Firma überholt kostenlos die Lichtanlage, ein älteres Ehepaar finanziert eine Sitzheizung, ein Rentner schreinert Außenbänke, damit man Platz nehmen und diesen schönen Ort genießen kann.

Womit niemand gerechnet hätte: eine nichtreligiöse Jugendorganisation räumt alle Bänke heraus aus der Kapelle und veranstaltet eine großartige Putzaktion. Und: jeden Freitagabend findet seit fünf Jahren eine ökumenische Abendandacht statt. Die Menschen kommen.

Es hört sich an wie ein Wunder. Plötzlich lebt etwas auf, das man schon aufgegeben hatte. Da wird einer von außen angestupst, eine Idee wächst und das Blatt wendet sich. Jubilate deo – jauchzt Gott, lobt ihn, so möchte man singen. Dies ist eine Geschichte für den heutigen Sonntag Jubilate. In gewisser Weise eine Auferstehungsgeschichte, eine Geschichte von Gottes Möglichkeiten und seinem weltverändernden Geist.

Aber natürlich gibt es auch in diesem Fall, gut protestantisch, Kritiker, Menschen, die den Pfarrer fragen: „Schlüssel verteilen, wo kommen wir denn da hin? Was ist, wenn etwas geklaut wird? Warum ist an diesem Ort alles kostenlos, angefangen bei den Kerzen bis zur kirchlichen Trauung? Was ist mit Menschen, die die Kirche nutzen und gar keine Kirchenmitglieder sind?“ Ins Gästebuch hat jemand geschrieben: „Danke für den schönen Moment, egal, welche Religion, hier fühle ich mich geborgen, auch als Muslim.“ Gefragt wurde der Pfarrer auch: „Ist es nicht besser eine leere Kirche zu haben, als so viel Betrieb?“

Es sind berechtigte Fragen. Es sind theologische Frage: „Was für eine Kirche sind wir und wollen wir sein? Welche Entscheidungen treffen wir? Worauf bauen wir? Welche Veränderungen lassen wir zu?“

Als Synode, als Landessynodalausschuss, als Landeskirchenrat, als Bischof, als Kirchenvorstand, Dekanatsausschuss, als Christ, müssen wir begründen, was wir tun. Kann sich Kirche so verschenken? So offen sein?

Immer wieder an den Weggabelungen der Kirchengeschichte, an den Wendepunkten, in den Krisenzeiten haben sich solche Fragen gestellt. Im Zeitalter der Reformation, im Kirchenkampf, bei den Gottesdiensten und den Montagsdemonstrationen vor der Wende. Genau das waren dann immer auch Zeiten der Konzentration auf das Wesentliche. Im Rückblick muss man sagen: in Bezug auf die Inhalte und die Theologie waren das die besten Zeiten. Das sollte uns, angesichts unserer Herausforderungen, Mut machen. Was das menschliche Miteinander angeht, waren diese Zeiten allerdings auch grenzwertig. In der Reformationszeit etwa hat man sich unter Christen derb beschimpft, verteufelt und gegenseitig schlecht gemacht. Martin Luther war ein Meister dieses Fachs. Die Qualitäten eines, oft verächtlich „leisetreterisch“ genannten Philipp Melanchthons, entdecken wir heute wieder.

Mit dem Predigttext für diesen Sonntag Jubilate aus dem 1. Johannesbrief, blicken wir an den Anfang der Kirche und auch da: Krisen, menschliche Unzulänglichkeiten und Klärungen. Martin Luther hat ihm die Überschrift vorangesetzt: „Die Kraft des Glaubens.“

Predigttext: 1. Johannesbrief 5,1-5

1Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. 2Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. 3Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 4Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. 5Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?

Liebe Gemeinde,

welche Streitfragen werden in diesem Brief, der mehr den Stil einer Predigt hat, eigentlich verhandelt? Vielleicht ging es um Doketismus. Die Lehre, die verneint, dass Jesus auch ein wahrer Mensch aus Fleisch und Blut war. Im Jahr 451 beim ökumenischen Konzil, der Synode von Chalcedon, heute ein Stadtteil von Istanbul, hat man diese Frage entschieden. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Vielleicht ging es im 1. Johannesbrief aber auch um die Frage, ob Jesus überhaupt Gottes Sohn ist, also wahrer Gott. Unser Bibelabschnitt scheint darauf zu antworten. Es geht jedenfalls um die Kernfrage, wer Jesus Christus ist. Und diese theologische Streitfrage hat soziale Folgen. Eine Verknüpfung, die wir bis heute kennen, wenn es Streit in der Kirche gibt. Damals drohte die Spaltung.

