Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über 1. Johannes 4,16

Pfarrer Tobias Ziemann (ev.)

01.08.2016 Schlosskirche zu Liebenberg

Trauung

Liebe Jennifer, lieber André,

liebe Festgemeinde hier in Liebenberg,

 

eine Juristin und ein Jurist sitzen heute vor dem Traualtar hier in Liebenberg, zwei Experten für das Recht, für Abwägung und Ausgleich, Vergleiche, Gesetze, Verträge. Juristen: Fachleute für Recht und Ordnung.

Wir haben uns gar nicht so sehr über eure Fachrichtungen unterhalten, bei unserem Gespräch. Aber eure Berufe stehen ja grundsätzlich für eine ganz spezielle Art zu denken. Das fällt Nicht-Juristen wie mir oftmals schwer: dass Recht und Gerechtigkeit nicht dasselbe sind, und dass man mit moralischen oder emotionalen Urteilen oft ganz woanders landet als mit juristischen.

 

Da kommt es manchmal dazu, dass die Mehrheit der Menschen ein bestimmtes Urteil gar nicht fassen kann. Oder dass Menschen Recht bekommen, wo sie eigentlich eine Strafe verdient hätten. Es gibt zwischen geltendem Recht und empfundener Gerechtigkeit einen meilenweiten Unterschied. Und über den will ich auch heute sprechen, bei eurer Trauung.

 

Denn juristisch und auch ganz praktisch seid ihr zwei heute ja schon verheiratet. Den Rechtsakt der Eheschließung habt ihr bereits am 8. Juli vollzogen. Ihr habt im Standesamt die Urkunden unterschrieben. Ein Standesbeamter hat darauf geachtet, dass ihr nüchtern und klar bei dieser Entscheidung wart, im Vollbesitz eurer geistigen Kräfte. Ihr tragt seitdem denselben Familiennamen. Und juristisch ist damit alles klar. Ihr seid das Ehepaar [Name], rechtsverbindlich und eindeutig.

 

Aber da ist eben auch noch die andere Seite der Medaille, diese ganz andere Dimension unseres Lebens, derentwegen ihr heute in diese kleine Kirche gekommen seid. Diese Seite lässt sich nicht abwägen. Sie lässt sich auch nicht bis zum Ende erklären – sondern es gehört viel Unabwägbares dazu: zum Glauben an einen Gott, der euch die Liebe zueinander geschenkt hat.

Weder Gott noch die Liebe lassen sich beweisen. Und doch sind sie die Grundlage eurer Beziehung und der Grund, aus dem wir heute hier versammelt sind.

 

Denn ihr möchtet nicht nur juristisch Mann und Frau sein, verbunden vor dem Gesetz. Sondern ihr erbittet für diese Verbindung auch Gottes Segen. Ihr möchtet euch seiner Kraft vergewissern, die uns auch dann noch weiterhelfen kann, wenn Juristen keine Hilfe mehr sind. Ihr möchtet Gott einbeziehen in eure Ehe, in euer Leben. Und das ist eine gute Entscheidung, auch wenn sie nicht rational ist, sondern emotional.

 

Denn die kirchliche Trauung ist keine Versicherung für ein glückliches Leben, leider nicht. Auch getraute und gesegnete Paare haben es manchmal schwer miteinander, müssen bestimmte Täler durchschreiten. Aber sie habe dabei in Gott eine wunderbare Kraftquelle, auf die sie zurückgreifen können.

 

Ihr zwei kennt eure Kraftquellen schon sehr genau, habt einander in den vergangenen sechs, sieben Jahren gut kennen gelernt. Die gemeinsamen Zeiten beim Spazieren gehen tun euch gut, gemeinsamer Urlaub, und vor allem eine enge Verbindung zu euren Familien. „Andere Paare gehen vielleicht öfter aus“, habt ihr gesagt. Aber dafür habt ihr ein familiäres Umfeld, das euch trägt und euch gut tut. Ihr seid selbst viel bei euren Großeltern gewesen als Kinder – und freut euch schon darauf, dass einmal auch eure Kinder, die ihr euch wünscht, zu den Großeltern eine gute Verbindung eingehen können.

