Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 1,1-10

Pfarrer Claus Wagner, ev.

27.12.2015 Martin Luther Kirche, Detmold

1. Sonntag nach dem Christfest

Liebe Gemeinde!

Haben sie schon mal Weihnachten noch einmal Weihnachtspost verschickt? Und zwar Post, in dem sie jetzt noch einmal allen, die sie vor Weihnachten schon mit Karten bedacht haben, mitteilen, was denn an ihrem Weihnachtsfest besonders gut war?

Nicht? Kann ich gut verstehen. Wenn ich daran denke, was für eine Hetze das auch dieses Jahr wieder war, die Post rechtzeitig vor Weihnachten auf den Weg zu bringen. Dabei hätte man nach Weihnachten etwas mehr Zeit. Und man könnte die anderen teilhaben lassen an allem, was uns bewegt an Weihnachten.

Der 1. Johbrief, unser Predigttext heute, macht das. Schreibt uns einen Brief nach Weihnachten. Und der Inhalt: Überwältigende Weihnachtsfreude:

Wir Christen dürfen die glücklichsten Menschen auf Erden sein! Unter uns ist das Leben erschienen! Das will er allen mitteilen. Und man spürt Johannes seine Aufregung ab.

Wir durften dabei sein, als das Leben allen deutlich vor Augen, erschien. Wir haben es berührt. Wir haben es betastet mit den Händen. Wir haben es betrachtet mit den Augen. Das war aufregend. So aufregend, dass wir es einfach weitererzählen müssen. Dass wir euch dran teilhaben lassen müssen.

Wie ein Kind, das von einem besonders gelungen Krippenspiel zurückkommt und es den Großeltern, die es nicht gesehen haben am Heiligabend erzählen muss.

Wie ein Kind, das  von seinen Geschenken nach Weihnachten erzählt.

Wie glückliche Eltern, die zum ersten Mal richtig mitbekommen, welche Freude ihr Kind am Heiligen Abend hat und es erzählen: Ihr hättet das einfach sehen sollen, wie es die Geschenke ausgepackt hat und welchen Spaß und welche Freude es dabei hatte.

Wie dem Kranken, dem es gelungen ist, Weihnachten zu Hause und nicht im Krankenhaus sein zu können. Vertrautes noch einmal zu erleben. Den Weihnachtsabend, wie er immer war noch einmal, vielleicht ein letztes mal.

Das Weihnachtsfest ist vielleicht ein so besonderes Fest, weil du an ihm das Leben spüren kannst. Das fängt  in den kleinen Dingen die in unseren Familien, zwischen Freunden und Nachbarn usw. geschehen an. Das gipfelt darin, wenn die überwältigende Freude darüber, dass Gott Mensch geworden ist, in deinem Herzen ankommt.

Und Lebensfreude muss nach außen. Muss weitergegeben werden. So wie im 1. Joh. Also warum nicht einen Brief danach – nach Weihnachten schreiben - der das Leben feiert.

Manchen mag es aber auch ganz anders gehen als Johannes. Die schönen Momente des Weihnachtsfestes sind schon wieder weit weg. Das Licht schon wieder verblasst, die Freude über das Leben dahin, weil die dunklen Seiten schon wieder auftauchen.

Oder weil sie an Weihnachten nicht weg waren. Weil sie gar nicht erst weihnachtliche Freude aufkommen ließen. Manchmal kommt das, was zwischen uns und anderen Menschen steht ja erst richtig heraus, wenn wir Ruhe haben. Wenn wir aufeinander treffen um eigentlich fröhlich miteinander zu sein und dann knallt es.

Oder  an Weihnachten werden uns Trennungen, Trauer und Verluste erst richtig bewusst.

Johannes Weihnachtsbrief an uns heute Morgen ist kein oberflächlicher, nachgeholter Weihnachtsgruß. Er kommt von der Freude zum Ernst. Er  erzählt uns, aus welcher Tiefe seine weihnachtliche Freude entsprungen ist.

Dabei ist er ziemlich schonungslos. Kein: Naja, an Weihnachten wollen wir das jetzt mal lassen.

