Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 4,16b-21

Pfarrerin Dr. Dörte Bester (ev.)

29.05.2016 Kirche der Karlshöhe, Ludwigburg

Einführung als Theologischer Vorstand und Direktorin der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg

Liebe.

Manchen geht das Herz auf. Liebe, die kann schön sein und zart, kräftig und stark.

Manchen wird das Herz eng. Liebe, die kann verletzlich machen oder schmerzlich sehnsüchtig.

Andere zucken mit den Schultern. Liebe? Ein Allerweltswort nicht nur in der Werbung, sondern auch in der Welt. Den Glauben an Gottes Liebe? Lang verloren oder nie gefunden, vielleicht auch gar nicht vermisst.

Liebe. Ein Wort – viele Gefühle.

Liebe. Ein Wort und so viele verschiedene Arten von Liebe, die es gibt. Die Liebe zwischen Kindern und Eltern, zwischen zwei Erwachsenen – frisch verliebten oder einem miteinander altgewordenen Ehepaar, liebevolle Pflege, die Liebe zur Natur, zu Blumen oder Tieren, die Liebe zum Sport oder zu Büchern. Die Liebe zum Leben. Die Liebe zu Gott.

Alles Liebe? Alles Liebe!

13 mal kommt „Lieben“, kommt „Liebe“ in dem kurzen Bibelabschnitt vor.

Gehen wir den Spuren der Liebe in diesem Briefabschnitt nach und schauen, was da drin steckt in diesem Wort Liebe – an Licht und Luft und Leben.

Fangen wir an – am Ende des Textes – aber mitten im Leben, bei uns. Da steht:

Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Unmissverständlich und klar sind diese Worte: Gott lieben und Menschen hassen, das geht nicht zusammen.

Mitten in die Welt und in den Alltag sind wir gestellt – mit einem klaren Auftrag: den Nächsten zu lieben. „Diakonie mit Herz, Verstand und Nächstenliebe“ – so das Motto der Karlshöhe.

Was heißt „Liebe“, wenn es um die Liebe zum Nächsten geht?

Da geht es nicht um Gefühle. Nicht um ein verliebtes Kribbeln im Bauch oder um lange gewachsenes vertrautes Geborgen Sein.

Nächstenliebe – die ist nicht zu verwechseln mit dem Gefühl von Sympathie und Nähe, das mich zu Menschen hinzieht, sie zu Freunden werden lässt.

Nächstenliebe – das ist kein Gefühl, sondern eine Haltung. Eine innere Haltung, die ein bestimmtes Verhalten nach sich zieht.

Die innere Haltung – sie hat damit zu tun, wie wir einander anschauen, einander begegnen. Die Bibel erzählt: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau. (1 Mose 1,27)

Das heißt: Im Gesicht eines jeden Menschen spiegelt sich der Glanz von Gottes Angesicht. Und – und daran erinnern die Fenster unserer Karlshöher Kirche – im Gesicht eines jeden Menschen lassen sich die Züge Jesu Christi entdecken: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

Manchmal verzerren Hass und Gewalt das Gesicht und das Leben eines Menschen. Manchmal entstellen Abhängigkeit und Krankheit den Körper eines Menschen. Den Nächsten lieben, das heißt: daran festhalten, dass er eine Würde hat – unser Grundgesetz sagt – allgemein und für alle gültig: Menschenwürde. Als Christin glaube ich, dass diese Würde allen Menschen von Gott geschenkt ist.

Ob wir von Menschenwürde reden oder von der Würde als Ebenbilder Gottes: es ist eine Würde, die unzerstörbar ist – weder von außen, von anderen Menschen – noch von innen, von einem Menschen selbst kaputt gemacht werden kann.

Nächstenliebe: Dem anderen, der anderen so begegnen, mit Respekt und Achtung, auf Augenhöhe, dass in meinem Umgang mit anderen diese Würde spürbar wird – ihre und meine.

 

Im Johannesbrief steht: Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht?

Aufs erste denke ich: Manchmal kann es vielleicht leichter sein, einen unsichtbaren Gott zu lieben, als den konkreten Nächsten, der einem begegnet, der einem vielleicht fremd ist, der manchmal Kraft und Nerven kostet.

Doch genau das ist gefordert: Nächstenliebe – das ist kein Kuschelkurs von Sympathie und Harmonie. Nächstenliebe, die kann anstrengend sein und herausfordernd: Die uns von Gott gebotene Liebe des Bruders, der Schwester, des Nächsten: Sie stellt uns mit beiden Beinen auf den Boden und in die Welt. Hier und Jetzt im Alltag – da hat sich unsere Liebe zu Gott zu zeigen, zu erweisen: an unserem täglichen Umgang miteinander. An unserem Füreinander Eintreten und Miteinander Einstehen für die Würde eines jeden Menschen – in Diakonie und Kirche, in der Gesellschaft und in der Politik.