Heute wohnt ihr ja sogar im Haus deiner Großmutter, André. Dort ist schon eine ganze Weile euer Heimathafen, der Ruhepol nach dem Hin und Her zwischen Berlin und Frankfurt/Oder, nach den vielen Stunden auf dem Weg.

 

In Frankfurt habt euch kennen gelernt, in der Uni; und zwar weil die WiMis immer in der Cafeteria zu finden waren, und die jüngeren Studierenden wohl auch. So seid ihr euch dort in verschiedenen Studienabschnitten beim Kaffee begegnet –  und habt schnell Gefallen aneinander gefunden.

 

Von „Liebe auf den ersten Blick“ war sogar die Rede. „Das hat sofort gepasst“, habt ihr gesagt. Und auch den wunderbaren Satz von Jennifer: „So wie André fand ich noch nie jemanden toll“. Es war ein besonderes Gefühl, plötzlich die Liebe zueinander zu entdecken. Unbeschreiblich. Und eben nicht zu beweisen.

Bald seid ihr dann zusammen gezogen. Und bei jeder Anschaffung habt ihr schon an später gedacht, an eine gemeinsame Zukunft. Darüber habt ihr gar nicht diskutiert.

„Wie ein altes Ehepaar“, habt ihr euch manchmal gefühlt, und zwar im positiven Sinne: nicht gelangweilt voneinander. Sondern ganz vertraut, ohne viele Worte zu brauchen.

Es gab dann nicht einmal einen Heiratsantrag, weil so klar war, wie es weitergehen würde. Vielmehr eine „Übereinkunft“ sei das gewesen, als immer mehr Paare im Freundeskreis geheiratet haben. „Denn wir wussten ja schon, wir wollen auch heiraten.“

 

Ein paar Dinge waren dann doch abzusprechen, sonst wäre dieses Fest ja heute nicht zustande gekommen. Aber es passt schon sehr gut zu euch, dass ihr euch ohne viele Worte gut versteht.

 

Ein durchaus starkes Wort habt ihr euch als Trauspruch für eure Ehe ausgesucht. Es ist auch dein Taufspruch, liebe Jennifer, also ein Wort, das dich und deine Familie schon lange begleitet. Im ersten Johannesbrief steht: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

 

Und da ist er wieder, dieser meilenweite Unterschied zwischen Jura und Theologie, zwischen Wissen und Hoffen. Denn es lassen sich ja weder Liebe noch Gott beweisen. Sondern es ist eine Frage des Glaubens, ob ich mich darauf einlassen kann, oder nicht.

 

Wir können nicht beweisen, sondern nur glauben, dass Gott auch den Weg einer Ehe mit uns geht. Dass er sogar dann und wann Menschen zueinander führt und ihnen die Liebe schenkt. Wir können auch nicht beweisen, ob es Menschen besser geht, wenn sie Gottes Segen am Anfang ihrer Ehe bekommen. Aber daran glauben können wir! Darauf hoffen, dass Gott uns als guter Hirte und liebevoller Vater zur Seite steht, als eine wunderbare Kraftquelle, unsichtbar, aber da.

 

Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm: Eigentlich kein Satz für Juristen. Und doch genau der richtige Trauspruch für euch an diesem Tag. Weil ihr den Anspruch habt, diese Liebe am Leben zu erhalten, sie zu pflegen und dadurch in der Liebe zu bleiben und in Gott. Weil ihr die Hoffnung habt, dass Gott euch seine Liebe weiterhin schenken möge, dass er euch segnen möge für einen langen gemeinsamen Weg.

Dieser Weg hat schon längst begonnen, am 1. April 2010. Aber heute, am 1. August 2016 beginnt doch noch einmal etwas ganz Neues. Ein neuer Weg mit größerer Verbindlichkeit und einem langen Blick nach vorn. Denn so wenig ihr das auch versichern und garantieren könnt: so sehr hoffen wir alle doch darauf, dass dieser Bund halten möge bis an das Lebensende. 

 

Dazu schenke Gott euch die Kraft, die ihr braucht, Hoffnung und Achtsamkeit füreinander. Und er stelle euch immerfort Menschen an die Seite, die den Weg mit euch beschreiten: Gute Juristen, wenn ihr sie brauchen solltet. Aber besser eine große Schar an Kindern, Freunden und Familie. Viele Menschen, die euch daran erinnern, dass ihr gesegnet seid.     Amen