Vor diesem Hintergrund steht die klare Ansage des 1. Johannesbriefes, dass der Gott nicht lieben kann, der seine Geschwister nicht liebt (1.Joh 4,19ff). Die gute Gemeinschaft der Gläubigen ist keine Nebensache, sie ist nicht beliebig. Sie ist die Testfrage des Glaubens. Für den 1. Johannesbrief ist klar: Kein Glaube ohne tätige Liebe, ohne achtsamen Umgang miteinander, ohne tragfähige Gemeinschaft. Keine Gotteskindschaft ohne Orientierung an Gottes Geboten, kein Aushalten der Welt ohne Jesus Christus. Die verschachtelten Sätze lassen noch heute spüren, wie da einer um die richtigen Worte ringt.

Und als wolle er den Gegnern aus den eigenen Reihen damals sagen: „Schaut hin, das seht ihr doch auch, das betrifft uns gemeinsam“ stellt er einige Verse später nüchtern fest:

„Wir wissen, die ganze Welt liegt im Argen“ (1. Joh 5,19). Die Welt liegt im Argen. Auch fast 2000 Jahre später.

Unglaublich welche Dimensionen rund um die Panama Papiere zu Tage kommen.

Arg sind auch nach wie vor die Bilder vollkommen zerstörter Städte in Syrien und die Flucht- und Verlustgeschichten, die uns die Menschen mitbringen.

Gemessen an diesem Leid sind manche unserer kirchlichen Themen natürlich in gewisser Weise sekundär. Dennoch macht es uns zu schaffen und wir wären nicht ehrlich, würden wir es nicht benennen, dass so viele die Kirche verlassen oder wir Gleichgültigkeit spüren. Wir erleben das sowohl in der Stadt, wie auch auf dem Land.

Jeder und jede von uns könnte zur Liste all dessen, was im Argen liegt, wohl auch etwas aus der eigenen ganz persönlichen Lebensgeschichte dazulegen. Eine Erkrankung, eine Enttäuschung, ein Verlust. Bei jeder Synodaltagung, erfahren wir voneinander immer ein bisschen mehr. Wir nehmen Teil an dem, was anderen gerade auf dem Herzen liegt. Das stärkt unsere Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott beim Abendmahl, werden wir vieles davon nachher in seine Hand geben.

Die Welt liegt im Argen und auch wir Christen fühlen uns zuweilen verloren oder resigniert. Aber wir haben auch einen starken Anker, an dem wir uns festmachen. Die Kraft des Glaubens. Sie holt uns da heraus, sie wendet unseren Blick und vermag, dass wir mutig wieder einen Schritt vor den anderen setzen.

„Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Ein starker Satz. Ich verstehe ihn so, dass all das Arge, das wir erleben und sehen, verändert und gewendet werden wird. Weil Jesus den Ostersieg errungen hat, weil seine Schwachheit, sein Leid, sein Tod, gewendet wurden, darum ist ihm, der da ist und der da war und der da kommt, auch in der Welt, alles möglich. Darum dürfen wir bitten: dein Reich komme und hoffen: auf Frieden, auf Gemeinschaft, auf Trost und auf seinen kraftvollen Geist, der die Welt, die Kirche und uns selbst, erneuern und verändern kann. Wer auf ihn setzt, rechnet mit Veränderung.

In diesem Sinn kann ich diesen Satz unterstreichen. Man kann aus ihm aber auch einen Dualismus lesen. Tendenzen dazu gibt es im 1. Johannesbrief. Da ist dann auf der einen Seite, die wahre christliche Gemeinschaft und auf der anderen Seite sind die Häretiker und die böse Welt. Abschottung, Nischendasein, Weltflucht sind die Konsequenz. Das ist kein Weg für uns heute und es ist auch nicht biblisch.

Die Welt bleibt Gottes Schöpfung. Er hat sie ins Dasein gerufen und bleibt ihr treu. Deshalb können wir gar nicht anders, als uns in sie hineinzugeben.