Er redet von etwas, das gerade an Weihnachten oft und häufig unter uns anzutreffen ist. Wir wollen es schön haben, friedlich, harmonisch. Doch unter der Decke brodelt es. Wir verdrängen, was für uns schwierig ist und was uns belastet:

Johannes drückt das so aus:  Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst. Man muss den Satz so übersetzen: Sünde kommt von dem altdeutschen Sund und meint den  Graben. Die Trennung zwischen Gott und den Menschen. Sünde ist nicht das Stück Kuchen oder die Gans zu viel an Weihnachten. Nein, Sünde ist eine tiefe Störung unseres Lebens. Solche  Störungen erfahren wir meistens in der Beziehung zu anderen Menschen. Wer sich von einem Menschen unversöhnt trennt, trennt sich von Gott. Da entsteht ein Graben zwischen Gott und Mensch. Und um solche Gräben in deinem Leben geht es Johannes.

Dazu eine kleine Geschichte, die uns das verdeutlichen mag:

Jetzt konnte es Weihnachten werden: Heiligabendgottesdienst. Wie jedes Jahr, Zuhause war alles klar. Wie immer sollte es Fondue geben. Wie immer kam  erst der Kirchgang. Dann würde die Familie sich treffen. Das Mitblasen im Posaunenchor gehörte an Weihnachten mit dazu. Längst waren sie nicht mehr aktiv, aber an diesem einen Abend, da gehörte es einfach dazu, sonst kam keine weihnachtliche Stimmung auf.

Der Posaunenchor saß an der Seite vor dem Altar mit Blick in das mittlere Kirchenschiff. Da sah er sie. Seine Eltern. Ein Blick sagte ihm, sie sind alt geworden. Der Vater sah krank aus. Ein Streit hatte sie schon vor Jahren entzweit. Sie sprachen schon lange nicht mehr miteinander. Das gibt es öfter als man denkt. Da, ihre Blicke trafen sich. Sie schauten nicht weg, wie sonst. Jeder von ihnen sah in die müde gewordenen Augen des anderen. „Oh du fröhlich“ war erklungen. „Welt ging verloren!“ „Christ ist erschienen uns zu versühnen“. Wie oft hatten sie in den vergangenen Jahren hier mit der Gemeinde das Lied miteinander gesungen- Eltern und Sohn- und doch: Kein Händedruck, keine Umarmung, kein Schritt aufeinander zu, auch nicht irgendeine Geste der Annäherung. Sie gingen sich einfach aus dem Wege.

Zuhause: Die Kinder freuten sich über die Geschenke, wie jedes Jahr. Das Fondue war festlich wie immer. Doch in ihm – dem Sohn- wurde es nicht Weihnachten. Er sah die Augen seiner Eltern noch immer. Er sah auf die Krippe unter dem Baum, wie sie da um das Kind standen – all diese verschiedenen Gestalten. Maria und Josef, die rauen Hirten, die drei Weisen aus dem Morgenland, daneben noch ein Minion, eine Batmanfigur und einen Transfomer, den die Kinder einfach da rein gestellt hatten. Eine merkwürdige Gesellschaft, denkt er. Aber die haben wirkliche, wahre Gemeinschaft mit Gott in ihrer Mitte. In ihrer Mitte ist wirklich das Leben erschienen. Sie feiern das Leben. Meine Weihnachtsfeier ist tot.

 

Ja, Weihnachten geht es um Leben und Tod. In der Begegnung mit dem Kind in der Krippe geht es um Leben und Tod. Um Licht oder Finsternis in deinem Leben, um Verdrängung und Lüge oder um den Mut zur Wahrheit.

Johannes schreibt: Das ist die Botschaft, die wir von dem Kind in der Krippe gehört haben: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.

Wie lange hat der Sohn den Sund – den Graben zwischen ihm und seinen Eltern verdrängen wollen. Wie lange hat er sich selbst belogen, in dem er gesagt hat: Nein, das macht mir nichts aus. Aber jetzt im Lichte von Weihnachten beginnt er neu zu verstehen. Wer sich von Menschen trennt, trennt sich von Gott. Und wenn es überhaupt eine Sünde gibt, dann diese. Das Licht von Weihnachten aber bedeutet: Gott kommt in dem Kind auf dich zu, damit du auf andere zugehst. Gott wird Mensch, damit du Mensch werden kannst.

