Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 2, 7-11

Pastorin Stephanie Hallmann (ev.-meth.)

23.10.2016 Evangelisch-methodistische Kirche in Bockau

Im Finstern

Hass und Finsternis. Liebe und Licht.

Klingt einfach. Klingt, als hätten wir das schon tausendmal gehört. Nichts Neues. Nächstenliebe und so. Bruderliebe. Schwesterliebe. Feindesliebe. Das kennen wir doch von klein auf. Das versuchen wir ja auch, zu leben. Manchmal ist es leicht, manchmal ist es nicht ganz so leicht. Auch nichts Neues.

Lasst uns einen Weg gehen, ein kleines Gedankenschauspiel – so könnte man es vielleicht nennen. Wir werden auf besondere Weise mitgehen mit dem Autor des 1. Johannesbriefes und diesem Text ein Stück nachgehen, nachspinnen.

Aber nicht in seiner Zeit, sondern in unserer Zeit, hier und heute, irgendwo in einer Großstadt im grauen Herbst.

 

Es ist finster.

Die Nächte werden länger. Die Schatten auch. Wo ist denn nur das Licht hin?

Du siehst keinen Weg vor Dir. Keine Möglichkeit, hier rauszukommen.

Das Licht am Ende des Tunnels ist scheinbar kaputt.

Man sieht nicht mal die eigene Hand vor Augen.

So finster ist es. Kein Funke Licht.

 

Die Kaffeemaschine läuft. Der November wirft seine Schatten voraus. Der Tag wird nicht wirklich hell. Es nieselt ein bisschen. Der Herbst zeigt nur trübe Farben. Du gehst zum Briefkasten und nimmst Dir wieder einmal vor, einen „Bitte keine Werbung einwerfen“-Aufkleber anzubringen. Der Kaffee ist fertig. Du gehst kurz zu Facebook und kuckst Dir ein paar Katzenbilder und Urlaubsfotos entfernter Bekannter an. Noch gibt es keine Kommentare zu Deinen neusten Fotos. Keine LIKE´ s. Denn es gibt ja jetzt einen LIKE-Button in Deinem Leben. Du trinkst Kaffee und denkst darüber nach, was Du morgens gemacht hast, bevor es Facebook gab. Du weißt es nicht mehr.

Dann noch ein kurzer Blick auf die Nachrichten. Deutschland will nicht die Hauptlast in der Flüchtlingskrise tragen, liest Du. Du überfliegst den Artikel nur kurz, weil das Thema Dich nervt. So lange wurde über nichts anderes berichtet, es ist Zeit, dass man mal wieder was anderes zu hören kriegt!

 

Aber trotzdem die Frage:

Wohin soll das denn noch führen?

 

Mit den tausenden Menschen, die uns hier auf der Tasche liegen? Die weggelaufen sind aus ihrer Heimat, die jetzt hier Ansprüche stellen auf Arbeitsplätze, Familiennachzug, Kindergartenplätze, Therapie, schnelle Bearbeitung ihrer Asylanträge, Wohnraum, ein besseres Leben?

Wie soll das denn zu schaffen sein?

Wenn doch die Kindergartenplätze schon für diejenigen nicht reichen, die hier geboren wurden? Wenn eine Rente schon hier oft nicht zum Leben reicht? Und wenn man dann noch sieht, welche Ansprüche auch manche Flüchtlinge haben…

Wenn man doch nicht mal die eigene Hand vor Augen sieht und wenn man von so einer Flüchtlingswelle überschwemmt wird, wie soll man da einen Weg erkennen?

Es ist finster. Aber der Weg montagabends durch Dresden führt auch nicht ins Licht.

 

Du trinkst Deinen Kaffee aus und packst Deine Sachen. Regenjacke. Schirm.

Der Tag wird nicht wirklich hell.

Auf dem Weg zur Straßenbahn denkst Du darüber nach, wie ungerecht das eigentlich ist.

Dass die einen alles haben, und die anderen fast nichts. Und dann wird auch noch über die Köpfe der Armen hinweg entschieden, dass jetzt so viele noch Ärmere kommen, die auch etwas wollen.

Hass ist das vielleicht nicht, was die Menschen in Dresden und anderswo immer noch auf die Straßen treibt, denkst Du. Es ist eben finster für alle. Aber die brennenden Asylbewerberheime haben uns auch nicht ins Licht geführt.

Wohin soll das denn noch führen? fragst Du Dich.

 

Es ist finster.

Und überall, wo es finster ist, hat der Hass – oder sowas ähnliches wie Hass – leichtes Spiel.

Denn im Finstern sieht man höchstens Umrisse. Im Finstern wirkt fast alles bedrohlich.

Dann ist plötzlich von Wellen und Parasiten die Rede, nicht von Menschen.

Dann sieht man nicht die Wunden der Anderen. Nicht die Narben in ihren Gesichtern.

Auch die Tränen nicht.

Höchstens die Umrisse der Menschenmenge.  

Da hat der Hass ein leichtes Spiel.

 

Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis

und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat.

 

Und wenn es eben so finster ist, dann können wir doch nichts machen.

Was soll man gegen die Schleuserbanden machen, die im Finstern, bei Nacht und Nebel,

an der libyschen Küste Menschen auf kleine Boote zwängen?

Was soll man dagegen machen, dass in Mali jeden Tag Kinder verschleppt werden, damit sie dann ohne Bezahlung auf den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste die Kakaobohnen für unsere Schokolade ernten?

Was soll man dagegen machen, dass immer noch hunderte und tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken, z.T. auch weil die Boote sogar angegriffen werden?

 

Logisch, denkst Du: Wenn es eben so finster ist, sieht man keinen Weg.

Man müsste den Lichtschalter finden. Aber wie?