Gefährlich wird es auch, wenn der Vers nicht im Zusammenhang mit dem Ostersieg steht, sondern menschlicher Macht dienen soll. Der Berliner Dom erinnert an solch eine Ära. Kaiser Wilhelm II. hat ihn 1905 erbaut. Seitdem steht über dem Eingang in goldener Schrift: „Unser Glaube, ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“. Militärische Aufrüstung, Unrechtskolonialismus in Afrika und deutscher Expansionssehnsüchte sollten mit diesem Bibelvers gestützt werden. Der Protestantismus der damaligen Zeit war in weiten Teilen für solche Töne empfänglich.

Die Johanniskirche in Ansbach, in der wir diesen Abendgottesdienst feiern, spricht im Gegensatz dazu, architektonisch eine andere Sprache. Sie hat sich die Schlichtheit spätgotischer Bettelordenskirchen über die Jahrhunderte hindurch bewahrt. Diese Klarheit durchströmt den Raum. Sie passt zum Namenspatron: Johannes der Täufer. An der Außenseite des Chorraumes findet sich die schöne gotische Darstellung, die auf dem Liedblatt zu sehen ist. Johannes mit dem Fellmantel und in der Hand das Lamm Gottes, das die Welt trägt. Darin zeigt sich die Konzentration auf Christus. Solus Christus, allein Christus, so haben es die Reformatoren gesagt. In Barmen hat man diesen Faden aufgenommen und formuliert, dass die Kirche „allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt. (3. These der Barmer Theo-logischen Erklärung) und, dass sie, in dieser Bindung, frei ist „zu dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. (2. These).

Desmond Tutu, der langjährige anglikanische Erzbischof von Kapstadt, der in diesem Jahr den „Tutzinger Löwen“ unserer Evangelischen Akademie erhalten hat, hat in beeindruckender Weise gezeigt wie das gehen kann. Maßgeblich war er beteiligt an der Überwindung der Apartheid in Südafrika. Es ist unglaublich, was er zur Versöhnung in seinem Land beigetragen hat. Es macht Mut, wenn er sagt: „Unser Glaube, unsere Erkenntnis, dass Gott das Sagen hat, muss uns bereit machen, Risiken auf uns zu nehmen, wagemutig und innovativ zu sein; ja sich zu trauen, dorthin zu gehen, wo die Engel sich fürchten, einen Fuß hinzusetzen.“

Wagemutig und innovativ, so frei dürfen wir als Kirche sein. Und mehr noch, Tutu fordert dazu auf: „Traut euch, dorthin zu gehen, wo selbst die Engel sich fürchten.“ Ich denke dabei an die diesjährigen Preisträger des Pechmann-Preises, den unsere Kirche im Mai vergibt. Beides sind Initiativen gegen Rechtsextremismus. Die Evangelischen Landjugend in Ansbach gehört dazu und der „Unfreiwillige Spendenlauf“ in Wunsiedel.

Beim alljährlichen Neonazi-Aufmarsch zum Volkstrauertag in Wunsiedel haben sich Kirchengemeinde, Bürger- und Jugendinitiative mit Humor gewehrt. Für jeden Meter, den ein Rechtsextremer zurücklegte, gab es zehn Euro. Insgesamt 10000 Euro kamen zusammen, für ein Aussteiger-Programm für Neonazis. Sich trauen, wagemutig und innovativ sein.

Auch die Mönche der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, an deren Gymnasium ich unterrichte, machen es vor. Seit anderthalb Jahren haben sie 22 junge überwiegend muslimische Männer auf dem Klostergelände aufgenommen.

„ In einer Zeit, in der die Menschen immer weniger verstehen, was Kirche ist, wollen wir bewusst Farbe bekennen.“ sagen sie. Dazu passt auch das Motto unter dem sie in diesem Jahr das 1200jährige Bestehen der Mönchsgemeinschaft feiern. Auf großen Fahnen vor der Abteikirche kann man es lesen: „Be open – sei offen.“

Ja, so offen, für Gott und die Welt, dürfen wir sein und gespannt, was Gott mit uns vorhat.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne, euren Glauben und eure Liebe in Christus Jesus.