Johannes hat nicht nur das Kind in der Krippe vor Augen, wenn er sagt: Uns ist das Leben erschienen. Er sieht den ganzen Jesus. Seine ganze Geschichte. Den unbequemen Mann, der an die Herzenshärte der Menschen appelliert. Der sagt: Kehrt um zu Gott! Ohne Umkehr zu Gott gibt es kein Leben, sondern nur den Tod. Er hat den unbequemen Mann vor Augen, der den sich selbst belügenden und verhärteten Zeitgenossen, die immer in allem Recht haben und sich immer im Recht fühlen vorhält: Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Er hat den vor Augen, den sie ans Kreuz schlagen, weil sie seine Wahrheit nicht ertragen. Er preist den, der aufersteht und ein unermüdlicher Fürsprecher für uns Sünder ist, die wir Gräben um uns gezogen haben. Er lobt den, der uns sagt: Im Himmel ist dein Leben aber dennoch beschlossene Sache.

Dem Kind an Weihnachten begegnen, heißt immer dem ganzen Jesus begegnen. Und er sagt: Lass dich anstecken von dem Kind in der Krippe. Entscheide dich für seinen Weg zu leben! Die Begegnung mit dem Kind in der Krippe darf nicht folgenlos bleiben. Sie darf in deinem Leben nicht in einem belanglosen „Alle Jahre wieder!“ untergehen. Bei Dir nicht, bei mir nicht, bei keinem von uns. Gott ist Mensch geworden, damit das aufhört, dass Menschen Gräben um sich ziehen. Dass die diese Gräben  verdrängen und sich dabei selbst belügen. Es soll aufhören, dass wir in vielen Bezügen, wie lebendige Tote sind, weil da ein Kontakt abgerissen ist. Weil da Funkstille ist. Weil wir nicht mehr miteinander reden. Johannes schreibt: Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist ertreu und gerecht. Das ist der erste Schritt: Die Sünde – die Gräben in meinem Leben erst mal sehen. Mich ihnen  stellen. Gott aber ist treu und gerecht. Er weiß, wie schwer es mir oft fällt, die Gräben zu anderen zu überwinden. Meine Empfindlichkeiten, Verletzungen und  all das zu überwinden. Aber Weihnachten, Gottes erster Schritt hilft auch  dir, den ersten Schritt zu tun.

Ich belüge mich selbst, wenn ich sage: Es macht mir nichts aus, dass ich schon zehn Jahre nicht mehr mit den Eltern spreche. Sagt sich der Sohn aus der Geschichte. Da ist etwas gestorben in mir. Und wenn ich es nicht wieder zum Leben erwecke, werde ich innerlich ganz absterben. – Er greift zum Hörer und wählt die altvertraute Nummer der Eltern, die er 10 Jahre nicht mehr gewählt hat.

Also, welche Nummer musst du noch nach Weihnachten wählen, um wieder zu sprechen, wo lange Funkstille war.

Wem musst du noch einen Brief nach Weihnachten schreiben, um das Leben der Weihnacht auch in deinem Leben wirken zu lassen? Welchen Graben musst du noch überwinden, damit du allen von der großen Freude an Deinem Weihnachtsfest erzählen kannst?

In Jesu Namen. Amen.

 

Rüstgebet:

Nach Weihnachten hören wir von einem, der darauf wartet, dass es auch in seinem Leben Weihnachten werden kann.

Und dann sieht er das neugeborene Jesuskind mit seinen Eltern im Tempel in Jerusalem:

Er sieht es und die Anspannung seines Wartens, seiner Sehnsucht, seines ganzen Lebens löst sich. Er sagt die Wort:

Herr nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.

Ist es bei ihnen Weihnachten geworden? Konnte der Funken weihnachtlicher Freude bei ihnen überspringen? Was muss geschehen, dass es Weihnachten wird? Darum dreht sich unser Nachdenken in der Predigt.

Aber lasst uns nun inne halten. Einen Moment  schweigen und dann vor Gott treten.