Der Tag ist so trüb, dass die Straßenlaternen gar nicht ausgehen dürften.

Du kuckst noch mal auf Dein Smartphone – immer noch keine LIKE´ s.

Du denkst an Lichtschalter, an Kakaoplantagen und an Schokolade und steigst in die Straßenbahn.

 

Man müsste den Lichtschalter im Dunkeln finden. Oder eben rauskommen aus der Finsternis.

Je mehr man vom Anderen sieht, desto schwieriger ist es, zu hassen.  

 

Die Straßenbahn fährt los und Du siehst Dich um. Kein einziges fröhliches Gesicht.

Die meisten starren auf ihre Smartphones, einer telephoniert lautstark in einer anderen Sprache. Alle gegen sich selbst. Dieser Satz kommt Dir in den Sinn. So viele Menschen in einer Straßenbahn, und trotzdem ist jeder allein unterwegs. Was für ein Hirngespinst, dass es jeder für sich allein schaffen muss!

Es ist finster.

Jeder für sich. Warum ist das so?

 

Die Straßenbahn rattert. Noch drei Haltestellen, dann musst Du aussteigen. Du fährst vorbei an einem Weltladen, und liest flüchtig das Schild, auf dem steht: Neue Schokoladensorten eingetroffen. Dass die solche Schilder auch immer mit Hand schreiben müssen, denkst Du, das wirkt einfach unprofessionell. Vor dem Kaufhaus sitzen zwei Bettler, eingepackt in Decken, dazwischen ein schlafender Hund. Die meisten Leute laufen geschäftig von einem Geschäft zum nächsten. Der Regen wird stärker. Einige spannen einen Regenschirm auf.

Jeder für sich unter seinem eigenen Schirm. Und Du erinnerst Dich an einen Zeitungsartikel, in dem stand, dass Einsamkeit ähnliche Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit hat wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag.

Alle gegen sich selbst… Hass ist das nicht, aber finster ist es trotzdem.

Wo ist der Lichtschalter?

 

Du steigst aus und spannst Deinen Schirm auf. Du machst schnelle, große Schritte, nicht, dass Du noch zu spät zu Deinem Termin kommst. Wenn man nämlich in der Agentur für Arbeit einen Termin nicht wahrnimmt, werden die Leistungen um mindestens 10 % gekürzt.

So ist das eben. Jeder macht nur seine Arbeit. Jeder strampelt sich für sich selber ab.

Wer da am Schreibtisch gegenübersitzt, ist nicht so wichtig. Wichtig sind die Akten, die Zahlen. Da wird man schon fast blind für den Menschen gegenüber, der noch nicht mal ein Mitmensch ist, eher ein „Nebenmensch“.

Hat es nicht mal zu den christlichen Werten gehört, andere Menschen wie Geschwister zu lieben?

 

Aber Liebe? Ist das schon der Lichtschalter gegen die Finsternis?

Das wäre ein bisschen zu einfach. Während Deine Gedanken abschweifen, läufst Du an einem großen Plakat vorbei, das für Zigaretten wirbt.  

Mit Liebe zu den Mitmenschen kann ich auch keine Boote auf dem Mittelmeer retten.

Mit meiner Liebe ist den Kindersklaven der Elfenbeinküste auch nicht geholfen.

Also kann das doch nicht der Lichtschalter gegen die Finsternis sein.

Oder doch?

 

Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht, und nichts Anstößiges ist in ihm.

 

Der Regen lässt ein wenig nach. Manche Schirme in der Fußgängerzone werden zusammengeklappt. Die Leute gehen wieder enger zusammen. Jeder für sich.

Wenn die Liebe der Lichtschalter wäre, würde das ja bedeuten, dass ich das große Ganze hinnehmen muss. Dass ich nur (!), und zwar wirklich nur bei mir selber anfangen kann. Und nirgendwo anders. Dann muss ich hinnehmen, dass ich den ausgebeuteten Kindern und den Ertrinkenden und den Vertriebenen nicht helfen kann. Schwer auszuhalten, dieser Gedanke.

 

Du schaust auf die Uhr: Noch fünf Minuten bis zu Deinem Termin. Die Nervosität kommt, die eben kommt, wenn man vor einem Beamten vorsprechen muss.

Die Tür des Bürogebäudes öffnet sich von selbst, Du meldest Dich an der Anmeldung.

Du setzt Dich in den Wartebereich und Deine Gedanken hören nicht auf, zu kreisen:

Wenn ich nur bei mir selber anfangen kann, heißt das ja weiterhin: Jeder für sich, oder?

 

Nein, heißt es nicht, weil es mit der Liebe anders losgeht.

 

Wenn ich zum Beispiel die Arbeitsbeamtin als meine Schwester betrachte, dann sehe ich plötzlich ihre Augenringe, die Übermüdung. Die blasse Stelle an ihrem Ringfinger. Das Kinderfoto auf ihrem Schreibtisch. Dann bin ich vielleicht nachsichtiger mit ihr.

Und denk nicht nur an mich.

Dann geht es irgendwie schon anders los. Dann ist es irgendwie heller. Stimmt schon.

Nicht gleich für die ganze Welt, aber hier schon.

 

Du hörst, wie Dein Name aufgerufen wird. „Zimmer 7 bitte“ ruft eine genervte Stimme.

Du stehst auf, gehst auf die Arbeitsbeamtin zu, lächelst freundlich und streckst ihr die Hand entgegen: „Guten Tag!“ Irritiert erwidert sie den Gruß und sagt dann ein klein wenig besonnener: „Kommen Sie doch bitte rein. Möchten Sie vielleicht… äh… einen Tee?“

Draußen hat der Regen aufgehört. Die Wolken verziehen sich.

Amen.