 

Weil es eine Haltung und kein Gefühl ist, deswegen überhaupt nur kann die Liebe zum Nächsten ein Gebot sein: Denn eine Haltung, die kann man einüben, die kann man sich aneignen. Da kann ich etwas tun dafür.

Und sofort stellt sich die Frage: Tue ich genug? Genügen wir unseren eigenen Ansprüchen: genügen wir unseren eigenen Ansprüchen und dem uns gegebenen Auftrag: im beruflichen wie im privaten, in der Kirche und in der Diakonie – und auch hier auf der Karlshöhe im täglichen Miteinander – und in dem, wie wir einstehen füreinander und miteinander auch nach außen?

Hören wir da auf den mittleren Abschnitt aus dem Johannesbrief:

Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben, am Tag des Gerichts. …Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

Tun wir genug? In unseren eigenen Augen? In den Augen der anderen? In den Augen Gottes?

Zur Zeit des Johannesbriefes – da war die letzte Frage wohl die wichtigste: Ist genug getan – um im Gericht, vor den Augen Gottes zu bestehen?

Heute scheinen mir die erste und die zweite Frage oft die drängenderen Fragen zu sein: Wie stehe ich da – in der Welt? Und: kann ich vor mir selbst bestehen? Wobei das – so habe ich es in vielen Gesprächen an Sterbebetten erlebt – das ist, was am Ende wichtig wird: Kann ich zu meinem Leben stehen und in Frieden gehen? Im Frieden gehen – auch im Vertrauen darauf, dass Gott mein Leben gnädig ansieht.

Wenn ich mich fürchte – ob vor dem Gericht Gottes oder dem Urteil der Welt – ,wenn ich etwas tue, um vor mir, oder vor anderen Leuten oder vor Gott gut dazustehen, dann bin ich nicht ganz da, in der Gegenwart, nicht ganz da in der Begegnung.

Aus Liebe handeln: Das heißt: furchtlos im Hier und Jetzt tun, was nötig ist. Antworten finden auf die Nöte der Zeit – und auf die Nöte der Menschen – und dabei die Menschen in den Mittelpunkt zu setzen – so versteht die Karlshöhe seit 140 Jahren ihre Arbeit.

Furchtlos – das heißt, aufrecht und frei in der Welt zu stehen, aufrecht und frei anderen Menschen begegnen zu können. Das ist alles andere als selbstverständlich. Zu vieles gibt es, was das Herz eng und die Seele schwer macht, was Füße stolpern und Hände zittern lässt.

Doch gerade da, da öffnet der Johannesbrief einen weiten Raum:

Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott – und Gott in ihm.

Gott, die Liebe – auch hier kein Gefühl, sondern eher ein Ort, ein Raum, in dem man bleiben, Leben kann.

Einen Ort zum Bleiben haben – einen sicheren Ort – lebenswichtig ist das.

Wie sieht ein solcher Ort aus? Die Bibel beschreibt ihn in Worten und Bildern.

Es ist ein Ort, wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen.

Denn die Liebe Gottes, sie ist nicht zu denken ohne Gottes Gerechtigkeit: Gott bringt zurecht, was ins Unrecht gerutscht ist. Gott rettet, die vom Unrecht gebeugt sind.

Wo Gerechtigkeit herrscht, kann Frieden werden.

Die Liebe Gottes, sie ist nicht zu denken ohne den Frieden, den er verspricht und auf den wir sehnsüchtig warten.

Bilder von Frieden und Gerechtigkeit.

Ein gedeckter Tisch, der zum Festmahl lädt. Menschen aus allen Himmelsrichtungen kommen – und es gibt genug für alle.

Ein Ort des Friedens. Ein Garten, in dem es wächst und blüht. Und alle haben Platz zum Leben und finden was sie brauchen.

Bilder der Hoffnung. Die Liebe Gottes – sie eröffnet einen Raum der Hoffnung. „Wir leben“ – so heißt es im Leitbild der Karlshöhe – „getragen von einer Hoffnung, die weiter reicht als unsere Möglichkeiten.“

Diese Hoffnung, sie fällt im wahrsten Sinn des Wortes „vom Himmel“. Wir sind in sie hineingestellt und in sie hineingenommen.

Die Liebe Gottes: Sie schenkt uns eine Hoffnung, die weiter reicht als unsere Möglichkeiten. Sie lässt das Herz weit und die Sehnsucht groß werden – und stellt uns gleichzeitig mit beiden Beinen fest auf den Boden.

Die Liebe Gottes, sie macht frei, im Hier und Jetzt zu tun, was notwendig ist, jeder von uns an seinem Ort, damit alle Menschen in dieser Welt, mittendrin, einen sicheren Ort zum Bleiben und Raum zum Leben und Lieben haben. Amen.